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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen. Die Arbeit an der „International Community School“ ( ICS ) ist weiterhin abwechselungsreich und bietet mir mehr und mehr die Chance Verantwortung im Klassenraum zu übernehmen und selber zu unterrichten. Ben Prüser berichtet zur Halbzeit seines Friedensdienstes vom amerikanischen Weihnachtsflair, seiner Arbeit in der International Community School und dem Leben in einer Freiwilligen-WG (Dezember 2007)
Liebe Sponsoren! Pompös dekorierte Häuser, Weihnachtslieder auf jedem Radiosender und Rudolf, das Rentier mit der roten Nase, in den Shopping-Malls deuten es an... Es ist Weihnachten, somit schon fast Halbzeit meines Freiwilligendienstes und Zeit für einen zweiten Zwischenbericht.
Auch seit meinem letzten Brief ist wieder einiges passiert und ich will jetzt die Ruhe und Besinnlichkeit der Weihnachtsfeiertage nutzen um für Euch, aber auch für mich selber, zu reflektieren und an die Ereignisse der letzen Wochen und Monate erinnern. Die Arbeit an der „International Community School“ ( ICS ) ist weiterhin abwechselungsreich und bietet mir mehr und mehr die Chance Verantwortung im Klassenraum zu übernehmen und selber zu unterrichten. Diese wachsende Verantwortung in meiner Position als Lehrer Assistent resultiert jedoch mehr als alles Andere aus der ebenfalls wachsenden Abwesenheit der eigentlichen Lehrerin. Dieses Problem, das ich ja schon zum Abschluss meines letzten Rundbriefes angedeutet habe, hat sich weiterhin zugespitzt.
Während ich im Laufe eines normalen Arbeitstages der nette „Mr. Ben“ sein kann, der den Kindern bei ihren Schulaufgaben hilft und immer ein offenes Ohr für Probleme und Sorgen hat, bin ich an Tagen an denen S. nicht da ist nichts mehr als der Klassenraum Polizist und Spielverderber. Da die Schüler wissen, dass ich nicht der eigentliche und hauptsächliche Lehrer bin, meinen sie all die Regeln und Grundsätze im Klassenraum würden an diesen Tagen nicht gelten. S. fehlt immer nur für einen Tag und es scheint mir als würde sie mehr aus Lustlosigkeit und Stress, als wegen wirklicher Krankheit zuhause bleiben. Es ist aber schwer mit ihr darüber zu sprechen, weil sie sich sehr leicht persönlich angegriffen fühlt. Die Administration der Schule ist zwar auch schon auf dieses Problem aufmerksam geworden, befindet sich jedoch selber gerade in einer sehr schwierigen Zeit und Situation ( der Schuldirektor hat vor kurzem seinen Rücktritt angekündigt ), und so versickern solche „Kleinigkeiten“ schnell im alltäglichen Durcheinander. Auch die Tatsache, dass ich einer der wenigen Männlichen Mitarbeiter in der Schule bin, macht es nicht unbedingt leichter für mich. Ich habe mir nie vorstellen können, dass unter erwachsenen Menschen so viel hinter dem Rücken der anderen geredet wird.
Ich will mich aber in diesem Rundbrief nicht nur beklagen, sondern auch von meinen schönen Erlebnissen während meines Dienstes berichten. Es fühlt sich jedoch gut an das bedrückende vorweg abgeladen zu haben. Die Kinder mit denen ich arbeite machen weiterhin bewundernswerte Fortschritte. Wenn ich die Klasse als ganze Betrachtet und nur die Nöte und Bedürfnisse Aller sehe, fühle ich mich leicht überwältigt. Es ist dann schwer zu wissen wo ich mit der Arbeit anfangen soll, wer am meisten Hilfe braucht. Am Ende hat man den ganzen Tag rotiert und gearbeitet und das Gesamtbild sieht immer noch genauso aus. Deshalb habe ich beschlossen mich in meiner Arbeit besonders auf einen Jungen zu konzentrieren. Das heißt aber nicht, dass ich die gesamte restliche Klasse vernachlässige oder meinen Favoriten ausgewählt habe, den ich immer bevorteile. Der Schüler mit dem ich arbeite kommt aus Somalia und heißt „Bill Clinton“, kein Witz das ist sein wirklicher Name. Gerüchte Besagen Seine Eltern hätten ihn nach dem Ex-Präsidenten benannt um ihre Chancen auf Einreise in die USA zu erhöhen. Patriotismus wird hier halt besonders belohnt ! Bill konnte zum Anfang des Schuljahres noch kein Wort Englisch sprechen und hatte sogar Schwierigkeiten länger als 5 Minuten ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, er hat in seinem Heimatland noch nie eine Schule besucht. Ich setzte mich jeden Tag für ca. eine Stunde mit ihm zusammen und übe lesen und schreiben. Inzwischen kann er sich schon recht gut ausdrücken und verständigen. Mit wachsendem Sprachverständnis steigt auch sein Selbstvertrauen und der Spaß am Unterricht. Es ist immer wieder schön zu beobachten wie einzelne Kinder wie der kleine Bill solche riesen Fortschritte machen. An diesen Beispielen erkenne ich dann immer wieder, dass sich der ganze Stress und die Arbeit lohnen.
Auch bei mir „zuhause“ in der „Community of Hospitality“ gibt es einige Neuigkeiten. So ist vor knapp 3 Monaten ein neues WG-Mitglied aus Deutschland bei uns eingezogen. Christoph ist auch über EIRENE und BVS in den USA und arbeitet in dem Programm für Obdachlose, an dem ich zuvor ebenfalls interessiert war. Auch wenn ich inzwischen keinerlei Probleme mehr habe mich in Englisch zu verständigen bietet mir die Gemeinschaft mit Christoph eine willkommene Abwechselung. Es tut gut mal in Deutsch zu schnacken, gemeinsam über wundersame Amerikanische Traditionen zu lachen und uns über unsere Erfahrungen auszutauschen. Das zusammenleben in einer WG empfinde ich weiterhin als interessant und im großen und ganzen als Bereicherung, wenn es auch bereits die eine oder andere Meinungsverschiedenheit gegeben hat.
Mit Britton, meinem Amerikanischen Mitbewohner teile ich mir beispielsweise ein Badezimmer, für dessen Reinigung ich verantwortlich bin. Nun haben wir aber absolut unterschiedliche Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung, was nach einem langen Arbeitstag für recht dicke Luft sorgen kann. Meine andere Mitbewohnerin heißt Sandy und kommt aus dem Bundesstaat Maryland. Sandy ist schon Mitte 50 und damit eine riesen Bereicherung und Hilfe für unser doch teilweise sehr chaotischen Haushalt. Sie leistet auch einen Freiwilligendienst in der Suppenküche und ist eine wirklich tolle Frau mit einem starken drang anderen Menschen zu helfen und ihnen in ihrer Freizeit zu dienen. Im März ist ihre Dienstzeit leider schon beendet und ich bin mir sicher das Sie eine große Lücke hinterlassen wird.
Auch für unser leibliches Wohl wir hier gut gesorgt. Zur Zeit bekommen wir jede Woche 25 Euro pro Person um Lebensmittel einzukaufen. Wir essen alle unser Mittagessen in unseren Projekten, so müssen wir uns wirklich nur um das Abendessen kümmern, da wir auch morgens nie Zeit zum Frühstücken haben... Wir schlafen alle gerne aus ! Alle 2 Wochen werden wir zu einer Familie nachhause zum Dinner eingeladen. Es gibt ca. 8 Familien die das Haus in dem wir leben unterstützen und leiten. Da tut es mir dann immer gut mal wieder ein richtig Hausgemachtes Gericht zu essen und es ist immer wieder interessant zu erleben wie es in anderen Amerikanischen Haushalten zugeht.
Die „International Community School“ bewirbt sich schon fast seit ihrer Gründung um eine Mitgliedschaft im „International Baccalaureat “, einem Programm für Schulen die besondere Standards und Kriterien erfüllen. Um das ganze auf Zwei knackige Punkte zu bringen würde ich Sagen es geht bei dieser Bewerbung um viel Geld und eine besondere Würdigung der Schule. Das Auswahlverfahren lief bereits einige Jahre und kam nun endlich zu der Entscheidenden Runde. Zwei Abgeordnete aus dem Prüfungsausschuss sollten die Schule besuchen um zu überprüfen ob diese die nötigen Kriterien erfüllt und der Anerkennung der „IB-Plakette“ würdig sei.
Wochenlang hatten wir uns nun auf die angekündigten Prüfer vorbereitet, alle Räume dekoriert, mit den Schülern gesprochen und uns gegenseitig auf das bevorstehende Event eingestimmt. An dem Tag der Tage ging dann alles, aber auch wirklich alles schief. Es ging für mich damit los, das meine Lehrerin auf Grund von plötzlicher Krankheit mal wieder nicht in die Schule kam. Ich war also alleine und musste mit 20 aufgekratzten und wilden Kindern fertig werden. Die ersten 10 Minuten des Unterrichtes waren noch nicht vorbei, als es plötzlich anfing etwas nach Rauch zu stinken. Es stellte sich schnell heraus, dass einer meiner Schüler ein brennendes Streichholz in den Mülleimer geworfen hatte und dieser nun brannte. Das war natürlich Grund genug für alle meiner Schüler in ein lautes durcheinander auszubrechen und wie wild zu schreien. Um die Bande etwas unter Kontrolle zu bringen und den Klassenraum auslüften zu lassen, beschloss ich dann mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen...
Normalerweise gibt es da nie Probleme. Alle Schüler kennen die regeln und vertragen sich... Normalerweise! An diesem Tag musste es natürlich zu einer regelrechten Massenschlägerei kommen. Drei Jungen prügelten sich und rangelten auf dem Boden, genau zu dem Zeitpunkt an dem der hohe Besuch nach draußen kam um den Spielplatz zu inspizieren. Bei dem ganzen IB Programm geht es unter anderem um moderne Methoden der Konfliktlösung und dieses Szenario hätte sich natürlich bestens für eine Präsentation meiner Fähigkeiten geboten. Nach so einem stressigen Morgen war mir aber weniger nach großen Pädagogischen Worten als nach einem einfachen und wirksamen lauten Schrei. Kaum war die Gefahr der IB Besucher gebändigt, beschloss Yuri, einer meiner Schüler der vor kurzem aus einem Kinderheim in Kasachstan adoptiert wurde, auszureißen und sich in dem kleinen Wäldchen hinter dem Spielplatz zu verstecken. Und das alles in der ersten hälfte des Tages. Im Großen und Ganzen soll der Inspektionsbesuch aber ganz gut gelaufen sein und die Schulleitung wartet nun zuversichtlich auf den für Februar angekündigten Bescheid.
Auch in der Gemeinde in Atlanta gefällt es mir weiterhin gut. Zwei mal im Monat wird mir dort die Chance geboten die Andacht für den Jungen-Erwachsenen Kreis zu leiten. Das ist eine Gruppe von ca. 15 Studenten, die sich jeden Sonntag nach dem Gottesdienst trifft und Biblische Themen bespricht. In Deutschland mit einer Art Hauskreis zu vergleichen. Während ich nun meinen zweiten Zwischenbericht abschließe sitze ich vor einem gemütlichen Kamin in Florida und bereite mich Seelisch auf den morgigen Start unseres Skiurlaubes in Colorado vor. Auf diese Auszeit habe ich mich schon sehr lange gefreut.
Ich hoffe auch Ihr hattet eine besinnliche Weihnachtszeit. Für das Jahr 2008 wünsche ich Euch Gottes reichen Segen. Danke für all die liebe Unterstützung und herzliche Grüße aus Atlanta- Euer Ben... |