Internationaler Christlicher Friedensdienst

"Die Arbeit macht mir wirklich Spass, obwohl sie nicht immer leicht ist."

Marleen Thürling schreibt über ihre Arbeit in der ambulanten Altenbetreuung in Sibiu. 1. Rundbrief (November 2004)

Marleen Thürling,

Sibiu, Rumänien

Projekt: Ambulante Altenarbeit

1. Rundbrief

November 2004

 

Liebe Unterstuetzerinnen und Unterstuetzer!

 

Jetzt bin ich schon ueber drei Monate hier in Sibiu, und es wird Zeit fuer

den ersten Rundbrief, aber ersteinmal der Reihe nach:

Am 21. August, nach traenenreichem Abschied von meinen Eltern, ging es mit

dem Bus los Richtung ROMANIA. Achtundzwanzig Stunden spaeter, ziemlich

erschoepft, aber gleucklich und gespannt auf das Kommende, wartete ich auf

dem Busbahnhof auf Doro, meine Mitbewohnerin. In der Zeit musste ich auch

gleich einem sehr eifrigem Taxifahrer klar machen, dass ich abgeholt werde

und er mein Gepaeck nicht zum Auto tragen muss.

 

In Sibiu war ich dann fuer eine Woche, genuegend Zeit mich einzurichten und

die Stadt zu erkunden. Am Wochenende fuhren wir gemeinsam mit Sarah

(Eirene-Freiwillige aus Fagaras) nach Bukarest zum Sprachkurs an der

Herbstakademie. Die zwei Wochen haben sich wirklich gelohnt. Vormittags

intensiver Sprachunterricht und nachmittags wurden Vortraege zu aktuellen

Themen die Rumaenien betreffen, angeboten. Alles war sehr informativ und

abwechslungsreich, aber auch anstrengend wegen der meist kurzen Naechte...

 

Bukarest ist auf jeden Fall eine sehenswerte Stadt, die auf den ersten Blick

zwar laut, stressig und dreckig wirkt, aber bei genauerem Hinsehen eine

Menge zu bieten hat.     

 

Im Anschluss an den Sprachkurs sind wir nach Hozman (Holzmengen)gefahren,

ein kleines Doerfchen in der Nahe von Sibiu. Der SFDzV (Foerderkreis

Sozialer Friedensdienst zur Voelkerverstaendigung mit Osteuropa)

veranstaltet dort jedes Jahr ein Freiwilligenseminar. Dieser Verein war in

den letzten Jahren fuer mein Projekt zustaendig, was seit diesem Sommer

Eirene uebernommen hat, da sich der Verein aufgeloest hat.

Dort hatte ich die Gelegenheit, viele meiner Vorgaenger persoenlich

kennen-zulernen, die ich bis dahin nur von Rundbriefen und Telefonaten

kannte.

 

Zwei von ihnen, Pablo & Hendrik, haben mich in den naechsten zwei Wochen

noch eingearbeitet, was auf jeden Fall sehr hilfreich war.

Ja, danach ging es dann fuer mich mit der Arbeit richtig los, ohne jemanden

der uebersetzt und erklaert...

 

Die Arbeit

Zur Zeit betreue ich elf aeltere Menschen, die in Sibiu und Umgebung wohnen.

Manche von ihnen besuche ich einmal, zweimal, eine Frau auch dreimal in der

Woche. Die Arbeit ist ganz unterschiedlich, im Vordergrund steht aber bei

allen viel reden, weil die meisten sehr einsam sind. Ansonsten helfe ich wo

ich kann und was gerade anfaellt(Medikamente oder Kleidung besorgen,

einkaufen, saubermachen, reparieren, etc.). Drei von den "Alten" haben zu

Hause keine Waschmoeglichkeit, mit ihnen gehe ich einmal im Monat ins

Altenheim baden. Das habe ich mir ehrlich gesagt anfangs schwierig

vorgestellt, ist aber ueberhaupt kein Problem.

 

Die Kinderbetreuung gehoert vorerst nicht zu meinen Aufgaben, da mir dazu

einfach die Zeit fehlt. In den letzten Jahren waren immer zwei Frei-willige

in dem Projekt eingesetzt, es ist aber wahrscheinlich, dass ab naechstem

Sommer ein neuer Freiwilliger von Eirene kommt.

 

Die Arbeit macht mir wirklich grossen Spass, auch wenn es nicht immer

einfach ist. An den Wohn-& Lebensverhaeltnissen kann man eben nicht viel

aendern. Ich merke aber fast jeden Tag wie wichtig den Leuten die Besuche

sind und man mit ganz wenig sehr viel erreichen kann...

 

Die Sprache

Aller Anfang ist schwer, aber mittlerweile klappt die Verstaendigung schon

ganz gut. Die "Alten" sind auch sehr geduldig mit mir, widerholen auch

dreimal und wer kann, zeigt mir die Vokabeln im Woerterbuch.

 

Seit zwei Monaten habe ich einaml in der Woche Sprachunterricht, ein

grammatisches Grundgeruest ist auf jeden Fall hilfreich. Allerdings muesste

ich mich zu Hause oefter mal auf den Hosenboden setzen und Vokabeln pauken,

bin aber in der Hinsicht nicht sehr fleissig...

 

Das Leben

Es ist schon eigenartig, wenn mensch auf einmal voellig "frei" und

uneingeschraenkt ist. Einmal mit der Arbeit, weil ich mir wirklich alles

selbst einteilen kann, und dann auch die eigene Wohnung mit allem was da

anfaellt. Das bekomme ich aber ganz gut in den Griff. Insgesamt gefaellt mir

das Leben hier richtig gut, ich fuehl mich wohl und es passiert immer wieder

etwas Neues.

 

In Sibiu gibt es mehrere schicke Kneipen und Clubs und auch viele lustige

Leute. Mir wird also selten langweillig. An den Wochenenden sind wir

meistens unterwegs. Als es waermer war, bin ich zweimal in den Bergen

ge-wesen, wirklich atemberaubende Natur und auch sehr abenteuerlich...

 

Zur Zeit wohne ich mit Doro (Eirene-Freiwillige seit Sommer 2002)und

Stefan (oesterreichischer Zivi)zusammen. Die Wohnung liegt zwar am

Stadtrand, aber der Bus faehrt fast direkt vor der Haustuer und Taxis sind

sowieso staendig unterwegs. Wenn es waermer wird, kann ich auch wieder mit

dem Fahrrad fahren und bin in zehn Minuten im Zentrum. Aber wahrscheinlich

muessen wir Ende Dezember ausziehen, mal sehen, das ist noch nicht ganz

sicher.

Gewoehnungsbeduerftig ist, dass es hier wirklich nur Weissbrot gibt, mit dem

Fladenbrot beim Doener vergeleichbar. Allerdings haben Doros Eltern

Brotbackmischungen aus Deutschland mitgebracht, die wir uns sparsam

einteilen...

 

Immer wieder komisch finde ich die Kioske hier. Es gibt sie wirklich

ueberall, fast alle haben das gleiche Angebot zum selben Preis, aber es

stehen sieben Stueck nebeneinander. In Bukarest, auf dem grossen Markt,

waren bestimmt zwanzig Staende, die alle Eier, aber wirklcih nur Eier

verkauft haben. Diese Verkaufsstrategie ist mir raetselhaft, aber sie

funktioniert.

 

Richtig schoen ist das Trampen hier, man kommt wirklich ueberall hin und

lernt dabei meistens noch interessante Leute kennen. Es kostet wenig und

ist schneller als alles andere.

 

Jetzt steht auch schon bald Weihnachten vor der Tuer und ich bin gespannt

wie das hier ablaeuft. Zur Zeit ist von Vorfreude noch nichts zu spueren,

der Lichterschmuck haengt zwar schon, wird aber erst im Dezember

einge-schalten. Der Weihnachtsabend wird hier weniger familiaer zelebriert.

Abends geht man Bekannte besuchen, singt ein Liedchen und wird

herein-gebeten, zum Essen oder einem Glaeschen Zuika (Pflaumenschnaps).

 

Ja, soweit von mir. Ich moechte mich bei Ihnen noch einmal recht herzlich

bedanken, dass sie mir den Dienst hier mit ermoeglichen. Ihnen allen schoene

Feiertage und einen guten Rutsch.

 

Viele Gruesse aus Sibiu und bis zum naechsten Mal,

Marleen Thuerling