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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen. Mein Job hier ist eine echte Herausforderung Ulrich Lyding berichtet von Zwischenseminaren und seinem Projektwechsel zum Samaritan House Atlanta. Von dort aus beschreibt er sein neues Arbeits- und Lebensumfeld und erkundet die amerikanische Kultur, Politik und Freizeitgestaltung (Juni 2008)
Ulrich Lyding Samaritan House of Atlanta Edge und Cafe 458 Atlanta, GA
Dienstbeginn: 01. September 2007
Rundbrief Nr. 3 Atlanta, 28. Mai 2008
Liebe Freunde und Verwandte,
mein dritter Rundbrief kommt aus Atlanta in Georgia (GA). Doch bevor ich auf meinen Wechsel nach Atlanta eingehe, möchte ich erst noch über die Zeit davor berichten.
Das deutsche Zwischenseminar und die amerikanische Retreat
Vom 8. bis 15. März waren die EIRENE-Freiwilligen zu einem Zwischenseminar auf Jekyll Island in der Nähe von Brunswick, GA. Die Fahrt dorthin haben Simon und ich von Washington, DC aus mit dem Greyhound-Bus angetreten auf Wunsch von EIRENE. Ralf Ziegler, der Verantwortliche für das Nordprogramm meinte, das müsse man mal erlebt haben. Nachts um 2.30 Uhr sind wir in einem vollbesetzten Bus von Washington aus gestartet. Nach ca. 800 m gerieten hinten im Bus zwei Mitreisende in Streit, die Busfahrerin hielt an und rief per Funk die Polizei, die nach 3 min da war und beide Streithähne aus dem Bus holte. Etwa eine Viertelstunde wurde verhandelt, dann wurde nur einer wieder hereingelassen und weiter ging die Fahrt. Nach Zwischenstationen in Richmond, Fayetteville und Savannah mit Bus- und Fahrerwechsel erreichten wir nach 15,5 Stunden Brunswick. Dort wurden wir von Alexis abgeholt und zu unserem Haus auf Jekyll Island gebracht. Insgesamt waren wir "Washingtoner" von Haus zu Haus achtzehn Stunden unterwegs. Ein besonderes Erlebnis war es schon!
Unser schönes Ferienhaus war nur 100 m vom Strand entfernt und im Süden Georgias war es schon sommerlich warm. Wir hatten viel Zeit für Spiele , Sport, Wandern und Baden am Strand, Radfahren etc. Daneben stellten jeden Tag einige von uns ihr Projekt vor. Diese Berichte gaben allen einen guten Einblick in die vielfältigen Aufgaben, die von EIRENE/BVS-Freiwilligen in den USA geleistet werden, so z.B. Arbeit mit Obdachlosen, mit jugendlichen Müttern, mit Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, im Dritte Welt Laden, mit Immigranten, mit Behinderten oder beim Häuserbau für Bedürftige mit "Habitat for Humanity".
Direkt an das deutsche Zwischenseminar schloss sich die amerikanische Retreat von BVS an, die in Dixon Valley bei Chicago vom 16. 03. bis 20. 03. 08 stattfand . Dort lagen noch Schneereste und es war ungemütlich kalt und regnerisch. Hier waren alle BVS-Freiwilligen des Jahres 2007/2008 zusammen. Es gab Vorträge, Filme und auch viel persönlichen Austausch und wir haben am letzten Tag die Verwaltungszentrale der Brethren in Elgin kennengelernt, wo die verschiedenen Arbeitszweige der Brethren ihren Sitz haben.
Mein Wechsel nach Atlanta
In meinem letzten Rundbrief hatte ich schon erwähnt, dass ich mich in Washington von meinem Direktor und dem Facility Manger oft nicht gut behandelt gefühlt habe. Dies hatte sich auch in der folgenden Zeit nicht geändert. Aufgrund meines Erfahrungsberichtes im deutschen Zwischenseminar hat mir Alexis, unser Seminarleiter dringend geraten, das Projekt zu wechseln, damit ich im 2. Halbjahr meines Dienstes noch bessere Erfahrungen machen kann.
Im amerikanischen Seminar hat mir Dan McFadden, der Direktor von BVS, ebenfalls zu einem Wechsel geraten. Daraufhin habe ich mich entschieden die Soup Kitchen in Washington, DC zu verlassen. Diese Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, da mir die Housemates schon ein Stück ans Herz gewachsen waren und ich auch gerne für die Homeless People in der Soup Kitchen gearbeitet habe.
Es ging dann alles sehr schnell. Noch in Dixon Valley bekam ich, durch Dan vermittelt, eine Zusage vom "Samaritan House of Atlanta". Ich habe dann gleich meine Washingtoner Hausgenossen über meinen Entschluss informiert, die mir ihr volles Verständnis entgegen brachten, da sie ja auch schon um die Schwierigkeiten in der Soup Kitchen wussten. Zurück in Washington habe ich noch eine letzte Woche in der Soup Kitchen gearbeitet.
In dieser letzten Woche kam auch mein englischer Freund Roy mit seiner Frau Margaret zu seinem seit langem geplanten Besuch. Ich war froh, dass ich ihn noch in Washington empfangen konnte, da ich in der folgenden Woche nach Deutschland geflogen bin zur Hochzeit unserer Tochter Edna und ihres Mannes Simon, die in Heidelberg stattfand. Mit Roy und seiner Frau konnte ich noch einige interessante Orte besuchen, die ich mir eigentlich für den Sommer aufgehoben hatte. So war es ein sehr schöner Abschluss meiner Zeit in Washington. Der Abschied von meinen Housemates im Brethren House hingegen stimmte mich etwas wehmütig, da ich mich mit allen gut verstanden habe. Von Deutschland bin ich dann direkt nach Atlanta geflogen, meinem neuen Wirkungsort.
Das "Samaritan House of Atlanta" (siehe auch www.samhouse.org)
In meinem neuen Projekt, dem "Samaritan House of Atlanta" arbeite ich meinem Wunsch gemäß wieder mit Homeless People zusammen und zwar an zwei Stellen, der "Edge" und dem "Cafe 458".
Von 6.15 bis 9.30 Uhr helfe ich im "Edge" in der Frühstücksküche, wo wir für ca. 45 Gäste ein warmes Frühstück bereiten und ausgeben. Danach gehe ich zu Fuß in das 1 km entfernte "Cafe 458", wo für etwa die gleiche Anzahl von Gästen ein sehr gutes Mittagessen gekocht wird. Das besondere ist hier, das die Homeless People von uns wie in einem Restaurant bedient werden und aus zwei Hauptgerichten, vier Beilagen und bis zu drei Desserts ihr Menü auswählen können. Allerdings können hier nur Gäste essen, die an einem Programm des "Samaritan House of Atlanta" teilnehmen, das sie befähigen soll, wieder eine bezahlte Arbeit zu finden und damit ihr Leben selbständig zu führen.
Das "Samaritan House of Atlanta" bietet den Programmteilnehmern alles, was sie dazu unbedingt brauchen: eine Postadresse, eine Email-Adresse, Internetzugang, Telefonmöglichkeit, Möglichkeit zu Duschen und die eigene Wäsche zu waschen, gute Kleidung aus dem Kleiderlager, Bewerbungsadressen, Bewerbungstraining, persönliche Beratung, freie Bus- und Metro-Fahrscheine u.a.m.. sowie zwei gute Mahlzeiten pro Tag.
Hinter dem Ganzen steht ein über viele Jahre entwickeltes, gutes Konzept. Die Programme laufen über 90 Tage und führen bei 50% der Teilnehmer zum Erfolg.--- In der Soup Kitchen in Washington bekamen die Gäste ihre tägliche warme Mahlzeit, aber sonst hat sich an ihrem Leben nichts geändert. --- Hier hingegen müssen sie sehr aktiv mitarbeiten, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.
An beiden Stellen fühle ich mich sehr wohl. Alle Mitarbeiter und die täglich wechselnden Volunteers sind sehr freundlich und hilfsbereit. Ich habe selbst Zeit, mit den Gästen zu sprechen und manchmal mit ihnen zusammen zu essen. In der "Edge" arbeite ich morgens sogar mit Homeless-Volunteers zusammen. Leider sprechen die Afro-Amerikaner in Atlanta wieder einen anderen Slang, so dass ich nicht immer gleich verstehe, was sie mir sagen wollen.
Das Volunteer-Wesen und die Koordinierungsaufgabe
Unter den Volunteers, kann man mehrere Gruppen unterscheiden: Einzelne Volunteers, die einmalig kommen, welche, die schon jahrelang ein- bis zweimal pro Woche kommen, welche, die täglich da sind und Volunteers, die als Gruppe kommen von einer Kirche, einer Schule, einem Unternehmen, einer Bank oder der Kommune. Entsprechend kann man die Freiwilligen auch noch danach unterscheiden, ob sie aus eigenem Entschluss gekommen sind oder von ihrer Institution geschickt worden sind, was einen Einfluss auf die Arbeitsfreudigkeit hat.
Diese alle soll ich nun anleiten und koordinieren. Eine schier unmögliche Aufgabe. So habe ich mir angewöhnt, jeden erst zu fragen, ob er erstmals hier ist oder schon öfter geholfen hat, damit ich keinen von den Freiwilligen brüskiere.
Auch kommt es immer wieder vor, dass meine Arbeitszuweisungen drei Minuten später von einem der "alten Hasen" aufgehoben oder ins Gegenteil verkehrt werden oder den neuen Freiwilligen alles zum zweiten Mal erklärt wird, mit einigen Abweichungen, versteht sich.
Die Kompetenzen sind in diesem System nicht klar geregelt und sind auch schwierig zu fixieren, da die tatsächlichen oder vermeintlichen Fähigkeiten der einzelnen "gutwilligen" Freiwilligen sehr verschieden sind und in einem Küchen- und Restaurantbetrieb vieles ineinander greift, wie z.B. Vorbereiten, Kochen, Essen ausgeben, Bedienen, Abwaschen, Reinigen, Aufräumen usw. Ihr seht, mein Job hier ist eine echte Herausforderung.
Community of Hospitality
Ich wohne im Haus der "Community of Hospitality" mit drei anderen Freiwilligen zusammen, zwei Deutschen und einem Amerikaner. Jeder von uns hat ein eigenes Zimmer und es gibt drei Bäder. Das Haus steht im Stadtteil Decatur und ist wie alle Häuser hier von einem großen Garten mit viel Grün und alten Bäumen umgeben.
Die "Community of Hospitality" kommt jeden Sonntagabend im Haus zu einer Worship zusammen. Es sind etwa 20 Personen. Man sitzt im Kreis. Es werden einige Lieder gesungen und eine Person, die sich vorbereitet hat, erzählt etwas aus ihrem Leben, was sie aktuell bewegt oder über etwas, was in ihrem Leben sehr prägend war. Dann folgt ein Austausch über das Gesagte (reflection time). Dann gibt es eine Art Abendmahl und die Stunde wird mit gegenseitigen Hugs (amerik. Umarmung) und "Peace"-Wunsch beendet.
Die Community versorgt uns großzügig. Einmal pro Woche dürfen wir essen gehen auf ihre Kosten und für den täglichen Bedarf haben wir ihre Kreditkarte zur Verfügung, die wir mit 5 pro Person und Woche belasten dürfen. Außerdem haben wir zwei alte Autos zur Verfügung und ich bekomme eine Monatskarte, gültig für U-Bahn und Busnetz. Unser monatliches Taschengeld von $80 erhalten wir auch stets pünktlich.
Freizeit
In meiner freien Zeit habe ich schon das Capitol, Amtssitz des Governors, des Reprä-sentantenhauses und des Senats von Georgia, die Martin Luther King Gedenkstätte mit einer Dokumentation über sein Wirken, die Ebenezer Baptist Church, in der King's Großvater, sein Vater und er selbst Pastor waren, das Jimmy Carter Center und das Margaret Mitchell Haus besucht. Sehr beeindruckt hat mich die King-Dokumentation, in der es Videos von seinen Ansprachen gibt. Was er in seinen Reden zu Armut, Unterprivilegierung, Arbeitslosigkeit, Unterbezahlung, Bildung, Krieg und Gewaltlosigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit gesagt hat und wofür er gekämpft hat, ist heute vierzig Jahre nach seiner Ermordung immer noch genauso aktuell. Angesichts tausender Obdachloser in jeder amerikanischen Großstadt hat sich das Problem eher noch verschärft.
Politik
Der Vorwahlkampf bei den Demokraten bleibt bis zum letzten Tag (3.6.) spannend. Aber es sieht so aus, dass Obama die Nominierung erreicht. Er hat jetzt schon 200 Delegiertenstimmen mehr als Clinton. Doch nach seiner Nominierung beginnt erst der eigentliche Kampf ums Weiße Haus gegen den republikanischen Kandidaten McCain. Der Vorwahlkampf hat schon Millionen von Dollar verschlungen, die die beiden demokratischen Kandidaten gegen einander aufgewendet haben. Das ganze ist ein "big game" um die Macht und wird auch in der Presse manchmal so bezeichnet: "The game goes on!"
EIRENE
Meinen Dienst mache ich als Freiwilliger der Organisation EIRENE - Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. - mit Sitz in Neuwied. Im Internet könnt ihr euch unter www.eirene.org über die internationalen Aktivitäten von EIRENE weiter informieren und auch Berichte von anderen Freiwilligen lesen.
Dank
Nochmals möchte ich euch allen herzlich für eure ideelle und finanzielle Unterstützung danken, wodurch mein Dienst hier ermöglicht wird.
Liebe Grüße von Ulrich aus Atlanta
Meine neue Anschrift: Ulrich Lyding Community of Hospitality 305 Mead Rd Atlanta-Decatur 30030 USA Tel.: 404-378-7840 |