„Der Marsch: 132 km zu Fuß von Cluj nach Rosia Montana „
David berichtet von politischen Aktionen seines Projektes (November 2004)
David Bröhan
PATRIR
Cluj-Napoca
Romania
Rundbrief Nr. 1
Zeitraum Juli bis Oktober 2004
Cluj, im November 2004
Liebe Unterstützer, liebe Freunde, liebe Familie und alle, die diesen Brief lesen,
nun sind schon weit mehr als drei Monate vergangen, seitdem ich Deutschland verlassen habe, um meinen Freiwilligendienst im Ausland abzuleisten.
Denke ich an diese drei Monate zurück, fallen mir sofort der Solidaritätsmarsch für Roşia Montană, die tolle Zeit in Bukarest während der Herbstakademie, das Freiwilligenseminar in Holzmengen, die Rumänienrundreise mit meinem Freund Klaas und nicht zuletzt die vielen neuen und interessanten Leute, die ich kennen gelernt habe, ein.
Diese vielen und abwechslungsreichen Ereignisse nicht unbedingt zusammenzufassen, aber näher zu bringen ist gar nicht so einfach – und ich hoffe, dass es mir gelingen wird.
Von Anfang an: Nach dem Eirene-Ausreisekurs im Juli 2004 bin ich zusammen mit Sarah, einer anderen Eirene-Freiwilligen, die ihren Dienst mit mir begonnen hat, mit dem Auto nach Rumänien gereist. Wir sind von Koblenz gestartet und haben Rumänien nach einer anstrengenden, aber lustigen Reise wohlbehalten am folgenden Nachmittag erreicht. In Cluj, das im Nordwesten Rumäniens liegt, verbrachten wir nur die Nacht, um dann gleich nach Fagaras zur Abschiedsparty unserer beiden Vorgängerinnen weiterzureisen. Diese Feier fand in einer cabană (Holzhuette) in den Ausläufern der Kaparten bei wunderschönem Wetter statt.
Nach diesem feierlichen Empfang bin ich für einige Tage nach Cluj zurückgekehrt. Im Sommer hielt es mich nicht lange in der teilweise ziemlich heißen Stadt und so reiste ich zusammen mit anderen Freiwilligen nach Târgu Mureş, zu einem rumänisch-ungarischen Musikfestival. Ausgerechnet dort hatte ich anfangs stark mit Magenproblemen und Durchfallerscheinungen zu kämpfen.
Zurück in Cluj machte ich mich, angesteckt vom fieberhaften Treiben in meinem Projekt, trotz der schönen Spätsommertage ans Werk.
Das Projekt.
Mein Projekt PATRIR (Peace Action Training and Research Institute of Romania), im März 2001 gegründet, besteht aus mehreren Kampagnen, die in diesem Friedensforschungsinstitut beheimatet sind. Leiter ist Kai-Fritjof Brand Jakobsen, ein norwegisch-stämmiger Kanadier, der aufgrund seines großen Wissens in der Friedens- und Konfliktforschung mehr Zeit des Jahres im Ausland verbringt als in Rumänien, so dass seine Frau Denisa, eine Rumänin, meine eigentliche Chefin und Koordinatorin ist.
Im Institut gibt es eine Abteilung für Friedensfragen, beispielsweise der friedlichen Konfliktlösung, Friedenserziehung an rumänischen Schulen, usw.
Ein anderer Bereich ist die Geschlechtergeschichte, verbunden mit Erziehung und Aufklärung an Schulen, da die Rolle der Frau in der rumänischen Gesellschaft einem viel repressiveren und patriachatischeren Wertebild als in Deutschland unterliegt.
Die Salvaţi Roşia Montană-(Rettet Rosia Montana)-Kampagne, gehoert der Abteilung für Ökologie bei PATRIR an.
Charakteristisch für PATRIR ist auch noch die Tatsache, dass hier sehr viele junge Menschen mitarbeiten, da das Institut ebenfalls recht neu ist und stark auf die Mitarbeit von Voluntären setzt.
Roşia Montană.
Roşia Montană ist ein rumänisches Bergdorf im Apuseni-Mittelgebirge, 130 km südwestlich von Cluj gelegen. Dieses idyllische Bergdorf, das auf eine weit über 2000-jährige Untertage-Bergbaugeschichte zurückblickt, soll nach Plänen eines kanadischen Goldabbauunternehmens (Gabriel Resources) zerstört werden. Die Berge rund um das Dorf würden weggesprengt werden, das Gestein mit hochgiftigem Zyanid ausgewaschen, um das darin befindliche Gold zu bekommen. Zurückbleiben würde zum einen eine verseuchte und tote Wüste mit einem Areal von 21 Quadratkilometern, in deren Mitte einst Rosia Montana stand, zum anderen ein 250 Millionen Kubikmeter fassender Stausee mit zyanid- und schwermetallhaltigen Abwässern.
Untertagebau, wie er seit Tausenden von Jahren praktiziert worden ist, und somit den Bewohnern der ansonsten extrem strukturschwachen Region etwas Wohlstand bescherte, sei zu aufwendig, langsam und teuer, so die Rosia Montana Gold Corporation.
Das weiter oben erwähnte Treiben in meinem Projekt ging nämlich auf das Vorbereiten eines Solidaritätsmarsches für Roşia Montană zurück, der vom 23. bis zum 29. August stattfinden sollte. Im Vorfeld gab es dann auch schon für mich eine Menge zu tun, z.B. Pressemitteilungen ins Deutsche übersetzen, mitdiskutieren, z.B. wie man die sanitäre Versorgung der Marschteilnehmer realisiert (Ergebnis: zur Not muss es auch mal ne Woche ohne Dusche gehen), usw.
Der Marsch: 132 km zu Fuß von Cluj nach Roşia Montană!
Übernachtet haben wir zumeist in Zelten, Schulen oder Gemeinschaftshäusern in den Dörfern, die auf dem Weg lagen. Wir hatten die meiste Zeit Glück mit dem Wetter, so dass es abgesehen von den Anstrengungen (habe mir nur eine Blase in den Fuß gelaufen) und dem Anlass des Marsches, eine sehr schöne Zeit war. Dort habe ich viele kritische Rumänen kennen gelernt, die einen starken Kontrast zu ihren häufig politisch sowohl uninteressiert als auch unmotiviert scheinenden Landsleuten darstellen. Des Weiteren war es auch sehr schön, einfach nur über die rumänischen Dörfer zu wandern, die man sonst nicht aus einer solchen Perspektive wahrnimmt.
Der Marsch endete auf einem bei Rosia Montana gelegenen Hochplateau mit einem Protestkonzert. Hier traten viele bekannte alternative rumänische Bands auf. In dieser Nacht musste ich mich aber leider schon wieder auf die Reise nach Bukarest machen, um zur Herbstakademie, einem zweiwöchigen Sprachkurs zu gelangen.
Das gestaltete sich dann folgendermaßen: Etwas leicht mitgenommen vom Marsch mussten Joe, der andere Eirene-Freiwillige in Cluj, und ich dann (leicht angeheitert) das 800m hoch gelegene Plateau um ca. 3.00 Uhr nachts auf dem gleichen halsbrecherischen Weg wieder verlassen wie wir gekommen waren. Nur jetzt ging es bergab und ich hab im dunklen Wald nichts mehr gesehen. Unten, (dank Joe!), heil und total durchgeschwitzt angekommen, kam dann bei Temperaturen um den Gefrierpunkt für die nächsten eineinhalb Stunden kein Auto, das uns hätte mitnehmen können. Daher war die Erkältung für uns beide schon vorprogrammiert.
In Bukarest kam ich also total übermüdet und stark erkältet an, sodass ich die erste Woche der Herbstakademie nur benebelt wahrnehmen konnte.
Aber zum Wochenendausflug war ich wieder einigermaßen an Deck, so dass ich von der Klostertour eine Menge mitbekommen habe. Bukarest erweckt zuerst einmal den Eindruck einer nie enden wollenden Betonwüste und auch die ehemaligen kommunistischen Prunkbauten können nicht über die massive Armut in vielen Stadtteilen hinweg täuschen.
Die Arbeit.
Aus der Vorstellung meines Projektes heraus geht schon ein wenig hervor, dass meine Arbeit sich recht wenig einheitlich beschreiben lässt. Es gibt bei PATRIR so viele Betätigungsfelder, dass man anfangs förmlich mit dem Angebot erschlagen wird. Einerseits sind es die vielen Sonderaktionen wie Märsche, Seminare, Tagungen und damit verbundene wichtige Vorbereitungen, bei denen man sich einbringen kann. Andererseits erschwert es die Vielzahl an interessanten Projekten, sich für eine oder maximal zwei Kampagnen zu entscheiden.
Aktuell arbeite ich jetzt in der neu gegründeten Ökologieabteilung bei PATRIR, damit verbunden in der Rosia Montana Kampagne und bereite das halbjährlich stattfindende “Peace and Conflict Transformation” Seminar mit vor, an dem Menschen aus vielen Ländern der Welt, sowie zahlreiche UN-Mitarbeiter teilnehmen werden.
Der Alltag.
Täglich arbeite ich zwischen 7 – 9 Stunden im Projekt, wobei ich am Montag und Donnerstag
pünktlich gegen 8.00 Uhr wegen der Montagsmorgensitzung bzw. Aufräumarbeiten erscheinen muss, ansonsten ist auch „später“ kein Problem.
In Cluj teile ich mir mit meinem Mitbewohner Joe eine Wohnung in einem 4-stöckigen „Backsteinblock“. Unsere knapp 40 m2 Wohnung ist mir nach anfänglichen kleinen Bedenken aufgrund der zentralen Lage und des nicht zu verachtenen Plattenbauflairs richtig ans Herz gewachsen; leider werden wir demnächst umziehen muessen, da der Vermieter die Wohnung verkaufen will.
Joe kommt ursprünglich aus Wuerzburg und ist seit über einem Jahr in Rumänien, denn er macht im Gegensatz zu mir einen 18-monatigen Friedensdienst. Er arbeitet in einem Projekt mit sozial benachteiligten Kindern und ist der rumänischen Sprache mittlerweile sehr mächtig, was man von mir noch absolut nicht behaupten kann.
Nach der Bukarester Herbstakademie ging es für mich und ein paar anderen Teilnehmerinnen direkt weiter nach Hosman (Holzmengen). Klingt jetzt erstmal so aufregend wie ne Scheibe rumänisches Weißbrot, aber nach der Hektik der letzten Wochen (Monate), tat das kleine, sehr schön gelegene Dorf in der Nähe von Sibiu (Hermannsstadt) richtig gut. Hier fand ein Freiwilligenseminar mit Teilnehmern von verschiedenen deutscher Organisationen statt.
Dummerweise musste ich auch hier wieder recht schnell verschwinden, denn der Besuch von meinem Freund Klaas stand bevor.
Aufgrund der Tatsache, dass sein Zivildienst in Deutschland zum 1.10.2004 beginnen sollte und wir vorher noch einmal etwas machen wollten, kam er also kurzerhand mit der Bahn in einem 48-Stunden-Tripp von Hamburg ans andere Ende Europas gereist.
Nach kurzem Aufenthalt in Cluj beschlossen wir, dass eine kleine Rumänienrundreise angebracht wäre. Zuerst besuchten wir für mehrere Tage Bukarest, wir quartierten uns beim Eirenefreiwilligen Jakob ein. Danach ging es nach Brasov sowie nach Bran zur Törzburg, “wo vor ca. 550 Jahren Vlad Ttepesch III. Prinz der Walachei a.k.a. Vlad Dracul "der Pfähler" ne Zeit gewohnt haben soll und unter anderem sein Essen in einem Wald aus 20.000 aufgespießten Feinden einzunehmen pflegte”
Weiter ging es nach Fagaras zu Sarah, und von dort aus haben wir eine Wanderung in die schöne und unberührte Natur des Fagarasgebirges unternommen. Bevor es zurück nach Cluj ging, haben wir auch noch Sibiu (Herrmannsstadt), das Zentrum der deutschen Minderheit in Rumänien besucht. Nach dem Wochenende hieß es für uns beide, mal wieder la revedere! (zu dt.: Auf Wiedersehen!) zu sagen.
Seit der Rundreise gehe ich jetzt meinem normalen Alltagsleben nach.
Der Wahlkampf.
Als Ausländer mit noch mangelhaften Rumänischsprachkenntnissen bekommt man eher nicht so viel vom Wahlgeschehen mit. Die Parlaments- wie Präsidentschaftswahlen stehen kurz bevor, und in meinem politisch ausgerichteten Projekt wird natürlich heiß diskutiert, wer das Rennen am 28. November machen wird.
Zur Präsidentschaftswahl stehen:
Adrian Nastase, jetziger Premierminister, Kandidat der Regierungspartei P.S.D. – einer pseudolinken, mit nationalistischen Klischees arbeitenden und mit vielen altkommunistischem Personal durchsetzten Partei.
Traian Balescu, Kandidat des Bündnisses D.A. und aktueller Bürgermeister von Bukarest, dem man Bestechungsvergehen aus der Zeit, in der er als Chef der rumänischen Hochseeflotte deren Privatisierung durchführte, nachsagt.
Der dritte im Bunde ist dann noch Corneliu Vadim Tudor, Kandidat der ultrarechten P.R.M. (Partidul România Mare – zu dt.: Großrumänienpartei), deren Name allein schon gegen die Verfassung verstößt. Unterschätzen sollte man diesen Kandidat jedoch nicht, bei den letzten Wahlen kam seine Partei quasi aus dem Nichts auf rund 20% der Stimmen und er kam in die Stichwahl der Präsidentschaftswahl 2000, unterlag dort aber deutlich Ion Iliescu, dem jetzigen Präsidenten Rumäniens.
Momentan hat die P.S.D. mit Ion Iliescu und einer Mehrheit im Parlament die absolute Regierungsgewalt inne. Das Bündnis D.A. wirft ihr vor, das Hauptproblem im Kampf gegen die Korruption zu sein. Hinter dieser Aussage mag sich sicherlich viel Wahrheit verbergen, aber darf man nicht vergessen, dass ein ähnliches Bündnis von 1996 – 2000 schon einmal die politische Macht in Rumänien inne hatte und für noch katastrophalere Zustände als die P.S.D. sorgte, die darauf prompt die Wahlen wieder gewann. Außerdem ist das Konzept des Bündnisses D.A. dazu noch sehr simpel, bzw. recht neo-kapitalistisch geprägt: Steuern (für Reiche!) + Staatsausgaben runter = mehr Arbeitsplätze.
Dass dieser Ansatz in ohnehin strukturschwachen Ländern sehr problematisch ist, hat die Geschichte anderer ehemaliger Staaten des Warschauer Paktes gezeigt. Erst nachdem man begonnen hat, den wahren Problemen wie Korruption, Verletzungen der Pressefreiheit, des Versammlungsrechtes usw. entschieden den Kampf anzusagen, verbesserte sich die sozioökonomische Situation in diesen Ländern.
Dies soll jetzt keine Werbung für irgendeine Partei sein, denn keine der beiden Hauptmöglichkeiten ist wirklich gut und man muss sich hier auch wieder für das kleinere Übel entscheiden.
(Anm. Red. Gewählt wurde inzwischen Traian Balescu.)
Schlusswort: DANKE!
Absichtlich habe ich dieses lange überfällige Wort erst ans Ende gestellt, nicht nur, um zu zeigen, dass es mir wirklich ernst ist, sondern auch warum. Ohne eure/ Ihre Unterstützung wären diese manchmal –auf Grund der krassen materiellen Armut- nicht immer unbedingt schönen, aber zumindest neuen Erfahrungen, die ich hier in Rumänien machen darf, nicht möglich gewesen.
Viele Grüße und eine schöne Adventszeit wünscht euch /Ihnen
der KapartenDavid aus Transsilvanien!







