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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen. Es macht mir immer wieder Eindruck, wie grossartig hier in den USA das soziale Leben durch Freiwillige getragen wird Jutta Dahl berichtet vom Gärtnern, Ernährung und sozialen Kontrasten in den USA, sowie von einer ausgeprägten Freiwilligenkultur, welcher sie im Brethren Nutrition Program begegnet (Mai 2008)
Bericht aus der Suppenkueche und Umgebung, 3.Teil
Hallo Ihr Lieben, liebe Familie, Freunde, liebe Eirenies,
Heute fange ich mal mit lauter guten Nachrichten an. Seit nunmehr fast drei Monaten arbeite ich in meiner Suppenkueche und lege dort zwischen store room, Kueche und Esssaal taeglich vermutlich mehrere Meilen zurueck. Und, was soll ich Euch sagen: Es geht mir koerperlich so gut wie schon lange nicht mehr. Als ich hier anfing, wusste ich einen Monat lang nicht, auf welche Seite ich mich nachts drehen sollte, weil mir alles weh tat, aber das war alles ploetzlich verschwunden, ich fuehle mich wieder richtig fit, und wenn ich alte Freunde treffe, sagen sie “You have lost weight, havent you?” Thats something, isnt it?
Die naechste gute Nachricht: Ich habe einen kleinen Garten, in dem seit einer Woche die Rosen bluehen. Die meisten Haeuser hier haben eine ansehnliche Vorderfront und einen kleinen Vorgarten, aber die Hinterhoefe sind trostlos und erinnern durchaus an Dritte Welt-Hinterhoefe. Weil jeder innerstaedtische Quadratmeter hier so kostbar ist, sind die meisten Hinterhoefe mit irgendwas bebaut, Bueros oder Garagen oder, wie bei uns, mit einer Schreinerwerkstatt. Aber daneben habe ich noch einen kleinen Streifen Land entdeckt, total ueberwachsen, seit Jahren nicht bearbeitet, mit einer kleinen vergammelten Sitzecke und einem Rosenstock und Platz fuer ein paar Zucchini, Tomaten, Paprika, Sonnenblumen und naturlich einen Rittersporn. Und meine hochgebildeten housemates, mit Collegeabschluessen, master of divinity und Aehnlichem, koennen es nicht fassen, dass man Samen fuer ein paar Dollar in die Erde steckt und dann etwas Richtiges daraus wachsen kann, sogar organic food!
Die dritte gute Nachricht: Heute gab es mal frischen Tomatensalat fuer meine Gaeste. Seit dem Gurkensalat (letzter Bericht) hatte ich nichts Frisches mehr bekommen, und dann heute gleich vier Kisten Minitomaten, winzig klein, aber immerhin. Zwei Stunden lang habe ich an die 200 kleine Tomaetchen durchgeschnitten, damit sie auch die dressing aufnehmen – aber die Muehe hat sich gelohnt, es ist alles aufgegessen worden.
Letzte gute Nachricht: Uebers Wochenende war ich in State College, Pennsylvania. Was mir, aus Washington kommend, diesmal besonders auffiel, war, wie viele Villen es dort inzwischen gibt, riesige Anwesen mit unglaublich grossen Grundstuecken, jeder ein kleiner Koenig auf seinem Huegel, an seinem See oder in seinem Wald – hier ist das wohlhabende Amerika versammelt. Mir fiels besonders auf, weil ich mich zur Zeit natuerlich eher mit low income Familien beschaeftige: Der Gegensatz koennte nicht grosser sein. Inzwische habe ich gelernt: Hier in DC sind ca 50% aller Kinder (in Zahlen: ca 200.000) at the risk of hunger, die Lebenserwartung, vor allem von Frauen in DC, sinkt, wobei die Menschen nicht nur an Unterernaehrung leiden, sondern vor allem an Fehlernaehrung, auch in meiner Suppenkueche leiden viele an obesity, sind unglaublich dick und aufgeschwemmt. Was ich nicht wusste: Die grossen Supermarktketten meiden die armen schwarzen Viertel, es gibt dort auch praktisch keine Wochenmaerkte, nur kleine und kleinste Tante-Emma-Laeden, meistens von Asiaten betrieben, in denen natuerlich alles furchtbar teuer ist (fuer eine Orange zahlte ich im Maerz 2,35$), so dass die Leute, selbst wenn sie sich gesund ernaehren wollten, kaum die Moeglichkeit dazu haben. Es gibt hier in DC eine zentrale food bank, die inzwischen mit grossem Engagement versucht gegenzusteuern. Sie hat Vertraege ausgehandelt mit organic farms in der Umgebung, so dass ein Teil von deren Produkten auf dem Teller von low income families landet. Auch beschaeftigt diese food bank mehrere Leute, die mit Kindern aus der Umgebung kleine Gaerten und Felder rund um die food bank bestellen, damit die Kinder zum ersten Mal lernen, dass Bohnen und Tomaten auf Feldern wachsen und man sie pflanzen, pflegen und ernten kann, ein Projekt, das bei den Kindern, vor allem in den Ferien, total beliebt ist.
Falls Euch dieses Thema interessiert, hier noch einige wichtige Fakten: Nur etwa 12,5% der Hungrigen in DC sind homeless. 50% aller Haushalte, die auf Speisungen angewiesen sind, sei es durch eine Suppenkueche, sei es durch die food bank, haben mindestens einen voll arbeitenden Erwachsenen, 25% haben sogar ihr eigenes Haeuschen. Das Problem ist, dass sie arbeiten, aber einfach nicht genug verdienen, in DC betraegt der Mindestlohn ca 6,50$, im angrenzenden Virginia liegt er bei 5,85$.(Die Kaufkraft von einem $ entspricht nicht mehr, soviel ich sehe, der Kaufkraft von einem Euro). Auch viele Leute, die bei uns in der Suppenkueche essen, sind in Eile, weil sie gleich wieder zur Arbeit muessen. Das Geld, das sie verdienen, wird verschlungen von housing, child care, transportation und healthcare. Trotzdem muss man auch wieder sagen: Verglichen mit z.B. den Philippinen ist es immer noch “Hunger auf hohem Niveau”. Es passiert durchaus bei uns in der Suppenkueche, dass jemand kommt und fragt” What are you serving today?” , und wenn die Antwort dann nicht befriedigend ist, verschwindet er auch wieder. Und natuerlich ist fuer mich als “Kriegskind” auch gewoehnungsbeduerftig, wie viel weggeworfen wird – so viel wie in jedem durchschnittlichen Restaurant.
Ich moechte noch etwas ueber volunteers – Freiwillige erzaehlen. Es macht mir immer wieder Eindruck, wie grossartig hier in USA das soziale Leben durch Freiwillige getragen wird. Davon koennen wir ganz viel lernen. Die zentrale food bank z.B., von der ich vorher erzaehlte, hat im Jahr 11.000 Freiwillige, die in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen mithelfen. In unsere Suppenkueche kommen z.B. Kirchengemeinden oder auch Schulen aus dem ganzen Land, mit 12 oder auch 20 Stunden Anreise. Sie machen mit ihrer Gemeindejugend bzw ihren Schuelern einen einwoechigen Ausflug nach DC, und morgens steht grundsaetzlich erst mal Sozialarbeit auf dem Programm: Central kitchen, kid's café, soup kitchen etc. Nachmittags gibt es dann Museen oder Stadtbummel .Viele von den kids, die zu uns zum Helfen kommen, hatten noch nie Kontakt mit low income people, deshalb ermuntere ich sie immer, nicht nur beim Servieren zu helfen, sondern sich ruhig auch mal dazuzusetzen, unser Essen zu essen und ein Gespraech zu versuchen. Hinterher sind sie dann meistens ganz begeistert und um ganz wichtige Erfahrungen reicher. Dann haben wir zum Beispiel die “Capitol Hill ambassadors”, das sind jungen Leute, durchweg African Americans, ohne Job, die von irgendeiner company gesponsert werden: Weil die Herren im Nadelstreifenanzug nicht selber servieren wollen, stiften sie wenigstens ein paar Dutzend Gehaelter fuer diese ambassadors, stecken sie in eine schicke blau-goldene Uniform und schicken sie in die Stadt, um Gutes zu tun: Hospitality und security. Die helfen also in Kuechen wie unserer mit, oder helfen Touristen, sich in der Stadt zu orientieren, oder wachen ueber die aeussere Ordnung in der Bibliothek oder ueber die Sicherheit von Schuelern. Dann beteiligen sich unzaehlige Kirchengemeinden bei uns: Manche schicken uns geschnippelte Kartoffeln, andere bereiten regelmaessig tiefgefrorene casserolls zu, die wir bloss aufwaermen muessen, gestern war ein Paerchen da und half beim Servieren, er 86, sie 80, morgen kommt eine Kirchengemeinde und macht uns 250 Sandwiches zum Einfrieren fuer den Sommer, andere vereinbaren mit ihrem Gemuesehaendler, dass er uns am Wochenende vorbeibringt, was er nicht verkaufen konnte, und stellen ihm dafuer eine Spendenbescheinigung aus. Andere sammeln Container fuer uns, also. verschliessbare Dosen, in denen Eis oder Joghurt war, die immer sehr begehrt sind bei unseren Gaesten, weil man darin Essen uebers Wochenende nach Hause mitnehmen kann.
Ich finde es interessant, dass auch bei unseren Gaesten die volunteers hoch im Kurs stehen. Wir haben ein kleines Anfangsritual, das durchaus wichtig ist. Bevor wir um 12.oo Uhr anfangen zu essen, gehe ich mit den Freiwilligen zusammen in den Essraum, ich begruesse die Leute, die zum Essen gekommen sind, und stelle ihnen den Speiseplan vor (“today we have venison, pasta, tomato salad, sweet corn, cookies, bread, soup and grapefruit juice”), dann stelle ich immer alle Helfer vor, und oft freuen sich die Gaeste, wenn wir Besuch von weither haben. Dann frage ich, ob jemand von den Gaesten das Tischgebet sprechen will (fast immer meldet sich jemand). Diese Tischgebete sind etwas ganz Besonderes. Manchmal meldet sich ein Schlitzohr, das moeglichst schnell essen will und deshalb nach anderthalb Saetzen fertig ist, aber manchmal sind diese Gebete auch wirklich so bewegend, dass ich sie hier kurz schildern moechte. Der Mann, der heute aufstand und nach vorne trat, sagte, dass das Wetter so schoen sei, dafuer wolle er danken, und natuerlich fuer das gute Essen und fuer die netten volunteers, Gott moege sie segnen (“in Christs name we pray, Amen”), es gibt aber auch Gaeste, die um Hoffnung bitten, die darum bitten durchzuhalten und nicht aufzugeben, und einer bat sogar kuerzlich um eine einsichtigere Regierung. Mich ruehren diese Gebete, weil sie mir zeigen, dass wunderbare, sensible Menschen unter diesen Gaesten sind, weit entfernt von dem, was wir Penner nennen. Wenn ich jetzt am Anfang meiner Karriere stuende, koennte ich mir durchaus vorstellen, dass das eine Lebensaufgabe sein koennte, einzelnen unter diesen Menschen wieder auf die Beine zu helfen. Ihr seht: Im blessed with this job.
So viel fuer heute, einer meiner housemates hat Geburtstag, ich muss noch mit Eis essen gehen. Lebt wohl und machts gut. Wenns geht, bestaetigt mir diese mail, denn noch immer kommen nicht alle an.
Eure Jutta |