Internationaler Christlicher Friedensdienst

Neues von Genovico

Der dritte Rundbrief der Familie Schoenegg

Liebe FreundInnen und Freunde,

schöne Grüße aus Niamey. Hier nach langem mal wieder ein Rundbrief.

Wir sind jetzt seit 15 Monaten hier im Niger, wir erleben die zweite Hitzeperiode (etwas weniger heiß als letztes Jahr) hier im Niger und schauen auf ereignisreiche Monate zurück. Gerne würde ich öfter schreiben, aber es scheitert oft daran, dass ich gar nicht weiß, wo anfangen und wo aufhören.

Ich fange dieses mal mit der Familie an. Monika hatte in den ersten Monaten viel Arbeit damit, die Kinder bei der Integration in ihre neue Welt zu unterstützen. Geprägt waren diese ersten Monate für die Kinder der Unkenntnis der französischen Sprache, der Andersartigkeit des französischen Schulsystems (leistungsorientierter, schon in der Vorschule) und dem Verarbeiten der vielen neuen Eindrücke in dieser Welt hier, in der ganz andere Verhaltensregeln gelten als in Odernheim. Nach etwa einem Jahr konnte man sagen, jetzt fühlen sie sich hier zuhause. Sie sind normale Schulkinder der französischen Schule, verstehen ausreichend französisch und können mit frankophonen Kindern spielen. Bis Herbst hatte vor allem Dorothee einige Mühe, Kinder zu finden, mit denen sie wirklich und auch längere Zeit spielen wollte. Auch die paar deutschen Kinder in ihrem Alter waren natürlich nicht sofort bereit, sie in ihre Clique zu integrieren. Jetzt ist das geschafft, sie kann sich verabreden, wie sie das auch in Odernheim gemacht hat und fühlt sich jetzt auch wohl. Auch Clemens hat seine Freunde hier, aber er hat auch etwas Pech gehabt, weil schon zweimal seine besten Freunde ausgereist sind, weil der Vertrag der Eltern zu Ende war. In der Schule kommen die beiden gut zurecht und gehen auch meist gerne hin. Sie lernen das, was Kinder in Deutschland in der Schule auch lernen: Lesen, Schreiben, Rechnen, Denken, - die Pädagogik ist interessant, die Lehrer sind kompetent und nett. Die Klassen sind wahrlich international, bis zu 10 Nationalitäten in einer Klasse – natürlich tendenziell etwas elitär (Diplomatenkinder und so was), aber es geht noch.

Nachmittags sind die Kinder zuhause bzw. bei Freunden spielen. Ihr Leben ist also jetzt nicht mehr so sehr anders als das von Kindern in einer deutschen Stadt. Sie leben halt zweisprachig. In diesen heißen Monaten verbringen sie die Nachmittage bevorzugt in den Schwimmbädern der Freunde oder Nachbarn. Einmal in der Woche gehen sie in einen Töpferkurs bei einem nigrischen Töpferer. (Töpfern ist hier durchaus ein einheimisches Handwerk, die Böden sind ja sehr lehmhaltig.)

Monikas Leben gilt nach wie vor in erster Linie der Familie, den Kindern und dem Haus (mit Hausangestellten und ein paar Haustieren). Aber in den letzten Wochen sind doch auch Freiräume tür andere Aktivitäten entstanden. Sie trifft sich gelegentlich mit einigen Nachbarinnen zum Yoga. Dreimal in der Woche geht sie in das Nationalkrankenhaus von Niamey, um die krankengymnastische Abteilung zu unterstützen. Demnächst kann sie auch an einer Behindertenschule Kinder behandeln. Außerdem koordiniert sie ein kleines deutsches Projekt zur Unterstützung nigrischer Grundschulen (www.makaranta.de) Im Juni gibt sie vielleicht im Auftrag der deutschen Botschaft einen Deutschkurs.

Das Leben der letzten Monate war auch geprägt von vielen Besuchern. Es fing an mit einer belgischen Familie, die durch Afrika reisten mit einem bewohnbar gemachten Lastwagen. Sie waren fast vier Wochen bei uns, eine schöne Zeit – deren Kinder waren vielleicht die wichtigsten Französischlehrer für unsere Kinder. Dann war Thomas Oelerich aus der EIRENE-Geschäftsstelle in Neuwied bei uns. Danach hintereinander Trainerkollegen aus Kamerun, Burkina Faso und Benin. Über Weihnachten besuchten uns dann noch Almut und Paul. Almut ist mit EIRENE im Tschad, sie unterstützt dort die Selbstorganisation von Körperbehinderten. Wir waren gemeinsam in der Vorbereitung für unseren Dienst.

Im Projekt GENOVICO ist jetzt der erste Abschnitt geschafft. Von November bis Januar haben wir drei 12-tägige Grundausbildungen in gewaltfreier Konflikbearbeitungen durchgeführt. Die TeilnehmerInnen kamen aus dem ganzen Land, ca 50 insgesamt. Viele sind in Arbeitssituationen, in denen sie das Gelernte unmittelbar anwenden können. Für mich ist vieles sehr konkret geworden, die Konflikte sind komplex, aber die Menschen im Niger haben die ständigen Konflikte satt, sie wollen, dass die Probleme beigelegt werden. Ich habe in den letzten Wochen vieles gelernt darüber, wie die Menschen hier mit schwierigen Situationen umgehen. Im Gegensatz zu Deutschland ist hier ja fast alles immer eine existentielle Frage – ein Stück Land oder einen Brunnen nutzen zu können oder nicht, kann über Leben und Tod entscheiden.

In den Ausbildungen standen Modelle der Konfliktanalyse und Grundzüge einer konsensorientierten Verhandlungsführung und Kommunikation Vordergrund. Grundlage waren Konflikte, die die TeilnehmerInnen aus ihrer Praxis kennen. Es gab jeweils auch eine Praxisstudie, bei der die TeilnehmerInnen einen ausgewählten Konflikt gemeinsam analysieren mussten. Diese Exkursionen in die Dörfer wurden von vielen als Höhepunkt erlebt, weil hier erlebt werden konnte, dass mit den Modellen und dem Wissen, das wir in den Ausbildungen erarbeitet haben, wirklich vor Ort was anzufangen ist.

Die letzten zwei Monate waren wir vor allem damit beschäftigt, die weitere Fortbildung (Spezialisierung) zu konzipieren und vorzubereiten. Es handelt sich um eine berufsbegleitende Fortbildung mit Kursen, begleiteten Praxisphasen und regionalen Lerngruppen. Diese Gruppen bilden dann auch den Ausgangspunkt für das später zu gründende nationale Trainernetzwerk.

Übermorgen brechen wir zu einer Dienstreise in den Osten des Landes, nach Diffa und Nguigmi auf, 2 – 3 Reisetage entfernt von Niamey. Es handelt sich um den trockensten und ärmsten Teil des Landes. Dort leben Kanuri, Haussa, Tubu, Peul und Araber unter schwierigsten klimatischen Bedingungen zusammen und Konflikte zwischen diesen Gruppen sind alltäglich. In den 90er Jahren haben Tubus zur Waffe gegriffen, um auf ihre unerträgliche Situation aufmerksam zu machen (so wie die Tuareg im Norden, aber ohne die internationale Unterstützung, die den Tuareg zugekommen ist). Heute gibt es in der Region zahlreiche Projekte, die dazu beitragen, die Frieden wiederherzustellen. Sie integrieren die Exrebellen in die Gesellschaft ein, sie sammeln Waffen ein und vernichten sie, sie erstellen Landnutzungspläne und sie versuchen, durch Friedenserziehung und Medienarbeit zu einer Kultur des Friedens beizutragen.

Die Teilnehmer unserer Grundausbildung haben in der Region Kurztrainings für die Projekte und für Bauerngruppen durchgeführt und wir werden mit Ihnen diese Erfahrungen auswerten und analysieren, wo sie noch Schwächen haben (die dann in den weiteren Ausbildungen behoben werden sollen). Von Juni bis Oktober diesen Jahres wird das GENOVICO-Team durch Florian Gommel verstärkt. Er war vor einigen Jahren EIRENE-Freiwilliger im Nordprogramm und ist jetzt Rechtsreferendar in Berlin. Wir hoffen, von seinen juristischen Kenntnissen und seiner Ausbildung zum Mediator profitieren zu können.

Gerne wäre ich mit Euch beim EIRENE-Pfingsttreffen. Dort könnt Ihr auch unseren Freund Alkassoum wiedertreffen. Er war 1996 auf Einladung des deutschen EIRENE-Zweiges schon einmal in Deutschland. Er arbeitet seit vielen Jahren in den Selbstförderungsprojekten von EIRENE. Jetzt leitet er unser neues Programm AGSA im Nord-Westen des Landes. Dort wurden in den Dörfern Menschen ausgewählt und zu Dorfberatern ausgebildet. Das Projekt unterstützt die Menschen dabei, sich zu organisieren, zu informieren und zu bilden, um ihre alltäglichen Probleme in den Griff zu bekommen. In den Dörfern leben Tuareg, Haussa, Peul und Araber zusammen, 4 Völker, 4 Sprachen, 4 Lebensweisen, die auch manchmal auf einander prallen. Alkassoum und ein Dorfberater haben an der Grundausbildung von GENOVICO teilgenommen. Die gewaltfreie Konflikbearbeitung wird von Anfang an eine wichtige Rolle in diesem neuen EIRENE-Programm spielen.

Weitere Informationen über GENOVICO und AGSA findet Ihr übrigens auf der Internetseite von EIRENE, Infos über GENOVICO leider noch etwas versteckt, unter den Reiseberichten des Öffentlichkeitsreferenten. www.eirene.org

Politisch ist es hier im Niger zur Zeit relativ ruhig, die Soldatenmeutereien im August letzten Jahres sind fast vergessen. Aber man spürt schon, das nächstes Jahr Präsidentschaftswahlen sind, der Ton wird rauer. Natürlich hat auch hier der Golfkrieg die Gemüter bewegt. Die USA hatten den Niger beschuldigt, dem Irak illegal Uran für seine Nuklearwaffenentwicklung geliefert zu haben. Glücklicherweise gelang es der nigrischen Regierung, zu beweisen, dass die Dokumente der USA gefälscht waren. Es gab hier in Niamey zwei große Demonstrationen gegen den Krieg, angeblich die größten in Westafrika. Sie haben vor allem eines deutlich gemacht: sie wahren Kriegsgewinnler sind die radikalen Islamisten, sie haben hier wie in allen islamisch geprägten Ländern die Demütigung gegenüber den islamischen Glaubensgenossen im Irak dazu nützen können, ihre antiaufklärerische Ideologie und ihren Hass gegen alles, was westlich und modern ist, gesellschaftsfähig zu machen. Den Preis dafür bezahlen vor allem die Frauen, die es damit noch schwerer haben, ihre Menschenrechte durchzusetzen. Interessanterweise sind es hier im Niger vor allem junge Leute in der Stadt, die plötzlich mit Ben-Laden T-Shirts rumlaufen und antiamerikanische Sprüche klopfen. Es ist die Perspektivlosigkeit und die tägliche Demütigung dieser jungen Menschen, kombiniert mit den falschen Versprechungen, die diese jungen Menschen den Islamisten in die Arme treibt. Der Krieg trägt dazu viel bei, er drückt aus, dass das gute Leben im Diesseits für Weiße, für Christen und vor allem die Amerikaner, reserviert ist.

Es gibt einen anderen Krieg, den die Nigrer fast noch mehr bewegt: der in der Elfenbeinküste. Man muss wissen, dass ein großer Teil der männlichen, arbeitsfähigen Bevölkerung des Niger (und auch der anderen Sahelstaaten) in den trockenen Monaten als Wanderarbeiter in die Küstenländer geht. In der Elfenbeinküste befinden sich regelmäßig ca 5 Millionen Menschen aus den Sahelländern (bis zu 1 Million Nigrer). Diese zu vertreiben war eine der Haupttriebfedern für die Regierung der Elfenbein-küste, diesen Bürgerkrieg auszulösen. Für ein Land wie den Niger ist das eine immense ökonomische Gefahr. Nicht nur, dass die Einnahmen der Wanderarbeiter fehlen, auch der rege Außenhandel ist durch den Krieg erheblich behindert, Abidjan ist einer der wichtigsten Häfen der der Region. Den Niger wird es in seinem Bruttosozialprodukt erheblich zurückwerfen.

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Wir grüßen Euch ganz herzlich

Günter, Monika, Dorothee und Clemens