Internationaler Christlicher Friedensdienst

Die zweite Hälfte

Was gibt es Neues in CIVITE

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Auf Montage mit Martina

Martina war wieder auf Nicaragua Reise und besuchte uns Eirenis in Rivas. Es ist immer schön wenn Martina vorbeikommt, da sie immer Haribos und Schokolade mitbringt, aber natürlich freute man sich viel mehr über den Besuch. Nachdem wir einige Arbeitsgespräche hinter uns hatten und wir versprachen bei der Übersetzung für das Projekt unsere ganze Energie aufzuwenden, wollte man am Abend gemeinsam essen gehen, was aber mit einem Reifenwechsel und 2 gebrochenen Schrauben beinahe ein trauriges Ende genommen hätte. Jedenfalls schafften wir es unsere gerade, gewechselte Kleidung kaum zu beschmutzten, und danach unseren Hunger zu stillen.

Am nächsten Tag machten wir uns auf, um uns am See ein wenig den Ruhetag auf die Haut brennen zu lassen. Ich aß zum ersten Mal Languste, die mich aber nicht gerade abschreckte, aber es war auch kein Hochgenuss für meinen an Reis und Bohnen gewöhnten Gaumen. Martina musste noch am selben Tag zurück nach Managua. Ich ergriff die Chance und fuhr mit ihr mit, da ich noch eine Arbeit in unserem Büro zu erledigen hatte. Ich sollte einen neuen Computer installieren und durfte dann den alten mit nach Civite mitnehmen. Da ich, wenn ich groß bin Koordinator von Nicaragua werden will oder zumindest Präsident der Republik, ging ich mit auf Projektbesuche bis ans hinterste Ende von Nicaragua.

Der Golf von Fonseca bildet die natürliche Grenze zwischen Nica und El Salvador, so dass wir nicht die Chance hatten uns zu verfahren und uns in El Salvador wieder zu finden. Ein Vulkan, ein heißer Tümpel und ein Vogelbesichtigungspark ohne Vögel waren unsere Ziele in diesem Ende der Welt. Sie musste einen Vertrag unterzeichnen und gleichzeitig das Projekt besuchen. Nach 4 Stunden Fahrt über Staub, Steine und Schlaglöcher, wurden wir von einem Führer durch das Projektgebiet dirigiert. Ein Tourismusprojekt sollte hier unterstützt werden und somit zeigte man uns die heiße Quelle, in der bald ein Schwimmbecken entsteht und einen Pfad durch einen Mangroven Wald, in dem sich aber zur Mittagszeit alle Vögel versteckt hielten.

Zurück in Managua, gab es erst einmal einen Tag Büroarbeit und ein Treffen mit den Freiwilligen aus Esteli und Costa Rica. So lernte man sich kennen und tauschte Erfahrungen aus. Den nächsten Tag ging es nach Matagalpa und nach San Dionisio. Dort lernte ich auf einer Landwirtschaftsmesse verschiedener Organisationen Arbeitsmethoden, Produkte, Projekte und verschiedenste vegetarische Produkte kennen. Die anderen Freiwilligen ,die wir in Managua getroffen hatten, holten wir aus Matagalpa ab, um mit ihnen ihn San Dionisio ein Wochenende zu verbringen. Ernesto, ein Cooperante von Eirene, bewirtete uns und stellte uns Schlafmöglichkeiten zu Verfügung. Wir sahen wie die Dorfbewohner in ihrer donnerstäglichen Prozession singend ein Kruzifix umhertrugen. Der Waldbrand ,den man hinter dem Dorf auf einem Feld ausmachen konnte, schien niemanden besonders zu verunsichern und man sagte uns, dass das wohl das Werk von Betrunkenen sein müsste, aber man sollte sich nicht ängstigen, denn das komme hier öfter vor. Abkühlung fanden wir am nächsten Tag in einem Fluss, der noch Wasser führte. Die Familie von Ernesto, Martina und wir Freiwilligen kühlten uns in dem erfrischenden Nass ab. Kinder, die in der Nähe zu wohnen schienen, ließen uns mit ihren tollkühnen Sprüngen aus Baumwipfeln, unseren Atem anhalten. Noch am selben Abend mussten wir zurück nach Managua ,da es noch viel zu tun gab.

Ich blieb noch bis Montagabends, um mich danach nach Rivas abzusetzen. Der Projektantrag musste übersetzt werden und in die richtige Form gebracht werden. Kurz bevor ich in den Minibus einstieg, um mich nach Rivas befördern zu lassen, dachte ich zuerst irgendein Freund, der mich gesehen hatte wollte mich von hinten umarmen. Als ich mich aber umsah, sah ich in das Gesicht eines Unbekannten, der versuchte, meine Brieftasche aus meiner Hose zu stehlen. Ich versuchte in dem Augenblick als ich realisierte, dass es sich nicht um eine freundschaftliche Umarmung handelte, ihn zu packen um mein Eigentum zurück zu erhalten. Ich hatte ihn, doch just in dem Augenblick bekam ich einen Stoß von hinten und verlor das Gleichgewicht. Ich sah nur noch den Dieb davonrennen. Den anderen, der mich zu Fall gebracht hatte, bekam ich überhaupt nicht zu Gesicht. Mit aufgeschrammten Armen stand ich da. Ohne Geld, gut es war nicht viel Geld gewesen, doch ein wenig geschockt bot man mir Wasser an, um meine Wunden auszuwaschen. Eine Frau, die sich meiner erbarmte und die ebenfalls in Rivas wohnte, bezahlte mir die Fahrt. Kurz bevor der Bus jedoch abfuhr, stürmte dann noch eine junge Frau herein und überreichte mir meine ausgeräumte Brieftasche. Jedenfalls meine Brieftasche bekam ich wieder und die Dokumente.

Jedoch kam ich trotzdem ziemlich erschöpft in Rivas an und schwor mir, nie wieder mein Geld so aufzubewahren, dass man sich wie in einem Selbstbedienungsladen bedient. Die restliche Woche über verbrachte ich damit, den Projektantrag mit Reynaldo zu übersetzten. Es war eine interessante aber anstrengende Arbeit, bei der ich viel über unsere eventuelle Zukunft in CIVITE erfuhr.

Wahlweise Barfuss oder mit Verbundenen Augen

Ostern ist in Nicaragua das wichtigste Fest des Jahres. Eine Woche lang werden im ganzen Land Prozessionen abgehalten und gefeiert. Umzug folgt auf Umzug und das kann zu den unterschiedlichsten Zeiten geschehen. Man sollte sich also nicht wundern, wenn man hier zur Osterzeit um Mitternacht einen Pulk Menschen sieht, der gemächlichen Schrittes und mit einer Kapelle, die die schrecklichsten Töne von sich gibt, zu treffen. Kinder und Erwachsene kleiden sich je nachdem welchen Heiligen man feiert in dessen Tracht. Barfüssig oder mit verbunden Augen, begleiten einige Menschen den Umzug, auf dem ich anwesend war. Jede Kirche, an der man vorbei schreitet, leistet dem Santo Ehre indem die Glocken geschlagen werden und indem eine Menge Feuerwehrkörper in die Luft gehen. Es ist schon eine ziemlich laute Angelegenheit bei der das ganze Geräuschpotenzial konzentriert zusammenfindet. Ich glaube aber eine Pferdeschau übertrifft die Umzüge noch ein wenig, da sich hier verschiedene Bands gegenseitig zusammenspielen bis eine das Feld räumt.

Eine andere Tradition ist es, dass aus allen Ecken des Landes Planwagengespanne nach Rivas kommen, um den Heiligen von Popoyapa zu sehen und zu begleiten. Ich sah einmal auf dem Weg nach Managua so eine Ansammlung von Pilgern, die sich eine Woche mit ihrem Karren und 2 Ochsen auf den Weg hierher machten, um zum richtigen Zeitpunkt anzukommen. Aus ganz Zentralamerika finden sich Menschen ein, um bei den Festivitäten dabeizusein oder einfach nur um zu beten und bitten. Diese Woche wird von den meisten Nicas auch genutzt, um mit ihren Familien an Strände zu gehen. Baden das heißt, sich in das meist lauwarme Wasser zu setzten und ein wenig herumzuplantschen. Leider unterschätzen viele, die sonst nie am Meer waren, die tückischen Strömungen. Hinzu kommt, dass die meisten auch des Schwimmens unkundig sind und so auch nicht von den wenigen Rettungskräften rechtzeitig erreicht werden können. Ich bekam einen Fall aus Rivas mit, der mich vorsichtiger ins Meer gehen ließ. 3 Brüder ,die sich ein wenig abkühlen wollten, gingen hüfttief ins Wasser, wurden aber von einer gerade einsetzenden Strömung fortgerissen ins Meer. Einer konnte sich sofort an den Strand retten, während die andern unaufhörlich ins Meer gespült wurden. Zwei Stunden lang hielt es schwimmend einer der Unglücklichen aus, ständig der Erschöpfung nahe und bereit, loszulassen und den Kampf aufzugeben, bis er ein Boot sah, das sein Bruder um Hilfe gebeten hatte. Sie suchten und riefen nach dem anderen und fanden schließlich den Bruder ertrunken. Er hatte es nicht geschafft, so lange zu schwimmen. Beide waren kräftig, jung und konnten schwimmen. Jedoch, gegen die Macht des Meeres konnten sie nicht ankämpfen. Viele, die ihre Kraft und das Meer falsch eingeschätzt hatten, mussten dies mit ihrem Leben bezahlen. Über 80 Tote gab es dieses Jahr, aber auch, weil es zu wenig oder gar keine Hilfskräfte gibt.

Sitten und Gebräuche die man so nicht kennt

Man fragt sich was das soll und geht vielleicht beleidigt weiter. Wer die vielen kleinen verschiedenen Eigenarten der nica- Kultur nicht kennt wird sich vielleicht ab und zu nicht verstanden fühlen. Der Fingerwink oder ein Blick, ein Wort kann hier etwas ganz anderes bedeuten, als man es bei uns gewohnt ist. Man muss es gesehen haben, da es nicht einfach ist, diese Gestik, die manchmal nicht mehr als eine Sekunde dauert zu beschreiben. Beispielsweise das Herwinken einer Person verläuft genau umgekehrt zu unserer bekannten Bewegung. Für uns erscheint diese Bewegung eher als Zeichen dafür, sich weiter zu entfernen. Eine schwere Prüfung, eine unangenehme Situation werden mit einer sich wiederholenden Handbewegung dokumentiert, wobei die auf sich klatschenden Finger ein Klacken von sich geben. Ich habe es noch nicht zur Perfektion gebracht es zu imitieren.

Eine sich vorstülpende Mundspitze, bei gleitzeitigem Heben des Kopfes, mit stetigem Blick auf den Gesprächspartner, ist zum Verwechseln ähnlich mit der bei uns bekannten streitlustigen Geste zur Aufforderung eines Kampfes. Hier stellt man eine Frage oder man fragt nach, wenn man etwas nicht verstanden hat, auf diese uns ungewohnte Weise. Dass es bei dieser Art von Gestik auch schon zu Missverständnissen kam, kann man sich vorstellen. Man behauptet nicht ganz zu unrecht in den benachbarten Ländern, dass man hierzulande einen Vulgärwortschatz pflegt, der sich sehen lassen könnte bei jeder Weltmeisterschaft im Schimpfen. Es gibt Leute, die ohne diese Satzfüllenden Worte gar nicht mehr auskommen. Berührungsängste kennt man hier nicht. Bei jeder Gelegenheit klopft man sich freundschaftlich auf die Schulter und lehnt sich aneinander. Diese Eigenschaft hat mir besonders gut gefallen, da man sich ohne Scham und Zwang anfasst und damit sein Vertrauen oder seine Freundschaft offen legt. Die erste Zeit war zwar gewöhnungsbedürftig, aber ich habe mich daran gewöhnt und es schätzen gelernt. Körperkontakt zur Begrüßung, zum freundschaftlichen Austausch, aus Freude, aus Beileid und aus anderen Gründen des Zusammenlebens schweißt die Menschen hier fester zusammen. Jeder kennt jeden in der Strasse und somit verbringt man durchschnittlich 1 Stunde länger beim Einkaufen als vielleicht in Deutschland. Es wird ausschließlich getratscht und die neusten Trauer- und Liebesgeschichten machen schneller die Runde als man es mit dem Telefon verbreiten könnte. Mir passierte es einmal in dem kleinen Dorf San Dionisio das man mich 2 h nach meiner Ankunft bei einem Spaziergang schon mit meinem Namen ansprach. Jeder kennt jeden und ist in irgendeiner Weise verwandt mit dem anderen , sodass man immer alles schnell von dem Nachbar erfährt, falls der Dorfpolizist wieder einmal betrunken einen Baum niederschoss ,den er für einen vermeintlichen Viehdieb hielt. Die Mäuler stehen nicht still und plappern Tag und Nacht, sodass auch viel böses Blut und Streit entsteht. Im Allgemeinen aber geht man hier alles sehr ruhig und gemütlich an, und wenn nicht gerade zuviel Alkohol im Spiel ist, bleibt es auch bei einer freundschaftlichen Stimmung in der man sich wohlfühlen kann.


Irak Krieg in Nicaragua

Jetzt, nachdem alles vorbei ist, geht es vielleicht erst richtig los. Wieder einmal hat sich Bush und sein Gefolge gegen Proteste und UN Bestimmungen hinweggesetzt und die Interessen der USA gegenüber der ständigen Bedrohung Irak hinweggesetzt. Hier wurde der Krieg eher unskeptisch betrachtet, da man die Medien fast 100 % auf den Bush Kurs eingeschworen hatte. Es gab zwar vereinzelt Proteste und mancher mochte sich sogar an das erinnern was die USA mit Nicaragua anstellten, aber der Krieg war weit entfernt, von dem man nur eine leichte Benzinerhöhung mitbekam. Präsident Bolanos bot sogar medizinische Hilfe an, was natürlich ein Witz war, da man nicht einmal die notwendige medizinische Versorgung der Bevölkerung zufrieden stellen kann. Im Fernsehen sah man CNN auf Spanisch. Wenn die Sachlage nicht todernst gewesen wäre, hätte das ganze Informationsprogramm einem Hollywood Kriegsfilm gute Vorlagen liefern können. Ich bin mir sicher,dass auch das schon in Arbeit ist. Der Hintergrund der Moderatoren wurde von einer ständig wehenden Star and Stripes Fahne gefüllt, daneben konnte man die Landkarte des Iraks ausmachen, auf der ein Radarfadenkreuz ständig in Bewegung war und unaufhörlich etwas zu suchen schien. Ein Altar oder Opfertisch, auf denen man Fotos gefallner Helden darbrachte, wurde täglich aktualisiert und mit Briefen der Mütter,die ihre Söhne verloren hatten verziert. Soldaten ,die nur in die Armee eintraten, um Geld zu verdienen, starben für ein Land ,das vielleicht zuvor ihrem eigenen Land die Lebensgrundlage entzogen hatte. Man sagt ,dass ein großer Teil der US Truppen aus Latinos bestanden haben soll. Die Berichte wurden von schönen, sich drehenden und blinkenden Animationen der Kriegsmaschinen untermalt, sodass man vor Ehrfurcht erstarren musste, wenn man die Daten sah, die dazu eingespielt wurden. Geschwindigkeit, Schlagkraft, Panzerung, Reichweite von Panzern, Flugzeugen usw. Ob man auch einen B-52 Bomber mit seiner Bombenkapazität darstellte, weiß ich nicht, gewiss ist doch der Effekt, den diese Bilder haben sollten. Es mag wohl ein gewisses Sicherheitsgefühl geben und die Angst unterdrücken ,die man haben kann als US- Amerikaner. Ähnlich wie die deutschen heutzutage immer noch Probleme haben, sich als Deutsche vorzustellen, krallt sich bei einem US- Staatler etwas in seinem Unterbewusstsein fest ,das ihm sagt ,das was bisher an Politik verkauft wurde nicht ganz so koscher war, wie man es gerne gehabt hätte. Was treibt wohl die Völker dazu, die von amerikanischen Interessen rücksichtslos ausgebeutet und ohne Skrupel benutzt werden, öffentlich Flaggen zu verbrennen und Puppen von ihrem Präsidenten und vielleicht sogar noch Schlimmeres anzurichten. Die friedlichen Proteste,die es weltweit gab zeigen,dass dieser Krieg nichts mehr mit der Verteidigung der eigenen Sicherheit zu tun hatte. Die ganze Welt wusste ,dass es hier nur um Öl und Macht ging. Ein Diktator, der mit seinem unbarmherzigen und sturen Auftreten ein willkommener Grund war, um durchzugreifen, war schlimm genug, doch jetzt mussten noch viele Unschuldige zusätzlich sterben, die es vielleicht überlebt hätten, wenn man auf das Weltgewissen gehört hätte. Hoffen wir für die Zukunft auf einen einsichtigeren Präsidenten, da sonst die Spirale der Gewalt und Armut nie auf- hört sich schneller und schneller zu drehen.

Euer Daniel

Hier noch ein gutes Wort: Mag sein ,dass der jüngste Tag morgen anbricht; dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht. Dietrich Bonhoeffer