Internationaler Christlicher Friedensdienst

Neues aus Nicaragua

Die letzte Zeit - was nimmt man mit

5.Rundbrief

Liebe Unterstützer, liebe Unterstützerinnen. liebe Freunde, Freundinnen u. Verwandte,

dies ist nun mein letzter Rundbrief aus Nicaragua: Ende Juni ist mein Vertrag hier zu Ende. Danach werde ich vermutlich noch ein paar (wenige) Wochen in hiesigen Gefilden reisen (wenn ich schon mal hier bin) in Gegenden, die ich bisher noch nicht kennenlernte, z.B. Atlantikküste/Karibik im Nordosten (sie soll ganz anders sein als das übrige Nicaragua), vielleicht auch in eines der Nachbarländer (nochmal Costa Rica, El Salvador), bevor ich etwa Anfang August - eventuell über México - wieder nach Deutschland zurückkehre. Die letzten Wochen hier werden wohl wie im Flug vergehen (schon jetzt kommt es mir so vor, als ginge meine Frühstücks-Marmelade - die leckere aus Guayaba (Guave) - viel schneller zu Ende als noch vor 1 Jahr). Meine Gedanken kreisen jetzt öfter um das Abschiednehmen von hier: was werde ich vermissen, worauf freue ich mich bei der Vorstellung an die Rückkehr.

Was werde ich vermissen: ~ die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zugewandtheit, manchmal auch unbeschwerte Neugier der Menschen hier ~ so manche lieben Freunde u. Freundinnen, die ich hier gewann, auch die netten EIRENI's in Nicaragua ~ die täglichen Rufe (oft schon früh morgens) der Schuhputzer-Jungen - "va lustra-a-ar!" - und der Straßenverkäufer und -verkäuferinnen: "Elotes, Tamales!" (heiße Maiskolben; in Bananenblätter eingerolltes Hackfleisch mit Maismehl), "Verduras, Acuacate, Plátano!" (Gemüse, Avocados, Kochbananen), "Narajas, Limones, Melón, Sandía!" (Orangen, Zitronen, Zucker- und Wassermelonen), "Hamacas!" (Hängematten), "Lotería, Lotería!", ... ~ die Wärme (auf dem derzeitigen Höhepunkt der Trockenzeit kletterte selbst hier oben in Estelí manchmal das Thermometer auf 34 Schatten; hoffentlich ist es in Deutschland wenigsten im Sommer dann halbwegs warm!) ~ die tägliche Sirene vom Rathausdach um 6, 12 und 18 Uhr (es gibt hier nämlich keinerlei öffentliche Uhren, und nur wenige besitzen eine Armbanduhr; so erfahren auch Analphabeten, was die Uhr geschlagen hat) ~ die vielen Früchte - am Baum gereift und nicht im Container oder Reifungshaus! - z.B.: Mangos, viele unterschiedliche Bananen-Sorten, Papayas, Piñas (Ananas), Maracuja, Carambola (Sternfrucht), Tamarindo, Guanabana (Stachelannone, ähnlich wie Chirimoya), Jocote (grün, gelb bis rot, etwa wie große Oliven, saftig-säuerlich), Marañon (Ceshew), ... ~ faszinierende Landschaften (Vulkane, den riesigen Nicaragua-See mit seinen wunderbaren Inseln wie z.B. Solentiname und Ometepe, die Urwälder und Nebelwälder mit ihrer einzigartigen Fauna und Flora, den Pazifik mit der Kette von zahlreichen Vulkanen, ...)

Was werde ich nicht vermissen: ~ den allgegenwärtigen Müll: es macht mich immer wieder traurig und ärgerlich, daß die Menschen hier so unachtsam mit der Umwelt umgehen und ihren Müll einfach in die Gegend werfen; es ist eine schlimme und offenbar unausrottbare Gewohnheit der Nicas, einfach allen Abfall in die Gegend zu werfen: die Plastiktüten, aus denen sie ihren Saft tranken (Glasflaschen sind hier kostbar, und so werden Erfrischungsgetränke beim Verkauf in Plastiktüten gefüllt) - raus aus dem Busfenster! - unbrauchbar gewordene Gegenstände - weg damit in die Landschaft! ... die Straßen- und Wegeränder sehen entsprechend aus ~ das ständige Musik-Geplärre (Entschuldigung, aber ich kann's einfach nicht anders benennen): im Bus, auf der Straße, in und vor Geschäften, in vielen Häusern, in Restaurants, bei Familien- od. a. -feiern usw. wird Radio oder Fernseher oder CD-Player voll aufgedreht (z.B. bei Festen kann man sich dann nur schreiend "unterhalten"; da hilft oft nur noch Oropax - und auch das manchmal nur dämpfend); "ja, so sind wir Nicas eben, das ist überall hier so", höre ich - stimmt, aber deshalb muß mir diese Art Musik (meist banale Schlager, "bestenfalls" noch Rockmusik) noch lange nicht gefallen; es nervt mich einfach ~ den äußerst großzügigen Umgang mit der Zeit: wie bereits in einem vorigen Rundbrief beschrieben, heißt "hora nica" = mindestens 1/2 Stunde später (zu einer für 19 Uhr ausgesprochenen Einladung erscheint man tunlichst frühestens um 20 Uhr, besser erst um 21 Uhr, und kommt man noch später, ist man immer noch früh genug; doch auch offizielle und dienstliche Veranstaltungen beginnen i.a. erst 1/2 oder gar 1 Stunde nach der angesetzten Zeit)

Worauf ich mich freue: ~ auf Euch, meine Geschwister, Verwandten, Freunde und Freundinnen ~ auf Sonnenblumen- und anderes -Körnerbrot (immerhin gibt es aber hier auch 1 Bäcker, der ganz ordentliches Vollkornbrot backt; sonst gibt's eben das lasche, geschmacklose Weißbrot) ~ auf kulturelle Ereignisse wie gute Konzerte, Theater, usw. ~ auf täglich vorhandenes Wasser (nicht mehr der morgendliche bange Blick zur Dusche, ob auch Wasser kommt, oder ob ich wieder mal aus dem Eimer schöpfen muß).

Doch bevor ich Abschied nehme von hier, werden wir noch einiges mit "unseren" NATRAS und ihren Familien und all den anderen ins Projekt eingebundenen Menschen tun, was dann noch weiter fortgesetzt werden wird. (Natürlich werde ich auch so manche dieser NATRAS vermissen: ihre Fröhlichkeit, ihren Lebensmut, ihr Engagement, ...!) Bei dieser Arbeit widmen wir uns verstärkt den Schulproblemen: daß möglichst viele Kinder und Jugendliche in der Schule verbleiben und weiterkommen. Was Schulbesuch hier bedeutet, kann sich in Deutschland kaum jemand vorstellen. Mich machte es sehr nachdenklich, immer wieder einmal bei der Frage "warum gehst du in die Schule?" die Antwort zu lesen: "um jemand im Leben zu sein". Heißt das - so fragte ich mich - daß sie "niemand" oder "nichts" sind (oder sich so fühlen), wenn sie nicht wenigstens lesen, schreiben und rechnen können??

So machen wir Hausbesuche, um uns nach dem Stand der Dinge zu erkundigen und zu stützen, reden regelmäßig mit den Lehrerinnen, schulen und begleiten eine Gruppe von Secundar-Schüler/-innen und jungen Frauen und Männern, die regelmäßig Hausaufgabenhilfe anbieten und die ihrerseits ggf. mit den betr. Lehrerinnen Kontakt aufnehmen. In der Arbeit mit engagierten Eltern und "Lideres" (Stadtteilvertretung) wollen wir auch die anderen Problemkreise im Auge behalten und verfolgen: Gewalt (in der Familie, bei der Ar-beit, in der Schule) und Ausbeutung bei der Arbeit (zu viele Arbeitsstunden, unangemessen schwere oder schädigende Arbeit). Es ist geplant, in jedem der von uns betreuten Stadtviertel eine Gruppe von Promotoren und Promotorinnen zu bilden, die auch späterhin manche unserer Aufgaben übernehmen. Dazu bedürfen sie unserer Anleitung und Begleitung.

Ich möchte diesmal Euer Augenmerk auf die - auch hierzulande kaum beachtete - Gruppe der "Domésticas" lenken, also der (in unserem Falle Kinder- oder jugendlichen) Haus-"angestellten". Ich schreibe "-angestellte" in Anführungszeichen, weil diese Mädchen (es sind nur zu 10% Jungen) natürlich keinerlei Arbeitsvertrag erhalten und somit völlig ungeschützt sind (keine freien Tage, keine Ferien, ungeschützt bei Krankheit, usw.). In Nicaragua gibt es schätzungsweise 25.200 Kinder- und Jugendlichen-Domésticas. Sie sind wegen der miserablen ökonomischen Situation ihrer Familien dazu gezwungen. Die Mädchen sollen außerdem auch früh lernen, Hausarbeiten zu übernehmen ("aprender a ser 'mujercitas'" = lernen, kleine Frauen zu sein!). Manche von ihnen fangen bereits im Alter von 7 Jahren (die meisten zwischen 8 und 12 Jahren) an, in einem fremden Haushalt zu arbeiten. Sie sind damit für große Teile des Tages von ihrer eigenen Familie getrennt, damit isoliert und schutzlos, können mit niemandem reden. So zeigen viele von ihnen alarmierende Beschwerden: Kopf-weh, Alpträume, bei geringstem Anlaß weinen wollen - alles Symptome wie bei einer chroni-schen Depression. - Sie müssen wie Erwachsene arbeiten. Sie werden innerhalb des Haushalts diskriminiert. Sie sind durch ständig wiederkehrende Tätigkeiten und durch überlange Arbeitszeiten unfallgefährdet. Sie werden im Haushalt verantwortlich gemacht, wenn sie etwas kaputt machen (und es wird ihnen vom Lohn abgezogen). Fast die Hälfte von ihnen kann nicht (mehr) die Schule besuchen. Bei vielen von denen, die zur Schule gehen, beobachtet man einen Entwicklungsrückstand von bis zu 3 Jahren oder mehr. Sie werden oft (verbal oder physisch) mißhandelt, nicht selten auch sexuell mißbraucht. - Sie verdienen - die jüngeren Kinder - zwischen 5 C$ täglich (das sind knapp 0,40 EURO) und 30 C$ monatlich (etwas mehr als 2 EURO), manchmal zzgl. etwas zu essen. Die Jugendlichen erhalten im Durchschnitt zwischen 400 und 600 C$ monatlich (= ca. 28 bis 43 EURO).

So zählt man gerade die Hausarbeit von Kindern und Jugendlichen (in Haushalten Dritter) zu den schlimmen Formen der Kinderarbeit, die zu bekämpfen jedoch deshalb sehr schwierig ist, da sie so unsichtbar ist. Noch schlimmer ist zweifellos die Arbeit der Kinder und Jugendlichen, die auf den Müllhalden arbeiten und dort nach noch Verwertbarem suchen (in Estelí sind es 23, und 18 von ihnen können nicht lesen und schreiben).

Rückblickend frage ich mich manchmal ob wohl meine Mitarbeit in Estelí hilfreich war? Dann erinnere ich mich einer Geschichte, die ich hier nur sinngemäß wiedergeben kann: Es war im Winter in einem Wald; es schneite und eine Meise auf einer Tanne schaute zu. Da kam eine Wildtaube. "Was, meinst du, wiegt eine Schneeflocke?", fragte die Meise die Taube. "Nichts", sagte die Taube. "Ich sitze hier schon eine ganze Weile", sagte die Meise, "und habe die Schneeflocken gezählt, die auf jenen Ast fielen; es waren einemillionsiebenhundert-zweiundachtzigtausenddreihundertsechsundfünfzig. Als die einemillionsiebenhundertzwei-undachtzigtausenddreihundertsiebenundfünfzigste Schneeflocke auf den Ast fiel, brach er ab. Sie war ein Nichts." - Nachdenklich flog die Wildtaube davon.

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