Auszug aus dem ersten Rundbrief von Daniel Zapf
Daniel Zapf schreibt über seine Erfahrungen im Projekt CIVITE in Rivas, Nicaragua
Hallo liebe Freunde,
nun bin ich schon 3 Monate in Nicaragua und habe schon einiges hinter mir.
Man lernt hier tagtäglich etwas Neues hinzu, Vokabeln, Menschen, Gebräuche, Tiere usw. Anfangs wollte die Zeit nicht vorübergehen, wenn ich jetzt zurückdenke, dreht sich der Zeiger doch ziemlich schnell. Ich hatte bisher eine schöne Zeit in Esteli und Rivas, wo ich meinen Projektplatz habe.
Es ist heiß, Mücken gibt es genug und über den Mittag verliert man 1 Liter Wasser, ohne seinen kleinen Finger bewegt zu haben. Ich werde noch ziemlich schnell müde, da das Sprechen und Verstehen von Spanisch noch lange nicht als sehr gut zu bezeichnen sind und einen schnell an seine Leistungsgrenze bringen. Jedoch schlafe ich meistens in meinem schönen kleinen Zimmer schnell ein.
Doch was genau macht der Mensch, den ich kenne, oder gar unterstütze den lieben langen Tag, außer schwitzen und spanisch zu verstehen.
Wo bin ich eigentlich und was soll das ganze überhaupt?
Einer meiner Hauptbeschäftigungen, ohne die geringsten Arbeiten getan zu haben, wurde schwitzen, was ich schon nach einigen durchnässten Hemden bemerken sollte.
Da mein Sprachkurs in Esteli stattfand, und Katarina dort praktischerweise wohnte, konnte ich mit ihnen fahren.
Die Fahrt nach Esteli, über die Panamerican, wird meine erste Bekanntschaft mit der Landschaft. Gelb in gelb präsentiert sich mir ein Großteil der Strecke, zwischendurch bewässerte Reisfelder, Händler, die am Straßenrand sitzen und Äffchen, Vögel anbieten.
Trotz der Hitze muss man größtenteils mit geschlossenen Fenstern fahren, da der Staub zur Trockenzeit auf allen Straßen zu finden ist. Endlich, nach 4 Stunden Hitze und Staub, kommen wir in Esteli, die Stadt in der die Revolution begann, an.
Esteli begann damals, als Nicaragua unter dem Diktator Somoza zu leiden hatte, den Aufstand, der zum Sieg über das grausame Regime führte. Die Sandinisten, wie sich die Aufständischen nannten, versuchten, eine gerechte Verteilung des Landes und andere soziale Leistungen zu erreichen. Beachtliche Erfolge konnten sie sich in den ersten Jahren zuschreiben, bis die USA mit der Unterstützung der ehemaligen Soldaten Somozas das junge Land in Gefahr brachten. Die Contras, wie sich die Untergrund Armee nannte, wurden mit 80 $ Milliarden durch die USA ausgestattet, während das Bruttosozialprodukt Nicaraguas bei 2 $ Milliarden lag.
Dörfer wurden ausgelöscht, freiwillige Helfer ermordet, gezielt Schulen zerstört u. noch Schlimmeres wurde unter der Aufsicht der CIA in Nicaragua verbrochen. 1990 wurden bei freien Wahlen die Sandinisten abgewählt und die USA konnten wieder durch die ihr wohlgesinnte Regierung ihre Interessen durchsetzen.
Eine der Folgen war, dass die, unter den Sandinisten erreichten 12 % Analphabetenquote wieder heute bei 40 % liegt.
Traurig, dachte ich mir, dass ein Land ,geschüttelt von Naturkatastrophen, Diktatoren, USA und korrupten Beamten keine Gelegenheit bekommt, sich selbständig zu entwickeln.
Und schon stand ich vor dem Haus, in dem ich 4 Wochen lang mit einer Familie zusammenleben sollte. Abgepackt, vorgestellt, ja und dann stand ich da vor der grausamen Wirklichkeit, in einem Land zu sein, dessen Sprache ich nicht sprach. Zum Glück half der Sohn von Dona Dominga mit seinem Englisch aus, um sich ein bisschen näher kennenzulernen. Die Gastmutter hatte noch zwei Töchter, ihr Ehemann arbeitete bis um 22.00 Uhr in ihrer Pulperia. Unter einer Pulperia kann man sich einen etwas kleineren Tante-Emma-Laden vorstellen, in dem man so ziemlich alles für den täglichen Bedarf bekommt, außer Fleisch, Gemüse und Obst. Man findet sie fast überall, es wird wohl kaum eine Strasse geben, in der es keine Pulperia gibt. Ich bezog mein kleines, schön eingerichtetes, Zimmer und durfte danach mit dem typischen Essen des Landes Bekanntschaft machen.
Reis mit Bohnen gibt es zu jeder Essenszeit, wenn man nicht zu den Besserverdienenden gehört, die sich auch ein wenig mehr Abwechslung leisten können. Mir sagte es sofort zu und ich verschlang einen kleinen Berg Gallo Pinto, das wortwörtlich in aller Munde ist. Dazu gab es fritierte Kochbananen, die ungeschält einen viereckigen Eindruck machten.
Es war schon ein seltsames und beklemmendes Gefühl, sich nur in einzelnen Wörtern und Gesten verständlich zu machen und oft nicht verstanden zu werden. Die Familie nahm mich jedoch freundlich auf und verbrachte einige Zeit damit, mich bei meinen Bemühungen etwas zu sagen, überhaupt zu verstehen.
Die Nicas sind ein geduldiges Volk, die bisher viel ertragen mussten und nun mich, nach Naturkatastrophen, Hungersnöten, Kriegen, ohne weiters auch noch verkrafteten.
Das Leben in dieser Familie war ein kleiner Aufschub, bis zu meiner eigentlichen Bekanntschaft mit Nicaragua und dem Ernst des Lebens. Reich konnte man die Familie nicht nennen, doch waren sie nach meiner Ansicht bessere Mittelschicht, die sich ein schönes Haus, ein Auto, 3 Fernseher, Stereoanlage und einen Computer leisten konnten. Die vertraute familiäre Umgebung verschonte mich 4 Wochen lang davor, zu realisieren, dass ich weit weg von zu Hause war und mich bald selbst um mein Frühstück kümmern müsste.
Plastikbeutelberge und faszinierende Natur
Zum Frühstück 4 Toast, Milch, Melone und ab zur Schule die um 8.00 Uhr beginnt.
Meine Gastmutter begleitet mich das erste Mal, damit ich den Weg kennenlernte.
Früher träumte ich immer davon,die Panamerican kennenzulernen und nun wird dies mein Schulweg! Beiderseits der vielbefahrenen Strasse, gibt es alle 50m eine Werkstatt für Autos, da ein Auto hier meist bis zu 30 Jahre halten muss und die meisten Teile aus zweiter Hand stammen und auch nicht ewig halten, kleine Essensstände, bei denen man Cola, Tortillas, Gallo Pinto, Mangos oder andere kleine Snacks für zwischendurch bekommt. Fast alles wird in Plastiktütchen verpackt, was dem Straßenbild zwar nicht zugute kommt, aber auch dem ärmsten Nica die Perspektive eröffnet, etwas zu verkaufen. Mangos gibt es überall in Nicaragua und somit eröffnet sich für eine große Zahl von Kleinverkäufern die Möglichkeit, Mangostücke zu verkaufen, die man nur noch in den Mund schieben muss, ohne weitere Arbeit.
Ein Umweltbewusstsein existiert kaum in Nicaragua ,was man ihnen auch nicht vorwerfen kann, da sich viele noch Gedanken darüber machen müssen, woher und wie man zur nächsten Mahlzeit kommt. Der Müll entwickelt sich zu einem großen Problem, da er meistens dort entsorgt wird, wo man sich gerade befindet. Managua wirbt mit dem Slogan: "Sei kein Schwein, halte deine Stadt rein". Ratten und Mosquitos fühlen sich wohl in diesem Milieu und vermehren sich und somit auch Krankheiten. Müll, der sich zu Haufen sammelt, wird meistens an Ort und Stelle verbrannt, was dazu führt, dass es überall nach verschmortem Plastik riechen kann. Jedoch wird hier alles so oft verwendet und repariert, bis es nicht mehr geht.
Man findet in jedem Barrio (Stadtviertel) mindestens 2 Schneidereien, Schuhflicker, Elektriker, Autowerkstatt, Sattler, Schmiede und wahrscheinlich noch einige andere. Jeder versucht, sich mit einer kleinen Verdienstquelle über Wasser zu halten und so verkauft man sich gegenseitig, was man gerade im Überfluss hat. So hängen an vielen Häusern Pappschilder mit Aufschriften wie: "Verkaufe Käse, Tortillas, Milch, Kleider, repariere usw...
"Los Pipitos", der Name der Schule in der ich Spanischunterricht nehmen sollte, betreut, unterrichtet und gibt Jugendlichen mit eingeschränkten Fähigkeiten die Möglichkeit, einer Tätigkeit nachzugehen. Beispielsweise produzieren sie in einer Bäckerei verschiedene Sorten Pan (Brot), das sind meist süße Gebäckstücke, Kerzen, Hängematten und noch andere Dinge in Handarbeit.
Ich wurde meiner Lehrerin, Kollegen und dem Rest der Mitarbeiter vorgestellt. Worauf es auch gleich losging mit Lockerungsübungen für den ganzen Körper. Einzelunterricht mit einer Person, die einen nur in einer Sprache anspricht, die man selber noch nicht spricht, hört sich ziemlich schwierig an. Mit Hilfe von Händen und Füssen konnte man sich irgendwie unterhalten. Hausaufgaben gab es jeden Tag und nicht zu knapp. Jeden Tag 4 Stunden und an manchen Nachmittagen machten wir Besuche bei den verschiedensten interessanten Projekten:
Ein Radiosender von Jugendlichen für Jugendliche, Heilpflanzengärtnerei, eine Wandmalerei.
Esteli ist berühmt für seine Wandmaler, die hier Muralisten genannt werden. Die erste Zeit war nicht leicht, aber zu derselben Zeit war ein junger Ami in meiner Familie untergebracht. So fühlte ich mich nicht immer sprachlos und konnte mich auf Englisch mit jemanden unterhalten. Er half mir auch, wenn ich Fragen hatte. Er absolvierte hier in dem örtlichen Gefängnis sein Praktikum und gab dort Jugendlichen Englischunterricht und hörte ihnen auch einfach nur zu. Am Nachmittag machte ich dann meine Hausaufgaben oder ging in die Stadt. Abends traf ich mich ab und zu mit den zwei anderen Eirene Leuten: Margret Meerwein(INPRHU) und Martin Schmalzbauer(Los Pipitos).
Die Wochen vergingen langsam und am vorletzten Wochenende lud mich die Familie ein, sie nach San Juan del Sur zu begleiten.
Die Stadt verzaubert jeden mit ihrer schönen Lage und ihren Pazifikstränden. Sonne, Strand und Meer ließen die Strapazen des Unterrichts vergessen. Ein Schildkröteneitrunk wurde mir angeboten, den ich auch versuchte, nur bekam er mir nicht so recht ,da ein Viertel des Getränks aus Chile bestand. Ansonsten holte ich mir den schlimmsten Sonnenbrand, den ich bisher hatte. Nach 2 Wochen war alles wieder verheilt, ein zweites Mal sollte mir das nicht noch einmal passieren, so hoffte ich jedenfalls.
Die Zeit verging, ich konnte schon einiges verstehen und von mir geben, auch wenn es ziemlich falsch war. Am letzten Tag in der Schule erhielt ich ein Zertifikat, dass ich an einem 4wöchigen Spanisch Sprachkurs teilgenommen hatte und durfte mit Katarina, die auch bei Los Pipitos arbeitete, zu deren Landgut mitfahren. Außerhalb Estelis, gelegen in den Bergen, war deren Finca, so nennt sich ein Landgut hier, umgeben von einem Nebelwald. Man stelle sich Bilder des Tropischen Regenwaldes vor, nicht ganz so dicht verwachsen und drückend schwül, aber auch voller Leben und Schönheit. Pferde gab es auch auf dem Hof, so dass ich sogar auf einem 4stündigen Ausritt mehr oder weniger das Pferd führen durfte. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es einen solchen Spaß machen würde, mehrere Stunden mit dem Pferd durch Wälder, Felder über Berge durch Flüsse zu reiten.
Doch das Wochenende ging vorüber und Katarina musste zurück nach Esteli und ich nach Rivas. 2 Tage später verabschiedete ich mich von meiner Gastfamilie, nahm ein Taxi und fuhr zum Busbahnhof.
Nicaraguas öffentliches Verkehrsmittel Nummer eins sind die vielen gelben, buntgeschmückten Schulbusse aus den USA. Dort werden sie nach wenigen Jahren ausrangiert und an Länder wie Nicaragua verkauft.
Eine Busfahrt kann eine ziemlich anstrengende Sache sein, aber auch gleichzeitig den Reisenden in Erstaunen bringen. Busse transportieren grundsätzlich alles, so kommt es, dass man sich manchmal wie auf einem Markt vorkommt. Kinder schreien, Hühner gackern auf dem Gang und an den Haltestellen tragen Verkäufer ihre Mahlzeiten, laut preisend, durch den Gang des Busses. Es kommt öfter vor, dass sogar die Gänge voller stehender Passagiere sind, sodass man mehrere Stunden im Stehen verbringen muss. Solche Fahrten sind meistens eine interessante Angelegenheit, bei der ich nie aus dem bloßen Schauen herauskam. Schon von weitem hörte ich die Männer, die im Busbahnhof von Managua die Zielorte ihres Busses ausriefen. Ich nahm mein schweres Gepäck und handelte bei einem Taxi meinen Fahrpreis zum Eirene Büro herunter. Danach suchte der Fahrer noch 3 andere Fahrgäste, um seine Fahrt so effizient und gewinnbringend zu gestalten wie möglich. Es dauerte zwar eine Weile bis er meine Adresse gefunden hatte, da es in Managua keine Straßennamen gibt,sondern nur Beschreibungen, wie z.B. 3Blocks vom ehemaligen Eiscafe Soli zum See, danach 30 Schritte zur rechten Hand weißes Haus.
Eine Woche später holte mich Augustin, der bei Civite arbeitet, in Managua ab und so kam ich endlich zu dem Ort, an dem ich für die nächste Zeit arbeiten sollte.
M&M's (Mosquitos und Mangos)
Oh nein, was war denn das, Civite ein einziger Müllberg und die Sonne brannte mir mit unerbittlicher Stärke einen erneuten Sonnenbrand in meine nichteingecremte Haut!
50 Grad im Schatten, kein Wasser, alles sah so trostlos aus und ich stand alleine da. Staubwolken verdunkelten den Himmel, nein das war kein Staub, das waren die...
So, jetzt ist der Aufmerksamkeitspegel meiner lieben Leserschaft wieder auf einem erträglichen Niveau, sodass ich fortfahren kann. Rivas, die Stadt der Mangos ist eine nicht ganz so quirlige und hastige Stadt wie Esteli. Gemütlich und etwas kleiner liegt sie, ideal für Ausflüge, zwischen dem schönen Nicaragua See (der größte Binnensee Amerikas) und dem Pazifik, mit seinen noch nicht vom Tourismus erschlossenen Stränden.
Civite liegt 1 ½ km von Rivas entfernt und läßt sich leicht mit dem Fahrrad erreichen.
Mario, der Chef; Mareika, eine Holländerin; Emma, Freiwillige aus Schweden und noch viele mehr begrüßen mich. Mein Gepäck wird abgeladen und zu meiner neuen Bleibe gebracht, die noch auf dem Civite Gelände ist. Wunderschön liegt sie ein wenig oberhalb der Hauptgebäude auf einem Hügel, eingeschlossen von Bäumen und einem Garten inmitten der Natur. Wenn man durch das kleine Tor auf die Terrasse tritt, laden zwei Hängematten dazu ein, den vielen Vogelstimmen zu lauschen, oder ein bisschen zu lesen, oder ein bisschen von alledem. Hinter dem Haus steht ein mächtiger Mamonbaum, der voll von kleinen, runden, grünen wohlschmeckenden Früchten hängt. Ein verwilderter Garten, der darauf wartet, bearbeitet zu werden und die Betonwaschgelegenheit unter dem um das ganze Haus laufende, überhängende Dach, begrüßen mich.
Die kleine Küche, die gleich nach dem Eingang kommt, lässt für den verwöhnten Europäer keine Wünsche offen. Kühlschrank, 2 Gaskocherplatten und das nötige Küchenwerkzeug. Beiderseits der Küche liegen die Räume der Freiwilligen. Alles da, Bett, 2 kleine Schreibtische, Kleiderstange. 3 Fenster, zu jeder Seite eines, lassen viel Licht und Luft herein. Ein Bädchen mit Dusche, Klo und Waschgelegenheit runden das ganze zu einer wirklich gelungenen Sache ab. Glücklich lasse ich mich auf mein Bett fallen und genieße mein neues Heim.
In Civite
Am nächsten morgen sprach ich, soweit es meine Kenntnisse zuließen, mit Mario. Ich werde erst einmal alles bei Civite kennenlernen, sagte er, um später den Bereich meiner Arbeit festzulegen, bei dem ich am meisten zusteuern kann.
Es gibt viele verschiedene Gruppen in Civite, beispielsweise eine Praxis, in der man ausschließlich mit Naturmedizin behandelt wird, die auch hier hergestellt wird. Eine Gruppe, die auf dem Land arbeitet, eine Tischlerei, eine Küchengruppe, Schneiderei, eine Werkstatt, in der Armbänder, Deckchen und Hängematten hergestellt werden, das Büro, eine Gruppe, die Trockenfrüchte herstellt und die eine Gruppe, die die verschiedenen Medizinkapseln, Hustensäfte, Teesorten, Tinkturen herstellt und verpackt.
Civite bietet über das ganze Jahr hinweg noch die verschiedensten Workshops für Bauern, Frauen, Jugendliche, Familien usw. an, in denen, um ein Beispiel zu nennen, ökologische Möglichkeiten der Landwirtschaft den Bauern näher gebracht werden.
Meine ersten Tage verbringe ich damit, alles ein wenig näher kennenzulernen, mit Renaldo Schafe zu füttern, und mich ein wenig einzugewöhnen.
Die nächste Woche verbringe ich in der Landwirtschaftsgruppe, bestelle ein Feld mit und füttere in der Kompostverarbeitung die Regenwürmer mit Rindermist. Da wir auch während eines Gewitterbruchs arbeiten, werde ich für die nächste Woche außer Gefecht gesetzt. Als ich nach ein paar unangenehmen Tagen wieder wohlauf bin, setze ich meinen Erkundungsrundgang fort, indem ich ein paar Tage bei den Armband- und Hängemattenknüpferinnen mitarbeite. 3 Tage benötigte ich für ein Armbändchen, dass war keine Spitzenzeit, aber ich hatte wieder etwas gelernt. Ab und zu wird meine Hilfe am Computer benötigt, wenn etwas nicht funktioniert, repariert werden muss, oder Etiketten für die Produkte entworfen werden müssen.
Zurzeit arbeite ich in der Naturheilpraxis mit und versuche zu helfen. Es ist eigentlich mehr ein Zusehen und Lernen, nur ab und zu ergibt sich die Gelegenheit, mit Hand anzulegen wenn es heißt, den Besen zu schwingen.
Die Patienten, die hier herkommen, sind meist ärmere Leute, die sich eine teure Behandlung bei einem Arzt nicht leisten können. Pro Tag kommen vielleicht 7 Patienten und lassen sich behandeln. Nachdem man der Heilpraktikerin sein Leid geklagt hat, werden der Puls und die Temperatur gemessen. Danach nimmt man auf einer Liege Platz und wird mittels eines Metallstabs an bestimmten, besonders energiereichen, Punkten berührt. Eine Helferin nimmt den Zeigerfinger der Heilpraktikerin und muss anhand eines Widerstandes des Fingers spüren, je nachdem wo sich der Metallstab auf dem Körper befindet, wo und unter was der Patient leidet.
Danach werden alle möglichen Heilpflanzen auf den Körper gelegt und mit derselben Methode ermittelt, was der Körper will. Ich stehe dieser Sache zwar skeptisch gegenüber, gestorben ist an diesem Verfahren noch keiner!
Was ich absolut positiv bewerte ist, dass alle die Naturheilmittel 100% natürlich und vor Ort angepflanzt werden, dabei nutzen sie ihre eigenen Erfahrungen und das alte Wissen der Vorfahren. Leider, aufgrund des massiven Einflusses der USA, ziehen Viele bunte, blaue und teure Pillen vor, obwohl Heilpflanzen meist ebenso wirksam und ohne Nebenwirkungen sind.
Nach der Arbeit am Vormittag in der Praxis, kann ich mein Mittagessen einnehmen, das die Küchengruppe zubereitet.Wenn ich mehr essen will, beispielsweise am Morgen oder gegen Abend, kann ich mir selbst etwas zubereiten in meiner kleinen gemütlichen Küche.
Was ich unbedingt noch für ein paar Tage näher kennenlernen möchte ist, erstens die Früchte-/Samentrocknerei und zweitens die Schreinerei.
Es gibt sogar ein paar Bienenstöcke auf dem Gelände, die zur Honigherstellung gebraucht werden. Insgesamt arbeiten bestimmt 30 Leute hier in und an Civite. Im Cauraco, der Außenverkaufsstelle in Rivas, wird die gesamte Produktionspalette angeboten und verkauft.
Feste Feiern
Es gibt eine Menge Anlässe, bei denen in Nicaragua gefeiert wird. Dazu gehören immer: Tanzen, Essen und Rum oder Bier und laute Musik.
Was man immer wieder in Nicaragua treffen wird sind Betrunkene, die es nicht mehr bis nach Hause schafften und so einfach auf dem Gehweg einschlafen.
Eines der wichtigsten Feste für ein junges Mädchen ist der 15te Geburtstag. Zu einem dieser Feste wurde ich eingeladen und musste mich auf Anraten meiner Nachbarin, Emma, in Schale schmeißen. Leider regnete es so stark, dass der Strom ausgefallen war und man die 2 m großen Boxen mit Batterie betreiben musste. Eine große Gesellschaft war schon anwesend, als wir eintrafen. Emma und Renaldo waren auch eingeladen. Jeder übergab sein Geschenk, das ungeöffnet in eine schon gutgefüllte Kiste verstaut wurde. Das Geburtstagskind trug ein rosarotes Kleid und war gerade dabei, jedem Gast etwas zu essen und einen Trunk zu überreichen. Nachdem man gegessen und getrunken hatte, wurde zum Tanz gerufen. Der erste Tanz gebührte aber dem jungen Mädchen und dessen Vater, die von allen umringt ihre Kreise drehten. Dann jedoch füllte sich die Terrasse des Hauses mit Jugendlichen, die unentwegt tanzten. Die Musik war so laut, dass sogar abseits der Tanzfläche, kein Wort zu verstehen war, jedoch schien es nur uns Europäer zu irritieren. Eine Stunde später wurde die mehrstöckige Torte von der 15jährigen angeschnitten und verteilt. Dabei stellte sich heraus, dass aus irgendeinem mir unbekannten Grund das Ausblasen der Kerze ziemlich wichtig schien. Die Torte war bald gegessen, um weitertanzen zu können. Erst kurz nach Mitternacht machte ich mich auf, um total durchnässt auf der Ladefläche eines Pickups in Civite anzukommen.
Na, das war's dann auch mit der folgenden Woche.
Kopfweh, Durchfall und ein bisschen Fieber ließen mich nicht schlafen. Das schlimmste war die nicht verschwinden wollende Halsentzündung, die mir das Essen vergraulte.
Glücklicherweise ging es mir wieder viel besser, als ich zum nächsten Fest eingeladen wurde. Das Kind eines Mitarbeiters hatte Geburtstag und feierte Pinata. Ähnlich wie beim vorherigen Fest gab man zuerst sein Geschenk ab und setzte sich auf einen der Stühle, die im Kreis standen. Viele Kinder saßen schon gelangweilt da und baumelten mit den Beinen. Der Vater hielt eine kleine Ansprache, zwei Lieder wurden gesungen, um danach die Spiele beginnen zu lassen.
Pinata nennt sich das Spiel nach dem sich auch das Geburtstagsfest benennt. Hierbei handelt es sich um ein Spiel, bei dem eine aus Pappmache geformte Figur an einer Astgabel emporgezogen wird. Danach wird einem Freiwilligen ein Stab in die Hand gedrückt, um damit auf die Figur zu schlagen. Das ganze erschwert sich dadurch, dass jemand anhand des Seiles die Figur in alle Richtungen bewegen kann, und dass eine Augenbinde dem Schläger jedwede Orientierung raubt. Falls ein Kind einen guten Treffer landet, werden die in der Figur eingeschlossenen Süßigkeiten freigesetzt. Das Spiel wird in ganz Mittel- und Südamerika bei Kinderfesten veranstaltet sowie das Spiel mit dem Esel, wobei derjenige, der mit verbundenen Augen einem Esel einen Schwanz anstecken kann, einen Preis gewinnt. Danach löst sich das ganze ziemlich schnell auf. Es wird nur noch ein Reisgericht verteilt, danach ist offiziell Ende.
So,
das war er also mein erster Rundbrief, wer mehr Informationen und vieleicht Fragen hat, kann mir schreiben. Ich freue mich über jede Rückmeldung.
Ich hoffe, ich konnte jedem einen kleinen Einblick von diesem Land und seinen Leuten wiedergeben, auch wenn das ganze nur auf meine Sichtweise beschränkt ist.
Die Armut ist hier allgegenwärtig im zweitärmsten Land Amerikas. Man bat mich am gestrigen Abend darum, mit meiner Kamera ein Foto von der Tochter zu machen, da man sonst keine Möglichkeit hatte, Fotos zu machen. Es gibt noch jede Menge anderer Beispiele, an denen man unseren Reichtum und deren Armut verdeutlichen könnte.
Ich hoffe jedoch auch, mit diesem Dienst, mit meiner Arbeit, mit dem Zusammenleben und Miterleben des Lebens mit all seinen Facetten, diesen Leuten hier vor Ort zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind, und dass es auch Menschen der 1. Welt gibt, denen das Leben in ärmeren Ländern genau so wertvoll erscheint, um es zu beschützen und zu bewahren. Ich staune aber immer wieder, angesichts der Trostlosigkeit und der minimalen Möglichkeiten, die einem hier zu Verfügung stehen, wie sich die Leute ihren Humor und die Lust aufs Leben bewahren.
Ich lerne tagtäglich von den Menschen, die in sogenannten unterentwickelten Ländern leben, dabei könnten sich die Industrieländer einiges von diesen Laendern abschneiden.
Ich hoffe, meine Erfahrungen hier vor Ort helfen Euch, eine andere Sichtweise zu erhalten und die Verhaltensweise des ein oder anderen bei Gesprächen über solche Länder und das Einkaufsverhalten, zugunsten einiger vielleicht etwas teurerer Produkte, ändert sich.
Grüsse von allen Mitarbeitern/innen nach Deutschland und von mir nocheinmal Dank an alle, die mich hier unterstützen.
Euer Daniel
Hier noch ein gutes Wort:
Das einzige fruchtbare Verhältnis zu den Menschen - gerade zu den
Schwachen - ist Liebe,das heißt der Wille,mit ihnen Gemeinschaft zu halten.
Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet,
sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.
Dietrich Bonhöffer







