Niger-Reisebericht
Von Niamey nach Agadez
1000 Kilometer bis in die Stadt der Tuareg
Am Mittwoch morgen gegen 6.00 Uhr brechen wir in Richtung Agadez, fast 1000 Kilometer
Nordöstlich von Niamey gelegen, auf. Agadez ist bis vor wenigen Jahren das zentrale Einsatzgebiet von EIRENE in Niger gewesen. EIRENE hatte dort Anfang der neunziger Jahre seine Arbeit mit den Basisgruppen fortgesetzt, während fast alle anderen Organisationen aufgrund der Bürgerkriegssituation (Tuareg-Rebellion) die Region verlassen hatten. Als wir in Agadez ankommen und nach dem Weg zum Gästehaus von EIRENE fragen, hören wir immer wieder: "Ach so, die von der Gewaltfreiheit (eux de la non-violence)". EIRENE hat Spuren hinterlassen.
Doch bevor wir in Agadez nach 13stündiger Fahrt ankommen, war zunächst eine unendlich trostlos erscheinende Landschaft zu durchqueren, die zwar ein wenig Pfanzenwuchs aufweist, aber fast durchweg ein einheitliches, man könnte auch sagen, trostloses Bild liefert: die Landschaft flach, wenig Bäume, sandige Erde, immer wieder kleine Dörfer, ab der Stadt Tahoua (zur Mitte der Strecke) dann immer häufiger Esel, Rinder und Kamele auf der Straße. Unterwegs liegen dann vereinzelt kleine Städte, in den das Leben zu pulsieren scheint. Die kurzen Stops ermöglichen uns, einen kleinen Imbiss in einem heruntergekommenen Lokal einzunehmen oder auch mal eine Coca Cola zu trinken. Zum Glück sind die Temperaturen nicht mehr so heiß wie an den Tagen zuvor.
Wir kommen abends gegen 21.00Uhr im Gästehaus von EIRENE an, was zunächst bedeutet, dass ich die letzten zwei Stunden aufgrund der Dunkelheit nicht mehr viel sehen konnte. Das Gästehaus von EIRENE befindet sich mitten in der Altstadt von Agadez, einer Stadt, die wahrlich eine Faszination ausstrahlt. Lehmbauten, enge Gassen, Tuareg-Gesichter, Kerzenlichter, kleine Verkaufsläden, eine ruhige Abendstimmung und das wirklich einladende Gästehaus mit einer Terrasse auf dem Dach, was uns bei kühleren Temperaturen ein angenehmes Schlafen ermöglichen soll, prägen die ersten Eindrücke. Es gibt Strom, es gibt Wasser, es gibt europäische Toiletten, einen Kühlschrank, Matratzen: alles, was der Menschen zum angenehmen Leben braucht.
Nachdem wir unsere Schlafgelegenheiten eingerichtet haIben, fahren wir in ein kleines Kulturzentrum, das Karim, der Mitarbeiter vom GENOVICO-Projekt, kennt. Dort wird traditionelle Haussa-Musik auf den einsaitigen Gitarren gespielt und in Haussa gesungen. Jeder kann sich ein Lied wünschen, wenn er denn 1.000 nigrische Francs, etwa 1,30Euro bezahlt. Eine schöne Stimmung bei klarem Himmel und angenehmen Temperaturen.
Ich könnte noch viel über die Fahrt bis hierher nach Agadez schreiben, aber die Zeit wird immer wieder knapp, weil das Erstellen der Fotos und das Schreiben der Artikel doch mehr Zeit in Anspruch nimmt als ich angenommen habe. Zum Glück unterstützt mich Jens Schild in Hamburg tatkräftig und stellt die ihm per E-Mail zugesandten Bilder immer fast sofort ins Internet, so dass ich aus dem Niger nur noch die Bildunterschriften einsetzen muss. Aber auch diese Arbeit des Einstellens von Texten und Bildern braucht hier etwas länger, weil es hier keine DSL-Leitungen gibt. Wir sind einfach verwöhnt in Deutschland. Und wenn mir nicht mein Sohn Niklas seinen Lap-Top zur Verfügung gestellt hätte, es wäre wohl Einiges problematischer gewesen. So hoffe ich, heute eine Verbindung per Telephon ins Internet herstellen zu können, nachdem tagsüber keine Telefonverbindung nach Niamey herzustellen war. In einigen Stunden sehen wir weiter. Jetzt ist hier die Sonne untergegangen und noch vor 19.00Uhr ist es dunkel geworden.
Wir werden nachher noch ins Büro von TAKKYLT fahren, einer lokalen Organisation, die von EIRENE in den letzten 20 Jahren aufgebaut worden ist. Heute ist TAKKYLT unabhängig und wird lediglich hin und wieder von EIRENE beraten. TAKKYLT bedeutet in der Sprache der Tuareg, dem Tamschek, soviel wie "aufgeweckt, engagiert", und so begreifen sich auch die MitarbeiterInnen. Ich treffen Ibrahim oder auch Dije, die ich in Deutschland schon einmal getroffen habe, und auch andere Gesichter, die in den verschiedenen Broschüren von EIRENE abgebildet waren.
Ich schaue mir mit Günter Schönegg eine der famosen Sparkassen an, die auf die Initiative von EIRENE zurückgehen und mache Fotos, Fotos, Fotos, um sie dann hoffentlich in Deutschland für die Öffentlichkeitsarbeit nutzen zu können. Einige davon finden sich hoffentlich in Kürze in einer weiteren Fotogalerie hier im Internet wieder.
Überhaupt ließe sich vieles im Detail erzählen, aber ich fürchte, dass könnte eine unendliche Geschichte werden. Jedenfalls fasziniert mich diese Stadt Agadez schon sehr, sie strahlt ein gewisses Flair aus, was mich an den Film "Casablanca" erinnert mit den Gassen und Häusern. Das ist auch ein gewaltiger Unterschied, den ich nicht nur hier, sondern in ganz Niger im Vergleich zu meinen Eindrücken aus der drei Jahre zurückliegenden Reise in den Tschad mache: das Land strahlt eine gewisse Ruhe aus, die Menschen, auch die Ausländer fühlen sich hier sicher, das kommerzielle wie kulturelle Angebot ist bedeutend größer. Hier könnte ich es aushalten, zumindest kann in nachvollziehen, warum so viele EIRENE-Freiwillige an speziell an dieser Stadt Agadez ihr Herz verloren haben.
Agadez, den 17.Oktober 2002







