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Voilà und ich bin endlich angekommen und eingetaucht in das Leben der Nigrer

Ingrid beschreibt in ihrem letzten Rundbrief, wie eine Europäerin sich langsam aber sicher mit den schönen und den schlimmen Seiten eines der ärmsten Länder der Welt arrangiert.

Ingrid Feiden – Niger „Clair Logis“ Bericht Nr. 5 von meiner Begegnungsarbeit aus dem Land des Nigers. Voilà und ich bin endlich angekommen und eingetaucht in das Leben der Nigrer.

Meine Freiwilligen-Arbeit hier im heißen, sandigen Niger ( jetzt auch noch mit dem Harmattan, einem heftigen Staubwind aus der Wüste, der überall eine puderfeine, nein eine fiese, Schicht von gelben Sandmehl hinterläßt), hat meinen Kopf vollgestopft mit exotischen Bilder, erstaunlichen Szenen, wunderbaren Erlebnissen und ganz, ganz großartigen Menschen, vollgestopft wie eine olle Scheune. Meine lang anhaltenden Widrigkeiten haben sich in eine Ecke verkrochen und Lebensfreude ist rausgekommen. Ich fühle mich zwar immer noch als Staubkorn, aber jetzt nach über 11 Monaten Leben in dem Land der bitteren Armut, stark und sicher. Die vielen fast unlösbaren Probleme machen mich gelegentlich noch kaputt – aber meine Freude schleudert mich zu den Sternen. Es ist einfach eine Mischung aus Verzweiflung und Glück, manchmal einfach ein Zauber. Ich bin in meiner freiwilligen Arbeit nicht mehr unglücklich, meistens sogar richtig glücklich dank der Hilfe durch die hier täglich ums Überleben kämpfenden, von den vor Lebendigkeit strotzenden Menschen. Danke, danke, danke!!! Voilà, endlich bin ich hier angekommen. Und richtig gut!!! Meine vorherige Zeit in der wohlhabenden Welt war still und friedlich zwar etwas eintönig, etepetete, aber durchaus nicht langweilig. Aber was ist das jetzt für eine verrückte Zeit. Ich bin dort, wo der Dreck und die Armut nach Veränderung sucht. Und ich bin glücklich. Peu à peu hat man in meinem Projekt CLAIR LOGIS auch erkannt, dass die Betreuung nach der Ausbildung sooo entscheidend und wichtig ist. „Und nicht mehr nach mir die Sinflut“ Denken. Viele der jungen Frauen kommen erst langsam, ganz langsam aus ihrer starken tradionellen islamischen Erziehung heraus, in der Frauen nur für Mann, Kind und Haus zuständig waren. Das neue Motto: „geht nicht, sie sollen auch zum Lebensunterhalt beitragen“, zumindest hier in Niamey. Bei meinem Gesprächen und Kursen stelle ich aber immer wieder fest, sie sind scheu, schüchtern und schicksalsergeben. Das ist auch kein Wunder bei dem muselmanischen Einfluss, der Demut und Unterwürfigkeit predigt. Mühselig ist meine Arbeit, aber auch wundervoll. Die Frauen hören mir zu und fangen an in ihrem Kleinkinderfranzösisch Fragen zu stellen, fragen mich um Rat. Wollen, dass ich ihnen zeige wie sie aus ihrer Misere herauskommen, sprich Geld verdienen und wie sie ihren Eltern helfen können. Sie sind neugierig geworden auf betriebswirtschaftliche Zusammenhänge, natürlich auf niedrigem Niveau. Was will ich mehr? Jetzt wollen noch die restlichen Mädels aus dem Atelier ihren Personalausweis. Kommen zu mir und ich soll ihnen dabei helfen, sprich: zahlen. Das mache ich gerne. Blöderweise gibt es im Moment im ganzen Land Niger keine Formulare zum Ausstellen des Personalausweises. C´est le Niger!

Nicht mehr witzig ist hier die Rebellion zwischen Touareg und Militär. Das ganze Rebelliongebiet ist vermint und es wird gekämpft. Es gibt Tote, Verletzte und Gefangene auf beiden Seiten. Jetzt wurden auch hier in Niamey und in anderen Städten Minen gefunden und es gab auch Tote von Leuten, die mit Ihren Autos über die Minen gefahren sind. Irgendwelche dunklen Mächte versuchen davon zu profitieren. Keiner glaubt daran, dass es die Rebellen waren (ich auch nicht) und die Rebellen haben auf ihrer Internetseite www.m-n-j.blogspot.com auch betont, nicht in die Städte zu gehen. Da ich halt nie mit einem Auto unterwegs bin, habe ich auch keine Angst, bin nur etwas beunruhigt. Jedoch, wenn ich dann in der kurzen Abenddämmerung, in der Abendstimmung, auf dem Weg zum in meinem Häuschen ins Quartier komme, fühle ich mich wie in Betlehem. An den Strohhütten, an den Ställen mit dem bunten Federvieh und schnatternden Gänsen, an den mürrisch wirkenden Schafen und im Sand, an den wenigen Sträuchern nach Essbaren suchenden Ziegen vorbei, habe ich das Gefühl, so kann es vor über 2000 Jahren bei Christus Geburt gewesen sein. Wenn dann mit Strohmatten beladene alabasterfarbenen Kamele vorbeikommen, geht mein Herz wieder auf. Wenn sie dann noch in diesem Tohuwabohu so gelassen neben selbstmörderischen Taxis, knatternden Mopeds und Motorrädern und stinkenden, vollbeladenen Lastwagen laufen sehe, bin ich tief beeindruckt. Es ist wie es ist, aber ich begreife es nicht. Wieso, warum sind die Nigrer so hilfsbereit, so freundlich, so genügsam, so demütig? Ist es der Schmerz des Hungers im Bauch, der Unterwürfigkeit und Angst erzeugt? Ist es die tiefe Religiösität? Oder – ich weiß nicht. Doch, --es ist so - Allah hat es gewollt. Es ist ihre tiefe Religiösität!!! Im Foyer wurde Salamatou, der Monitrice, ihr ganzer Monatslohn von 15.000 CFA keine 25 Euro geklaut. Kein großer Groll, Allah hat es so gewollt. Manchmal, nein immer, bin ich beeindruckt von der Fähigkeit dieser Menschen, mit dem allgemein Tragischen wie mit ihrem persönlichen Schicksal zu leben und dennoch zu strahlen, zu lachen. Unglaublich!

Was ist Sommer? Das wurde ich von Salamatou gefragt, nachdem ich von Sommerfarben geredet habe. Die Nigrer kennen nicht wirklich die Jahreszeiten. Hier knallt die Sonne täglich runter. Es gibt im Juli und August gelegentlich eine Regenzeit und jetzt haben wir hier die Kälte, mit einen starken Wüstenwind, morgens 20 Grad und mittags 29 – 30 Grad Celcius im Schatten. Richtiges Badewetter würde ich sagen, windig wie auf Sylt und noch mehr, nur leider kein Wasser. Aber die Menschen frieren, zumindest morgens. Frühmorgens laufen sie mit den aus Altkleidersammlung gefundenen Steppjacken, möglichst noch mit pelzverbrämter Kapuze, über ihrer tradionellen Kleidung herum, aber an den Füßen, wenn überhaupt, nur die billigen Badelatschen und keine Socken. Quasi haben sie, zumindest ganz, ganz viele einfach schlichtweg, einfach kein Geld. Kaufen eßlöffelweise das Öl, das Waschpulver 15 grammweise. Immer wieder höre ich, wenn ich wieder Geld habe, kaufe ich Seife, dann kann ich meine Wäsche waschen. Im Moment sind die Fehlzeiten bei den Schülerinnen im Foyer Clair Logis sehr hoch. Und warum wohl? Sie haben keine 1500F (ca. 2 Euro) um Stoff zu kaufen, damit sie sich wieder ein neues Kleid nähen dürfen und auch weiter üben können. Aber für Hochzeiten wird das „letzte Hemd“ ausgezogen. Ich war auf Biba´s Hochzeit eingeladen. Peinlich, wurde als „Weiße“ wie ein Ehrengast herumgereicht. Eigentlich wollte ich Biba nach ihrer Ausbildung im Foyer in die Selbstständigkeit begleiten. Aus die Maus. Hat das „Späte Mädchen“ von 31 Jahren doch noch Heiraten können, den Cousin ihrer Mutter. Es riecht ein bisschen nach arrangierter Hochzeit. Er musste 100 000 CFA (ca.150 Euro) an die Eltern zahlen, die davon quasi die Aussteuer stellen. Biba ist aber überglücklich und geht mit ihrem Dorfschullehrer aufs Land, ins Dorf. „Aber mit Elektrizität“ hat mir Biba stolz erklärt. Ich habe ihr aber eingetrichtert, dort weiter zu nähen und ihre Nähmaschine (eine kostenlose Werbung) vors Haus, vor ihre Lehmhütte zu stellen, damit alle Frauen sehen, was sie kann. Hat sie mir hochheilig versprochen. Außerdem kann sie dort Nähunterricht erteilen und auch so ein kleines Zubrot verdienen. Ich werde sie auf jeden Fall besuchen und sie ein bisschen pushen. So eine Hochzeit ist lustig und langweilig zugleich. Männlein und Weiblein sitzen schön getrennt von einander. Die Braut darf eine Woche vorher nicht mehr aus dem Haus und am Tag der Hochzeit sitzt sie eingepackt in eine Decke in einem Raum, um abends von den Ehrendamen in „voller Schönheit“ zu ihrem getrennt von ihr feiernden Bräutigam gebracht werden zu können. Beide werden eingepackt und ihrem Glück überlassen. Bei meinem Projekt ANTD, dort arbeite ich einmal in der Woche meistens samstags, eine nigrische Vereinigung zur Vorsorge und Behandlung von Kriminalität bei Jugendlichen ist die Finanzierung 2008 für die Aktionen auf der Straße endlich wieder gesichert. Zum Ende des Jahres 2007 wurde die Straßenaktion mangels Geld eingestellt. Dabei ging es im Prinzip um die läppischen Benzinkosten von zweimal im Monat von etwa 8000F (ca. 12Euro) pro Aktion für 4 Motorräder. Jetzt finanziert irgendein Programm der EU für 2008 weiter das Projekt, und die Organisation kann sich in der Nähe ihres Büros ein Haus suchen, wo die Kinder, die weg von der Straße wollen, zunächst Aufnahme finden. Das Hin und Her und das nicht Weitermachen können, hatte mich in meiner Gefühlswelt stark gebeutelt und die Entwicklungshilfe manchmal infrage gestellt. Beinhart muss jährlich um neue Gelder gekämpft werden. Tja, und ist auch richtig, damit nicht noch mehr Unfug bzw. Betrug mit den Entwicklungsgeldern, wie bei der Organisation Hecks betrieben wurde. Irgenwann samstags suchten wir vom Straßenkinderprojekt wieder das wilde Rudel der Streuner. Nirgends zu finden, weder auf dem grand marché noch auf dem petit marché noch auf der sogenannten Croisette, dort wo die ganzen Nachtlokale sind. (Ja, ja viele Muselmänner beten nicht nur, obwohl der Koran das Alkoholtrinken untersagt, laufen die Kneipen bestens. Kein Kommentar!) Wir fanden sie beim Fußballspielen auf einem freien Feld. Das Hallo war riesig, ein absolutes Chaos. Gleich musste ich ihnen Wasser kaufen und natürlich Brot mit viel Fleisch. Zwischendurch fiel ein Stückchen Fleisch in den Sand. War nicht tragisch, wurde aufgehoben und mit dem Sand und den Mikroben in den Mund geschoben. Bei solchen Situationen merke ich einfach wie ausgehungert und gierig sie nach etwas Essbaren sind.

Amadou, das schmächtige Kerlchen war auch wieder mitten drin. Hat aber versichert, er ginge abends nach Hause, sei nur tagsüber beim Betteln und was sonst noch. Will ich es glauben? Tja, um aus diesem Dilemma rauszukommen, brauchen die Kinder eine Rundumbetreuung, auch mit sportlichen Aktivitäten. Wenn ich sehe, wie in den Sandstraßen mit einer hinreißender Begeisterung barfuß Fußball gespielt wird, könnte ich mir vorstellen, dass ein ehemaliger Fußballtrainer auch mal einen Freiwilligendienst hier machen könnte.

Im Übrigen hat EIRENE meine Endsendeorganisation als Hilfsorganisation hier einen sehr guten Ruf und viele, sehr viele kennen diese Organisation, vor allen Dingen in der Region um Agadez. Bei der extremen Trockenheit, Dürre 1973-1974, der großen Hungersnot waren es die deutschen Hilfsorganisationen, auch EIRENE, die Kartoffelpulver und Mais hier hinschickten. Nafa, Fati`s Noch-Ehemann ( Fati ist aus der häuslichen Gemeinschaft ausgezogen, weil er sich eine zweite Frau genommen hat) erzählte mir, dass die Menschen aus lauter Hunger, das Kartoffelpulver schon so gegessen haben und fast daran erstickt sind, bevor ihnen gesagt werden konnte, das es mit Wasser angerührt werden muss. Etwas Hilfe für das Projekt CLAIR LOGIS erwarte ich mir von der Deutschen Botschaft. Die Verantwortliche für die Finanzierung kleiner Hilfsprojekte hier hat sich nach meiner Anfrage schon gleich das Projekt genauestens angeschaut. Die Betschwestern möchten gerne auch junge Frauen in der Patisserie ausbilden und brauchen dazu technische Geräte. Mal sehen, ob die Deutsche Botschaft uns mit unterstützt und nicht andere Projekte, von denen es hier nur so wimmelt. Ich habe auf jeden Fall meinen Beitrag geleistet. Ich mag einfach keine Vögel die sitzen bleiben. Das war und ist noch immer mein Problem hier. Ich bin zu ungeduldig. Habe den Betschwestern aber gezeigt, an welcher Tür angeklopft werden muss. Na ja, wenigstens einen Millimeter weit ist die Tür schon geöffnet. Jetzt hilft nur noch beten. Incha Allah.

Alles Getue, der Kleinkram, der bis jetzt mein Leben ausgefüllt hat, ist verschwunden und ich bin glücklich, vielleicht helfen zu können. Herzliche Grüße Ingrid


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