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Das Arbeiten in der Soup Kitchen, d.h. Kochen für die Homeless People und sie bedienen, das mache ich nach wie vor gerne, auch wenn es oft anstrengend ist.
Ulrich Lyding erzählt von seinem Leben und der Arbeit in einer Soup Kitchen für obdachlose Menschen in Washington D.C./USA (Februar 2008)
Liebe Freunde und Verwandte,
hier ist mein zweiter Rundbrief. Er soll euch einen Einblick geben in die verschiedenen Bereiche und Erfahrungen meines Lebens in Washington, DC in den letzten drei Monaten.
Das Brethren House und die Housemates
Der bedeutendste Wechsel im Haus war für mich, dass ich nach fast drei Monaten des Roomsharing mit Nathan Anfang Januar ein eigenes Zimmer beziehen konnte, nachdem ein Mitbewohner nach Kalifornien gezogen ist. Darüber bin ich sehr glücklich, weil ich nun mehr Ruhe und die Möglichkeit des Rückzugs habe. Mein Zimmer ist erst im letzten August renoviert worden, also schön neu und hat einen neuen Heizkörper bekommen, den man im Gegensatz zu all den uralten Heizkörpern, die sonst im Haus sind, auch abstellen kann.
Ein paar Gedanken noch zum Roomsharing. Es ist eine echte Herausforderung und ein weites Lernfeld für Toleranz: gegenüber anderen Schlafgewohnheiten, gegenüber ungewohnter Musik und deren Lautstärke, gegenüber einer anderen Ordnungs- und Sauberkeitsauffassung, gegenüber langen Telefonaten, (umso schlimmer, wenn man selbst ein Telefonmuffel ist!) usw.. Gut ist aber, dass man einen Gesprächspartner hat, wenn man will - und er auch will!
Weihnachten und Silvester
Über Weihnachten und Silvester waren alle amerikanischen Housemates zu ihren Familien nach Hause gefahren. So waren nur noch Simon aus Siegen, sein zu Besuch gekommener Bruder Philip, Maria aus Equador und ich da.
Aber am Heiligen Abend kam überraschend weiterer Besuch: ein Grieche und eine Spanierin aus einem anderen Projekt und zwei Freunde von Maria, ein Jordanier und ein Equadorianer. So waren wir unerwarteter Weise zu acht aus fünf Nationen. Wir kauften zusammen ein, kochten zusammen und aßen das Weihnachtsessen zusammen und hatten viel Spaß miteinander.
Am Heiligen Abend nach der Arbeit habe ich per iChat auch bei meiner Familie in Wiesbaden hereinschauen können und sie alle beim Weihnachtsessen rund um den Tisch versammelt gesehen und gesprochen, was sehr schön war. Ein bisschen hat mich da doch das Heimweh gepackt.
Silvester war hier auch völlig ungewohnt für mich verlaufen. Diesmal sind wir mit der obigen Gruppe zusammen Essen gegangen und haben danach aus Kostengründen zu Hause weiter gefeiert. Aber gegen 23 Uhr hat dann die "Jugend" das Haus verlassen, um noch einen Club aufzusuchen. So blieben nur Thomas, der mit 20 Jahren noch keinen Zutritt zu Clubs erhält, und ich zu Hause.
Er saß vor seinem Laptop und guckte Comics und ich saß vor meinem, um Emails zu checken. Um Mitternacht erhob ich mein Rotweinglas und er seine Cola und wir sagten uns quer über den breiten Küchentisch: "Happy New Year!" Das war´s!
Ich ging dann auf die Straße: kein Knaller, keine Rakete, kein Mensch weit und breit zu sehen. Das war schon sehr anders als in Deutschland! Ich vermisste die persönlichen guten Wünsche der Familie und der Nachbarn und die Umarmungen mit den Lieben und den Freunden.
Soup Kitchen
In der Soup Kitchen gab es auch einen Einschnitt. Jillian, die mit mir in der Soup Kitchen gearbeitet hat, ist Ende Januar in ein BVS-Projekt nach El Salvador gewechselt, so dass ich in den letzten drei Wochen allein der "Küchenchef" war, was ein erhebliches Mehr an Arbeit und Verantwortung bedeutete. Allerdings hatte ich oft stundenweise freiwillige Helfer und auch Quin, mein Boss, hat die ein oder andere Aufgabe gelegentlich übernommen.
Aber seit heute sind wir wieder zu zweit. Jutta, eine Deutsche meines Alters, ist als Freiwillige für das nächste halbe Jahr in die Soup Kitchen gekommen. Nun können wir uns die Arbeit wieder aufteilen und uns beraten was und wie wir kochen. Das macht alles viel leichter.
Das Arbeiten in der Soup Kitchen, d.h. Kochen für die Homeless People und sie bedienen, das mache ich nach wie vor gerne, auch wenn es oft anstrengend ist. Mit dem ein oder anderen Gast bin ich auch schon ins Gespräch gekommen. Neulich hat mir ein Mann ein DIN A4 Foto von einem großen amerikanischen Truck gezeigt und mir stolz erzählt, dass er 30 Jahre Fernfahrer war und dieses Fahrzeug gefahren hat. Warum er jetzt mit ca. Mitte 50 obdachlos ist, konnte ich noch nicht erfahren. Aber Quin, der die Gäste schon lange und besser kennt, hat mir erzählt, dass eine Reihe unserer Mittagsgäste arbeiten, aber so wenig verdienen, dass sie sich keine Wohnung in Washington leisten können und deshalb obdachlos sind.
Kurz vor Weihnachten bekam die Soup Kitchen mehrere Lkw-Ladungen gebrauchte und neue Kleider gespendet, die wir am 19.12. an die Homeless People verteilt haben. Weit mehr als unsere üblichen Mittagsgäste kamen und bildeten eine lange Schlange vor dem Haus, die dann nach Öffnung herein drängte. Es war für mich ein sehr eindrucksvolles Erlebnis, diesen Menschen gute Kleidung: Pullover, Sweatshirts, Socken, Unterwäsche, Regenjacken, Wollmützen und Handschuhe aushändigen zu können.
Zum Thema Kälte ein Erlebnis: Anfang Dezember klopfte morgens jemand an das Fenster der Soup Kitchen und rief etwas, was ich nicht gleich verstand. Er bat darum, dass wir die Ventilatoren anmachen, weil er so fror. Ich stellte beide Ventilatoren an und er stellte sich ganz lange dicht draußen davor. Das hat mich sehr berührt. Ich dachte: ich habe ein geheiztes Zimmer, ein Dach über dem Kopf und jeden Tag genug zu essen -- und da bittet ein Mensch um etwas warme Luft aus der Küche, weil er so friert.
Ein anderer Mann kam eines Tages hinkend auf einen Krückstock gestützt und hatte sichtlich Schmerzen. Auf meine Frage, ob er sich den Fuß verstaucht habe, erzählte er mir, dass ihm im Januar 2007 die Zehen des rechten Fußes erfroren seien und amputiert werden mussten. Seitdem hat er immer neue Entzündungen und Schmerzen an diesem Fuß. Ich schätze sein Alter auf Ende Dreißig. Schockierend!
Ich will nicht verschweigen, dass ich leider auch schon einigen Ärger, sowohl mit meinem Boss, als auch mit dem sog. Facility Manager des Hauses hatte. In den 35 Jahren meines Berufslebens wurde ich von meinen Vorgesetzten nie so unfair und unfreundlich behandelt, wie es mir hier in der Soup Kitchen schon mehrmals passiert ist. Das habe ich auch meinem Boss gesagt. Seitdem bemühen sich beide etwas um eine Verbesserung des "Betriebsklimas".
Sehr gute und erfreuliche Erfahrungen mache ich immer wieder mit freiwilligen Helfern. So kam am 28.12. eine Gruppe der Church of the Brethren aus Hershey in Pennsylvania. Sie haben insgesamt sieben Stunden Autofahrt auf sich genommen, um drei Stunden in der Soup Kitchen zu helfen. Und es war eine Freude mit ihnen zusammen zu arbeiten. Am Ende wurde ich von ihnen eingeladen. Ich solle doch an einem Wochenende kommen, dann könne ich eine Nacht bei der einen Familie und die zweite Nacht bei der anderen Familie zu Gast sein.
Freizeitgestaltung
In meiner Freizeit habe ich einige Museen und Galerien, Konzerte und Filme besucht, die in Washington allesamt kostenlos angeboten werden, was für einen Volunteer, der mit dem schmalen Budget auskommen will, ganz wichtig ist.
So war ich mehrfach in der National Gallery of Art, im American Indian Museum, im Luft- und Raumfahrtmuseum, im Museum für afrikanische Kunst und zufälligerweise am 27.1. im Holocaust-Museum. Am 27.1.1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Dieser Tag wurde später zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Naziterrors erhoben.
Ein besonderes Erlebnis war ein Besuch in "The White House". Mit vierwöchiger Voranmeldung und der Übermittlung aller wichtigen Personaldaten konnten wir als Gruppe von unserem Volunteerhaus das Weiße Haus besuchen. Im Hauptgebäude konnten wir die meisten Räume besichtigen, z.B. die repräsentativen Empfangsräume, den großen "State Dining Room", in dem bis zu 130 Staatsgäste mit dem Präsidenten speisen können, die Library des Präsidenten usw.. Es war für mich ein komisches Gefühl durch all diese Räume zu gehen und zu wissen, hier läuft auch Bush oft herum und hält Ansprachen. Zum Westflügel, dem Arbeitsbereich des Präsidenten, wo sich auch das berühmte "Oval Office" befindet, hatten wir natürlich keinen Zutritt.
Ferner habe ich an einer Führung im Capitol teilgenommen. Hier ist der Sitz des Repräsentantenhauses (Parlament) mit 435 Abgeordneten und der Sitz des Senats (2. Kammer) mit 100 Senatoren. Alle Gesetze müssen von beiden "Häusern" beraten und beschlossen werden, bevor sie vom Präsidenten unterschrieben oder abgelehnt werden (Vetorecht).
Politik
Zur Zeit werden die Primaries abgehalten. Das sind die innerparteilichen Vorwahlen, wo es darum geht, welche
Kandidaten von den beiden großen Parteien, Demokraten und Republikanern, für den Präsidentschaftswahlkampf nominiert werden. Bei den Republikanern wird John McCain der Präsidentschaftskandidat sein.
Aber bei den Demokraten ist das Rennen noch offen. Beide Kandidaten, Obama und Hillary Clinton, haben noch die Chance, von ihrer Partei nominiert zu werden. Die "Washington Post", unsere Hauszeitung, ist eindeutig für "Obama for President" und die Demokraten von Washington, DC haben auch mit 75% für ihn gestimmt . Ich denke auch, dass er, als erster schwarzer Präsident, am ehesten eine neue Politik machen könnte, da er noch nicht wie McCain (71) und H. Clinton (60) seit Jahrzehnten zum politischen Establishment gehört. Jedenfalls ist es für mich sehr spannend, hier so hautnah diesen Entscheidungsprozess mitzuerleben.
Allgemeine Beobachtungen
Die meisten Amerikaner können Sport offenbar nur in kurzen Hosen betreiben - auch bei Frost im Januar
Fußgänger und Radfahrer werden von Autofahrern äußerst zuvorkommend behandelt. Sobald sie einen Fußgänger sehen, halten die meisten Autofahrer schon 10 bis 15 m vor dem Zebrastreifen an!
Es gibt keinen Hundekot auf den Straßen oder in Parkanlagen, da jeder Hundebesitzer das "Gemachte" sofort mit einer Plastiktüte aufhebt und entsorgt.
In den gesamten U-Bahn Anlagen ist Essen und Trinken verboten. Wer erwischt wird zahlt 100 $. Folge: alle U-Bahnen und U-Bahn Stationen sind sauber und man braucht weniger Reinigungspersonal.
Viele Amerikaner stellen in ihren Vorgarten Schilder für ihren Präsidentschafts-Wunschkandidaten auf, z.B. "Hillary for President"
In unserem Stadtteil sind in vielen Straßen folgende Schilder angebracht: Warning! Neihgborhood Watch Area! This Neighborhood Reports All Suspicious Activity To The Metropolitan Police
Außer der Furcht vor Kriminellen haben die Amerikaner Angst vor Fett, vor Bakterien und vor Terroristen, selbst auf jedem Mineralwasser wird angegeben: 0% Fett!
Dank
Allen lieben Freunden und Verwandten, die meinen Freiwilligendienst in den USA durch ihre finanzielle Unterstützung ermöglichen, sage ich nochmals ganz herzlichen Dank!!!
Über Reaktionen auf meinen 2. Rundbrief freue ich mich!
Liebe Grüße
von
Ulrich aus Washington, DC
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