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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.
“WER DIE AERMSTEN DIESER WELT GESEHEN HAT, FUEHLT SICH REICH GENUG ZU HELFEN.”
Friedrich Sulk arbeitet im Projekt “Meeting Ground”, einem Obdachlosenheim in Maryland, USA . Er berichtet in seinem zweiten Rundbrief von seinen Eindrücken und von Fällen aus der Arbeit. (Februar 2007)
Stellt euch einen stockdunklen Raum vor, indem sich nichts Anderes als eine kleine Kerze befindet. Noch ist sie aus und man kann nicht einmal seine eigene Hand vor Augen sehen. Und nun versucht euch vorzustellen, was passiert, wenn die Kerze angezuendet wird. Es wird heller, die kleine Flamme der Kerze wirft Licht in alle erdenklichen Richtungen des Raumes und die Angst und Trostlosigkeit eines dunklen Raumes wird zur Wonne und Hoffnung in einer warmen Umgebung. Was waere wenn dieses Licht eine gute Tat waere, die jeder von euch tagtaeglich verrichten kann?! Die gute Tat wuerde den (Lebens)raum Desjenigen erhellen, an dem sie verrichtet worden ist ………!
Und nun denkt daran, was passieren koennte, wenn nicht nur eine Kerze brennt, sondern zehn, hundert oder tausend ……?!
In diesem, meinem 2. Rundbrief, moechte ich euch von meinen ersten Monaten hier in den Staaten berichten, von Kulturunterschieden zu Deutschland, von Einzelschicksalen, von amerikanisch-gefeierten Feiertagen und auch von kleinen persoenlichen Krisen.
Aber lasst uns mal loslegen denn ich weiss ja, dass auch eure Zeit kostbar ist.
Wie ihr vielleicht schon vermuten koennt, entspringt das oben stehende Zitat der Feder William Shakespeares und heisst uebersetzt soviel wie:
“Soweit die kleine Kerze ihren Schein wirft, so scheint eine gute Tat in einer traegen Welt!”
Einer von vielen Menschen, die diesem Spruch in ihrem Leben schon gefolgt sind, ist der Gruender meines Projektes, Carl Mazza. Er ist mittlerweile in seinen besten Jahren (“Mit 66 Jahren, da faengt das Leben an,……..”) und feiert in diesem Sommer mit uns und Allen, die teilnehmen wollen, den 25. Geburtstag von “Meeting Ground”!
Carl Mazza ist ein Priester und fuehrt ein Leben in Ehrfurcht vor den Armen und Behinderten unserer Gesellschaft. Den Entschluss, ein Obdachlsoenheim zu gruenden, fasste er zuliebe seiner Mutter, welche behindert war und aufgrund ihrer Behinderung keine Unterkunft bekam. Niemand wollte sie haben und so gruendete Carl Mazza ein Projekt, dass bis heute einzigartig in den Staaten ist. Er entwickelte aus einer Herzensangelegenheit, einer leidenschaftlichen Idee, einen Lebensraum fuer ca. 150 hilfsbeduerftige Menschen.
Bis heute lebt er nach dem Grundsatz :”Ich lebe so, als wuerde meine Mutter in einem Obdachlsoenheim leben oder vielleicht so, als wuerde ich selbst in einem Obdachlsoenheim leben!”
Genau 4 Monate ist es nun her, dass ich meine Heimat in eine ungewisse Zukunft verliess. Das ich meinen gewohnten Lebensablauf gegen einen neuen, aufregenden, spannenden aber zugleich auch aengstigenden Horizont eintauschte.
Ihr koennt euch vielleicht noch daran erinnern, dass ich in meinem 1. Rundbrief davon geschrieben habe, wie ich zu meinem Projekt gekommen bin. Es war eine Zufallsentscheidung weil fuer mich feststand, eines der Projekte zu waehlen, welche hoehere Prioritaet fuer mich hatten. Nun hat es aber Gott so gewollt, dass er mich zu “Meeting Ground” schickte und obwohl ich abgeschottet auf einer kleinen Farm im Nirgendwo lebe und arbeite, ist es das Beste, was mir je haette passieren koennen.
Warum? Ich lerne hier taeglich neue wunderbare Menschen kennen, sehe das Lachen in den Gesichtern der Bewohner, das sie mir zuwerfen und spuere die Anerkennung von Jedem, der meinen Weg kreuzt. Gott hat meinen Finger geleitet, als ich ihn auf die Liste der Projekte fallen liess um eine Alternative fuer meine Wunschprojekte zu finden. Und es ist eine unglaubliche Erfahrung fuer mich, zu sehen, dass ich Menschen motivieren kann, dass ich ihnen Mut und Optimismus geben kann und das nur mit einem simplen Gespraech.
Aber es geht natuerlich nicht immer so einfach. Die ersten paar Tage waren noch gepraegt von Aengstlichkeit und Verstaendigungsproblemen. Also konnte man mich waehrend dieser Zeit meistens in meinem Zimmer anfinden. Als die ersten Wochen vergangen waren, hatte ich schon ziemlich schnell Kontakt zu allen gefunden, was meine Zuversicht auf eine tolle Zeit natuerlich bis ins Unermessliche steigerte. Ich hatte also regen Kontakt zu fast allen Bewohnern und weil ich ja von Natur aus neugierig bin, wollte ich sofort alles wissen. Namen, Alter, fruehere Lebensumstaende und die Gruende fuer ihr Dasein in einem Obdachlosenheim. Zu dieser Zeit war ich aber auch noch sehr unerfahren, was Regeln fuer die Bewohner angeht und so tanzten mir sie anfangs noch ziemlich auf der Nase rum und versuchten mich ueber’s Ohr zu hauen, wo es nur ging!
Damit hatte ich eigentlich keine grossen Probleme, wohingegen mir die Schicksale der jeweiligen Bewohner schon viel mehr an die Nieren gingen.
Sie erzaehlten mir fantastische Geschichte und wie schlecht sie von allen behandelt wurden! So schlecht, dass sie letztendlich in einem Obdachlosenheim endeten. Aber natuerlich hatte in all diesen Faellen niemand von ihnen selbst Schuld.
Wir haben hier auf der Farm 10 Beschaeftigte, wovon aber nur 6 unmittelbar fuer die Bewohner zustaendig sind. Diese Betreuer (zu denen auch ich zaehle) haben verschiedene kleine Treffen unter der Woche im Buero. Dort wird dann ueber alles geredet, was unmittelbar die Bewohner betrifft (z.B.: diverse Regelverstoesse, etc.). Mein Problem war aber anfaenglich, dass ich noch zu neu war, um von den anderen Betreuern zu diesen Treffen geholt zu werden und das ich noch gar nicht wusste, dass solche Treffen ueberhaupt existieren.
Bis dahin dachte ich, dass es nur ein offizielles Treffen gibt, so wie es auf dem woechentlich neu erscheinenden Arbeitsplan steht.
Dadurch das ich anfangs all diese kleinen Treffen verpasste, hatte ich keine Hintergrundinformationen ueber die jeweiligen Personen.
Bis dahin hatte ich mich aber schon sehr gut mit einigen Bewohnern “angefreundet”, nennen wir es lieber “bekannt gemacht”! Einer von ihnen ist M. C. alias J. P.. Er erzaehlte mir von seinen 25 Dienstjahren in der US- Army, dass er in jeder einzelnen Spezialeinheit gekaempft hat, dass er Leute reihenweise umgebracht hat, dass er in Vietnam und Korea war, und, und, und! Und ich glaubte ihm………was sich spaeter als fataler Fehler herausstellen sollte. Als ich nun das erste Mal an so einem kleinen Treffen teilnahm, was ca. nach mittlerweile einmonatiger Anwesenheit passierte, wurde ueber M.C. diskutiert. Im Laufe des Gespraeches erfuhr ich dann, dass M.C. ein Identifikationsproblem hat. Er gibt sich als jemand aus, der er eigentlich gar nicht ist, Jeder der Betreuer wusste es, konnte es aber nicht beweisen, da M.C. weder einen Fuehrerschein noch einen Personalausweis (in den Staaten: ID) hatte. Er sagte, dass er alles vernichtete weil er untertauchen musste, da ihn Geheimdienste aus anderen Laendern suchten. Vor ungefaehr 2 Wochen kam er dann zu uns, kurz nachdem er erfahren hatte, dass er von der Farm gekickt wird, da er in seiner bisherigen Anwesenheit (was schon fast 1 Jahr war), keine sichtbaren Fortschritte bezueglich Job oder Unterkunft gemacht hatte! Er kam um uns “die Wahrheit” zu sagen.
Als er sich aber erneut in all dem, was er sagte, verstrickte, gab er zu erneut gelogen zu haben. Am Ende stellte sich heraus, dass sein richtiger Name J.P. ist, dass er nie in einem Krieg gedient hat und das er gerade mal 2 Jahre in der Army gedient hat, bevor sie ihn rausgeworfen haben. Seit wir das nun wissen, versuchen wir ihm eine offizielle Identitaet zu verschaffen, d.h.: ID oder Fuehrerschein. Gestern haben wir ihn zur Polizei gebracht, um seine Fingerabdruecke zu nehmen! Dadurch wollen wir herausfinden ob und inwieweit er in kriminelle Machenschaften verwickelt ist!
Diese Angelegenheit hatte mich zuerst ziemlich stark getroffen. Ich hatte nicht damit gerechnet von Vorne bis Hinten belogen zu werden und so liess mich das erst einmal eine Weile an meinem eigenen Menschenverstaendnis zweifeln! Ist ist schwer fuer mich solche Geschichten, wie ungewoehnlich sie auch sein moegen, nicht zu glauben weil ich helfen will und die Leute wissen, mit was sie am schnellsten Hilfe bekommen. Die erzaehlem einem nichts von ihren Alkoholeskapaden oder Drogenabhaengigkeiten also must du selbst zum Richter werden und fuer dich selbst entscheiden, was du glaubst und was nicht. Besonders wenn man helfen will und an die Geschichten glaubt, wird man wieder und wieder enttaeuscht wenn man herausfindet, dass man erneut belogen wurde. Das tut dann schon irgendwo weh und laesst auch dein Vertrauen in die Menschen schwinden aber die Herausforderung ist es, seinen Glauben in diese Menschen nicht zu verlieren! Sie verdienen es wie jeder andere auch zu essen, zu trinken, auf einer Matratze unter einem Dach zu schlafen, zu leben.
Das Problem meiner Anfangsphase war also das, dass mich niemand ueber die Bewohner aufgeklaert hat. Weder ueber Hintergruende, Probleme, Gruende fuer Anwesenheit noch ueber medizinische Notwendigkeiten wie Tabletten, usw.!
Was mich auch immer wieder nah an meine Grenzen bringt, sind Vorfaelle, wo Bewohner durch Dummheit und ihre Sucht alles auf’s Spiel setzen, was sie derzeit haben. In diesem Fall ist es das Heim und hier gibt es strikte Regeln:
“Kein Alkohol und keine Drogen!”
S. hat eine 3- jaehrige Tochter. Ihr Name ist J. und sie ist ein froehliches und aufgewecktes Kind, wenn auch manchmal ein bisschen quaengelig! S. ist 31 und war, bevor sie auf die Farm kam, lange Jahre aghaengig von Heroin. Sie war schon hier als ich kam, also hat sie zumindest die letzten 4 Monate ihrer Sucht wiederstanden. Aber vor 2 Wochen trug sie sich fuer eine Uebernachtung ausserhalb der Farm ein (bis zu 7 pro Monat aber muss von Betreuer gegengezeichnet werden)…….soweit so gut……..also aber am naechsten Tag nicht zurueckkam, fingen wir an uns zu wundern weil sie sonst immer relativ zerverlaessig war. Abends um 8 Uhr klingelte das Telefon und sie sagte uns, dass sie keinen Weg hat, diese Nacht zuruekzukommen und wir teilten ihr mit, dass sie dafuer eine Verwarnung bekommen wuerde. In der Nacht rief uns die Polizei an und teilte uns mit, dass sie S., ihre Tochter J. und J.’s leiblichen Vater in einem Motelzimmer gefunden haben. S. und ihr Freund standen extrem unter dem Einfluss von Drogen und so verhafteten die Cops S. und ihren Begleiter und das Jugendamt kam und holte J.!
Den naechsten Tag wurde sie von der Farm gekickt (wegen eines ueblen Regelverstosses) und seitdem wurde sie nicht mehr gesehen!
Ich ist so schwer zu verstehen, wie Leute sich selbst um alle Chancen bringen. Wie sie nach allem, was sie durchgemacht haben, wieder alles wegwerfen. Dadurch wird mir klar, dass ich nie wirklich Probleme hatte…..zu Hause……in der Schule…..alles, was wir als Problem bezeichneten war Nichts, verglichen zu den Dingen hier draussen………auf der Strasse!
Aber das wohl einschneidenste Erlebnis mit einem Bewohner habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Nach erst 9- taegiger Anwesenheit meinerseits auf der Farm, wurde ich als erster zu einem Selbstmordversuch gerufen. Eine unserer Bewohnerinnen hatte sich selbst mit Rasierklingen an den Armen verletzt und da
das Freiwilligenehepaar, dass hier lebt, gerade fuer ein paar Tage im Urlaub war, war ich der einzige Betreuer auf der Farm.
Ihr koennt euch vielleicht vorstellen, was das fuer ein Schock fuer mich war……ueberall Blut….auf ihren Kleidern, den Moebeln, es war schrecklich aber ich musste handeln. Und so riefen wir per Telefon die Rettung, welche 10 Minuten spaeter auch ENDLICH eintraf.
Sicherlich habe ich nach diesem Vorfall gegruebelt, ob ich ueberhaupt in diesem Projekt verweilen sollte aber letztendlcih entschloss ich mich die Herausforderung anzunehmen.
Nun moechte ich zu den Folgen etwaiger Regelverstoesse auf der Farm kommen. Immer wenn jemand gegen eine Regel verstoesst (und sei es einfach nur das Nichterledigen ihrer Aufgaben), dann bekommen sie eine schriftliche Verwarnung. Von diesen koennen die Bewohner drei sammeln, bis sie entweder rausgeschmissen werden oder auf eine 30- taegige Bewaehrung gesetzt werden. In diesen 30 Tagen duerfen sie sich dann nichts zu Schulden kommen lassen oder sie fliegen wirklich raus. Je nach dem, wie schwer ihre Verstoesse waren, wird zwischen Bewaehrung oder unmittelbarer Entlassung entschieden.
Aber dann kommt es fuer uns wieder zu einer Grenzsituation:
Wer sind wir, uns die Recht zu nehmen, anderen Leuten ihrer Lebensgrundlage zu berauben.
Wer sind wir, zu entscheiden, ob sie in einem Bett oder im Wald schlafen.
Wer sind wir, uns die Berechtigung zu nehmen sie wieder zurueck in ihre Sucht zu schicken?!
Solche Fragen sind hart aber sie muessen gestellt werden und in den meisten Faellen werden die Leute rausgeschmissen aber nicht weil es uns Spass macht, sondern um die Sicherheit und den Schutz der restlichen 35 Bewohner zu bewahren. Der schwerste Weg ist der, wenn du jemanden, den du seit Monaten kennst und der dir irgendwie ans Herz gewachsen ist, mitten in der Nacht, vor einem Hotel aussetzen musst……!
Aber du lernst hier mit Enttaeuschungen zu leben weil du oft enttaeuscht wirst.
Und diese Leute haben dann auch keine Chance sich wieder irgendwo einzugliedern. So traurig es klingt aber du kannst hier sehen, wer obdachlos ist und wer nicht und du kannst auch die Leute sehen, die unmittelbar vor einem Obdachlosen die Strasse wechseln…..! In diesen Koepfen regieren einfach die Vorurteile, dass das ja eh alles nur Alkis und Druggies sind, welche bei den meisten natuerlich auch zutreffen aber hier draussen gibt es auch Muetter, mit ihren 5 obdachlosen Kindern, welche Opfer von haeuslicher Gewalt geworden sind und deren Vater dafuer ins Gefaegnis wanderte, sie dafuer aber auf die Strasse! Und es gibt geistig Behinderte, welche nicht wissen ihre Medizin richtig und wirkungsvoll einzunehmen und was machen wir? Wir wechseln die Strassenseite.
Dieser Gegensatz ist in den Staedten Amerikas sehr deutlich aber genauso gibt es auch einen Gegensatz zwischen solchen Leuten und dann solchen, die helfen wollen. Es ist schier unglaublich zu sehen, wieviele Spenden tagtaeglich auf unsere Farm rollen. Privatpersonen aber vorallem Kirchengemeinden wollen helfen, wo es nur geht und sie spenden Essen, Sachen, Moebel und Haushaltsgeraete.
Wir sind natuerlich gluecklich mit jeder Spende, die wir bekommen aber auch hier gibt es Ausnahmen. Die meisten Spender sind bekannte Gesichter und man gruesst sich schon von weitem. Aber dann gibt es auch Leute, die einmal im Jahr (am besten um die Weihnachtszeit herum weil da alle alten Sachen aussortiert und durch neue ersetzt werden) 5 riesege Saecke Sachen spenden um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Und wenn wir dann in die Saecke gucken um zu sortieren, finden wir dreckige, nicht gewaschene und fleckige Kleider, welche fuer Niemanden zumutbar sind.
Aber worauf ich hinaus will, ist, dass wir letztes Weihnachten einige hundert Geschenke geliefert bekommen haben. Ein Grossteil davon ging natuerlich an die Kinder. Dazu muss ich sagen, dass jeder Bewohner im Oktober eine Liste ausfuellen konnte, in der sie verzeichnen konnten, was sie sich wuenschen. Diese Liste wurde dann kopiert und an ein paar Kirchen geschickt. So bekam jeder viele schoene Geschenke, wovon aber einige durchaus auch 3- 4 mal vorkommen konnten. Sicherlich ist es traurig zu sehen, dass sich sloche Leute nur einmal im Jahr regen, an Weihnachten. Aber immerhin regen sie sich ueberhaupt und das relativiert die ganze Sache dann schon wieder. Naja, am Ende hatten wir ein superschoenes Weihanchten mit vielen Geschenken und froehlichen Gesichtern! Und das ist ja nicht gerade selbstverstaendlich in einem Obdachlosenheim!
Ich hingegen, verbrachte mein Weihnachten in einem typisch amerikanischen Haushalt! Dazu fuhr ich nach York. Nein, nicht das in England, sondern das in Pennsylvania. Dort wohnt naehmlich meine Mitfreiwillige.
Es war natuerlich ein wenig anders als zu Hause aber deswegen nicht weniger besinnlich. Schon als ich ankam, strahlten mich die Weihnachtssocken an, die ueber dem kuenstlichen Kamin hingen. Jeder bekam einen, selbst ich! Diese Struempfe wurden dann in den Tagen vor Heiligabend mehr oder weniger unauffaellig mit Kleinigkeiten und Suessigkeiten bestueckt. Und dann hingen sie da, als staendiges Objekt der Versuchung, als Ziel unbegrenzter Lust unserer Neugier. Und dann kamen auch noch die Geschenke dazu, die unter den mehr oder weniger schoenen kuenstlichen Weihnachtsbaum gelegt wurden und Tag fuer Tag fieberte man also dem Grossereignis “Weihnachten” ein bisschen mehr entgegen. Als nun der heilige Abend, der Abend des 24. Dezembers, kam und wir uns nach der Kirche alle vor den Geschenken einfanden, durften wir lediglich in die Struempfe gucken, da das Weihnachtsfest in den Staaten ja 2 mal gefeiert wird. Die Weihnachtsstruempfe werden traditionell am Abend des 24. geoeffnet und die grossen Geschenke werden dann erst am Morgen des 25. Dezembers freigegeben.
Da ich nicht wirklich mit etwas gerechnet hatte, war ich umso mehr ueberrascht, als ich einige nuetzliche Dinge fuer das Leben auf einer Farm bekam: Eine Mini- Taschenlampe, amerikanische Erdnussbutter- Schokoriegel, einen Loeffel zum Kugeleis ausstechen (Ich verliere langsam meine deutsche Wortkenntnis deswegen die Umschreibung……vielleicht kann mir ja mal jemand eine Mail mit der korrekten Bezeichnung solcher Loeffel schicken…Danke) und ein Armband!
Im Gegenzug dafuer, habe ich ein waschechtes Raeuchermaennchen aus unserem schoenen Erzgebirge verschenkt, worueber sich meine “Gasteltern” offensichtlich sehr gefreut haben!
4 Tage residierte ich also in dem kleinen Haeuschen der Familie meiner Mitfreiwilligen, bevor ich wieder zurueck an die Arbeit auf der Farm musste. Und weil ich an Weihanchten frei hatte, musste ich Silvester arbeiten und so bestand der Rutsch ins neue Jahr fuer mich eher aus Fernsehen und Computer als aus Feuerwerk und Freunden. Noch dazu kam, dass ich nicht einmal eine einzige Rakete gesehen habe, da Feuerwerk im Staat Maryland verboten ist. Und so hoerte ich nur einige Gewehrschuesse von den umliegenden Farmen, wodurch diese das neue Jahr begruessten.
Ich moechte meinen Rundbrief jetzt noch mit meinen Eindruecken “aus den USA ueber die USA” bereichern. Direkt als ich aus dem Flughafengebaeude, in Philadelphia, trat, traf ich auf meine 1. Hauptstrasse in den Staaten und da sah ich auch zum 1. Mal so riesige Autos, dass ich meinen Augen nicht traute. Teilweise waren diese Autos doppelt so hoch und doppelt so breit wie unsere daheim in Deutschland. Und dann konnte man an den Autos genau den sozialen Stand ablesen. Entweder sie waren unverbeult, sauber und ihr Lack funkelte in den wenigen Strahlen der Mittagsonne, die sich durch den Smog der Grossstadt bis auf die Erdoberflaeche kaempften, wie Edelsteine in den verschiedensten Farben oder die Autos waren zerschrammt, dreckig und um einige ihrer Serienteile dezimiert!
Dazu hinzufuegend moechte ich sagen, dass das Benzin in den Staaten ungefaehr 2 Dollar und 20 Cents pro “gallon” kostet. Ein “gallon” sind ein bisschen weniger als 4 liter und 2 Dollar sind ungefaehr 2 Euro und 20 Cents! Und da das Benzin hier so billig ist, scheinen sich die Amis auch nicht wirklich um dessen Verbrauch zu kuemmern und wenn man nicht aufpasst, laesst man den Motor schon mal laufen wenn man “schnell mal fuer 10 Minuten” Zigaretten kauft.
Ausserdem hat man in den meisten amerikansichen Haushalten noch nie etwas von Recycling gehoert! Da wird einfach alles in einen Eimer geschmissen, der am Ende sowieso von der Muellabfuhr abgeholt wird.
Was all das angeht, bin ich froh auf einer Farm zu leben, da ich hier wenigstens noch halbwegs frische Luft atmen kann aber es ist auch gleichsam so erschreckend wenn man bedenkt, wievielen Leuten unsere Umwelt so gleichgueltig ist.
Lasst mich noch ein Besispiel bringen, was ich versuche unkommentiert zu lassen! Macht euch einfach euer eigenes Bild aber in vielen Haeusern wird nicht von Keramiktellern gegessen, sondern von Papptellern, die nach Benutzung sofort in den Muell geschmissen werden.
Die USA ist aber auch das Land der “Developments” und “Communities”. Dies sind Ausdruecke fuer mehr oder weniger gutbetuchte Wohnsiedlungen, welche hier ueberall zu finden sind. Die Siedlungen sind meistens mit einem Zaun von ihrer Umgebung abgeschirmt und beinhalten traumhaft grosse Haeuser fuer jeweils eine Familie. In diesen Siedlungen findest du all das, was du in den Staedten nicht findest und umgekehrt. Diese Siedlungen sind wirklich nur zum Wohnen gedacht, das heisst, dass du dort keine Supermaerkte oder Nachtclubs findest. Aber zum Gegensatz zu den Staedten, findet man hier durchgehende Fussgaengerwege, die jedes Haus mit einander verbinden und viele gruene Baueme, frisches Gras und schoene himmelblaue Fischteiche. Zum Beispiel in Eklton, wirst du ausser in den Passagen der unmittelbaren Innenstadt keinen Fussgaengerweg finden. Aber du hast keine Chance den oertlichen Wal-Mart zu Fuss zu erreichen, wenn du nicht gerade auf der Strasse laufen willlst. So wirst du also dazu gezwungen, dein Auto zu benutzen und die Umwelt weiter zu verschmutzen!
Aber um auf die “Developments” zurueckzukommen: Solange du nicht in einer dieser Siedlungen wohnst, welche natuerlich nicht nur Superreiche beherbergen (Es gibt auch Siedlungen fuer “Normalos”), bist du nicht wirklich angesehen. Auf der anderen Seite sehe ich verdreckte Wohnwagensiedlungen, und Haeuser, vor deren Tueren sich der Muell gen Himmel stapelt und welche so aussehen, als ob sie bald zusammenfallen wuerden. Ich glaube, daran laesst sich, speziell in meiner Region, sehr gut erkennen, wer woher und mit wieviel Geld kommt.
Am meisten erschreckt, hat mich der Fakt, dass jeder Bewohner in unserem Heim einen eigenen Fernseher in seinem Raum hat und auch fast jeder ein Handy besitzt.
Dies liess mich darueber nachdenken, was wir in unserem Leben wirklich brauchen, was also die Grundbeduerfnisse in unserer GEsellschaft sind und sein sollten…! Wenn man dabei einen Fernseher und ein Handy vor einem eigenen Platz zum Schlafen eingliedert, ist es kein Wunder, warum manche Leute fuer Jahre hier sind. Das Geld, welches sie monatlich in ihre Telefonrechnungen stecken, koennten sie getrost fuer eine eigene Wohnung zuruecklegen und dann waeren sie in 2,3 Monaten wieder zurueck in einem kleinen schoenen “Development”!
Aber ich denke, solange sie das nicht verstehen, wird es fuer sie sehr schwer wieder fuer laengere Zeit auf eigenen Fuessen stehen zu koennen.
Nach diesem kleinen Einwurf moechte ich euch noch erzaehlen, was passierte, als ich mit den Bewohnern der Farm ein Theaterstueck aufziehen wollte!
Nachdem mir meine ehemalige Englisch- Lehrerin Frau Schindler (Danke nochmals!!!!) ein englisches Theaterstueck in die Staaten geschickt hatte, konnte ich ca. 5 Wochen vor Weihnachten mit den Proben zu unserem ultimativen Weihanchtstheater beginnen. Es stellte sich heraus, dass aussergewoehnlich viele Leute daran interessiert waren, mitzuwirken.
Als ich die Rollen des Stueckes von 30 auf 15 gesundgekuerzt hatte, verteilte ich die Rollen und jeder machte sich “scheinbar” sofort daran ihren Text zu lernen. Und es war wirklich nicht viel, da der Umfang des gesamten Stueckes ja nur gute drei Seiten betrug.
Anfangs wollte ich die Bewohner nicht zu sehr nerven und deswegen setzte ich nur eine Probe pro Woche an aber es stellte sich sehr schnell heraus, dass die Bewohner mit “Text lernen” nicht besonders viel am Hut hatten und auch nicht sonderlich motiviert waren. Und dabei wollte ich das Theaterstueck fuer sie inszenieren. Nicht fuer mich, um zu zeigen, was fuer ein toller Direktor ich bin, sondern fuer die Bewohner!
Damit sie den Applaus ernten und sehen koennen wie es ist, fuer etwas gewuerdigt zu werden. Viele von ihnen haben dieses Gefuehl “Wuerde” naehmlich schon vor langer Zeit verloren.
Aber durch unglueckliche Zufaelle sollte ich in den naechsten 2 Wochen verschiedene Bewohner durch Umzug oder einfach nur Rausschmiss verlieren und so musste ich die Rollen immer und immer wieder neu verteilen bis am Ende jeder 2 Rollen hatte. Zudem kam noch, dass ich ziemlich oft mit den Gefuehlsschwankungen meines Hauptdarstellers kaempfen musste, was mich auch viele Nerven gekostet hat. Auf jedenfall wurde der Zeitdruck am Ende immer grosser und als dann ein paar Tage vor Weihnachten wieder verschiedene Leute der Farm verwiesen wurden, musste ich meine Theaterprojekt leider sterben lassen.
Um meinen Bericht abzurunden, werde ich ihn mit einem Zitat von Albert Schweitzer enden lassen!
“WER DIE AERMSTEN DIESER WELT GESEHEN HAT, FUEHLT SICH REICH GENUG ZU HELFEN.”
. . . und Kerzen anzuzuenden . . .
euer Friedrich Sulk
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