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Zusammenfassung der letzten drei Berichte

Stephan Pickl reflektiert über seine Zeit in Pennsylvania und Washington D.C. (November 2005)

Stephan Pickl              

Zusammenfassung der letzten drei Berichte, November 2005

 

Seit Sommer 2004 bin ich nun mit EIRENE und BVS in Pennsylvania, USA, und leiste den Freiwilligendienst in CentrePeace, einer Organisation, die Gefangene unterstützt, vor allem durch die Möglichkeit der Mitarbeit in einem Gebrauchtwarenladen für Möbel und Haushaltssachen. Meine Arbeitsschwerpunkte sind in der Werkstatt, an der Kasse und beim Preisauszeichnen. Vor allem die Werkstattarbeit macht mir Spaß. Was ich erst hier erlernt habe, ist das Flechten von Stuhlbespannungen, auf englisch Caning. Ursprünglich hatte ich mir erwartet, mehr im Bereich Training für die nach CentrePeace kommenden Gefangenen arbeiten zu können und dabei auch die Gelegenheit zu erhalten, meine Fähigkeiten in der Kommunikation und im Umgang mit Menschen zu verbessern. In CentrePeace ist alles recht locker, meine Rolle ist unklar bzw. ich falle instinktiv wieder in die alte Rolle. In der Werkstatt arbeite ich fast immer allein an meinem Möbelstück wie die Trainees an den ihren, lediglich beim Caning habe ich die Funktion, anzuleiten, zu lehren. So sehr ich die Arbeit in der Werkstatt als solches mag, war ich enttäuscht und habe mich im Frühsommer nach einem anderen, vorübergehenden Projekt umgeschaut, für zwei Monate in der Suppenküche der örtlichen Brethren Church in Washington gearbeitet, um Mitte August wieder nach CentrePeace zurückzukehren, um Begonnenes zu vollenden.

Während in der Suppenküche täglich aufgeräumt und saubergemacht wird, bleiben in CentrePeace in der Werkstatt und auf den Preisauszeichnungstischen die Sachen liegen, es gibt relativ wenig Ordnung. Mir ist es oft zu viel herumliegendes Zeug. Andererseits entstehen hier in CentrePeace wunderschöne Möbel aus den alten. Während in der Suppenküche ein tägliches Pensum zu erledigen ist und das Essen pünktlich um 12:00 fertig sein muß, dafür aber auch Feierabend ist zwischen zwei und drei, je nach Ablauf des Aufräumens, arbeite ich in CentrePeace dort weiter, wo ich am Vortag aufgehört habe und habe gleiche Arbeitszeiten von halbneun bis fast vier und das, auf eigenen Wunsch, um die BVS-Richtlinie 40 Stunden einzuhalten, an sechs Tagen die Woche. In beiden Projekten fühle ich mich anerkannt, mit Respekt behandelt, gut aufgehoben und geschützt.

Abends treibe ich einmal in der Woche Sport, helfe zuhause im Garten – CentrePeace hat über die Kirche immer wieder Privatunterkunft bei Familien für mich besorgt – , lese, fahre Rad und, last but not least, schreibe an meinen Berichten. Das Schreiben ist ein kleines Hobby geworden und die Schwerpunkte liegen, zur Freude mancher LeserInnen und zur Enttäuschung anderer, bei der Politik. Da gibt es Philosophieren im allgemeinen, die Alltagserlebnisse, die auf den Zustand der Gesellschaft zurückschließen lassen, die Rolle der USA in der Welt, die Fragen der Rassentrennung und – mein selbstgewählter Lieblingsschwerpunkt, der mit meinen Projekten nun ganz und gar nix zu tun hat – die Situation der Native Americans in den USA. Zum Glück wurde in Washington im Herbst 2004 das National Museum of the American Indian eröffnet. Es hat meinen Horizont wesentlich erweitert und mich zu einer ausführlichen Darstellung ermuntert.

Einige Gedanken aus dem Frühjahrsbericht: Die Küchenrezepte basieren nicht auf Gewichts-, sondern auf Volumenangaben. Und auch sonst gibt es zahlreiche andere Maße, da die USA das internationale System nicht angenommen haben: Grad Fahrenheit, Inch, Foot, Papierformat Letter, mmddjj-Datums und mehr. Die Fernzüge fahren oft nur einmal täglich (es läßt sich im Internet nachschauen. Nicht alle Menschen auf der Welt haben Internet) und China wird als aufsteigende Konkurrenzmacht gefürchtet. Die Innenseite der USA, bestehend aus viel Höflichkeit, Achtsamkeit, Hilfsbereitschaft, Zusammenhalten, Perfektionismus, Großartig-Sein-Wollen und Überängstlichkeit (etwa wenn mal 15 cm Schnee fallen) habe ich vor meiner Reise nicht als typisch USA gesehen. Die Außenseite ist der globale Machtanspruch und die Vermischung aus wirtschaftlichen Interessen und dem Predigen von Demokratie und Freiheit. Mein Zwischenresümee: nice and brutal, ein nettes und brutales Land, mehr nett nach innen und mehr brutal nach außen.

Einige Gedanken aus dem Sommerbericht: In einem Gespräch höre ich indirekt die Sehnsucht, mit Europa verbunden zu sein, von Europa anerkannt zu sein. Ich glaube, daß es ein Gespür dafür gibt, daß die Wurzeln fehlen, nicht deutlich, aber auf subtile Weise vorhanden. Als ich solches schrieb, hatte ich vergessen, daß dies so nur für die weiße angelsächsische Bevölkerung gilt, nicht die Schwarzen oder die Native Americans. Die sehnen sich nach ihren Wurzeln. Auf seiner CD beschreibt ein indianischer Liedermacher, den ich persönlich auf einem Powwow-Fest an seinem Stand getroffen habe, die Situation der indianischen Bevölkerung, die oft sehr verarmt lebt, aber auch nicht immer. Er nennt die politischen Gefangenen, Gandhi und Martin Luther King, den legeren Umgang mit der Zeit („indian time“), das Fehlen von Klopapier und die Alkoholabhängigkeit. Er fragt: Wie frei waren meine Leute? Wie frei ist der Wind? Wie frei ist ein Berg, ein Baum, eine Blume? Sie waren nicht frei. Sie hatten nichts, von dem sie frei sein konnten. Nun, ich bin zu der Meinung gekommen, daß der Begriff der Freiheit in der politischen Diskussion so schwammig und allgemein ist, daß er als solcher unbrauchbar ist. Anders, wenn es sich um einzelne Freiheiten handelt wie freie Rede, freie Versammlung, freie Berufsausübung.

Und schließlich noch was vom Herbstbericht: Die Reise im Juni war großartig, ich habe viel von den USA gesehen, New Orleans, bevor es überschwemmt wurde, und vor allem die Steppen- und Canyonlandschaft im Südwesten. In der Reisegruppe habe ich mich sehr wohlgefühlt, obwohl ich die meisten Unternehmungen auch hier allein erlebt habe. In Washington zu leben, war ein interessanter Gegensatz zu CentrePeace: mehr politische Gesprächsthemen, kritisches Radioprogramm, Großstadt, sehr heiß und schwül im Sommer, viel Rassengegensatz und Obdachlosigkeit. Und vor allem die kostenlosen Museen. In der Suppenküche, in der wir jeden Tag 50 – 100 Essen ausgegeben haben, war das Interessanteste die Aufgabe, Gruppen Jugendlicher zu führen, ihnen in geschickter Weise, nicht zu genau, aber genau genug, und so, daß sie es annehmen können, zu sagen, was sie tun sollen. Ein Lernfeld für mich, eine gute Erfahrung. Das American Indian Museum war mein Lieblingsmuseum. Anders als ältere Museen gibt es den Native Americans Stimme. Sie selbst stellen ihre Geschichte und Lebensrealität dar. Es ist kein Indian Holocaust Museum, was ich erst mit der Zeit akzeptieren konnte, sondern zeigt den Optimismus, in dieser Welt nicht nur physisch, sondern mit der ganzen Kultur zu überleben und den eigenen Weg zu gehen. Ein Zitat beschreibt, was Selbstbestimmung für die Native Americans bedeutet: „die Kontrolle über unser Leben und unser Land, die Kenntnis unserer Traditionen und das Verstehen der gegenseitigen Beziehungen und dabei auf dem Recht bestehen, die zu sein, die wir sind“.


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