Internationaler Christlicher Friedensdienst

Ankunft. Erste und dritte Welt in einem Land

David Buschbaum berichtet von den Anfängen in seinem Projekt Los Pipitos in Nicaragua

1. Rundbrief

David Buschbaum

Los Pipitos, Esteli/ Nicaragua


Hallo liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,

bevor ich anfange, von hier zu erzaehlen, moechte ich mich erst noch mal ganz herzlich bei allen meinen Unterstuetzern bedanken. DANKESCHOEN, dass ihr mir den Aufenthalt hier ermoeglicht.

Ich werde erst mal kurz einen Ueberblick geben ueber den Ablauf und die Organisation seit meinem ersten Tag hier. Ich bin am 03.02.03 so gegen 19.00h in Managua gelandet, es gab keine Komplikationen mit meinen Fluegen. Die erste Reise im Flugzeug hatte ich also hinter mir, allerdings hatte ich mir die ganze Fliegerei bequemer und toller vorgestellt. Meine erste Erkenntnis, die ich in Nicaragua haben durfte: Fliegen begeistert mich nicht!

Luz-Marina, eine nicaraguensische Frau, die im Buero in Managua fuer Eirene arbeitet, hat mich abgeholt. Da ich ja kein Wort gesprochen habe (meinst Du, daß Du kein Wort herausgebracht hast oder daß Dir kein spanisches Wort eingefallen ist) war keine Konversation moeglich. Wir fuhren ca. 30 Minuten im Taxi, kamen an ein Haus, ich wurde abgeliefert und kam in mein erstes Zimmer. Ich war ziemlich geschafft vom Fliegen ( haben hier 7 Stunden frueher als in Deutschland), aber noch mehr machte mir der Abschied von meiner Familie und von meiner Freundin zu schaffen. Ich will jetzt aber gar nicht so viel von Managua erzaehlen, sondern lieber zu Esteli kommen. Ueber Managua werde ich einfach in irgendeinem anderen Rundbrief berichten. Der Vollstaendigkeit halber: ich war knapp ne Woche in Managua.

Ja, und dann gings ab nach Esteli, wurde in nen Bus gesetzt und losgeschickt. Es war wahrhaftig die abenteuerlichste Busfahrt meines bisherigen Lebens. Nach guten 2 Stunden kam ich in Esteli an, wurde wiederum geschnappt und in ein Taxi gesetzt, welches mich zu den Pipitos gefahren hat. Das Gelaende der Los Pipitos liegt etwas ausserhalb der Stadt auf einer leichten Erhebung. Aber auch hier war ich nicht lange, sondern wurde direkt von meiner Gastfamilie abgeholt. Das mit der Gastfamilie ist so: Jeder Sprachschueler (ich war ja die ersten 4 Wochen hier in der Sprachschule, welche an die Los Pipitos angegliedert ist) wohnt fuer die Zeit der Schule in einer Familie.

Ich weiss nicht genau, ob ich es Glueck oder Pech nennen soll, auf jeden Fall landete ich in einer megareichen Familie. Wuerde fast sagen, europaeischer Standart. Werde euch kurz mal die Familie und das Haus beschreiben. Meine Gastmutter war ca. 60 Jahre alt, ebenso mein Gastvater, ihr juengster Sohn (23) wohnt ebenfalls noch mit in dem Haus. Des weiteren sind dort 2 Maedchen, Enkelinnen, die nicht mehr in ihren Familien sind, weil ihre Mütter neue Maenner haben und diese die Toechter nicht dulden. Ne ziemlich krasse Situation. Das Haus war gross, wir hatten 2 Wohnzimmer, 2 Kuechen, ein Esszimmer, 5 Schlafzimmer, 3 Badezimmer (wovon eins alleine fuer mich war) und sogar ein Auto samt Garage. Der Oberknaller, wie ich finde, sind aber die sage und schreibe 5 Fernseher. Natuerlich auch ne Haushaelterin. Das mit der Haushaelterin ist aber nichts besonderes, die Familien koennen noch so arm hier sein, fuer ne Haushaelterin scheint das Geld immer zu reichen, sie verdienen richtig wenig hier. Die Haushaltshilfe in meinem Haus arbeitet 10 Stunden oder mehr am Tag, 7 Tage die Woche. Ja, in diesem Haus war ich die ersten 6 Wochen, da ich noch 2 Wochen verlaengert habe, weil dann erst mein jetziges Zimmer frei wurde. Meine neue Familie, bei denen ich jetzt seit knapp (wieviel?) Wochen lebe, ist etwas aermer. So teilen wir uns beispielsweise zu sechst ein Badezimmer. Ich habe mein eigenes Zimmer, aber die anderen schlafen teilweise zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Habe die Moeglichkeit, dort fuer mich zu kochen und den Kuehlschrank mit zu nutzen.

Mein Zimmer:

Ich kann schlecht schaetzen, aber ich denke, mein Zimmer ist ca. 14 Quadratmeter gross. Mittendrin steht ein Doppelbett, worueber ich mich sehr gefreut habe. Ich weiss noch nicht, wie lange es schon zum Wohnen gedacht ist, vorher war es auf jeden Fall eine Garage. Das heisst so viel wie, die haben einfach ne 2,5 Meter hohe Zwischenwand eingezogen, und fertig. Ueber dieser Wand sind allerdings noch mal 2 Meter Platz bis zur Decke. Ich kriege also alles mit. Wer gerade was im Fernseh schaut, wer wann nach Hause kommt, einfach alles. Das Wohnzimmerlicht macht auch mein Zimmer taghell. Das nervt mich echt und ich muss mal schauen, ob ich nicht doch eine schoenere Wohnung oder ein Zimmer finde. Auch die Dachkonstuktion ist sehr beeindruckend. Man sieht diese Dachlatten, welche aehnlich wie die in Deutschland sind. Allerdings werden dort dann einfach Wellblechteile draufgenagelt und fertig ist das Dach. Keine Isolation, nichts. Was zur Folge hat, das es reinregnet, aber zum Glueck nur an einer Stelle. Da muessen wir bis zur Regenzeit (sie kommt Mitte Mai) noch etwas machen. Ein weiterer Punkt, der nicht so schoen ist, ist, dass ich kein Fenster in meinem Zimmer habe. Also muss ich immer Licht anmachen, wenn ich zu Hause bin. Meine Familie ist echt nett und ich fuehle mich im grossen und ganzen auch echt wohl. Ist halt einfach alles ganz anders als in Deutschland. An diese Tatsache gewoehne ich mich nur recht langsam.

Meine Arbeit:

Wie eben schon gesagt, liegt das Zentrum der Pipitos etwas ausserhalb von Esteli. In folgenden Bereichen wird gearbeitet: - eine Schreinerei, eine Baeckerei, eine Kueche, eine Heilpflanzen- und Kraeutergruppe, eine Kerzengiesserei, eine Weberei, eine Handarbeitsgruppe, eine Vorwerkstatt, Nachmittagsbetreuung von behinderten Kindern, eine Sprachschule, eine Tuetengruppe, ein Kiosk, Verwaltung

Nach meinem 4-woechigen Sprachkurs ging es also erst mal darum, dass ich das ganze Projekt kennenlerne. Ich arbeitete 1 Woche in jeder Gruppe (und bin auch noch dabei). Allerdings arbeite ich jetzt schon seit 4 Wochen fest in der Vorwerkstatt, diese Gruppe ist nur vormittags, was mir nachmittags weiterhin die Moeglichkeit zum "Gruppenspringen" laesst. In der Vorwerkstatt (Pretaller) sind die schwaechsten Behinderten, solche, die zu schwach sind um in den anderen, hauptsaechlich auf Produktioni ausgelegten Gruppen zu arbeiten. Zur Zeit haben wir 12 behinderte junge Menschen:

- 5 Maenner mit DownSyndrom (Trisomie 21)

- 3 Menschen mit Cerebralparese

- 1 Mann, der Authist ist

- 3 Menschen, bei denen es nicht so genau definiert ist; sie haben eine geistige Behinderung

Unsere Aufgabe in dieser Gruppe ist es, den Jugendlichen einfachste Regeln des Alltags zu vermitteln, z. B. Miteinander leben ( es herrscht hier ein grosses Gewaltpotenzial unter den Behinderten), Schuhe binden, kochen, aufs Klo gehen und mehr. Weiterhin sollen die Jugendlichen gewisse Fertigkeiten und Faehigkeiten erlernen, die es ihnen spaeter eventuell ermoeglichen, in einer Produktiongruppe zu arbeiten. Die Arbeit ist anstengend und fordert viel von mir. Zum einen gibt es natuerlich nach wie vor sprachliche Probleme, zum anderen versuche ich immer noch, in diesem neuen Land und mit der neuen Kultur klar zu kommen.

Bin einfach noch unzufrieden mit meinem Spanisch, ist super schwierig mit den behinderten Menschen zu sprechen. In der Gruppe, in der ich jetzt bin, koennen oder wollen die wenigsten sprechen. Und die, die es koennen und verstehen, verstehen es nur, wenn es korrekt gesagt und ausgesprochen wird. Schwierig, schwierig! Rede und verstehe aber von Tag zu Tag mehr. Denke, ich sollte mir einfach noch ein bisschen mehr Zeit geben.

Ich stehe jeden Tag so um halb sieben auf und mache mich fertig fuer die Arbeit. Beginn ist um 8.00h morgens, dann treffen so nach und nach alle Jugendlichen ein. Sie werden mit einem projekteigenen Bus (schaetze ein 30-Sitzer) abgeholt. Freitags stehe ich knapp eineinhalb Studen fueher auf, da ich die Bustour mitfahre. Dann, so um 8.30h, machen wir einen Stuhlkreis und Morgengymnastik. Anschliessend werden die Jugendlichen in Gruppen aufgeteilt und gehen dann verschiedenen Taetigkeiten nach, z.B. kochen, tanzen, arbeiten in der Natur, Handwerk oder Sport. Um 10.00h ist Pause. Ab 10.15h sind wir noch ne gute Stunde gemeinsam in der Gruppe oder draussen und spielen, malen oder, oder, oder. Um 11.30h holt der Bus die Jugendlichen (???) wieder ab. Ich habe dann Pause bis 13.30h. In diesen 2 Stunden lese und schreibe ich viel. Ja und dann kommt bis 16.00h die letzte Einheit, in der ich, wie schon gesagt, noch am routieren bin - zwischen den Gruppen. Danach habe ich frei.

Esteli:

Esteli liegt auf ca. 830 Meter Hoehe, das bedeutet, dass die Temperaturen hier einigermassen ertraeglich sind. Ich bin ja mitten in der Trockenzeit angekommen und April und Mai ist die heisseste Jahreszeit. Jeden Tag zwischen 25 und 38 Grad! Schaetzungen meines ersten Gastvaters zu folge hat Esteli ca. 120 000 Einwohner. Ist aber eine kleine und leicht ueberschaubare Stadt (natuerlich schon was anderes als Laufersweiler). Wenn ich freitags mit dem Bus die Jugendlichen abhole, lerne ich auch sehr krasse Stadtteile und Gegenden kennen. Die Familien wohnen zum Teil in Ein-Raum-Haeusern, oder besser gesagt Schuppen, aus Holzlatten zusammengenagelte Huetten. Auch hiereuber werde ich in einem meiner naechsten Rundbriefe noch mehr schreiben. Ich wohne ziemlich zentral, ca. 3 Haeuserblocks vom Zentralen Park, welcher mehr oder weniger der Mittelpunkt der Stadt bildet. Im Zentrum sind die Strassen gepflastert, in den anderern Stadtteilen findet man zumeist Schotterpisten vor. Hier in Esteli gibt es keine Strassennamen und keine Hausnummern. Das heisst, wenn man per Taxi irgendwohin will, muss man markante Gebaeude oder andere Merkmale angeben, die sich in der Naehe befinden. Gibt es so etwas nicht, oder kennt man keins, kann man auch in Blocks rechnen. Zum Beispiel: 5 Blocks nach Sueden, 3 Blocks nach Westen und einen halben nach Osten. Dann faehrt einen der Taxifahrer genau dorthin. Von oben muss Esteli aussehen wie ein Schachbrett, alle Strassen laufen parallel zueinander. Esteli besteht aus Quadraten.

Hier noch einige Preisangaben aus der Stadt: ( 1Euro sind in etwa so viel wie 15 Cordoba)

- Fahrt mit dem Bus, egal wohin in Esteli : 2,50 Cordoba

- Fahrt mit dem Taxi, egal wohin in Esteli: 5 Cordoba

- 1 Galone Benzin (ca. 3,67 Liter) : 2 US-dollar

- Abends Essen gehen : 30-50 Cordoba

- Fahrt nach Managua (im Bus, ca. 150 km): 25 Cordoba

Das hoert sich alles superbillig an, ist es auch - fuer den Deutschen Normalverbraucher. Hier aber liegt der Jahresdurchschnittslohn pro Einwohner bei 460 US-dollar. Das heisst, dass hier einiges, was fuer mich normal ist und ich mir tagtaeglich kaufe, fuer den Durchschnitts-Nicaraguaner Luxus ist. - Auch nicht immer ganz einfach!

Oh, hab ich ganz vergessen: Hier wird alles von Hand gewaschen, aufm Waschbrett. Ganz schoen abstrengend, kann ich euch sagen. Deshalb habe ich die Spezial-waschmethode fuer mich entwickelt: ich weiche alles ca. ne Stunde mit viel Waschmittel ein, wringe es dann aus und schon bin ich fertig. Und ihr koennt mir glauben, kein Teil von mir stinkt, ich auch nicht!

Mit diesen Worten moechte ich gerne meinen ersten Rundbrief von hier beenden.

Bis bald

Euer David