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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.
„Ich war nicht von Anfang an so dankbar“
Rieke Flesch berichtet, wie sie ihren Freiwilligendienst in einem Heim für suchtkranke Frauen erlebt und wie sie mit Schwierigkeiten umgegangen ist. (November 2006)
Lieber Unterstützerinnen und Unterstützer,
bevor ich mit dem Bericht anfange, möchte ich mich erstmal bei Euch allen ganz herlich bedanken, dass Ihr mir dieses Jahr ermöglicht habt und ich so viele verschiedene Erfahrungen machen kann!!!
Ich war nicht von Anfang an so dankbar ;-), aber ich kann jetzt schon sagen, dass ich viele Erfahrungen gemacht habe und hoffentlich noch machen werde, die mir sehr viel bedeuten !
In diesem Bericht werde ich versuchen Euch einen kleinen Einblick in meine bisherige Zeit hier zu ermöglichen…es ist schwer sich kurz zu fassen, weil ich hier soviel erlebe…aber ich werde mein Bestes geben ;-).
Ausreisekurs
Ausreisekurs in Deutschland
Mein „Freiwilliges Soziales Jahr“ begann offiziell am 1. Juli 2006 in Staudernheim bei Odernheim an der Glan, mit dem Zug ungefaehr 1 ½ Std. hinter Köln.
Der Ausreisekurs war aufgeteilt in 2 Wochen. Die erste Woche haben wir auf einem Bauernhof in Staudernheim verbracht und die zweite Woche in der Geschäftsstelle von Eirene in Neuwied.
Wir waren eine Gruppe von ca. 15 Jugendlichen, die sich später nach Irland, Nordirland, Belgien und Amerika aufteilen sollte.
Wir hatten speziell in der ersten Woche ein volles Programm und wurden an drei Einheiten pro Tag sorgfältig auf unseren Dienst vorbereitet.
Für mich war auch ein Treffen mit unseren Paten sehr wichtig. So konnten wir uns noch intensiver ganz länderspezifisch auf unseren Aufenthalt vorbereiten.
Ich habe aus dieser Zeit sehr viel über interkulturelle Unterschiede mitgenommen, und festgestellt wie eingeschränkt man selbst auf seine eigene Kultur bezogen ist und fremde Situationen schnell nur aus seiner eigenen Sicht bewertet.
Außerdem habe ich viele nette Leute kennengelernt. Für mich war es aber auch sehr wichtig, die drei anderen Amerika Freiwilligen kennenzulernen, mit denen ich ja so einiges in dem kommenden Jahr zu tun haben würde. So war ich natürlich erleichtert, als ich bemerkt habe, dass wir uns alle sehr gut verstanden .
Zurück in Recklinghausen
Nach zwei Wochen hieß es dann noch einmal zwei Wochen Ruhe, Vorbereitungen und Abschied von zu Hause.
Diese Zeit war sehr wichtig für mich, weil ich versucht habe, möglichst viel Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir sehr wichtig waren bzw. auch noch sind ;-).
Außerdem haben T. und ich zu guter Letzt auch noch eine Gartenfete mit vielen Freundinnen und Freunden gefeiert.
Dann war es soweit, der letzte Abend…ich habe noch einmal alle Freundinnen verabschiedet …mit Mama und T. in Ruhe gegessen und dann musste ich, leider Gottes, noch ca. drei Stunden mit T. meine restlichen Sachen packen…nach einer Stunde Schlaf ging es dann morgens um 4h los…
Um 6:30h saß ich dann mit H., meiner Mitstreiterin ;-) am Gate und wir wussten gar nicht, was wir so denken und fühlen sollten, da wir absolut nicht das Gefühl hatten, für ein Jahr zu „verreisen“ .
Orientation in New Windsor, Maryland
Nach einer ca. 14 stündigen Reise mit Zwischenstopp in Dänemark kamen wir dann um 17h in Washington D.C. an.
Freudig wurden wir von unseren Teamleiterinnen empfangen. Wir holten den dritten Deutschen in Baltimore ab und durften dann auch schon die erste typisch amerikanische Luft in einem Fast Food Restaurant schnuppern ;-).
Die ersten Tage waren für mich sehr anstrengend, weil auf einmal soviel Englisch gesprochen wurde ;-)…nein, hauptsächlich, weil ich unter einem Jetlag gelitten habe. Hinzu kamen die klimatisierten Räume der Amis. Die Innenräume waren auf ca. 20° C herunter gekühlt und draußen war eine brütende Hitze von ca. 32 - 35° C, da zu dieser Zeit eine Hitzewelle an der Ostküste herrschte.
Zu Beginn war es mir wirklich ein Rätsel wie man sich daran gewöhnen konnte, aber es
geht !
In den drei Wochen habe ich zusammen mit einer sehr netten Amerikanerin in einem Zimmer gewohnt, die sich am Ende für ein „Freiwilliges soziales Jahr“ bzw. zwei in Ungarn entschieden hat.
Dieser Ausreisekurs hat sich erheblich von dem in Deutschland unterschieden.
Die Wege, uns Jugendliche auf unseren Auslandsdienst vorzubereiten waren grundlegend unterschiedlich.
Während Eirene versucht hat uns auf neue Kulturen, mögliche Kommunikationsprobleme, Fettnäpfchen und unterschiedliche Gefühlsphasen vorzubereiten, ging es BVS (Brethren Volunteer Service) ziemlich ausschließlich darum, die Verbindung zu Gott zu stärken und natürlich ein für uns geeignetes Projekt zu finden.
Das sollte wahrscheinlich unsere Basis für die kommenden Erfahrungen bilden, aber da ich z.B. mit dem Erlernen von Gebetstechniken nicht wirklich etwas anfangen konnte, habe ich schon die eher lebenspraktischen Vorbereitungen vermisst.
Aufgrund der Vorbereitungen durch Eirene fehlte mir aber zum Glück am Ende „nichts“.
Ich muss jedoch sagen, dass wir unglaublich nette Leiterinnen hatten, die uns sehr bei unserer Projektwahl unterstützt haben, so dass alle das bestmögliche Projekt für sich finden konnten.
Mit Step 2 habe ich nach 2 Wochen dann auch mein Wunschprojekt bekommen.
Ich bin in den drei Wochen trotzdem oft an meine Grenzen gestoßen, weil mich der sehr starke Bezug zu Gott und somit meiner Meinung nach auch die eingeschränken Problembetrachtungen zunehmend zur Weißglut getrieben haben.
Trotz der eigenen Überzeugung der Amerikaner war es aber schön festzustellen, dass sie der neuen Kultur sehr offen gegenüber standen und andere Ansichten akzeptieren konnten.
Ich habe in der Zeit viel gelernt und nette Amerikaner und Amerikanerinnen getroffen, mit denen wir in unserer Freizeit sehr viel Spaß hatten, sodass dann der endgültige Abschied für ein halbes Jahr – bis zum Zwischenseminar - uns allen sichtlich schwer fiel.
Aufbruch nach Reno, Nevada
Am 18. August sollte es dann für mich nach einer 8-stündigen Reise mit Zwischenstopp in Indianapolis und Las Vegas „Hello Reno“ heißen.
Ich war mit voller Überzeugung und Vorfreude auf den Weg in meine neue „Heimat“ und mein neues Projekt gestartet, die dann erstmal für einen längeren Zeitraum schnell zerstört werden sollte.
Auf meiner Reise nach Reno sollte sich aber erstmal zeigen, dass sich eines der klischeehaften Vorurteile, über die wir auf dem Ausreisekurs in Deutschland gesprochen hatten, tatsächlich bestätigte ;-).
So bekam ich in Indianapolis einen sehr geschwätzigen Mann, schätzungsweise Mitte 40, als Sitznachbarn. Nach unserem vierstündigen Flug nach Las Vegas (nach ca. 1 1/2 Stunden habe ich mich weitgehend erfolgreich schlafend gestellt ;-)) kannte ich so ziemlich vollständig seine ganze Lebensgeschichte…seine Arbeit – seine Familie - die Lage seiner Häuser – seine Boote und, und, und…
Ich wette, obwohl er mir vieles mit Bildern zu belegen versuchte, mindestens die Hälfte davon war erfunden. Aber das Beste war, dass er nach kurzer Zeit schon unseren gemeinsamen Skiurlaub geplant hatte, den er natürlich großzügig bezahlen wollte.
Naja, wie ich es ja schon gelernt hatte…ich habe nie wieder etwas von ihm gehört .
Angekommen am Flughafen wurde ich dann von meiner zukünftigen Mitbewohnerin und meiner Chefin abgeholt. Dort sollte ich die erste Überraschung erleben…
Am Telefon wurde meiner Orientation-Leiterin gesagt, dass ich in einem Haus mit Freiwilligen leben sollte. Am Flughafen wurde ich aber direkt gefragt, ob ich etwas gegen Hunde hätte, da ich, statt mit anderen Freiwilligen mit einer Arbeitskollegin (Ende 40) und Ihren 2 Hunden zusammen wohnen sollte. Es gab nie ein Freiwilligenhaus und ich weiß auch nicht, wie dieses Missverstaendnis zustande kommen konnte.
So habe ich in den ersten Tagen in einem Apartment meines Projekts gewohnt.
Nach ein paar Tagen sollte ich dann in das Haus, in dem ich fuer das Jahr wohnen sollte, umziehen. Das gestaltete sich jedoch etwas schwierig.
S. ist nicht wirklich eine Umzugskuenstlerin ;-). Sie hat es geschafft, das grosse Haus mit all Ihren Sachen zu belagern, so dass der Zustand wirklich unbewohnbar war.
Im Laufe der ersten Woche beschloss sie jedoch, dass das Haus jetzt „umzugsbereit“ sei.
Als ich dann eines Abends bei völliger Dunkelheit mit Sack und Pack ankam, sollte ich mir einen Raum aussuchen, den ich dann in den naechsten Tagen einzugsfaehig machen sollte. Fuer die erste Nacht konnte ich jedoch erstmal meinen Schlafplatz auf dem Boden suchen. Zudem erwaehnte S., dass sie mir ein bestimmtes Zimmer nicht empfehlen wuerde, weil Sie das Gefuehl hatte, dass neben an Drogendealer wohnen. Tatsaechlich hat mir eine Klientin letzte Woche eroeffnet, dass sie genau in diesem Haus oft zu Besuch war, um „Sessions“ zu halten. Bis jetzt habe ich persoenlich aber noch keine schlechten Erfahrungen mit diesen Nachbarn gemacht.
S. konnte in dieser Nacht nicht da sein, da sie Nachtdienst hatte. Ich hatte dieses Haus und dessen Umgebung noch nie am Tag gesehen…
Damit war es um mich geschehen und ich habe den Umzug abgebrochen und eine weitere Woche im Apartment gewohnt.
Mein Haus hat sich aber, nachdem es aufgeraeumt wurde und ich auch die Umgebung bei Tageslicht gesehen habe, als mein „Glueck“ herausgestellt, weil ich direkt gegenueber der Uni wohne und somit sehr zentral in Reno.
Mein Projekt
Mein Projekt ist eine „non profit organization“, wie jedes Projekt, in das Freiwillige gehen können.
Das Projekt besteht aus drei Zweigen mit jeweils unterschiedlichen Standorten.
Wir haben eine „Administration“ (Verwaltung), das „Residentialhouse“ und das „Lighthouse“.
Das „Administration Office“ ist relativ uninteressant für mich, weil dort nur die Organisation etc. der zwei Häuser durchgeführt wird.
Mein hauptsächlicher Arbeitsplatz ist das „Residentialhouse“.
Hier wohnen maximal 16 suchtkranke Frauen. Sie sind drogen-, alkohol-, oder tablettenabhängig.
Bei der Aufnahme werden Schwangere oder Frauen mit Kindern bevorzugt. Es ist sehr unterschiedlich, wie die Frauen in unser Programm kommen.
Manche kommen aus eigenem Willen heraus, manche werden vom Gericht vor die Wahl gestellt, ob sie ins Gefängnis oder in Behandlung gehen wollen, manche kommen direkt aus dem Gefängnis und andere kommen zu uns, weil sie kein Zuhause haben und keine andere Möglichkeit für ihr Leben sehen.
Das Programm im „Residentialhouse“ ist auf ca. 3 Monate ausgelegt.
Den Frauen wird in dieser Zeit ein Counselor (Beraterin) zur Seite gestellt, die den Behandlungsplan erarbeitet und ihr Leben für die Zeit zu organisieren versucht.
Außerdem müssen sie 25 Stunden in der Woche an Gruppen teilnehmen, wie z.B. Rückfall- prävention, Suchterziehung, häusliche Gewalt, Familiendynamik, Wutkontrolle, gesunde Beziehung etc.
Jede Frau hat bei uns die Möglichkeit das Haus zu verlassen und somit das Programm abzubrechen, wann immer sie will. Außer gutem Zureden können wir nichts machen und müssen jede gehen lassen, egal, ob sie zwei Tage lang da waren oder kurz vor’m Abschluss stehen.
Nach einem erfolgreich abgeschlossenen Programm kann jede Klientin entscheiden, wie es für sie weitergeht. Manche werden „outpatient“. D.h., sie nehmen ihr Leben wieder alleine in die Hand und gehen arbeiten, verpflichten sich aber noch, Drogentests bei uns durchzuführen und eine psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen.
Viele sind aber nach dieser Zeit noch nicht soweit, ihr Leben wieder alleine in die Hand zu nehmen und haben auch oft kein Geld für eine Unterkunft, so dass sie die Möglichkeit unseres letzten Zweiges nutzen: das „Lighthouse“.
Das „Lighthouse“ sieht aus wie ein kleiner Ferienkomplex. Wir haben ca. 20 Häuser (1-3 Raum Häuser), die halbmondförmig um eine Verwaltung herum gebaut sind.
Das Programm dort dauert ungefähr ein Jahr und soll jeder Frau die Möglichkeit geben ein eigenständiges Leben aufzubauen.
Die meisten Frauen bekommen nach einem geringen Zeitraum im „Lighthouse“ ihre Kinder aus Pflegeheimen oder -familien zurück und müssen erst einmal das Leben mit ihnen neu organisieren.
Auch im „Lighthouse“ müssen sie an einer geringen Anzahl an Gruppen teilnehmen. Außerdem werden sie speziell in ihrer Zukunftsplanung unterstützt, das heißt, entweder bei der Jobsuche oder bei der Wahl eines geeigneten Studienfaches.
Während der ganzen Zeit bei Step 2 werden alle Klientinnen auch von einer Psychologin betreut.
Ein erfolgreicher Abschluss nach dem kompletten Step 2 Programm sieht vor, dass die Frauen in der letzten Phase im „Lighthouse“ Zeit haben, um Geld für eine spätere Unterkunft anzusparen, sodass sie dann in der Lage sind mit eigener Wohnung und geeignetem Job ihr selbstständiges Leben zu beginnen. Sie haben aber immer die Möglichkeit, noch einmal „outpatient“ zu werden und weiterhin Gruppen zu besuchen, um auch diesen neuen Schritt begleitet zu wissen.
Meine Arbeit
Ich bin mit der Information in das Projekt gegangen, dass meine Arbeit zu 80% aus der Arbeit mit Kindern bestehen und der Rest Büroarbeit sein sollte.
Leider ebenfalls eine Fehlinformation.
Meine Arbeit besteht daraus, dass ich 37 Stunden in der Woche im Büro arbeite und 3 Stunden in der Woche Kinder betreue.
So verbringe ich die meiste Zeit im „Residentialhouse“ und habe die Aufgabe einer Sekretärin.
Am besten kann ich meine Arbeit erklären, indem ich einfach einen Arbeitstag beschreibe.
Ich werde morgens um 7:20h von unserem Van Driver, abgeholt ;-).
Meine Schicht beginnt um 7:30h mit dem Zählen der Medikamente.
Wir müssen alle Pillen per Hand zählen, weil unsere Organisation vorgibt kein Geld für eine Zählmaschine zu haben. Je nach Menge der Pillen brauchen wir dafür 15 Minuten bis 1 Stunde.
Danach beginnen die „morning office hours“. In dieser Zeit haben die Klientinnen die Möglichkeit „business calls“, Kopien etc. zu machen.
Von 9h-12h sind die Frauen in ihren Gruppen und ich erledige, was so alles zu erledigen ist. Ich muss z.B. die Notizen der Klientinnen, die sie in jeder Gruppe anfertigen müssen, sortieren und den Counselorn geben.
Außerdem mache ich die „Bestandsaufnahme“ mit neuen Klientinnen, was manchmal wirklich erschreckend ist. Manche Frauen kommen mit einer Tasche und sind gerade mit all ihrem Hab und Gut aus Ihrer Wohnung ausgezogen.
Wenn jedoch keine extra Arbeit anfällt sitze ich die meiste Zeit herum, surfe im Internet, nehme Telefonanrufe entgegen und warte auf Klientinnen, um einen Drogentests durchzuführen.
Jede Klientin, die bei uns wohnt oder „outpatient“ ist, muss sich mindestens dreimal in der Woche einem Drogentest unterziehen.
Drogentest hört sich ganz groß an, ist es aber nicht ;-). Ich gehe lediglich mit den Frauen auf die Toilette und überprüfe mit einer Art Schwangerschaftstest, ob sie positiv oder negativ sind. Am Anfang war es gewöhnungsbedürftig, aber jetzt ist es schon zum Alltag geworden und es gibt nur wenige unangenehme Situationen.
Gegen 12h wird es dann noch einmal lebendig, weil dann unsere „noontime office hours“ sind.
Um 14h muss ich dann wieder mit der Wechselschicht die Medikamente zählen…
Gegen 16:30h werde ich dann von T. abgeholt und zum „Lighthouse“ gefahren. Dort betreue ich mit einer älteren Dame die Kinder für eine Stunde, während die Eltern in Ihren Gruppen sind.
Ich kann leider nicht behaupten, dass ich hier meine Wunscharbeit gefunden habe. Das letzte, was ich immer machen wollte, war Büroarbeit.
So kam es dann auch, dass ich nach einem Monat den Kontakt zu meiner Organisation aufgenommen habe, weil ich das Projekt wechseln wollte.
Nach den Gesprächen mit meiner amerikanischen Organisation ist mir aber deutlich geworden, dass die anderen Projekte auch nicht mehr wirklich meinen Vorstellungen entsprachen, weil ich z.B. nirgendwo in einer Freiwilligen WG gewohnt hätte, was ein sehr wichtiges Kriterium für ein neues Projekt gewesen wäre.
Außerdem habe ich langsam meine Schwerpunkte verlagert und auch gute Seiten an meiner Situation hier in Reno entdeckt.
Zusammengefasst bedeutet das, dass ich bemerkt habe, dass ich aufgrund meiner Bekanntschaften und der guten Lage von Reno meine Freizeit sehr interessant und frei gestalten kann, was längst nicht in jedem Projekt möglich wäre.
Außerdem habe ich im „Residentialhouse“ nette Arbeitskolleginnen und eine unglaublich hilfsbereite Betreuerin.
Sie selbst ist so entsetzt darüber gewesen, dass die Chefs von Step 2 sich nicht um mich und meine Angelegenheiten kümmern, dass sie es sich jetzt „zur Aufgabe gemacht“ hat mir soviel wie möglich zu helfen.
D.h. zum Beispiel, dass ich das komplette Thanksgiving Wochenende frei bekommen habe, um nach Las Vegas zu reisen. Normalerweise arbeiten gerade die Freiwilligen an Feiertagen.
Für mich bedeutet das, dass ich mehr Verantwortung in bestimmten Bereichen bekomme und Überstunden für mehr Urlaubstage sammeln kann . Überstunden als Urlaubstage zu bekommen ist auch nicht selbstverständlich für Freiwillige, weil viele Organisationen erwarten, dass man Ihnen das Jahr nahezu komplett widmet.
Meine drei Stunden Kinderbetreuung gefallen mir sehr gut. Ich hatte zwar erwartet, dass es einen organisierten Kinderbereich gibt und alles professioneller vonstatten geht, aber ich habe trotzdem viel Spaß mit den Kindern.
Es ist vor allen Dingen schön, dass es eine große Altersspanne zwischen den Kindern gibt, sie sind ein paar Wochen bis ca. 11 Jahre alt.
Mit der Zeit wird es immer schöner dorthin zu gehen, weil die Vertrautheit zunimmt …was natürlich auch bedeutet, dass die Kinder sehr ehrlich mit mir sind und mir manchmal vorhalten, dass ich doch sehr witzig spreche !
Meine Freizeit
…der wahrscheinlich wichtigste Teil meines Jahres hier…
Wie ich ja schon erwähnt habe, ist meine Freizeitgestaltung der entscheidende Punkt, der mich von einem Projektwechsel abgehalten hat, da ich mir nicht vorstellen konnte, noch einmal bei Null an einem anderen Ort anzufangen.
Nachdem ich mich am Anfang hier ziemlich einsam gefühlt habe, weil ich keine Leute in meinem Alter kannte und auch keine anderen Freiwilligen hier waren, habe ich mir inzwischen einen sehr schönen Bekanntenkreis aufgebaut.
Jeden Donnerstagabend besuche ich „Chi Alpha“, eine Christengruppe. Eigentlich wollte ich nach der Orientation erstmal auf Abstand zu dem starken Lebensbezug zu Gott gehen… aber das sollte wohl nicht so sein ;-).
Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich in dieser Gruppe sehr schnell als ein selbstverständliches Mitglied aufgenommen wurde und ich hatte auch schnell das Gefühl ihnen trauen zu können. Das war nicht bei allen meinen Begegnungen so.
Meine Wochenendplanung entwickelt sich meistens auch Donnerstagsabends, weil wir dann immer überlegen, was wir so machen können. Wir waren schon zusammen zum Nachtwandern, im Kino, haben Spieleabende gemacht oder einfach nur zusammen herumgehangen.
Was wohl die ganze Zeit für mich etwas ungewöhnlich bleiben wird ist, dass ich in meinem „Erwachsenendasein“ hier etwas zurückgestuft bin ;-)…so kann ich meistens nicht in öffentliche Bars oder Diskos mitgehen.
Bei den „Christen-Leuten“ ist das nicht so schlimm, weil sie nicht trinken und auch nicht ausgehen.
Ich habe aber auch über ein Mitglied von Chi Alpha deutsche Studenten kennengelernt, mit denen ich ab und zu etwas unternehme, u.a. gehen wir zusammen auf Reisen . Bei denen muss ich dann leider manchmal passsen, weil ich unter 21 Jahren keine Chance habe.
Aber da ich weiss, dass diese Einschränkung nur ein Jahr währt, habe ich damit nicht wirklich ein Problem, auch wenn ich mich jetzt schon wieder auf Diskos und Cocktails freue .
Bei meiner Arbeit gewinne ich inzwischen immer mehr eine junge Mitarbeiterin als „Freundin“. Wir verstehen uns prima und können uns insbesondere sehr gut über unsere Arbeit und unsere Chefs auslassen.
Mit M. habe ich z.B. auch die Möglichkeit bekommen an einem verfrühten, aber trotzdem traditionellen Thanksgiving Dinner teilzunehmen.
Sonst treffe ich immer mal wieder neue Leute, mit denen ich mal was unternehme, aber oft auch wieder aus dem Auge verliere.
Ich bin auch sehr froh, dass ein paar von meinen „Freunden“ Ski- oder Snowboard fahren und wir uns schon zu gemeinsamen Ausflügen verabredet haben . Die Skigebiete sind nämlich nur eine halbe Stunde von Reno entfernt.
Ja, zu guter Letzt belege ich z.Zt. auch noch zweimal die Woche einen Englischkurs. Es ist schön, einfach mal nur Studenten um sich herum zu haben und einen Kurs zu belegen, für den ich nicht viel machen muss, aber trotzdem etwas lerne .
Ich merke aber zunehmend, dass ich einfach mal eine Zeit brauche, in der ich nichts mache, was irgendwie mit Schule zu tun hat, sodass ich keinen Englischkurs im 2. Semester belegen werde .
Meine Wohnung und meine Mitbewohnerin
Jetzt wisst Ihr schon sehr viel über mein Leben hier Bescheid, aber ich habe noch nichts zu meiner Wohnsituation gesagt.
Ich wohne für eine Freiwillige sehr luxuriös. Meine Organisation hat ein Haus gegenüber der Uni, was ursprünglich auch für Klientinnen gedacht war.
Da jedoch die die Rückfallquote der Klientinnen dort sehr hoch war, da sie zu sehr auf sich alleine gestellt waren, wurde dieses Haus für sie erst einmal gestrichen und mir und S. als Wohnmöglichkeit zur Verfügung gestellt.
Das Haus besteht aus 4 Zimmern, 2 Bädern, einem großen Wohnzimmer und Esszimmer, einer großen Küche und einem 2- Zimmer Apartment mit Bad.
In dem Apartment wohnt S.. Wir teilen uns aber trotzdem Küche und Wohnzimmer.
Ich habe mein eigenes Bad und ein schönes, helles Zimmer zum Hintereingang heraus, wo wir einen kleinen Vorgarten haben.
Das Haus ist für zwei Leute wirklich viel zu groß, aber ich fühle mich dort sehr wohl und bin froh, auch Rückzugsmöglichkeiten zu haben.
Erlebnisse
Zum Schluss möchte ich Euch noch einen Einblick in Erlebnisse geben, die ich hier schon hinter mich gebracht habe.
Bei den Situationen, die ich bei der Arbeit erlebe, habe ich oft das Gefühl ein kleines naives Mädchen zu sein, was in irgendeiner Oase aufgewachsen ist, weil es manchmal für mich einfach unglaublich ist, was hier passiert.
An meinem 2. Tag in Reno habe ich z.B. miterlebt, wie eine Klientin Ihre ca. 5 Kinder „entführt“ hat.
Die Kinder lebten in einem Kinderheim und waren für ein paar Stunden am Wochenende zu Besuch. Diese Chance wollte sie nutzen, um mit Ihnen über die mexikanische Grenze zu flüchten und sie dann wieder für sich zu haben. Wir haben den Fluchtversuch bemerkt, als die Kinder abgeholt werden sollten, aber nicht mehr da waren. Ihr Versuch ist aber gescheitert.
Diese Frau ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie das Leben bei unseren Klientinnen sein kann. Sie ist Ende 30 und jetzt mit Ihrem 9. Kind schwanger, aber auch schon mehrfache Großmutter von ihren schon älteren, aber noch jugendlichen Kindern.
In der letzten Woche hatte ich die erste Situation, in der wir eine Klientin aus dem Programm werfen mussten, weil sie rückfällig geworden ist und heimlich getrunken hat.
Wir haben Hinweise von anderen Klientinnen bekommen und daraufhin eine Wodkaflasche in ihrem Zimmer gefunden.
Als wir sie mit dem Verdacht konfrontierten, hat sie alles bestritten, selbst, als ich einen Alkoholtest mit ihr gemacht habe und die Zahl 0.25 erschien. Das duerften ca. 2,5 Promille sein. Natürlich war das Gerät ihrer Meinung nach kaputt. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir dann noch einen Test gemacht, bei dem sich nach Alkoholgenuss Kristalle verfärben. Natürlich haben sich auch diese Kristalle verfärbt.
Nach diesem Beweis konnte sie es dann nicht mehr leugnen und ist vor Ärger über sich selbst in einen Heulkrampf ausgebrochen. Wir hatten alle Mitleid mit ihr, weil sie eine sehr nette und angenehme Klientin war.
Allerdings sollten alle Symphatien schnell vergehen…
Als sie wenig spaeter Step 2 verlassen hat, gab sie einer anderen Clientin, die ebenfalls Alkoholikerin ist, ihre Wasserflasche, die alle Klientinnen von Step 2 bekommen.
Dort war Orangensaft drin. Nach kurzer Zeit erschien diese Klientin völlig aufgelöst im Büro, weil in dem Orangensaft Wodka war. Zum Glück hatte keiner etwas davon getrunken, aber es war offensichtlich, dass die andere Klientin sie oder eine andere Frau mit in ihr Unglück ziehen wollte.
Das waren jetzt zwei Beispiele von vielen verschiedenen, die ich hier gemacht habe.
Ich muss aber sagen, dass ich sehr positiv überrascht bin, wie ich hier akzeptiert werde, trotz des meist sehr großen Altersunterschieds.
Ich werde, wie auch die anderen Client Advocates, um Erlaubnis etc. gefragt und, wenn ich etwas verbieten muss oder auf Grenzen hinweise, wird es auch akzeptiert, wenn auch nicht immer mit Freude ;-).
Ich hatte in meiner ganzen Zeit erst eine Situation hier, in der eine Klientin sehr unhöflich geworden ist und versucht hat, mich als inkompetent darzustellen, weil ich ihr nicht den Film gegeben habe, den sie wollte, da ihre Kinder zu jung waren.
Naja, jetzt ist sie auch sehr nett zu mir, weil sie erstmal einen auf den Deckel ;-) bekommen hat von ihrer Beraterin.
Diese Akzeptanz liegt wohl auch sehr stark daran, dass die Klientinnen wissen, dass alle meine Kolleginnen hinter mir stehen.
So, jetzt bin ich am „Ende“ angekommen. Ich könnte noch soviel mehr schreiben, weil in drei Monaten im Projekt natürlich sehr viel passiert, aber das würde den Rahmen eindeutig sprengen.
Ich hoffe, ich konnte Euch einen kleinen Einblick in mein Leben hier geben?!
Vielen lieben Dank nochmal für Eure Unterstützung!!!
Alles Liebe und Gute
Eure Rieke
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