Zwischen Okzident, Ostblock und Orthodoxie – ein Land auf dem Weg in die EU
Sarah Muench berichtet von Rumänien - dem Land der Gegensätze und ihrer Arbeit in der Ambulante Altenbetreuung/Orthodoxe Gemeinde Sibiu/Rumänien (September 2006)
Liebe Freunde und Unterstuetzer!
Lange habe ich nichts mehr von mir hoeren lassen und mein 3. Rundbrief ist laengst ueberfaellig. Das tut mir leid, denn es gibt doch einiges zu erzaehlen. Mein Sommer war voll, ich habe viel Schoenes und Spannendes erlebt. Ich bin gereist, habe die verschiedensten Menschen kennen gelernt und ich muss sagen, dass mich Rumaenien endgueltig in seinen Bann gezogen hat. Ich bemerke, dass vor allem das Verstehen der Sprache mir noch einmal voellig neue Einsichten in diese andere Welt ermoeglicht.
Nach einem Jahr meistens schoener und manchmal auch schwieriger Arbeit und ca. 15 Flohattacken ist es ausserdem auch an der Zeit, ein wenig Zwischenbilanz zu ziehen (-:
Viel Spass mit den Neuigkeiten aus Sarahs rumaenischer Welt!
Endlich Urlaub!
Anfang Mai habe ich das erste Mal nach 8 Arbeitsmonaten Urlaub genommen, was ich wirklich noetig hatte. So wurde ich erstmal krank... Aber ich war ja nicht alleine: Meine Mutter besuchte mich fuer zwei Wochen in Sibiu und ich zeigte ihr, was mich an diesem Land so fasziniert. Bei unseren Erkundungstouren in die Umgebung konnte ich ihr die ganze Palette der rumaenischen Fortbewegungsmoeglichkeiten vorfuehren, von kleinen, schnellen Mikrobussen ueber grosse, klapprige Ueberlandbusse und die gefuerchteten rumaenischen Bauernzuege (tren personal) bis zu meinem Lieblingsfortbewegungsmittel: dem Trampen. Nach einer schoenen gemeinsamen Zeit fiel uns der Abschied beiden alles andere als leicht.
Kurz danach stand auch schon das grosse EIRENE-Zwischenseminar in Wolkendorf/Vulcan bei Kronstadt/Brasov auf dem Programm. Bei einem Spaziergang konnte ich dort die Schlachtung eines Pferdes fotografieren, dass mit dem Kopf nach unten an einem Ast hing und dem die Haut schon zur Haelfte abgezogen war. Meine Neugier hat schliesslich ueber mein Erschrecken gesiegt...
Im Sommer reiste ich unter anderem durch das Donaudelta und kletterte in den Fagarascher Bergen. Fasziniert von der Vielseitigkeit Rumaeniens habe ich mich endgueltig in dieses Land verliebt!
Rumaenien ist ein multiethnisches Land. Es gibt grosse Gruppen von Deutschen, Ungarn und Roma. Kleinere Minderheiten sind Serben (im Banat), Juden, Bulgaren und Griechen. Im Doanudelta und der suedlich davon gelegenen Dobrudscha leben vor allem Lipowaner und Tuerken. In manchen Orten gibt es sogar nur ein paar rumaenische Familien. Lipowaner sind russische Auswanderer, die man an ihren hellen Haaren und einer interessanten Sprachmischung aus Russisch und Rumaenisch erkennen kann. Wir haben diese Menschen als sehr gespraechig und gastfreundlich erlebt. In tuerkischen Doerfern sieht man sogar Moscheen!
Ich liebe an Rumaenien, dass wildes Zelten hier kein Problem ist und man durch Trampen guenstig an jeden Fleck des Landes kommen kann. Ideale Bedingungen um ein wunderschoenes und spannendes Land zu entdecken...
Ausserdem war ich mit zwei anderen Freiwilligen eine Woche in Belgrad und Sarajevo. Dabei ist mir aufgefallen, wie verschiedene Gesichter Osteuropa doch haben kann. Im Vergleich von Belgrad und Bukarest musste ich feststellen, wieviel Ceausescu mit seiner groessenwahnsinnigen Umgestaltung im ehemals als “Paris des Ostens” bezeichneten Bukarest kaputt gemacht hat. Dagegen erschien mir Belgrad ziemlich nobel und huebsch.
Wieviel Gegensaetzlichkeit haelt ein Land aus?
Ich lebe in einem Land, dass mir sehr kontrastreich und manchmal zerrissen vorkommt. Auf dereinen Seite versucht es Anschluss zu finden an den “occident” (Bezeichnung fuer Westeuropa). Man faehrt schicke Autos, hat alle Arten von technischen Geraeten und auf der anderen Seite sieht man selbst im Winter alte Frauen oder Romakinder mit Badelatschen auf der Strasse, weil sie sich keine Schuhe leisten koennen. Die jungen Maedchen kleiden sich nach dem Prinzip “Moeglichst wenig Stoff auf der Haut” und bekreuzigen sich trotzdem an jeder Kirche, wie es in der Orthodoxie ueblich ist. Die Stadt Sibiu gibt mehrere hundert Millionen Euro fuer die Renovierung der touristischen Plaetze in der Altstadt aus, um sich auf den Besuch der vielen Touristen im naechsten Jahr vorzubereiten. Im Gegensatz dazu regnet es bei meiner Frau H. durch das Dach und der ebenfalls von mir betreute Herr D. hat kein fliessendes Wasser in der Wohnung und seine Aussenwand ist mit Mauerrissen durchzogen.
Das Land ist immer noch sehr traditionell gepraegt, was Ansichten, Lebensweisen und Religioesitaet betrifft, vielleicht mehr als jedes andere Land in Europa (Ein Beispiel: Maenner gruessen Frauen immer noch mit “Kuess die Hand”). Die Jugendlichen streben jedoch danach, unter allen Umstaenden mit dem westlichen Lifestyle mitzuhalten. Manchmal frage ich mich, wieviel Gegensaetzlichkeit eine Gesellschaft und ihre Menschen aushalten koennen, ohne zu zerbrechen oder verrueckt zu werden.
Ich bin durch meine Arbeit in einer orthodoxen Kirche und mit aelteren Menschen in den eher traditionell gepraegten Teil der rumaenischen Gesellschaft geraten, ich denke, mehr als es bei anderen Freiwilligen der Fall ist. Das finde ich sehr spannend, weil ich Dinge sehe und kennen lerne, von denen ich noch nie etwas gehoert habe und die weit weg von unserer Welt sind. Auf der anderen Seite merke ich aber auch, dass ich mit meiner Eigeninitiative und meinem Selbstbewusstsein oft anecke. Ich lerne dementsprechend mich anzupassen und mich den in Rumaenien sehr wichtigen Hierarchien unterzuordnen.
Von Armutsrenten und Erziehungsidealen
Oft werde ich von Einheimischen gefragt, ob es mir in Rumaenien gefaellt und ich antworte immer mit ja, denn ich liebe dieses Land! Ein Mann, den wir betreuen, sagte einmal dazu: “Na klar, gefaellt es euch Deutschen hier, ihr habt ja viele Moeglichkeiten. Wer Geld hat, kann die Schoenheit dieses Land voll geniessen. Ihr koennt reisen oder einen Kaffee trinken gehen...” Damit hat er recht. Nie ist mir so bewusst geworden, wie sehr persoenliches Glueck und Wohlbefinden auch von der materiellen Grundlage abhaengt. Als Kind wurde mir beigebracht, dass materielle Dinge nicht entscheidend sind und dass man die wichtigen Dinge im Leben nicht mit Geld kaufen kann (was ich auch gar nicht bestreite!). In Rumaenien herrschen jedoch andere Ideale. Mir faellt immer wieder auf, dass es im Gegensatz zur deutschen “Bloss-kein-Neid-produzieren”-Mentalitaet viel wichtiger ist, sein Vermoegen – ob es nun in Wirklichkeit vorhanden ist oder nicht – zur Schau zu stellen. Kinder oder Heranwachsende sind taeglich sowohl mit der Armut im Land als auch durch Film und Fernsehen mit der fiktionalen Hollywood- oder MTV-Welt konfrontiert, in denen sich jeder das kaufen kann, was er schoen findet oder was angesagt ist. Dementsprechend lernen die Jugendlichen schnell, sich nach aussen zu praesentieren bzw. mit allen Kraeften nach einem Auskommen zu streben, dass Ihnen ein einigermassen gutes Leben ermoeglicht.
Obwohl wir auch nur ein Freiwilligen-Taschengeld bekommen und kein deutsches Gehalt, wie viele meiner Gespraechspartner vermuten, werde ich nie verstehen koennen, wie man mit einer Durchschnittsrente von 90 Euro oder einem Durchschnittslohn von 240 Euro im Monat ueberleben kann. Und das bei fast annaehernd so hohen Lebenshaltungskosten wie bei uns: Fuer eine 1-Raum-Blockwohnung mit Zentralheizung bezahlt man ca. 130 Euro Miete pro Monat, ein Liter Benzin kostet 1 Euro und aus dem Westen importierte Produkte wie Kosmetikartikel, Inkontinenzhilfen oder bestimmte Lebensmittel kosten sogar mehr als bei uns. In meinem Deutschlandurlaub ist mir aufgefallen, dass in Deutschland zwar auch viele Menschen von ihren finanziellen Probleme erzaehlen, diese scheinen sich aber irgendwie auf einer anderen Ebene abzuspielen.
Gerade bei den Renten ist die Einkommenssituation sehr prekaer. Die Durchschnittsangabe ist nur deshalb so “hoch”, weil ein paar wenige, vor allem ehemalige Ceausescu-Funktionaere oder andere, die vor der Revolution einen guten Posten hatten, eine Rente von mehreren 100 Euro bekommen. Die Mehrheit der Pensionaere muss allerdings mit weniger als 90 Euro auskommen. Beim Essen auf Raedern in unserer orthodoxen Gemeinde habe ich viele Menschen mit einer absoluten Armutsrente kennen gelernt. Verwitwete Frauen, die in ihrem Leben nicht gearbeitet haben, leben von einer Hinterbliebenenrente von 29 Euro. Eine Frau, die 25 Jahre lang Treppenaufgaenge in Bloecken geputzt hat, bekommt sogar gar keine Rente, weil ihr Arbeitgeber nichts in die Rentenkasse eingezahlt hat. Sie hat aber zum Glueck ihre Tochter, die einen Krankenrente von 90 Euro bekommt, von der sie beide leben.
Doch in diesem Zusammenhang muss ich auch sagen, dass ich beeindruckt davon bin, wie gut sich die Leute hier zu helfen wissen. Gemuese baut man im kleinen Vorgarten vor dem Block an, mitten in der Stadt haelt man sich Schweine und Ziegen auf dem Hof, Lebensmittel bezieht man von seinen Verwandten auf dem Land... Jeder hilft jedem, natuerlich auch gerne gegen ein kleines Entgelt und wenn das nicht reicht, kann man sich auch noch “Geschenkchen” machen lassen, wenn man einen einflussreichen Posten hat... Manchen anderen bleibt allerdings nur noch das Durchsuchen der Muellcontainer uebrig. Wenn ich meine Muelltuete rausbringe, kann ich mir sicher sein, dass ein Teil davon auf diese Art und Weise wiederverwertet wird.
Psychiatrie in Rumaenien
Vor kurzem habe ich eine Frau kennen gelernt, deren Geschichte mich sehr bewegt hat, deshalb moechte ich sie euch schildern. Frau M. ist 48 Jahre alt wohnt nach einer langen Odysee durch verschiedene Krankenhaeuser und Wohnheime inzwischen bei Herrn D., den ich betreue. Ihr rechtes Bein ist nach einer Poliomyelitis gelaehmt und seit einem Autoanfall vor dreissig Jahren hat sie Epilepsie. Ausserdem leidet sie an Depressionen und anderen psychischen Krankheiten. Frau M. lebte acht Jahre lang unverheiratet mit einem Mann zusammen, der chronischer Alkoholiker war und sie sehr schlecht behandelte. Irgendwann nahm sie 80 Tabletten, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nachdem sie nach einem Monat wieder bei vollem Bewusstsein war, wurde sie von einem Krankenhaus zum anderen geschickt, denn sie war nach der Trennung von ihrem Mann praktisch obdachlos. Im Erholungszentrum von Tulghes, mehr Kurort als Psychiatrie mit fuer Rumaenien sehr guten Bedingungen, lernte sie Herrn D. kennen und es begann, mit seinen eigenen Worten gesprochen, eine “mica poveste de dragoste” (kleine Liebesgeschichte). Obwohl sie die Heimaerztin mit 15 Euro bestach, wurde sie nach 18 Tagen entlassen und ins Krankenhaus nach Targu Mures gebracht. Von dort sollte sie in die psychiatrische Klinik von Tarnaveni verlegt werden und zwar auf die offene Station. Doch fuer die Fahrt mit dem Rettungswagen gab man ihr eine Beruhigungsspritze und als sie in der Einrichtung fuer chronisch psychsich Kranke in Tarnaveni ankam, war sie zu benommen, um auf ihre Einweisung Einfluss zu nehmen. Schliesslich wurde sie doch auf die geschlossene Station eingeliefert, wo sie mit katastrophalen Zustaenden konfrontiert war.
80 Frauen sind dort auf drei miteinander verbundene Zimmer verteilt. Sie lag mit 30 anderen Kranken in einem Zimmer, an das das einzige Bad der Station angeschlossen ist. Viele Frauen sind jedoch gar nicht mehr im Stande sich zu waschen und so stinkt es in den Raeumen sehr stark. Das wird noch dadurch verstaerkt, dass die pflegebeduerftigen Frauen nur zweimal am Tag gewechselt werden. Ansonsten werden sie in ihrem schmutzigen Bettzeug liegen gelassen. Frau M. sagte, sie haette sie fast jeden Tag erbrochen, weil sie den Gestank nicht aushalten konnte. Das Essen ist schlecht zubereitet und voellig unzureichend. Wer es nicht selbst zu sich nehmen kann, bekommt keine Hilfe. Dementsprechend verteilen die Kranken es eher auf sich und in ihrer Umgebung als es sich in den Mund zu befoerdern. Die Raeume werden von den Kranken selber sauber gemacht. Ich fragte Frau M. auch nach der medikamentoesen Behandlung. Sie meinte, man bekaeme keine spezifischen, auf die jeweilige psychische Erkrankung abgestimmten Arzneimittel. Es wuerden nur Schmerzmittel und zwei Mal am Tag eine Spritze zur Ruhigstellung verteilt. Doch wer diese Medikamente schon seit Jahren regelmaessig bekommt, bei dem wirken sie irgendwann nicht mehr. Und so wachen viele Kranke trotzdem in der Nacht auf, schreien und laufen zu den Betten von anderen Patientinnen, die sie dann aus Wut schlagen. Das Personal geht aufgrund der unmenschlichen Zustaende und der schlechten Bezahlung im Allgemeinen sehr brutal mit den Frauen um.
Wer auf dieser Station landet, kommt in der Regel nicht mehr so schnell wieder dort raus. Viele Frauen, die an leichteren psychischen Krankheiten, wie z.B. Depressionen litten, wurden von ihren Maennern, oft Alkoholikern, in die Psychiatrie gebracht. Sie unterschrieben, dass ihre Frauen geistig unzurechnungsfaehig waeren und dass sie eine lange Behandlung braeuchten. Die Frauen, bis zu diesem Zeitpunkt noch relativ “normal”, warteten nun also jeden Tag darauf, von ihren Maennern abgeholt zu werden. Diese hatten jedoch schon laengst das Haus oder die Wohnung verkauft und sich mit dem Geld weit weg hinbegeben, z.B ins Ausland. Solche eigentlich mehr sozialen als psychischen Problemfaelle, bilden die Mehrheit der Patienten in den rumaenischen Psychiatrien. Durch die Zustaende auf den Stationen erkranken die meisten nach einer Zeit dann jedoch wirklich ernsthaft und haben mit einer schweren Schizophrenie oder Demenz keine Chance mehr, je wieder ein Leben in Freiheit zu fuehren.
Ich bin froh, dass Frau M. es jedoch geschafft hat, diesem Schicksal zu entgehen. Nach drei Wochen “Behandlung” auf dieser Station bat sie in einem langen Gespraech mit dem Chefarzt um die Verlegung auf die offene Station. Der bemerkte, dass sie voellig zurechnungsfaehig und klar war und entliess sie ganz aus der Psychiatrie.
Noch waehrend meiner Vorbereitungszeit in Deutschland hatte ich einen Bericht ueber die katastrophalen Zustaende in rumaenischen Psychiatrien gelesen, am Beispiel der Einrichtung in Borsa. Doch ich konnte es nicht glauben, bis es mir nicht von einer Augenzeugin geschildert wurde.
Zum Glueck ist Frau M. jetzt bei Herrn D. untergekommen, wo sie erst mal unbegrenzt bleiben kann, bis sie einen Platz in einem neuropsychiatrischen Wohnheim bekommt, den sie seit langem beantragt hat. Ich besuche sie sehr oft und besorge ihr, was sie braucht. Mit einer Rente von umgerechnet 44 Euro ist sie inzwischen die beduerftigste Person, die ich betreue.
Stadt der Oekumene
Im naechsten Jahr ist Sibiu/Hermannstadt nicht nur europaeische Kulturhauptstadt sondern auch Ausrichter der europaeischen oekumenischen Versammlung der Kirchen. Man haette keinen passenderen Ort dafuer finden koennen, davon bin ich ueberzeugt. Ich kenne keine andere Stadt, in der die christlichen Konfessionen so gleichmaessig stark vertreten sind und wo alle diese Gemeinden auch wirklich aktiv sind (Atheismus existiert in Rumaenien auf dem Papier eigentlich gar nicht, in der Realitaet sind “nur” ca. 90% bekennende Christen). Fuer mich ist es immer wieder faszinierend Sonntag frueh mit dem Fahrrad zur evangelischen Kirche zu fahren und dabei an der grossen orthodoxen Kathedrale vorbeizukommen, aus der die liturgischen Gesaenge mit Lautsprechern auf die Strasse uebertragen werden. Im unmittelbaren Zentrum befinden sich ausserdem noch die reformierte, die griechisch-katholische (eine der Orthodoxie nahestehende katholische Kirche, vor allem in Rumaenien vertreten), zwei roemisch-katholische und verschiedene Freikirchen.
Leider leben diese Konfessionen eher nebeneinander her als miteinander in befruchtender Oekumene. Man kennt die anderen Kirchen oft gar nicht oder weiss nicht, wo sich ihre Gotteshaeuser befinden. Das ist schade. Doch es gibt auch hier, oder gerade hier, Menschen, denen die Oekumene am Herzen liegt. Ein Hoffungszeichen war der “Calea crucii ecumenica de tineri” (oekumenischer Jugendkreuzweg) in der Passionszeit. Wir sind (in stroemenden Regen...) mit dem Kreuz durch die ganze Innenstadt gezogen und haben in sechs verschiedenen Kirchen gebetet und ueber ein Passionsgemaelde meditiert. Das war ein beeindruckendes Ereignis, weil wirklich Jugendliche aller Konfessionen zusammen unterwegs waren. Erst durch den direkten zeitnahen Vergleich habe ich gemerkt, wie absolut verschieden die unterschiedlichen Konfessionen sind! Am Ende sind wir von den Baptisten zur reformierten Kirche und danach in die orthodoxe Fakultaetskapelle gegangen. Das waren schon ganz schoene Gegensaetze...
Mein Ostern habe ich, die Gelegenheit nutzend, auch oekumenisch begangen. Am Karsamstag nahm ich an der katholischen Mitternachtsmesse teil. Das war interessant, weil die Auferstehung sehr rituell und dadurch erlebbarer begangen wurde. Und das in der meiner Ansicht nach schoensten Kirche Sibius! Nur leider ein wenig lang fuer mein Gefuehl...
Den Ostersonntag beging ich wie gewohnt mit Auferstehungsfeier, Osterfruehstueck und Festgottesdienst in der evangelischen Kirche.
Eine Woche spaeter feierten die Orthodoxen Ostern (die Daten stimmen aufgrund der unterschiedlichen Kalender meistens nicht ueberein, mein Glueck!). Ich war natuerlich in “meiner” Kirche in Valea Aurie. Die “inviere” (Auferstehungsgottesdienst) beginnt Mitternacht mit einer wunderschoenen Lichterprozession um die Kirche. Der erste Teil wird draussen begangen, wobei die Gottesdienstbesucher auf der Strasse und zwischen den Bloecken stehen, so viele sind es. Der zweite Teil, die eigentliche Lithurgie, findet danach drinnen statt. Ich habe die 3 ½ Stunden durchgehalten und habe es nicht bereut, den so etwas werde ich sicherlich so schnell nicht wieder erleben...
Vor meinem Rumaenienaufenthalt war ich bezogen auf die Oekumene eher der Meinung, dass die Kirche wieder eins werden sollte und das echte Oekumene als erstes Ziel das Zusammenwachsen der verschiedenen Konfessionen haben sollte. Inzwischen kann ich mir aufgrund der Unterschiede zwischen den christlichen Kirchen, die ich hier erlebe, das gar nicht mehr vorstellen. Allein zwischen der orthodoxen und der evangelischen Kirche liegen Welten, was die Lithurgie, die Spiritualitaet, die Glaubenspraxis und das religioese Selbstverstaendnis angeht. Ausserdem waere es ein riesiger Verlust, alle gleich zu machen (was sowieso nicht funktionieren wuerde). Die Vielfalt der Arten zu Gott zu beten ist ein riesiger Schatz des Christentums.
Bekanntschaften (-;
In Rumaenien ist es sehr einfach mit Menschen ins Gespraech zu kommen (Wirkliche Beziehungen zu knuepfen erweist sich allerdings als schwieriger). Man spricht sich im Bus, an der Haltestelle, im Zug oder auch mitten auf der Strasse an. Wenn wir ein paar Worte gewechselt haben, merken die Leute meist recht schnell an meinem Akzent, dass ich Auslaenderin bin. Das weckt ihr Interesse. Das Gespraech koennte dann ungefaehr so weitergehen...
“Sie sind keine Rumaenin, oder?”
“Nein, ich bin Deutsche.”
“Wie interessant! Aus welcher Stadt kommen Sie?”
“Ich glaube nicht, dass sie die kennen... Die Stadt heisst Halle und liegt bei Leipzig.”
“Hab ich noch nicht gehoert... vielleicht in der Naehe von Duesseldorf (wahlweise auch Ingolstadt, Stuttgart oder Muenchen einsetzen)? Da habe ich mal zwei Wochen meinen Cousin besucht!”
“Nein, eigentlich nicht. Halle liegt in der Mitte von Deutschland, in der ehemaligen DDR.”
“Ach so. Aber woher koennen Sie so gut rumaenisch? Ihre Eltern sind Rumaenen!”
“Nein, nein. Meine Eltern sind beide Deutsche. Ich habe es halt hier gelernt.”
“ Oh, sie sprechen gut. Aber was machen Sie in RUMAENIEN?? Sind Sie hier verheiratet?”
“Nein!! Ich bin Freiwillige hier in Rumaenien.”
“Ach, sie sind Studentin! Auf welcher Fakultaet?”
“Nein, ich studiere nocht nicht. Ich habe nur die Schule beendet und jetzt mache ich einen Freiwilligendienst vor dem Studium.”
“Ja, ich habe verstanden, dass Sie irgendwas freiwillig hier machen. Aber was machen Sie jetzt wirklich hier?”
“Ich arbeite eben freiwillig in Rumaenien.”
“Was, sie bekommen gar kein Geld???”
“Nein, ich bekomme schon etwas Geld, damit ich hier leben kann. Ich bin von einer Organisation in Deutschland nach Sibiu geschickt worden. Hier arbeite ich in der Kirche von Valea Aurie und betreue aeltere Menschen, die noch zu Hause wohnen und aber trotzdem Hilfe brauchen.”
“Ach, sie werden von Deutschland aus bezahlt... Dann verdienen sie ja richtig gut.”
“Nein... Naja, sie haben schon recht, eigentlich ist es nur ein Taschengeld und viel kleiner als ein deutsches Gehalt, aber fuer Rumaenien ist es ein sehr guter Verdienst.”
“Aber warum sind Sie denn nicht in Deutschland geblieben, da ist das Leben doch viel schoener und einfacher?”
“Das kann schon sein. Aber die Leute dort haben trotzdem viele Probleme, ueber die sie klagen. Ich wollte eben mal ein anderes Land kennen lernen. Und in Rumaenien gefaellt es mir sehr gut! Mir gefaellt die Natur und die alte Architektur in der Stadt Sibiu. Ich mag auch die Menschen hier.”
“Ja, natuerlich. Die Rumaenen sind offener, gespraechiger und herzlicher. In Deutschland sind die Menschen kalt. Die gruessen sich nicht im Hausflur. Mein Cousin hat gesagt, dass es ihm nicht so sehr dort gefaellt.”
“Aber das kann man doch gar nicht so verallgemeinern! Ich mag diese Klischees nicht. Wir haben uns immer im Hausflur gegruesst.”
“Und was sagt dein Freund dazu, dass du hier bist?”
“(etwas genervt...) Ich habe keinen Freund.”
“Wollen wir nicht mal spazieren gehen? Hast du morgen Zeit?”
“(noch genervter) Nein, da habe ich ganz viel vor.”
“Aber vielleicht naechstes Wochenende? Willst du nicht meine Telefonnummer?”
“Nein, ich habe nie Zeit...! Doamne ajoute.”
Natuerlich ist das ueberspitzt dargestellt. Es ist schoen, dass sich die Rumaenen im Allgemeinen sehr fuer Auslaender interessieren und sie ueber ihr Land und ihre Ansichten ausfragen. In diesem fiktiven Gespraech kommen nur die haeufigsten Fragen vor, die meiner Meinung nach viel ueber das Leben der Rumaenen aussagen. Manche Fragen kommen eigentlich jedes Mal wie z.B. die Frage nach der Bezahlung. Ansonsten variieren die Details je nach Kenntnissen und Interesse meines Gespraechspartners. Das Ende kommt natuerlich nicht so oft vor, aber oft genug...
Meine Arbeit – Kleine Zwischenbilanz und Neuigkeiten
Wenn ich mir die ersten Rundbriefe durchlese, merke ich, wie bewusst ich damals noch alles wahrgenommen habe, was ich mit meinen “Alten” erlebe. Inzwischen ist alles viel selbstverstaendlicher geworden. Nach einem Jahr kenne ich die kranken Menschen (Inzwischen ziehe ich diese Bezeichnung vor, weil viele von ihnen noch recht jung sind, aber durch ihre Krankheiten trotzdem auf Hilfe angewiesen sind) und ihre Beduerfnisse wirklich gut, weiss, wo ihre Staerken und Schwaechen liegen und kann mich dementsprechend auf sie einrichten. Auch sie haben sich an mich gewoehnt und erzaehlen mir viel offener als am Anfang ihre Probleme.
Gleichzeitig habe ich aber auch festgestellt, dass ich beim Umgang mit Menschen noch viel lernen muss. Gerade wenn ich nach einem langen Arbeitstag muede bin oder sonst irgendwie unter Stress stehe, verliere ich schnell die Geduld und kann den Menschen nicht mehr die Aufmerksamkeit schenken, die sie braeuchten. Vor meinem Rumaenienaufenthalt haette ich nicht erwartet, diese Seite an mir zu entdecken. Allerdings hatte ich vorher auch noch nie mit so vielen “schwierigen” Menschen zu tun. Das ist neu fuer mich. Aber ich habe ja noch genug Zeit, an mir zu arbeiten... Bei manchen freue ich mich auf die Besuche, bei anderen sehe ich sie vor allem als Arbeit. Auch haeusliche Altenbetreunng ist Arbeit, wenn auch eine sehr interessante und wohl leichtere als die meisten ausgebildeten Menschen sie machen. Sie hat mich schon jetzt einen grossen Schritt erwachsener gemacht, denke ich.
Ich bin unheimlich froh, dass ich in diesem Projekt arbeiten darf, das genau das Richtige fuer mich ist. Ich kann meinen betreuten Alten und Kranken ganz konkret helfen und mich voellig selbststaendig organisieren. Ich bin in den Haeusern der Menschen zu Hause und sehe und erfahre Dinge, die anderen verschlossen bleiben.
Es faellt mir schwer, in Worten auszudruecken, wie dankbar ich fuer die Unterstuetzung bin, die ich von euch und Ihnen erfahre. Es gibt mir viel Kraft zu wissen, dass zu Hause Menschen sind, die meine Arbeit unterstuetzen und die mit ihren Gedanken bei mir sind.
Von den schwierigen Seiten meiner Arbeit habe ich schon genug geschrieben, deswegen moechte ich dieses Mal besonders von schoenen Erlebnissen der letzten Monate erzaehlen:
Oesterliches Kaffeetrinken
Nach dem das Adventskaffee ein voller Erfolg war, beschloss ich, auch nach Ostern die Alten noch einmal zu einem fetslichen gedeckten Tisch einzuladen. Meine WG-Kollegin und ich hatten Kuchen gebacken. Mein Kollege S. und meine Mutter, die zu dieser Zeit gerade zu Besuch war, dekorierten den Tisch oesterlich. Fuer jeden Alten hatte ich ein Osterkoerbchen vorbereitet. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen boten wir unseren Gaesten schliesslich noch ein kleines Kulturprogramm aus klassischer Musik und Gedichten. Unsere Alten fragen schon jetzt, ob wir zu Weihnachten nicht noch einmal so etwas machen koennen...
Ausflug nach Sibiel
Seit ein paar Jahren ist es ueblich, dass die Freiwilligen in jedem Sommer einen Ausflug in die Umgebung von Sibiu unternehmen. Dieses Jahr hatten wir uns fuer das schoene rumaenische Doerfchen Sibiel am Fusse der Cindrel-Berge entschieden. Nach der Hinfahrt im VW-Bus ueberraschten wir die voellig ahnungslosen Leute mit einer Pferdewagenfahrt durch den Wald... Ich fuege hier den Text hinzu, der im Oktober im Boten meiner Kirchengemeinde erschien. Ich danke ihr, dass wir mit ihrer grosszuegigen finanziellen Unterstuetzung diesen Ausflug organisieren konnten.
„Multumim frumos!“
Es ist Sommer in einem hübschen rumänischen Bergdorf in der Nähe von Sibiu und ich sitze mit acht älteren Menschen im wunderschönen Garten einer Pension. Wir unterhalten uns oder gehen ein wenig spazieren. Viele sind nach dem ausführlichen Mahl mit hausgemachter Nudelsuppe, den typischen Sarmale (Krautwickeln) und natürlich ein paar Gläschen Zuica (Pflaumenschnaps) ein wenig angeschwippst... Scheinbar kein außergewöhnliches Ereignis. Die Menschen fühlen sich so wohl, dass man ihnen ihre unheilbaren Krankheiten und ihre Armut nicht ansieht. Vorher sind wir mit zwei Pferdewagen durch den Wald spazieren gefahren und haben das Ikonenmuseum von Sibiel besichtigt. A. ist zwar schon 46, hat aber noch nie in einem Pferdewagen gesessen. Sie klatscht während der Fahrt aus lauter Freude wie ein Kind in die Hände. Erst da begreife ich wirklich, welch ein unvergesslich schönes Ereignis so ein Ausflug für Menschen ist, die Tag für Tag in ihrer kleinen und ärmlichen Wohnung sitzen, weil sie nicht mehr ohne Hilfe das Haus verlassen können oder keine Mittel haben, um etwas zu unternehmen. Oder sich gar so fürstlich bei einem 4-Gänge-Mahl bedienen zu lassen! Herr B. sagt mir immer noch bei jedem Besuch, dass es „wie im Paradies“ war.
Bevor ich in meinen Deutschlandurlaub gefahren bin, gab mir Ana einen Brief an die Menschen mit, die den Ausflug unterstützt haben: „Ich bin Ana B. und ich möchte Ihnen von ganzem Herzen für die große Freude danken, die Sie uns hier in Rumänien bereitet haben. Sarah ist mit uns Kranken nach Sibiel gefahren und hat alle zum Essen eingeladen. Das war eine sehr große Freude für uns. Es war total schön, wie an einem Feiertag. Ich bin sehr krank. Multiple Sklerose ist ein schweres Leiden, aber ich kämpfe. Sarah hilft mir sehr und bringt mir unter anderem Windeln. Hiermit möchte ich Ihnen allen danken, die Sie Geld gegeben haben, sodass auch wir einmal einen Ausflug machen können. Ich wünsche Ihnen aus ganzem Herzen viel Gesundheit und Gottes Segen.“ Auch im Namen aller anderen möchte ich Ihnen ganz herzlich für Ihre Unterstützung danken, die uns diesen wunderbaren Tag ermöglicht hat!
“Liebe EU, ich wuensche mir...”
Hier noch die letzten Neuigkeiten: Seit Dienstag, dem 26. 9. ist sicher, dass Rumaenien zusammen mit Bulgarien am 1. Januar 2007 der EU beitritt. Am naechsten Morgen hoerte ich im Radio eine Sendung unter dem Titel “Liebe EU, ich wuensche mir von dir...” Und die Hoerer wuenschten sich vor allem eins: “Hoehere Loehne!”. Dahinter folgte auf dem Wunschzettel erst mal lange nichts. Dann noch die Einfuehrung einer stabilen Waehrung, des Euros, Visafreiheit bei der Reise in EU-Laender und die Bekaempfung der Korruption in der Politik. Manche Anrufer wuenschten sich aber auch, die EU sollte “uns in Ruhe lassen, weil wir auch alleine klar kommen.” So denken nicht wenige der zukuenftigen EU-Buerger. “In Ungarn hat sich ja durch den EU-Beitritt auch nichts verbessert”, meinte ein Kollege. Die aelteren Rumaenen, mit denen ich am meisten zu tun habe, lehnen die EU-Integration gar voellig ab. Sie befuerchten, dass die Situation sich fuer sie noch weiter verschlimmern koennte anstatt besser zu werden (Bereits in den letzten Jahren mussten die Gaspreise dem europaeischen Niveau angeglichen werden, um nach dem Beitritt den Wettbewerb nicht zu verzerren. Dadurch uebersteigen allein die Heizkosten im Winter fuer viele Menschen die kleinen Renten). Manche munkeln gar, die Zahl der Arbeitslosen koennte wegen der Gehaeltererhoehung in utopische Hoehen steigen.
Um die Zustimmung der Buerger zum EU-Beitritt zu erhoehen (sie liegt laut Umfragen angeblich schon bei 75%), wurde vor zwei Wochen eine 400.000 Euro teure Plakatkampagne gestartet. Wo man geht und steht, kann man in der Stadt die Vorteile des Beitritts lesen: Zugang zu den europaeischen Fonds, soziale Unterstuetzung, verbesserte Verwaltung, EU-Staatsbuegerschaft und damit einfacherer Zugang zum europaeischen Arbeitsmarkt, Steigerung des Lebensniveaus, Zugang zu Bildung auf europaeischem Niveau, Verbraucherschutz auf europaeischem Niveau, Verringerung von Buerokratie und Korruption...
Ich weiss ehrlich gesagt nicht so recht, ob ich mich fuer Rumaenien freuen soll oder nicht. Das Land scheint mir noch nicht reif zu sein fuer Europa, sowohl politisch (z.B. im Hinblick auf die voellig selbstverstaendliche Korruption oder das veraltete Justizsystem) als auch mentalitaetsmaessig. Ich habe allerdings auch die Meinung gehoert, dass man nur durch einen baldigen EU-Beitritt das Land zu Reformen draengen koenne.
Vielleicht stimme ich am ehesten noch meiner rumaenischen Mitbewohnerin zu, die ganz nuechtern meinte: “Am Anfang wird es sicherlich erst mal schwierig sein, aber mit der Zeit wird sich durch den EU-Beitritt unsere Situation verbessern.”
Ich denke an euch und wuensche euch alles Gute!
Toate cele bune si
va pup pe toti!
Eure Sarah







