Dem Leben eine Chance geben- auch besonders Kindern, die HIV-Positv sind!
Das ist Zielsetzung der Organisation "Chance for life" in Bukarest, in der Almut Geiger arbeitet und sich dabei allerlei Herausforderungen stellen muss, die sie in ihrem 2. Rundbrief beschreibt (Februar 2007)
Liebe Freunde und Verwandte,
wieder einmal ist es Zeit für den nächsten Rundbrief und über die letzten drei Monate gibt es auch einiges zu berichten. Sowohl bei mir im Projekt als auch im Land selbst verändert sich gerade vieles – wenn auch in nicht ganz so rapidem Tempo wie erwartet. Doch der Reihe nach.
1.Vorweihnachtszeit im Projekt
Schon Anfang November fingen die Weihnachtsvorbereitungen bei Chance for life an. Vodafone, die Hauptspenderquelle von Chance for life, forderte von uns 1000 (!) Weihnachtszeichnungen an – handgemalt von den Aids kranken Jugendlichen aus Vidra. Die Idee dahinter war, ihren Angestellten eine Freude zu Weihnachten zu machen und natürlich zu zeigen, für wen Vodafone sich einsetzt. Vom Grundgedanken her eigentlich eine nette Geste, nur bedeutete das für uns, dass wir innerhalb eines Monat eine enorme Anzahl von Weihnachtszeichnungen anfertigen sollten (man bedenke: 1000 Stück mit 8-12 Jugendlichen innerhalb eines Monats). De fact haben wir also mit den Jugendlichen, die in Vidra Schulunterricht bekommen (Gruppe 2, das sind 7 Jugendliche) seit Anfang November bis zum 5. Dezember ununterbrochen Weihnachtsbildchen gemalt und der Unterricht ist während dieser ganzen Zeit ausgefallen. Letztendlich haben wir dann zwar doch nur um die 600 fertig bekommen, aber es wurde trotzdem so akzeptiert, worüber wir natürlich sehr erleichtert waren. Sobald wir die Weihnachtszeichnungen abgegeben hatten, ging es weiter mit dem Einstudieren eines Mini-Theaterstücks mit Tanz, welche wir uns beide selbst ausgedacht hatten. Mithilfe rumänischer Freiwilliger wurden die Aufführungen zu einem tollen Ereignis, das die Jugendlichen auch nicht so schnell vergessen werden. Bei dem Theaterstück spielten hauptsächlich Jugendliche aus Gruppe 2 mit, den Tanz leitete ein Mädchen aus Gruppe 1 (Gruppe 1 sind die geistig fitteren) an. Für die Jugendlichen aus Gruppe 2 war das Theaterstück schon eine kleine Herausforderung, weil sie viel Konzentration aufbringen mussten um ihren Text und die Bewegungsabfolge beim Tanz nicht zu vergessen. Zudem war unsere erste Aufführung in einem anderen Kinderheim in Bukarest vor einem fremden Publikum, was die meisten von ihnen noch nicht kannten. Doch trotz Lampenfieber lief alles glatt und die Stimmung danach, als wir zusammen mit den Heimkindern noch einige Spiele spielten, war sehr ausgelassen. Das Theaterstück führten die Jugendlichen bei der Weihnachtsfeier von Chance for life kurz vor dem 24. Dezember noch einmal auf und auch alle Mitarbeiter waren begeistert und gerührt.
Aber nicht nur in Vidra liefen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren; auch in der Fundatia, im Büro von Chance for life saßen Laura, die Freiwilligenkoordinatorin und eine Menge rumänischer Freiwilliger in jeder freien Minute am Tisch und bastelten „Felicitari“ (rum.=Weihnachtspostkarten), die Chance for life auf Bestellung verkauft um sich somit auch zu einem kleinen Teil selbst zu finanzieren und unabhängiger von Spendern zu werden.
Da wir alle unter enormen Zeitdruck standen, war die Stimmung dementsprechend angespannt und gedrückt. Gegen Ende hin waren alle ziemlich übermüdet, ausgelaugt und froh, dass endlich die Ferien begannen.
2.Wochenendlager mit den Special Needs Kids
– bis jetzt die größte Herausforderung
Nachdem wir die erste Theateraufführung hinter uns hatten, widmeten Heidi und ich uns fast ausschließlich der Vorbereitung eines Wochenendlagers mit den Special Needs Kids (SNK, die Jugendlichen, die am stärksten behindert und institutionalisiert sind). Ursprünglich wollten wir mit dem Rest der Jugendlichen auch ein Winterlager veranstalten, was im Endeffekt mangels Geld, Zeit und ausreichendem Personal allerdings zu einem Sonntagsausflug in die Berge zusammen schrumpfte. Doch immerhin haben wir überhaupt etwas Besonderes mit ihnen gemacht. Hätten wir tatsächlich zwei Lager hintereinander gemacht, wäre uns mit Sicherheit die Energie und somit auch ein klein bisschen die Motivation abhanden gekommen. Doch dem war ja nicht so.
Für das Winterlager mit den SNKs haben wir zusätzlich auswärtige Freiwillige angeworben, da sich von den rumänischen Freiwilligen nur drei finden ließen, die bereit waren mit diesen Jugendlichen auf Lager zu gehen. Somit bildeten wir eine Gruppe von 8 Freiwilligen (mit Heidi und mir eingeschlossen), 2 „Mamas“ (in Vidra angestellte Frauen, welche die Jugendlichen schon lange kennen), einem Arzt und einem Busfahrer und natürlich den 8 Special Needs Kids.
Schon am Donnerstag, dem 14. Dezember reisten die auswärtigen drei Freiwilligen (von denen auch eine andere EIRENE-Freiwillige, Julia aus Fagaras dabei war) an. Am darauffolgenden Tag fuhren wir 8 Freiwillige nach Vidra um die auswärtigen Freiwilligen mit den Jugendlichen bekannt zu machen. Wir setzten uns eine Weile alle zusammen in das „Spielzimmer“, welches ja de fact bis auf einen Fernseher leer ist, und zeigten
den Jugendlichen unsere mitgebrachten Gegenstände wie Luftballons, leere Flaschen, Bauklötze und warteten auf ihre Reaktion. Anschließend zogen wir acht uns in die „Schule“ von Vidra zurück und besprachen unsere Eindrücke, Befürchtungen und Ängste. Gerade für zwei Freiwillige war es das erste Mal, dass sie überhaupt Kontakt zu solchen Jugendlichen hatten, die nicht sprechen, aggressiv oder total in sich gekehrt sind und ein enormes Maß an Geduld brauchen. Wir besprachen das grobe Programm für dieses Wochenende und teilten jedem Jugendlichen einen Freiwilligen zu, was bedeutet, dass jeder „sein SNK“ hatte, um welches er sich primär gekümmert hat. Nach einem gemeinsamen Abend in Bukarest sind wir Freiwilligen am Samstag morgen in den Zug Richtung Predeal, einem Ort im Bucegi-Gebirge gestiegen und der Rest der Mannschaft ist mit dem Minibus losgefahren. Die Cabana (rum.= Hütte in den Bergen) lag wirklich sehr weit abgelegen, in einer Zone, in der es anscheinend noch Bären haben soll. Wir haben allerdings keinen gesehen.Gegen Mittag trudelten wir also alle dort ein und nach der Zimmerverteilung ging es erst mal zum Essen. Als einer der Jungs anfing seine gesamte Suppe im Raum zu verteilen und seine Nebensitzer schlug, fingen wir an zu ahnen, wie anstrengend wohl diese zwei halben Tage (eigentlich nur!) werden würden. Für alle Jugendlichen war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie das Gelände des Kinderheims in Vidra verlassen haben und mit Sicherheit auch das erste Mal, dass sie an zwei Tagen so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Der Großteil der Jugendlichen war sehr aufgeweckt und neugierig und wollte keinen Mittagsschlaf machen, sondern gleich die Gegend erkunden. Also machten wir uns auf zum Spiel- und Sportplatz und machten zudem anschließend einen kleinen Spaziergang, bei dem es zu einige Zwischenfälle kam. Ein Mädchen, welches im Rollstuhl sitzt, da sie - wahrscheinlich aufgrund spastischer Lähmungen - nicht mehr gehen kann, wollte permanent sich aus diesem befreien und man musste ständig aufpassen, dass sie nicht den Abhang hinunterkippt, weil sie sich so sehr im Rollstuhl bewegte. Ein Junge, welcher ständig masturbiert, setzte sich einfach mitten auf den Weg hin und war nicht mehr zum Aufstehen zu bewegen, was bei der zunehmenden Abenddämmerung gefährlich wurde, da doch ab und zu Autos vorbei kamen. Nachdem ihn eine der „Mamas“ dann endlich in die Senkrechte gebracht hatte, machten wir uns schleunigst auf den Heimweg. Das Abendessen lief wieder nach gleicher Prozedur ab, aber zum Glück waren die Jugendlichen danach doch bald so müde, dass sie ins Bett wollten. Wiederum ein Act: Windeln wechseln (ohne warmes Wasser!), Schlafanzüge, die irgendwo im Zimmer verteilt waren finden und anziehen, ins Bett stecken und hoffen, dass nicht gleich wieder jemand zu schreien anfängt weil er brechen oder aufs Klo muss. Als es dann ruhiger wurde, setzten wir uns noch zu einem Bier und „Mici“ (gegrillte, längliche Hackfleischstäbchen) unter dem eisigen Sternenhimmel zusammen. Nach einer sehr kurzen Nacht wurden wir dann schon wieder relativ früh am Morgen durch Gebrüll geweckt, weil die Holzöfen über Nacht ausgegangen waren und es somit relativ kalt in den Zimmern war, die Windeln voll waren und, und, und...Alle wollten natürlich gleichzeitig etwas von uns und am Anfang waren wir nur zu dritt wach. Nachdem nach und nach die anderen Feiwilligen auch aufgestanden waren, ging alles etwas einfacher und wir konnten frühstücken. Daraufhin machten wir eine Mini-Weihnachtsfeier zu der auch der Weihnachtsmann kam und Geschenke brachte. Es war mit Sicherheit die erste Weihnachtsfeier, bei welcher die Jugendlichen so hibbelig, erfreut und aufgeregt waren. Im Anschluss daran gingen wir nochmals kurz spazieren, dann gab es Mittagessen und danach fuhren wir schon wieder ab. Wir waren alle so kaputt, dass wir die komplette Rückfahrt schliefen. Am darauffolgenden Tag trafen wir Freiwillige uns alle noch einmal zur Abschlussreflexion und hielten fest, dass es zwar super anstrengen für uns alle gewesen war, aber dennoch ein sehr großer Erfolg, da wir durch dieses Wochenendlager trotz großer Belastung gemerkt haben, dass es möglich ist, mit diesen Jugendlichen zu arbeiten und dass es auch Spaß macht! Die Reaktionen der anderen rumänischen Freiwilligen, die nicht dabei gewesen waren, sind dementsprechend ausgefallen. Jetzt bleibt es spannend, wer immer noch bereit ist, bei einem kontinuierlichem Programm mit den Special Needs Kids mitzuarbeiten.
3.EIRENE – Zwischenseminar in Apold
Das erste Adventwochenende war für unser selbstorganisiertes kleines EIRENE – Zwischenseminar reserviert. Der Zeitpunkt war für Heidi und mich genau richtig, da wir gerade mit den Weihnachtszeichnungen fertig geworden waren (wir haben sogar im Zug auf der Hinfahrt noch welche gezeichnet!) und endlich mal einen Verschnaufspause brauchten. Apold als Seminarort war letztendlich auch eine gute Ausweichmöglichkeit (wir wollten eigentlich ins Donaudelta), da gemütlich, ruhig und in der Natur, aber trotzdem noch relativ gut erreichbar. Wir fuhren also schon am Donnerstag los und blieben bis Sonntag. Inhaltlich war das Seminar in drei Blöcke aufgeteilt: 1. Vergangenheit, was ist bis jetzt in meiner Dienstzeit geschehen, 2. Gegenwart, was steht gerade an, gibt es Probleme, die geklärt werden müssen, und 3. Zukunft, wie sehe ich mich in meinem Projekt in der zukünftigen Zeit, was wünsch ich mir, was will ich erreichen. Zu diesem Seminar kamen alle derzeitigen EIRENE – Freiwilligen in Rumänien zusammen, egal zu welchem Zeitpunkt wir ausgereist sind. Das heißt, dass manche, wie z. B. meine Mitbewohnern Steffi, zu diesem Zeitpunkt gedanklich schon mit ihrer Abreise beschäftigt waren, andere, die gerade ihren Dienst verlängert hatten, wie z. B. Heidi, mit der ich zusammenarbeite, eher mit anderen Sorgen beschäftigt waren und wir „Neuen“ gerade die erste Phase des Eingewöhnens hinter uns hatten, also alle in ganz unterschiedlichen Situationen steckten. Doch gerade auch deswegen tat es uns gut, uns auszutauschen, neue Impulse zu bekommen und einfach mal wieder aufzutanken. Zwischen den Einheiten gingen wir viel Spazieren, backten Plätzen und banden sogar einen Adventskranz, wobei die Stimmung ansonsten eher „unadventlich“ war, da es herbstlich warm war. Von der Organisation EIRENE war selbst niemand im Land zu diesem Seminar, das wird im April der Fall sein, wenn wir unser „großes“ Zwischenseminar haben werden (groß, da auch länger).
4.Weihnachten und Silvester
Zu Weihnachten bin ich für 10 Tage nach Hause gefahren, da wir in der Familie meines Vaters ein Großfamilientreffen an den Weihnachtsfeiertagen hatten und ich auch froh war, meine Familie wieder zu sehen. Da ich somit jedoch nur 5 Tage tatsächlich in Radolfzell war, hatte ich nicht die Zeit, so viel Leute zu besuchen, und habe aus diesem Grund meinen Heimaturlaub nicht groß angekündigt. Ich hoffe ihr versteht das alle und seid mir nicht böse, wenn ich mich in dieser kurzen Zeit nicht gemeldet habe. Am 29. Dezember bin ich über Budapest schon wieder nach Rumänien zurückgekehrt, da ich Silvester und den EU-Beitritt Rumäniens auf jeden Fall im Land verbringen wollte. Silvester verbrachte ich also mit anderen Freiwilligen und ehemaligen Feiwilligen auf dem Land, in Apold, wo wir mit den uralten Kirchturmglocken der sächsischen Kirchenburg das neue Jahr einläuteten. Mein erstes Silvester ohne Feuerwerk, wie mir erst später auffiel und ich hab’ es also überhaupt nicht vermisst. Am 2. Januar fuhren die meisten schon wieder ab, ich blieb jedoch noch den Rest der Woche dort und genoss die frische Landluft und die Natur bei ausgedehnten Spaziergängen durch die Wälder rund um Apold. Wer mich besuchen kommt, muss unbedingt auch mal nach Apold!
5.Teatru social – eine sprachliche Herausforderung
Schon in dem letzten Rundbrief hatte ich angedeutet, dass ich nicht nur in dem Unterprojekt „Speranta pentru azi“ (Vidra) arbeite, sondern auch beim Sozial-Theater mitspielen werde. Relativ am Anfang meiner Dienstzeit hier in Rumänien bin ich auf dem Seminar „Training for trainers“ des Sozial-Theaters gewesen, welches Chance for life veranstaltete. Zu diesem Seminar waren Interessenten aus 10 verschiedenen rumänischen Städten gekommen, die anschließend in ihrer Stadt eine Theatergruppe zusammengesucht haben, ein 10 minütiges Stück entworfen haben, welches als Thematik ein lokales Problem der Gesellschaft hatte und sind jetzt auch in der Phase der Aufführungen in Schulen und anderen öffentlichen Institutionen. Wir hier in Bukarest haben Mitte Dezember mit der Theatergruppe aus Sulina, die zu uns kam, ein dreitägiges Training gehabt und dabei das Stück entworfen, was in der Rohform allerdings schon im Voraus stand, da wir es bei einem Freiwilligentraining schon einmal gespielt hatten. Die Bukarester Theatergruppe besteht aus rumänischen Freiwilligen, die fast alle Studenten sind und mir, als einzige Deutsche. Die Gruppengröße schwankt zwischen 7-15 Personen, da im Moment auch Prüfungszeit an der Uni ist und nicht immer alle kommen können. Aber zurück zu unserem Einstiegstraining. Unser Stück handelt von einem HIV-infiziertem Mädchen, dass letztendlich wegen ihrer Krankheit von der Schule verwiesen wird, weil die Mutter ihrer besten Freundin total ausrastet, als sie erfährt, dass ihre Tochter mit einer „sidoasa“ (rum. von Sida=Aids, Schimpfwort für eine Aids kranke Person) in der gleichen Bank sitzt und sogar befreundet ist, daraufhin in die Schule eilt, dem Direktor alles mitteilt und dieser sich dem Willen der Mutter beugt, die Infizierte von der Schule zu entfernen. Das hört sich für deutsche Ohren möglicherweise irrealistisch an, ist aber in Rumänien leider eine reale Situation. Aufgrund einer sehr hohen Unaufgeklährtheitsquote (wie schön, dass man im Deutschen einfach alles aneinander hängen kann ) über die Krankheit Aids und vor allem über ihre Übertragungswege, fühlen sich viele Menschen unsicher, wenn sie erfahren, dass jemand angesteckt ist, meiden diese Person dann und beginnen, sie schlecht zu behandeln. Unwissen ist oftmals die Wurzel der Diskriminierung.
Um das den Menschen hier in Rumänien klar zu machen und zu zeigen, dass es von jeder einzelnen Person abhängt, ob in der Situation einer Diskriminierung sich etwas zum Guten verändert oder nicht, hat Chance for life dieses landesweite Projekt des Sozial-Theaters gestartet. Denn das eigentliche Problem der Jugendlichen in Vidra ist nicht primär ihre Krankheit an sich (nicht, dass ich hier falsch verstanden werde: natürlich ist es schlimm, dass sie Aids haben und früher als normale Menschen sterben können, anfälliger auf Krankheiten sind ect.), sondern die Konsequenzen, die sich für sie daraus ergeben haben und ergeben; dass sie ohne Familie im Heim aufgewachsen sind, dass sie keinen Pass besitzen, auf keine öffentliche Schule gehen dürfen, das Gelände des Heims immer nur mit Erlaubnis des Jugendamtes verlassen dürfen ect.
Die Aufführungen begannen für uns im Januar und werden noch bis in den März andauern. Bis jetzt haben wir in Schulen gespielt, mit Schülern der 4. – 9. Klasse. Am beeindruckendsten für mich war die aller erste Aufführung in einer 4. Klasse. Zu Beginn dachte ich, dass es schwierig werden würde mit den Interventionen, weil ich mir noch nicht mal sicher war, ob die Kleinen überhaupt verstehen würden, was das für eine Krankheit ist, wie sie sich überträgt usw. Doch es lief erstaunlicherweise super gut, die Ideen, wie man die Situation des infizierten Mädchens verbessern könnte, kamen alle von ihnen selbst und nach ein bisschen Ermutigung getrauten sie sich dann auch zu intervenieren, selbst ihre Ideen auf der Bühne zu verwirklichen. Und eigentlich geht es genau darum: den Mut zur Zivilcourage haben, dass, was man auf der Bühne gespielt hat um eine Situation der Diskriminierung zu verbessern, auch im realen Leben zu tun. Die Kleinen haben das, glaub ich, verstanden und in der heranwachsenden Generation liegt ja oft der Schlüssel zur Veränderung des Denkens der Gesellschaft.
Für mich persönlich war und ist das Theaterprojekt auch vor allem eine sprachliche Herausforderung, da ich ja die einzige Ausländerin in der Gruppe bin und dennoch aus Personenmangel schon Rollen übernommen habe, deren Text länger ist als nur ein paar Worte. Das Schwierige daran ist für mich eben die sprachliche Improvisation in der zweiten Runde, wenn das Publikum interveniert. Durch die Interventionen verändern sich die Charaktere der Rollen und somit auch deren Texte. Doch bis jetzt hab ich mich ganz gut geschlagen. Und ich sehe es als Chance, mein Rumänisch in relativ kurzer Zeit doch um einiges weiter zu bringen.
6.Speranta pentru azi – Veränderungen
In meinem Hauptprojekt, dem Kinderheim in Vidra hat sich ein bisschen was verändert, wenn auch noch nicht so viel wie erwartet. Es war ja geplant gewesen, im Januar eine Sozialwohnung für 5-6 Jugendliche in Bukarest zu finden. Der ursprüngliche Sponsor ist allerdings von der Bildfläche verschwunden und eine Wohnungssuche in Bukarest gestaltet sich allgemein als nicht besonders einfach (ich spreche aus persönlicher Erfahrung, doch dazu später mehr). Das bedeutet, dass im Moment immer noch gesucht wird, die Jugendlichen aber irgendwie Wind von der Sache bekommen haben und komischerweise auch meinen zu wissen, wer gehen wird, was natürlich eine ständige Unruhe erzeugt. Immer wieder kommt jemand zu mir und sagt, er möchte auch gehen und was er tun muss, um auch gehen zu können. Wir haben uns darauf geeinigt eigentlich gar nichts mehr dazu zu sagen um nicht noch mehr Verwirrung in die ganze Sache zu bringen. Wer gehen wird steht zwar schon fest, aber das wann ist noch unklar und wie das hier in Rumänien eben so ist, muss man sich damit abfinden, dass die eigenen Pläne auch immer wieder durchkreuzt werden, sei es vom Jugendamt oder sonstigen Dingen, auf die man keinen Einfluss hat.
Des weiteren hat sich unser Team um einen Sozialpädagogen aus Deutschland erweitert, der für drei Monate bei uns Praktikum machen wird.
Auch was die Jugendlichen, die seit September nach Bukarest auf die Berufsschule gegangen sind angeht, gibt es Neues zu berichten. Zwei von ihnen haben eigentlich eine feste Lehrstelle für 3 Jahre, zwei andere haben nur einen dreimonatigen Friseurkurs gemacht, der nun zu Ende ist und ein Junge kann eigentlich nicht weiter machen, da er immer noch nicht lesen und schreiben kann, somit also auch kein schriftliches Examen ablegen kann. Wie das mit diesen vieren weitergehen wird, ist im Moment noch offen.
Aber bezüglich der Special Needs Kids will ich mit Heidis pädagogischer Unterstützung jetzt bald ein kontinuierliches Programm aufstellen, da so etwas bis jetzt noch nicht existiert und ich aber nach dem Wochenendlager vor Weihnachten und einigen Aktionen mit den SNKs die Motivation und den Impuls habe, das anzupacken. O sa vedem cum va fii  (rum. Mal schauen, wie’s wird).
7.Sonstige Veränderungen
Ich bin endlich legal in diesem Land! Nach drei Monate geduldigem Warten, hab also auch ich dieses tolle kleine Kärtchen, das mich berechtigt für einen gewissen Zeitraum in Rumänien zu sein. Da mein Einreisedatum leider schon der 10. August 2006 war, gilt diese Aufenthaltsgenehmigung nur bis zum August 2007. Da Rumänien aber ja jetzt in der EU ist, muss ich für das zweite Kärtchen fast nichts mehr bezahlen (für das erste hab ich 120 Euro hingelegt, um legitim zu sein).
Mit dem neuen Jahr rückte auch Steffis Abreise immer näher. Nach einer gelungenen Verabschiedungsfeier ist meine Mitbewohnerin dann endgültig am 19. Januar nach Deutschland zurückgekehrt. Heidi ist am gleichen Tag gen Heimat geflogen, da sie am Rückkehrerseminar teilnehmen wollte, welches den zurückgekehrten EIRENE – Freiwilligen bei der Wiedereingliederung ins Heimatland helfen soll und auch eine Art Abschlussreflexion über den Freiwilligendienst ist. Heidi hatte als Freiwillige ja noch ein halbes Jahr verlängert, also bis Ende Dezember 2006 und ist seit diesem Jahr fest angestellt bei Chance for life. An diesen Kurzaufenthalt hat sie spontan noch 2 Wochen Urlaub dran gehängt und wird jetzt am 10. Februar wieder zurückkommen. Für mich bedeutete das wieder ein bisschen mehr Verantwortung bzw. Aufgaben zu übernehmen, wobei ich in diesen zwei Wochen das Gefühl hatte, schon um einiges besser zurecht zu kommen als in der einen Woche im Oktober, als Heidi in Deutschland gewesen war. Einerseits kann ich mich jetzt auf Rumänisch schon ganz gut verständigen, andererseits habe ich zu den Jugendlichen aus Vidra und zu den rumänischen Freiwilligen eine festere Beziehung als vor drei Monaten.
Vor einer Woche ist außerdem eine neue EIRENE – Freiwillige, Anne, meine neue Mitbewohnerin gekommen, welche allerdings nicht in Steffis altem Projekt weiterarbeitet, da es dort einige Probleme gab. Sie arbeitet in einem andern Projekt hier in Bukarest mit Kindern aus einem sozial sehr schwachen Umfeld. Anne ist fast gleich alt wie ich und kommt auch aus’m Schwabenländle  (Man muss den ganzen Ostdeutschen hier ja mal die Stirn bieten! Nicht falsch verstehen, ist nur’n Spaß). Ende November letzten Jahres war sie schon zur Projektreise da und wir haben zu diesem Zeitpunkt schon festgelegt, dass wir zusammen umziehen werden, da ich immer noch am anderen Stadtende Bukarests wohne und jeden Tag min. 3 h hin und her fahre. Mit Glück bin ich durch Vitamin B an eine Wohnung gekommen, die für uns perfekt gelegen ist, aber leider noch renoviert werden muss. Da wir uns die Leute selber suchen müssen, die das machen, bin ich eigentlich seit fast einem Monat ständig am Rumtelefonieren und Koordinieren, und hoffe, dass es auch alles klappt und wir bis Anfang März dort in wenigstens ein Zimmer einziehen können, da wir Ende Februar aus unserer derzeitigen Wohnung raus müssen. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass ich deswegen ziemlich unter Spannung stehe, weil ich eben nun mal eine Person bin, die sich oft viele (manchmal vielleicht zu viele) Gedanken und Sorgen macht. Naja, aber das wird schon irgendwie gehen.
Ansonsten fasse ich immer mehr Fuß hier in Rumänien. Durch den Chor, in den ich ein Mal die Woche gehe habe ich sehr viel nette rumänische Studenten kennen gelernt und habe über eine Person auch endlich Kontakt zu einer Pfadfindergruppe bekommen! Mit der waren wir (Anne und ich) vergangenes Wochenende im tiefsten Schnee in den Bergen wandern. Geniale Stimmung, wir haben uns beide sehr wohl und aufgenommen in der Gruppe gefühlt. Ich denke, ich werde mich hier auch bei den Pfadis anmelden und wenn es zeitlich klappt, auch vielleicht eine Gruppe mitleiten. Mein Wunsch ist und bleibt auf jeden Fall im Sommer auf ein Lager mitzugehen. Mal schauen, was sich da ergibt.
Tja, das waren jetzt so Dinge, die sich bei mir in den letzten drei Monaten ereignet haben. Ich hoffe, ich habe euch damit nicht überrumpelt oder gelangweilt und konnte euch einen Einblick in meine momentane Lebenssituation geben. Da ich nach meinem letzten Rundbrief kaum Rückmeldungen bekommen habe und mir einige Leute gesagt haben, sie hätten nicht recht gewusst, ob mich das überhaupt interessiert, was bei ihnen so passiert ist, da es verglichen mit dem, was ich berichtet habe, sich vielleicht langweilig anhören könnte, will ich an dieser Stelle euch alle noch mal bitten, diese falsche Vorstellung beiseite zu lassen und mir zu erzählen was bei euch in der Zwischenzeit passiert ist. Ich würde mich wirklich aufrichtig freuen, von euch etwas zu hören!
Von einigen habe ich ja auch per Post schon Nachricht bekommen, worüber ich mich immer sehr gefreut habe. Bitte seid mir nicht böse, wenn ich noch nicht allen geantwortet habe und versteht diesen Rundbrief als Antwort, da es ansonsten auch sehr anstrengend ist, mehrmals so viel in verschiedenen Briefen zu wiederholen.
Ich wünsche euch allen für dieses Jahr eine robuste Gesundheit (ist nichts Selbstverständliches!), genügend Kraft für anstehenden Aufgaben, Veränderungen und Herausforderungen, verständnisvolle Menschen an eurer Seite, Zufriedenheit mit euch selbst und Gottes reichen Segen 
Ganz herzliche Grüße aus dem sonnigen, überhaupt nicht winterlichen Bukarest,
eure Almut







