Internationaler Christlicher Friedensdienst

Niger-Reisebericht

Die Wodabee oder Bororo - Eine ausgegrenzte Minderheit im Niger

Zusätzliche Infos zur Fotogalerie 1 vom 12.10.2002

Vor einigen Tagen hatte ich einige Fotos von Magui und Maman, zwei Peulh Bororo aus Niger ins Internet gestellt. Sie hatten uns vor einigen Tagen mit grosser Gastfreundschaft in ihrem Zuhause in Niamey empfangen.

Mir fehlte bislang die Zeit, einige generelle Informationen zu den Bororo aufzuschreiben, was ich hiermit nachholen möchte.

Die Peulh Bororo, die sich selbst Wodabee nennen, sind Nomaden. Sie leben in der Sahelzone in Afrika, zum grössten Teil in der Republik Niger. Man schätzt ihre Gruppe auf 125 Tausend Menschen, 65 Tausend leben in der Republik Niger. Sie gehören zu der grossen Gruppe der Fulbe, die in ganz Westafrika verteilt lebt. Sie sprechen alle die selbe Sprache, das Fulfulde. Die Wodabee haben die Tradionen der Fulbe in ihrer ursprünglichsten Art erhalten. Traditionen, die besonders auf dem Leben mit den mahagoniefarbenden Zeburindern beruhen.

Die Wodabee zeichnen sich durch ihren ausgeprägten Schönheitskult aus, der besonders von den jungen Männern ausgelebt wird. Mit viel Geduld schminken sich die Männer stundenlang vor den Festen, schmücken sich, kleiden sich in ihre kunstfertig bestickten Tunikas und präsentieren sich tanzend dem Publikum. Es gilt besonders den jungen Mädchen zu gefallen. Schönheit bzw. ein Schönheitsideal spielt bei den Wodabee eine ganz zentrale Rolle. Bei besonderen Anlässen obliegt es zwei auserwählten Mädchen den schönsten Mann zu erwählen.

Von der nigrischen Regierung ignoriert, waren sie selbst bis vor wenigen Jahren auch wenig an modernen staatlichen Institutionen interessiert, sei es im Schulbereich oder auf administrativer Ebene. In der Konsequenz führte sie diese Haltung in eine noch grössere gesellschaftliche und politische Isolation. Nur langsam kann sie aufgebrochen werden. Mehr und mehr Gruppen der Wodabee organisieren sich und stellen Interessensvertreter, die ihren Problemen auch auf offizieller Ebene Gehör verschaffen sollen. Einige Gruppen versuchen in manchen Regionen des Landes in gewisser Weise sesshaft zu werden, d.h. sie ziehen nicht mehr mit der ganzen Familie umher, sondern lassen teilweise Kinder, Frauen und Ältere an festen Orten zurück. Dies bringt aber immer wieder Konflikte um Landnutzungsrechte auf, zumal sie als Viehzüchter auch begonnen haben, traditionelle Landwirtschaft zu betreiben. Übrigens eine Entwicklung, die offenbar für den gesamten Niger zu beobachten ist. Die traditionelle Trennung in Viehzüchter und Ackerbauern scheint sich mehr und mehr aufzulösen und beide Bereiche eine Verbindung einzugehen.

Die Wodaabe sind zudem im Bereich der Erstellung von Kunsthandwerk wie Matten, Ketten, Stickerei und Flechtarbeiten etc. sehr aktiv und verkaufen als Händler auch geschmiedetes Material, das sie dann aber in der Regel bei den Tuareg eingekauft haben, weil sie selber über keine Schmiedetradition verfügen.

Im Gespräch mit uns schilderten Maman und Magui, dass sie ihre Kunsthandwerksprodukte in anderen afrikanischen Ländern, aber z.B. auch in Frankreich verkaufen. Der Export ist dabei grundsätzlich kein Problem, aber der Markt für ihre Produkte wird immer eingeschränkter. Sie erläuterten, dass sie in den vergangenen Jahren begonnen haben, sich besser zu organisieren und zusammen zu schließen, weil sie nur so eine Chance sehen, ihre Zukunft zu sichern. Auch der Schulbesuch, eine bessere Bildung für die Kinder und die Kooperation mit staatlichen Strukturen wäre für sie nicht mehr wie früher ein Tabu. Sie wollen aus der Isolation heraus, die sie letztlich in der nigrischen Gesellschaft als "Wilde" stigmatisiert hat.

An diesem Punkt hat sie auch EIRENE im Rahmen eines Kleinprojektes unterstützt. Zunächst wurden Alphabetisierungskurse in Niamey gefördert, in der Hoffnung, die Multiplikatoren könnten dann im Gebiet um Tchin-Tabaraden, wo viele Wodaabe angesiedelt sind, die Kenntnisse weitergeben. Dies gestaltete sich aber schwieriger als erwartet, so dass EIRENE auch vor Ort nördlich von Tahoua Alphabetisierungskurse unterstützt. Mit gutem Erfolg und relativ geringem finanziellen Aufwand (ca. 1.500 EUR).

Unsere Gastgeber erzählen uns über die Probleme, die sie mit Tuareg und Arabern haben. Wenn sie mit ihrem Vieh an Wasserstellen zum Tränken kommen, wird ihnen der Zugang nicht selten verwehrt, obwohl diese Wasserstellen laut Gesetz allen Nigrern offen stehen. Sie beschweren sich dann bei dem Präfekten bzw. den lokalen staatlichen Strukturen, von denen ihnen zwar in der Regel auch Recht gegeben wird. Tatsache ist aber, dass vor Ort und in der Realität der Staat oft nicht die Möglichkeit hat, diese Gesetzgebung auch umzusetzen bzw. deren Einhaltung sicher zu stellen. Nicht selten müssen sie für das Wasser bezahlen oder sie werden unter Androhung von Waffengewalt vertrieben. Als sie dies erzählen, ist eine gewisse Wut in ihren Augen nicht zu übersehen und es wird vorstellbar, dass es bei diesen Konflikten hin und wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Niamey, 15.10.2002