Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.

Ich bin wirklich froh hier zu sein. Sich auf das Wesentliche konzentrieren. Hoffnungslosen ein wenig Hoffnung geben und ihnen Respekt zollen.

Christoph Gutzmann berichtet von den ersten Monaten im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" - von seinem Projekt, dem Samaritan House of Atlanta, seiner Haus-WG, Familienfesten auf amerikanisch und den ersten Reiseerfahrungen in den USA... (Februar 2008)

 

Liebe Familie & Freunde,

hier kommt mein etwas verspäteter Rundbrief bzw. Erfahrungsbericht über meinen Zivildienst im Ausland. Ich werde euch in den folgenden Seiten einen Einblick über meine Arbeit, Freizeit und mein Leben hier in Atlanta, Georgia geben. Ich möchte mich auch hier gleich für euren Support und Unterstützung bedanken, denn ohne euch wäre dies alles nicht möglich gewesen.



Vorbereitung:

Zivildienst im Ausland? Was ist das? Diese Frage habe ich derweilen schon sehr oft gestellt bekommen und deshalb möchte ich in meinem ersten Abschnitt dieses Berichtes über meinen Bewerbungsprozess schreiben.

Die Idee, den Zivildienst im Ausland zu machen, habe ich durch eine Freundin bekommen, die ihr freiwilliges Soziales Jahr in Chile gemacht hat. Als wir über ihre Erfahrungen geredet haben, kam in mir die Frage auf, ob es so etwas ähnliches auch nicht für Kriegsdienstverweigerer gibt.

Ich war überwältigt, als ich “Zivildienst im Ausland” gegoogelt habe und diese ganzen Seiten gesehen habe. Letztendlich habe ich die richtige für mich rausgefunden. Das Bundesamt für Zivildienst hat eine Pdf-Datei von allen Anerkannten Trägern des AIDA´s. Meine Freundin hat mir geholfen alle für mich Interessanten Organisationen rauszusuchen und einen Brief aufzusetzen, damit war Schritt Nr. 1 getan. In der nächsten Woche bekam ich viele Antworten, unter anderem auch die von Eirene. Auf der Homepage habe ich all die Informationen bekommen, die ich benötigt habe ( HYPERLINK "http://www.eirene.org" www.eirene.org) und daraufhin habe ich mich für ein Info-Seminar einschreiben lassen.

Mit dem Info-Seminar stellt sich Eirene vor. Auf diesem Seminar habe ich viele neue Leute kennengelernt und eine Gruppendynamik wie keine andere. Beflügelt von dieser Erfahrung, habe ich den Bewerbungsbogen ausgefüllt, der wirklich nicht ohne war, da unteranderem auch Private fragen gestellt wurden.

Als die erlösende Antwort und die Einladung zum Bewerberauswahltreffen (BAT) kam, wurde mir bewusst, worauf ich mich da eingelassen habe und dies hat sich verdammt gut angefühlt.

Das Bewerberauswahltreffen war in Neuwied, in der Nahe von Koblenz. Ich habe mich mit Ben, mit dem ich schon auf das Info-Seminar gefahren bin, wieder kurzgeschlossen und so ging der Trip los. Nach dem Wochenende war die Erwartungshaltung natürlich gewaltig und die Aufregung nahm neue Dimensionen an. Ganze 3 Tage habe ich auf die erlösende Mail gewartet, mit der Nachricht, dass ich im USA Team bin. Daraufhin kam auch gleich die TO-Do-Liste. Wie unter anderem: Verweigerung, Visum, Vertragsstilllegungen, Krankenkasse, Unterstützerkreis und natürlich auch die Absprache mit dem Arbeitergeber.

Es gab eine Menge zu tun, aber ich wusste ja wofür ich dies tue.



Was ist Eirene eigentlich:


Eirene ist ein ökumenischer, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland, als Träger des Entwicklungsdienstes und des so genannten “Anderen Dienstes im Ausland” (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist.


1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Zu den Gründern gehören die historischen Friedenskirchen der Mennoniten und der Church of the Brethren, die noch heute mit dem Versöhnungsbund und den EIRENE-Zweigen in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu den EIRENE-Mitgliedern zählen. In über 40 Jahren sind mehr als 1000 Freiwillige und EntwicklungshelferInnen mit EIRENE in Afrika, Lateinamerika, sowie Europa und den USA im Rahmen eines Auslandsdienstes tätig gewesen.


Ausreisekurs:


Auf dem Ausreisekurs im schönen Neuwied und Odernheim erlebte ich zwei wunderschöne Wochen, mit viel Lehrreichem für meinen Dienst, Spass und eine unbeschreibliche Gemeinschaft.


In unserer ersten Woche in der Geschäftsstelle in Neuwied gingen wir verschiedene Einheiten durch, die uns für die unterschiedlich vorliegenden Situationen im Einsatzland (Stressbewältigung, Sicherheitstraining, Arten von Kommunikation,...) sensibilisieren sollten. Leider ließen das trübe Wetter und ein strenger Tagesablauf nicht viele Möglichkeiten für unsere Freizeitgestaltung offen, sodass alles etwas anstrengend war.


In unserer zweiten Woche im grünen Odernheim hatten wir dann jedoch mehr Zeit für Freizeitaktivitäten, wie dem morgendlichen Schwimmen in der angrenzenden Glan, Kanu fahren, Spazieren gehen,... Am Patenwochenende konnte ich dann endlich meinen Paten, Martin Bleisteiner, kennenlernen. Er konnte mir einige Tipps für das Überleben in Amerika geben.


Auch wenn wir Freiwillige beim traditionellen „Paten vs. Freiwillige-Kick“ in letzter Minute eine knappe Niederlage einstecken mussten, war das ganze Seminar spitzenmäßig. Ich wurde gut für mein Auslandsaufenthalt vorbereitet und schon wieder musste man Tschüss zu liebgewonnenen Freunden sagen, mit denen man 2 Wochen total offen zusammenlebte und sich dadurch auch mehr als gut kennenlernte.


Goodbye Germany; Hello America


Nachdem der Ausreisekurs von Eirene geendet hat, war ich noch eine Woche zu Hause, die natürlich ganz zum Verabschieden genutzt wurde. Es war eine Woche der gemischten Gefühlen.

Nach meiner Abschiedsparty ging es zum Flughafen, woraufhin es dann auch endlich losging.

Es hat gut ein Jahr gedauert vom ersten Anschreiben bis zum letztendlichen Flug in die Staaten. Ein letztes Mal habe ich meinen ganzen Freunde und Familie umarmt.


Der Flug war relativ ruhig, da ich die meiste Zeit im Land der Träume verbracht habe. Nach 18 Stunden bin ich in St. Luis angekommen, wo mich die anderen Deutschen von Eirene erwartet haben.


Das Abendteuer USA ging also los...


Orientierung mit BVS


Nach dem Ausreisekurs von Eirene ging es auf mehr oder weniger direktem Wege zur Orientation von BVS. Die Orientation gibt die Möglichkeit, sowie auch schon das Info-Seminar von Eirene, die Organisation kennenzulernen und natürlich eine Projektauswahl zu treffen, denn ich hatte bisher nur die Zusage für das Projektland in der Tasche, aber noch keine Projektplacement.


Wir deutschen sind schon einen Tag früher angekommen und so haben wir natürlich erstmal die Location, in der wir die nächsten zwei Wochen verbrachten, erkundet. Peace Valley hieß das Fleckchen Erde. Im Prinzip eine Straße mit ungefähr 20 Häusern. Am Abend kamen dann die 30 Ami´s. Erste wirkliche Herausforderung für mein Englisch, doch da die meisten von ihnen nur auf Smalltalk aus waren, war dies weniger schlimm.

Unsere Gruppe hat 2 Wochen in Peace Valley verbracht und eine Woche in Kansas City.

Der Zeitplan war viel freier gestaltet, als der von Eirene, sodass das Hauptaugenmerk natürlich auf der Freizeitgestaltung lag.


Auch die Workshops waren viel Oberflächlicher als die von Eirene. Es hat einfach der gewohnte Tiefgang gefehlt. Ansonsten ging die Zeit zügig vorbei und wir haben viel Erlebt und gemacht.


Was mich an BVS wirklich gestört hat, war die magere Verpflegung. Dies möchte ich mal hier erläutern. Für die Orientation gab es ein festgelegten Betrag für Lebensmittel. Das Budget lag pro person für 3 Mahlzeiten bei 2.25 Dollar. Na klar, summiert sich die Summe bei 37 Personen, doch es gab nur drei Tage, an denen ich nicht Hungrig ins Bett gegangen bin. Und jeder der mich kennt, weiß wie ich dann gelaunt bin, na ja ganz so schlimm war es nicht. Doch wir Deutschen haben so ziemlich immer am Anfang der Schlange gestanden und auch immer einen Nachschlag geholt.

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass ich die Message “Simple Living” durchaus verstanden habe.


Doch es hat sich nicht alles ums Essen gedreht, sondern um die Projektauswahl. Meine Projektvorstellungen waren Sebring, Fl (Altenbetreuung) und ein Projekt für Obdachlose in San Francisco, doch durch die Gespräche mit den Teamern und die bessere Auswahl an Info-Material, habe ich schnell meine Prioritäten umgestellt und mich für das Samaritan House of Atlanta entschieden, dieses Projekt habe ich auch bekommen und darüber werde ich im folgenden Absatz schreiben.


Mein Projekt


Samaritan House of Atlanta! Geschafft! Endlich Klarheit. Ich bin bereit.

Mein Flug von Kansas City nach Atlanta war gebucht.


In Atlanta angekommen und von der Größe der Flughafens beeindruckt (Nummer 2 in der Welt), hat mich einer von meinen zukünftigen Mitbewohnern abgeholt und mich zur Community of Hospitality gefahren; Mein Haus für das nächste Jahr.

Das erste Wochenende habe ich nur mit aufräumen verbracht, da die letzten Mitbewohner das Haus in einem nicht gerade ansehnlichen Zustand zurückgelassen haben. In der Community ist Platz für 8 Leute, derzeit habe ich noch drei Mitbewohner, unteranderem auch Ben, mit dem ich den ganzen Bewerbungsprozess gehabt habe. Ist also schon ein richtiger Zufall.


Das Samaritan House of Atlanta ist ein Employment Readiness Programm. Im Klartext helfen wir Obdachlosen wieder auf die Beine, indem wir Sie mit Frühstück, Voice Mail, Workshops und vieles mehr unterstützen. Sie kommen in unsere Agency obdachlos und ohne Beschäftigung und gehen, wenn alles gut geht mit einem Job und eventuellem festen Wohnsitz.


Ich arbeite am Frontdesk und bin der erste Kontakt für die meisten. Ich beantworte fragen, gebe Handtücher für unsere Duschen aus, mache Verabredungen, helfe mit Voice Mail. Auf gut Deutsch bin ich das Mädchen für alles, aber in einem guten Sinn. Mein Job ist sehr interaktiv, da ich immer neue Leute kennenlerne, viel reden kann und immer vor neue Herausforderungen gestellt werde.


Viele von meinen Clients haben soziale Probleme, viele Enttäuschung erleben müssen und haben somit eine sehr aggressive Ausstrahlung, außerdem haben auch Viele psychische Probleme.

Was ich als erstes gelernt habe, ist meine Emotionen zu Kontrolliren. Man muss manchmal wirklich mit einer Engelsgeduld auf die Leute eingehen, sodass Sie einem zuhören. Mit meinen sprachlichen Kenntnissen, wurden die ersten zwei Wochen recht spannend, doch dieser Job, zwingt mich wirklich durchgehend auf Englisch zu reden, somit habe ich Fortschritte gemacht.


In den Nachmittagen arbeite ich nicht am Frontdesk, sondern in meinem Office. Da gehören Voice Mail Verwaltung und unsere Kleiderkammer in meinen Aufgabenbereich, die ich in ein einheitliches System einfüge, genannt Pathways.

Pathways ist eine Datenbank, wo alle Informationen über die Clients gespeichert werden, um ihnen bestmöglich zu helfen.

Meine Arbeitszeiten sind von 7am bis 15pm, die Pausenzeit ist von 11:30 am bis 1pm. In meiner Pause gehe ich zum Cafe´ 458, dies Projekt gehört auch zur Samaritan House Family.


Im Cafe arbeiten hauptsächlich Freiwillige. Das Cafe ist unterschiedlich zu meinem Projekt. Das Programm ist für Drogensüchtige.

Das Cafe-Programm zeichnet sich dadurch aus, dass dieses Programm Mittag für die Clients stellt. Momentan haben wir dort ein Starkoch, der ein gigantisches Menu auf die Beine stellt. Die Nahrungsmittel sind übrigens alle gespendet von Lokalen Lebensmittelläden. Jedenfalls esse ich wirklich gesund, mehr als ausreichend und einfach lecker.


Freizeit und Soziales Leben:


Die Freizeitgestaltung ist uns komplett freigestellt. Wir haben einmal die Woche ein Community Meeting um aktuelles zu besprechen und um Zeit mit meinen Mitbewohnern zu verbringen. Wir gehen meist irgendwo etwas essen.

Ich besuche momentan eine Englisch Klasse, die frei von einer Kirche finanziert wird.

Wir sind eine sehr kleine Klasse und unsere Lehrerin ist wirklich super, sodass dies meinen grammatikalischen Kenntnissen noch weiterhilft. Ehrlich gesagt, habe ich erst hier gemerkt, wie unausgereift mein Englisch eigentlich war, doch nun habe ich ein solides Fundament, das mir ermöglicht auch richtige Gespräch zu führen.

Verstehen kann ich so ziemlich alles.


Als Volunteer bzw. übersetzt Freiwilliger hat man hier in den USA ganz andere Möglichkeiten. Die Vorteile kann man sich hier zunutze machen um viele Vergünstigungen zu bekommen, wie zum Beispiel im Fitnessstudio. Ich besuche ein nahegelegenes Fitnessstudio mit Schwimmhalle, dort lasse ich meine Energie ein wenig aus, da mein Tag am Frontdesk doch ziemlich im sitzen vergeht. Ich bezahle für mein Mitgliedschaft 4,50 Dollar im Monat.


Freunde habe ich ziemlich schnell hier gefunden, da im Cafe und auch in meinem Projekt viele Freiwillige aushelfen, meist von Schulen oder Universitäten.


Mein letztes Wochenende habe ich in Orlando, Florida verbracht, welches mich zu meinem nächsten Punkt bringt, der nämlich, “Eindrücke und Erfahrung in Amerika” wäre.



Eindrücke und Erfahrung in Amerika


Wie schon erwähnt habe ich mein Wochenende in Orlando verbracht. Ich habe die Universal Studios besucht und Daytona Beach. Eine unglaubliche Erfahrung.

Im allgemeinen ist hier in Amerika alles größer.

Big, Bigger, Amerika.

Von den Autos mal ganz abgesehen, sind die Gebäude dekadent groß.

Atlanta hat auch ein Metro System, ähnlich wie die Hochbahn in Hamburg. Die Stationen haben, aber die Größe von einem mittelgroßen Hauptbahnhof.


Zweiter Punkt sind die Entfernungen. Mal eben zum einkaufen ist nicht. Hier fährt man mal eben 15 Kilometer, die Malls (riesige Shopping Center) sind meist weiter weg. Es ist einfach alles so grenzenlos, dass hat mich bisher einfach beeindruckt. Was ich hier nicht vergessen darf ist, das es hier kein Ladenschlussgesetz gibt, dies bedeutet wiederum; Mal eben ein Eis um 3 Uhr nachts kaufen, ist kein Problem. Hier ist alles 24/7 - 24 Stunden und 7 Tage die Woche.


Benzin! Ich glaube dies sollte ich lieber weglassen, aber nur mal als generelle Richtlinie. Hier bezahlen wir für 4 Liter bleifrei 3,11 Dollar, dass sind umgerechnet 2,77 Euro. Hier bringt Autofahren auch noch Spaß.


Kirche und Glaube. Die Menschen hier in Atlanta und auch im Rest des Landes, leben ihren Glauben viel viel viel offener aus, als wir in Deutschland. In God we trust, dies steht schon auf den Dollar-Noten.


Weihachten, Thanksgiving und Silvester


Ich war für Weihnachten und Thanksgiving eingeladen und habe beide feste sehr genossen.

Ich konnte eigentlich keine großen Unterschiede zu unseren Feierlichkeiten verstehen. Weihnachten steht hier auch total im Sinn der Familie und ich war das erste mal am Heiligabend in der Kirche.


Silvester habe ich in Atlanta verbracht und habe mir das Feuerwerk in der Innenstadt angeschaut, welches gigantisch war. Ihr habt bestimmt schon alle mal das Feuerwerk auf dem Alster-Vergnügen bestaunt, doch dieses Feuerwerk hat auch mich in eine neue Dimension geschossen.


Thanksgiving... Familie und Freunde. Auch hier war ich zu einem traditionellen Essen eingeladen. Einfach super lecker und eine schöne Erfahrung.


Fazit:


Ich bin wirklich froh hier zu sein und ich genieße diese Zeit sehr. Sich auf das Wesentliche konzertieren. Hoffnungslosen ein wenig Hoffnung geben und ihnen Respekt zollen, denn Obdachlosigkeit ist nicht gleich Obdachlosigkeit, wie wir es in Deutschland kennen. Hier fängt Vater Staat nicht alle Gesellschaftsschichten auf. Meine Projektauswahl war definitiv die richtige für mich.

Ich möchte mich nochmals ganz herrlich für Eure Unterstützung bedanken.



Fühlt Euch alle gedrückt,


Ganz lieben Grüß aus ATL,


Christoph


Homepage EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst