Internationaler Christlicher Friedensdienst

"Gegen Wüste, Willkür und Wirtschaftskrise"

Autopromotion: Ein Programm zur Förderung selbstgetragener Entwicklung von Bäuerinnen und Bauern im Niger

Ein Projekt am Rande der Wüste

Als ein deutscher Journalist im Januar 1995 beim nigrischen Ministerium für Kommunikation einen Presseausweis beantragte, stellte ihm der Chef der Informationsabteilung das Papier höchstpersönlich aus. Der Grund: Die Regierung hatte schon monatelang keine Gehälter mehr bezahlt und die einfachen Beamten erschienen nur noch drei Tage pro Woche zur Arbeit. Mittwochs und Donnerstags waren die Minister und Staatssekretäre unter sich. Dieses Beispiel zeigt die katastrophale Wirtschaftslage des westafrikanischen Landes, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend verschlechtert hat.

Dürreperioden, der Preisverfall des wichtigsten Exportgutes Uran und die Abwertung der Landeswährung, die 1994 alle Importwaren von Seife über Benzin bis zu Medikamenten über Nacht doppelt so teuer machte, stürzten die Menschen immer wieder ins Elend. Nach wie vor gehört der Niger zu den ärmsten Ländern der Welt. 85 Prozent der sieben Millionen EinwohnerInnen arbeiten unter schwierigsten klimatischen Bedingungen in der Landwirtschaft, betreiben Viehzucht und bauen Hirse, Reis und Gemüse an.

In den dürregeplagten Regionen rund um die Wüstenstadt Agadez im Norden des Niger ist die Situation besonders hart. Dort engagiert sich EIRENE seit den schweren Hungersnöten vor über 20 Jahren in verschiedenen Projekten.

Die Tuareg: Die Leute des Schleiers

50 Prozent der Bevölkerung im Norden des Niger sind Tuareg, die ihren kargen Lebensunterhalt lange Zeit mit Salzhandel, Viehwirtschaft, bescheidenem Gartenbau und unblutigen Raubüberfällen sicherten. Seit Jahrhunderten züchten die Tuareg Kamele, Ziegen und Schafe und folgen ihrem Vieh auf der Suche nach Gras durch das öde Land.

Heute haben die Tuareg mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen, ihr Lebensraum und ihre Lebensweise als Tuareg sind bedroht. Willkürlich gezogene Staatsgrenzen schränken die Nomaden in ihren Wanderungen ein, die neu entstandenen Zollgrenzen erschweren ihnen den traditionellen Salzhandel. Nach der Unabhängigkeit 1960 förderte die nigerianische Regierung eine Entwicklungshilfe, die den Tuareg den Feldbau schmackhaft machen sollte. Viele Nomaden ließen sich nieder und waren nun als ethnische Minderheit leichter zu kontrollieren.

Die Tuareg begannen, verstärkt Landwirtschaft zu betreiben. Ihr Vieh graste Jahr um Jahr auf denselben Weiden - mit verheerenden ökologischen Folgen. Der Boden wurde überweidet, das Land versteppte und die Wüste dehnte sich aus. Bevölkerungswachstum und Klimaveränderungen trugen das ihre dazu bei.

Das Programm der "Autopromotion"

Die bisherige Entwicklungshilfe stülpte den Tuareg europäische Konzepte über, ohne Traditionen, Lebensweise und Werte des Volkes zu berücksichtigen. Das Ergebnis: Begonnene Projekte wurden nicht als etwas Eigenes akzeptiert und verliefen im Sand. Staudämme aus Lehm zerfielen, neuangelegte Brunnen versandeten.

EIRENE hat aus diesen Erfahrungen gelernt und verfolgt seit 1989 einen neuen Ansatz: Das "Programme d'appui à l'autopromotion paysanne, PAAP" (Programm zur Unterstützung der selbstgetragenen Entwicklung ländlicher Dorfgruppen). Ziel ist, die Landbevölkerung zu befähigen, ihre konkreten Probleme wahrzunehmen, eigenständige Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen. Mit Unterstützung von EIRENE wurden DorfberaterInnen ausgebildet. Die DorfberaterInnen arbeiten mit pädagogischer und fachlicher Beratung durch EIRENE-MitarbeiterInnen mit über 1.500 Familien zusammen, insgesammt 10.000 Personen, die in der Mehrzahl Tuareg sind. In den Gruppenversammlungen regen die DorfberaterInnen, auch "Animateure" genannt, die Mitglieder an, über ein anstehendes Problem wie die Bodenerosion nachzudenken, die heutige Situation mit früher zu vergleichen, um sich so über die Ursachen des Problems bewußt zu werden und darüber zu eigenen Lösungsvorschlägen für das Problem zu bekommen.

Diese Methode, die in den drei Schritten "Sehen - Urteilen - Handeln" vollzogen wird, wurde von dem brasilianischen Pädagogen Paulo Freire entwickelt und in Burkina Faso für den afrikanischen Kontext weiter ausgefeilt. Ihr großer Vorteil ist, dass sie die kulturellen Besonderheiten eines jeden Volkes berücksichtigt.

Das PAAP beitet insbesondere Hilfe in drei Bereichen an:

  1. Animation / Bewusstseinsbildung
  2. Kleinkreditvergabe, wo Eigenmittel nicht ausreichen (in Verbindung mit Weiterbildung hinsichtlich Beantragung, Verwaltung und Zurückzahlung der Kredite)
  3. Ausbildung (in Buchhaltung, Gesundheitsfürsorge, Tiermedizin und Umweltschutzmaßnahmen)

Kleine Dämme, große Wirkung

Viele Bäuerinnen und Bauern sind sich heute der Zerstörung ihrer Umwelt und deren Ursachen bewusst. Sie sehen, dass sich die Wasserreserven neigen, die Keimkraft des Saatgutes nachlässt, die Bäume absterben und sich die Bodenerosion weiterfrisst.

Mit dem Bau von sogenannten "Halbmonddämmen", die mit der Unterstützung des Projektes erstellt werden, wird erreicht, dass bei heftigen Regengüssen das Wasser gehalten werden kann. Es versickert und bringt die dort ausgebrachten Samen von Gras und Bäumen zum Keimen. Eines von verschiedenen Beispielen, wie im Rahmen des Projektes die Bodenqualität verbessert wird.

"Vor dem Bau dieser Dämme gab es hier keine Vegetation, wir Viehzüchter aber brauchen überall Grün für unsere Tiere und für unsere eigenen Bedürfnisse. Deshalb haben wir auf diesem Platz Halbmonddämme angelegt, damit hier wieder etwas wächst" sagt Ghabda Guida, Leiter einer landwirtschaftlichen Basisgruppe, mit der EIRENE zusammenarbeitet.

Bitte unterstützen Sie EIRENE mit Ihrer Spende, um die Fortsetzung dieses vielversprechenden Projektansatzes sicherstellen zu können. Herzlichen Dank!

Materialien zum Projekt

 

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