Internationaler Christlicher Friedensdienst

Niger-Reisebericht

Sparkassen in Ingall und Agadez

Vor Jahren eingeschlagene neue Wege tragen Früchte

Als EIRENE vor wenigen Jahren seinen Arbeitsschwerpunkt von Agadez in den Süden von Niger verlegte, wurden neben der lokalen Nicht-Regierungsorganisation TAKKAYT auch zwei Sparkassen mit Beendigung des PAAP-Projektes in die Eigenständigkeit entlassen. Sowohl in Agadez als auch in Ingall gibt es heute die Spar- und Kreditkasse, die weiterhin eine wichtige Funktion einnehmen zur Finanzierung von Kleinvorhaben spielen.

Für deutsche Ohren mag eine Sparkasse nicht besonders aufregend klingen. In Niger handelt es sich schon fast um eine revolutionäre Errungenschaft. Denn von vielen Seiten wird die in Niger vorhandene Tradition hart kritisiert, dass derjenige, der ein Einkommen hat, automatisch innerhalb der Großfamilien auch für diejenigen verantwortlich ist, die nichts verdienen. Dieses traditionelle System mag sich im ersten Moment sehr solidarisch und sozial anhören, bedeutet aber in der Konsequenz, dass die Motivation eines Einzelnen, zu arbeiten und Geld zu verdienen dadurch erheblich reduziert wird, als der Verdienende eigentlich keine Chance hat, etwa durch das Zurücklegen oder Sparen von Teilen des Gehaltes eine kleine finanzielle Sicherheit anzulegen. Immer ist er aufgrund des immensen sozialen Druckes verpflichtet, seine auch im weitesten Sinne verwandten Personen mit zu finanzieren. Wer diese Aufgabe in Niger nicht erfüllt, wird durch die Familie sanktioniert, sei es durch sozialen Druck oder auch durch das Verhexen durch einen Marabut. Etwas, vor dem selbst gebildete Nigrer enormen Respekt und Angst haben.

Dieser "Sozialvampirismus", wie er von einigen Seiten genannt wird, ist auch der Grund dafür, warum viele nigrische Männer zum Geldverdienen in die Nachbarländer gehen. Dort sind sie gewissermaßen der sozialen Kontrolle ihrer Verwandtschaft entzogen und können nicht unmittelbar in die Verantwortung zur Übernahme des Lebensunterhaltes der Gesamtgruppe herangezogen werden. Nur so können sie sich eine kleine finanzielle Rücklage erarbeiten. Zwar hat dieses System des "Sozialvampirismus" den Vorteil, dass in Niger kaum jemand Hunger leiden muss, weil es immer jemanden gibt, der für ihn auch im Notfall Sorge trägt, aber die andere Seite des Systems besteht in der radikalen Einschränkung der Motivation zur Leistung und zur Kreativität und damit zum Mangel an notwendiger Produktion in einem armen Land wie dem Niger.

Dieser gesamtgesellschaftliche Kontext hatte zur Überlegung geführt, mit einer Spar- und Kreditkasse einen Ausweg aus diesem Teufelskreis zu versuchen. Es sollte ein Anreiz zum Sparen bzw. zum produktiven Umgang mit Geld geboten werden, ohne die traditionellen Verantwortlichkeiten völlig aufzulösen. Die Kasse sollte sowohl Kreditmöglichkeiten eröffnen als auch das Sparen von persönlich erwirtschafteten Erlösen möglich machen.

Äußerlich hat die Sparkasse in Agadez nicht viel gemein mit einer Sparkasse in Deutschland. Es handelt sich um ein Lehmgebäude von etwa 20qm Größe, das in der Mitte durch eine etwas wackelige Holzwand mit einer Tür und einem Schalterfenster getrennt ist. Schalterraum und Kundenbereich sind so voneinander getrennt, die Kommunikation wird durch einen kleinen Schlitz auf Augenhöhe möglich gemacht. Ansonsten hat das Gebäude eine eiserne Eingangstür, eine eisernes Fenster und - welche Errungenschaft - einen unter der Decke hängenden Ventilator, der die stickigheiße Luft zumindest in Bewegung halten soll.

Die Kassiererin lässt uns in den Schalterraum hinein, wo sich neben einem Schreibtisch, einem Schreibtischstuhl, einem Regal und einem kleinen Tresor noch etwa fünf Aktenordner befinden, in denen die Bankgeschäfte handschriftlich festgehalten und dokumentiert sind. Mit großer Offenheit werden wir über die Notwendigkeit einer Antragstellung für einen Kredit informiert, darüber, dass der Kreditnehmer bei der Polizei ein Schuldeingeständnis unterschreiben muss, bevor der Kredit ausgezahlt wird, über die Strafen, die bei nicht zeitgerechter Rückzahlung erhoben werden und über das Ausfüllen des Sparbuches, das die Sparer mit nach Hause nehmen können.

Die aufgebaute Sparkasse in Agadez hat derzeit ca. 350 Mitglieder, die einen kleinen Mitgliedsbeitrag aufbringen mussten. Die Kasse verfügt über eine Kreditkommission, die vor der Kreditvergabe die Kreditwürdigkeit des Kunden überprüft. In der Regel wird ein Zinssatz von bis zu 25% verlangt, je nach Höhe und Laufzeit des Kredites. Für die Spareinlagen der Mitglieder werden 6% jährliche Zinsen gezahlt, vorausgesetzt, das Geld wurde für längere Zeit festgelegt.

In der Stadt Ingall ist der Kapitalbestand offenbar zu einen Hälfte aus Kreditbeständen von EIRENE, zur anderen Hälfte aus Spareinlagen zusammengesetzt. In Agadez ist leider der durch Kunden eingebrachte Sparbeitrag noch sehr gering. Aber über ihre Bank haben die Menschen überhaupt erst eine Chance, kleinere Vorhaben umzusetzen und so einen Beitrag zur Entwicklung des Landes und ihrer selbst zu leisten. Jedenfalls haben die Banken neue Akzente setzen können und sind für die Mitglieder nicht mehr weg zu denken.