Siebter Rundbrief von Reinhard Ross
Reinhard Ross erzählt aus seinem Projekt, einem ökumenischen Selbsthilfezentrum für nachhaltige Entwicklung (CIVITE) in Nicaragua
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Mein Schafprojekt ist gut angelaufen, es hat bei den Begünstigten sehr viel Zufriedenheit bereitet. Außerdem hat es eine sehr gute Hibiskusernte gegeben. Vor Weihnachten war unser Trockner in Hochbetrieb, einen Teil der Ernte mussten wir an der Luft trocknen. Mit steigenden Anbauflächen wird es daher in der Zukunft nötig werden, einen großen Teil der Ernte schon auf dem Land zu trocknen bzw. zu verarbeiten. Neben der Trocknung läßt sich der Hibiskus auch zu Sirup und Wein verarbeiten. In diesem siebten Rundbrief werde ich über folgende Themen schreiben:
- Meine Arbeit auf dem Land
- Probleme des Alltages
- Weihnachtsferien
- Rundreise durch Deutschland im kommenden Mai
Meine Arbeit auf dem Land
Einen wichtigen Stellenraum nahm im vergangenen Jahr das Schafprojekt ein. So konnten wir die Tiere sowie das Baumaterial für die Ställe an die begünstigten Familien verteilen. Die meisten der Tiere haben inzwischen abgelammt. Die Verluste sind gering, weil die Tiere gut gehalten wurden. So sind von 160 Tieren zehn verendet und erwiesen sich vier Mutterschafe als unfruchtbar, in den meisten Fällen gab es aber weibliche Nachzucht, die das verendete Mutterschaf ersetzen konnten. So musste ich nur in fünf Fällen das Mutterschaf ersetzen.
Viele Familien haben bereits ihren Stall gebaut, obwohl es mit Saat und Ernte viel Arbeit gab. Daher verlangen wir, daß der Stall von allen Ende Februar fertiggestellt sein muss, weil in den Monaten Januar und Februar den Menschen mehr Zeit zur Verfügung steht.
Nach dem Stallbau steht die Verteilung der Nachzucht und die Aussaat von Futterbäumen auf dem Programm. Jede der begünstigten Familien geben ein Mutterlamm und ein gemästetes Bocklamm ab. Das Bocklamm wird in dem Dorf geschlachtet, wobei das Fleisch den Kindern des Dorfes zugutekommt. Das Mutterlamm bekommt eine weitere Familie, die in das Projekt eintritt. Im Dezember wurden so in Sanchez 2, Barrio Nuevo und El Lajal die ersten Mutterlämmer übergeben. Die neu in das Projekt eintretenden Familien nehmen auch zunächst an dem Basisworkshop über die Haltung der Schafe teil.
Neben dem Schafprojekt werden meine Aktivitäten im kommenden Jahr die folgenden Punkte umfassen:
a)Aussaat von Futterbäumen
Die neu ausgesäten Futterbäume verbessern die Futterbasis für die Schafe. Außerdem verbessern die Leguminosen wie zum Beispiel Madero Negro oder Leucaena die Bodenfruchtbarkeit. Die Bäume verbessern außerdem das Regionalklima, was in dem allzuoft sehr trockenen Klima sehr wichtig ist. Ein Nebenprodukt der Futterernte ist das Brennholz, das aus den abgefressenen Zweigen gewonnen werden kann.
Die Aussaat dieser Bäume findet in allen Dörfern statt. Dabei entscheiden die Beteiligten, ob sie lieber alle einzeln arbeiten wollen oder es vorziehen, eine gemeinsame Baumschule anzulegen. In Panama bei Tola legen wir zum Beispiel eine gemeinsame Baumschule an. Dazu zäunen wir die verwendtete Fläche ein, damit die gesäten Bäume nicht von freilaufeneden Tieren abgefressen werden können.
Wir begannen mit der Arbeit an einem Freitag morgens. Zunächst bereiteten wir die vorgesehene Fläche vor, indem wir sie einebneten. Außerdem bereiteten wir die Zaunpfähle vor und gruben die Löcher. Zur gleichen Zeit füllte eine andere Gruppe der Begünstigten einige der Aussaatgefäße. Ein Teil der Bäume wird in Polyäthylentüten gesät, wenn der Baum ausgepflanz wird, wird er mit dieser Tüte ausgepflanzt. Die Wurzeln können den Beutel leicht durchdringen.
Ein anderer Teil der Bäume wird in Saatbeete gesät aus denen die Jungpflanzen mit einem Wurzelballen ausgegraben und verpflanzt werden. So können wir auch vergleichen, welches dieser beiden Verfahren besser ist.
b) Anbau von Gemüse
Der Anbau von Gemüse soll die Ernährung der Familien verbessern. Oft besteht die tägliche Nahrung überwiegend aus Reis, Bohnen und Tortille, manchmal auch mit Frischkäse oder einem kleinen Stück Fleisch oder Fisch. Gemüse wird aber sehr viel seltener gegessen, was einen Mangel an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen nach sich zieht. Dadurch werden auch Infektionskrankheiten und Parasitenbefall wahrscheinlicher und nehmen einen schwereren Verlauf, weil der Vitaminmangel die körpereigene Abwehr vermindert. So sind zum Beispiel Erkältungskrankheiten weit verbreitet.
Neben Fruchtgemüsen, wie zum Beispiel Tomaten, Paprika, Ayote (Kürbis) und Pipián (Zucchini), können Blattgemüse eine große Rolle spielen, weil sie gute Lieferanten von Vitamin A und E sind und auch reich an Eiweiß un Mineralstoffen sind. Neben Spinat sind die Blätter von Maniok, Quelite und Marango als Gemüse brauchbar und schmackhaft.
c) Ausweitung des Anbaus von Hibiskus
Der Anbau von Hibiskus für Hibiskustee wurde von CIVITE schon seit einigen Jahren gefördert. Die Früchte werden bei CIVITE getrocknet und zum großen Teil in die Schweiz exportiert. Neben der Produktion für den Export gibt es auch ein großes Potential für den nicaguanischen Markt. Neben der medizinischen Wirkung dieser Pflanze kann sie auch als natürlicher Farbstoff für Lebensmittel dienen.
Hier in Nicaragua werden Erfrischungsgetränke und Süßigkeiten gerne rot gefärbt. Üblicherweise werden dazu künstliche Farbstoffe verwendet, die allzuoft zu Allergien und anderen Gesundheitsschäden führen können. Außerdem stehen viele künstlichen Farbstoffe im Verdacht, Krebs zu verursachen oder zumindestens zu fördern.
Der rote Hibiskusextrakt, den man sehr leicht auch in den Dörfern herstellen kann, ist eine hervorragende Alternative zu den künstlichen Farbstoffen. Er färbt Getränke und Süssspeisen intensiv rot und hat keinerlei gesundheitliche Risiken. Aus den frischen Fruchtkelchen kann sehr leicht mit Zimt, Gewürznelken und Dulce (Rohrohrzucker) ein haltbarer Sirup hergestellt werden.
d) Verarbeitung der Samen des Neembaumes zu einem natürlichen Insektizid
Der Neembaum wird seit mehreren Jahren als Schattenbaum in Nicaragua angepflanzt. Er stammt aus Indien und ist mit dem Mahagonibaum verwandt. Aus den Blättern und Früchten kann ein wirksames natürliches Insektizid hergestellt werden, das zum einem auf den eigenen Feldern der Bauern eingesetzt werden kann, sich aber auch verkaufen läßt. Der Baum ist inzwischen im ganzen Land verbreitet.
Trotzdem werden immer noch viele synthetisch hergestellte Insektizide eingesetzt. Diese sind aber zum einem für die armen Bauern sehr teuer und bergen zum anderen gesundheitlische und ökologische Risiken. Die Probleme mit Insekten treten nur zu oft sehr unvermittelt auf, daß viele nicht erst ihr Spritzmittel aus den Blättern oder Samen des Neembaumes herstellen wollen. Dann kaufen sie lieber ein fertiges Präparat, das nur noch in das Spritzwasser zu geben und auszubringen ist. Andererseits werden vielerorts die Früchte des Neembaumes noch nicht genutzt und verrotten unter den Bäumen.
So ergibt sich die Möglichkeit, die Samen des Neembaumes in eine haltbare, leicht ausbringbare Form zu verarbeiten, die sofort mit geringem Arbeitsaufwand eingesetzt werden kann. Dieses naürliche Insektenvertilgungsmittel kann dann auch verkauft werden und bietet den Produzenten eine zusätzliche Einnahmequelle. Mögliche Käufer sind Bauern, die selbst nicht die Zeit haben, ihre Spritzmittel selbst herzustellen. Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Bekämpfung von Stechmücken, um so Krankheiten wie das Dengue-Fieber oder auch Malaria zu vermeiden. Neben der Spritzung mit Neempräparaten ergibt sich hier auch die Möglichkeit, Räucherpräparate einzusetzen, die sich aus den Blättern des Neembaumes herstellen lassen.
Probleme des Alltages
Hier will ich über einige der alltäglichen Probleme schreiben, die im Alltag auftreten. Wenn diese gezielt angegeangen werden, läßt sich die Lebenssituation erheblich verbessern. Da sich dabei alltägliche Gewohnheiten ändern müssen, kann dieses aber nicht von heute auf morgen geschehen.
Ein Beispiel sind die Plastiktüten, die in den Geschäften und auf dem Markt weit verbreitet ist. Die Verkäufer/innen stecken alles in diese Tüten, meist ist ihr erster Griff nach einer solchen Tüte. Auch an sich lose verkaufte Waren, wie zum Beispiel Reis, Bohnen und Obst wird oft schon vorher in solche Tüten abgepackt. Gerade der Verkauf von losen Produkten gibt an sich dem Kunden die Chance, ihre eigenen Gefäße mitzubringen, um so den Verpackungsmüll zu reduzieren. Diese wird aber nur auf dem Land genutzt. In Rivas sieht man sehr viel seltener, daß jemand seine Behälter mitbringt. Da eine geoordnete Müllabfuhr fehlt, findet sich ein Großteil der Tüten am Straßenrand wieder. Der Wind verstreut sie dann in der ganzen Landschaft.
In Managua führt die Stadtverwaltung derzeitig eine Werbekampagne durch, um das Bewußtsein für das Müllproblem zu schärfen. In den Werbespots, die im Fernsehen ausgstrahlt werden, wird gezeigt, was mit dem Müll zu machen ist. Der wichtigste Schritt ist aber trotzdem die Müllvermeidung, was bei einem bewußten Einkauf beginnt. Dieses ist hier durch den Verkauf loser Waren viel leichter möglich als wenn alles schon beim Erzeuger abgepackt würde.
Eine Unsitte ist hier, Erfrischungsgetränke in Plastiktüten zu füllen und so anzubieten. Auf diese Art und Weise entsteht auch viel Müll, der leicht vermeidbar wäre. Eine brauchbare Alternative, um Getränke anzubieten, wären die Kunststoffflaschen, in denen Mineralwasser angeboten werden. Diese gibt es in der Größe von einem halben und eineinhalb Litern. Sie werden von den Firmen, die das Mineralwasser oder auch Limonaden anbieten, nicht zurückgenommen. Aber anstelle sie achtlos in den Müll zu werfen, könnten sie mit selbst hergestellten Erfrischungsgetränken gefüllt werden. Nach dem Gebrauch lassen sie sich leicht auswaschen und wiederverwenden.
Der so anfallende Plastikmüll erschwert ein Kompostieren von organischen Abfällen, da diese oft mit Plastik vermischt sind. Zum einem finden sich die achtlos in die Landschaft geworfenen Plastiktüten zwischen den herabgefallenen Blättern und im trockenen Gras und zum anderen werden die Haushaltsabfälle nur in seltenen Fällen getrennt. Daher wird der Kehricht meist verbrannt, wobei viel organische Substanz verloren geht. Als Kompost könnten die organishcen Abfälle den Boden verbessern und den Anbau von Gemüse ermöglichen und die Erträge aller Kulturpflanzen erhöhen.
Ein weiteres Problem ist die häufige Verwendung von künstlichen Farbstoffen zum Beispiel in Süßigkeiten und Erfrischungsgetränken, was ich schon angedeutet habe. Hier ist die Verwendung von pflanzlichen Farbstoffen eine Alternative.
Weihnachtsferien
Am 20. Dezember hatten wir wieder unsere Weihnachtsfeier. Vom 23. Dezember bis zum 4. Januar ruhte die reguläre Arbeit bei CIVITE. In dieser Zeit waren aber die Schafe zu füttern und große Mengen von Hibiskus zu trocknen. Die Erntemengen waren dieses Jahr sehr viel höher als im vergangenen Jahr, so daß unsere beiden Trockner bei CIVITE nicht alles bewältigen konnte. Ein Teil der Ernte mußte an der Luft getrocknet werde, was aber wegen des trockenen Wetters gelang. Im kommenden Jahr muß daher ein großer Teil der Ernte schon in den Dörfern verarbeitet werden, zumal dich die Anbaufläche weiter ausdehnen wird.
Ich hatte mich an der Fütterung der Schafe beteiligt, wobei ich die Tiere in den ersten fünf Tagen der Weihnachtsferien versorgte. Danach übernahmen andere Mitarbeiter von der Landwirtschatsgruppe diese Aufgabe. So hatten wir uns für diese Arbeit so abgesprochen, daß jeder eine gewisse Zeit mit der Versorgung der Tiere beauftragt war, aber den überwiegenden Teil dieser Zeit frei hatte.
In der für mich freien Zeit fuhr ich an einem Tag nach Granada, wo ich die Isletas besuchte. Die Isletas sind sehr viele kleine Inseln im Nicaragua-See, die um der Halbinsel Asese liegen. Die Gegend hat eine üppige Vegetation und mutet paradisesisch an. Es werden Bootsrundfahrten angeboten, um diese Inselgruppe besser kennenzulernen.
Außerdem fuhr ich für drei Tage nach Costa Rica zum Arenal, der als einer der aktivsten Vulkane der Welt gilt. Täglich kommt es dort zu wiederholten Eruptionen, nachdem er vor 34 Jahren mit einem verheerenden Ausbruch aktiv wurde. Vorher galt er als erloschen.
Leider war das Wetter etwas wolkig, sodaß der Gipfel meist hinter einem dicken Wolkenschleier verborgen war. Ab und zu war aber der Gipfel zu sehen. Die Ausbrüche waren überwiegend zu hören, außerdem konnte man sehen, wie Steine und Geröll den Berg herunterrutschten, Ausbrüche machten sich durch fauchende Geräusche bemerkbar.
In der Umgebung des Vulkans ist es sehr viel feuchter als in Rivas, so hat es am Tage zeitweise geregnet. Dadurch ist die Vegetation viel üppiger und alles grün. Die Bäume sind dicht mit Epiphyten besetzt. So blühten auch einige Orchideenarten.
Bei der Rückkehr aus Costa Rica sah ich viele Nicaraguaner, die nach den Weihnachtsfeiertagen nach Costa Rica einreisten, um dort zu arbeiten. Viele Familien können nur deshalb einigermaßen über die Runde kommen, weil ein oder mehrere Familien in Costa Rica arbeiten, wo die Löhne wesentlich höher sind. So können sie dann trotz des in Costa Rica auch höheren Preisniveaus Geld an ihre Familien in Nicaragua schicken.
In Nicaragua gibt es dagegen eine hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Der Mangel an günstigen Krediten und Beratung erschwert es, die reichlich vorhandenen Ressourcen des Landes sinnvoll zu nutzen. Der derzeitig gängigen Zinszätze sind so hoch, daß viele den Kredit nicht mehr zurückzahlen können und ihre Existenz aufs Spiel setzen würden.
Rundreise durch Deutschland im kommenden Mai
Im Mai dieses Jahres komme ich für sechs Wochen nach Deutschland. In dieser Zeit werde ich wieder Vorträge halten, in dem ich über die aktuelle Situation in Nicaragua und meine Projektarbeit berichten. Hier stelle ich meinen vorläufigen Reiseplan vor.
30. April 2003 Ankunft in Deutschland
8. Mai 2003 Beginn der Vorträge in Lüneburg
12. Mai 2003 Hannover
13. Mai 2003 Offenbach
14. Mai 2003 Freising
15. Mai 2003 Dorfen
16. Mai 2003 Fürstenzell bei Passau
19. Mai 2003 Lüdenscheid
20. Mai 2003 Eirene-Geschäftstelle in Neuwied
21. Mai 2003 Nicaragua-Forum Heidelberg
26. Mai 2003 Infozentrum Eine Welt Lübeck
27. Mai 2003 Eine-Welt-Arbeitskreis Neetze
2. Juni 2003 Kirchengemeinde Hitzacker
7-9. Juni Eirene-Pfingsttreffen
10. Juni 2003 Rückkehr nach Nicaragua







