Internationaler Christlicher Friedensdienst

Ich bin im Team der NATRAS

Margret Meerwein ist Teilnehmerin des Programms Friedensdienst für Ältere und berichtet von ihren ersten Monaten in Estelí/ Nicaragua

"...Die ersten zwei Wochen hier nahm ich mir Zeit, die meisten der Projekte von INPRHU (Instituto de Promoción Humano; etwa: Institut zur Förderung der Menschen) ein wenig kennen zu lernen. So begleitete ich die ersten 4 Tage das Team von "Nuevo Amanecer" (zu deutsch: Neue Morgendämmerung!): das ist ein neues Stadtviertel mit 142 Häusern, in denen jedoch aufgrund der Notlage 185 Familien (= 862 Menschen) wohnen, die eben durch den Hurrican Mitch alles verloren hatten. Es sind allerschlichteste Einraum-Reihenhäuser von vielleicht 25 qm. Die auch innen unverputzten Betonstein-Wände und das vielfach völlige Fehlen von Mobiliar - gerade mal ein Beton-Waschbecken in einer Ecke - hinterließen bei mir ein Gefühl von Bedrückung. Dazu kommt, dass vielleicht mit Pappkartons ein "Schlafzimmer" abgetrennt ist, in dem mit Sicherheit bei vielen nicht einmal eine Matratze auf dem Boden liegt. - Es kommt auch hier immer wieder mal zu Gewaltszenen, von Männern gegen ihre Frauen, von Müttern gegen ihre Kinder, von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen gegeneinander. So macht das betr. INPRHU-Team derzeit eine längerfristige Aktion gegen Gewalt (Informationsveranstaltungen, Workshops usw.). Dann lernte ich 3 ländliche Projekte von INPRHU kennen, die in ausgesprochenen Trockenregionen liegen. Abgesehen davon dass im ganzen Land (und auch in den Nachbarländern) seit etwa 2-3 Jahren die alljährliche Regenzeit ausblieb und dadurch bedrohliche Hungersnöte entstanden, ist in den Gebieten dieser INPRHU-Projekte (und darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere Trockenregionen) generell der mangelnde Regen das Problem. In Zusammenarbeit mit der Welthungerhilfe werden da verschiedene Hilfsmaßnahmen eingeleitet, vor allem zur Vorsorge und Nothilfe. Aber auch (wir würden sagen:) Erwachsenenbildung, Gesundheitsversorgung und Kinder- und Jugendarbeit werden dort initiiert, wobei letzteres vor allem auch der Werbung zum Schulbesuch gilt: obwohl in Nicaragua das Gesetz ein Recht auf (kostenlose!) Schulbildung vorsieht, verlangen viele (vor allem die "besseren") Schulen Gebühren; die Schulmaterialien und die Schuluniformen (wichtig, um die sozialen Unterschiede nicht gleich sichtbar werden zu lassen) gibt es in keiner Schule umsonst. Und weil für viele Eltern schon die Anschaffung von Schulheften, Bleistiften und Schulkleidung ein finanzielles Problem ist - ganz zu schweigen von den Schulbüchern - schicken sie ihre Kinder eben nicht (mehr) in die Schule. So manche Kinder und Jugendliche müssen auch schon in sehr frühem Alter auf irgend eine Weise Geld verdienen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Schließlich lernte ich das Team der NATRAS = Niñ@s y Adolescentes Trabajadores = arbeitende Kinder und Jugendliche kennen. (Das @ ist eine originelle Parallele zu unserem Binnen-I - etwa bei "ArbeiterInnen" - statt z.B. "todas las niñas y todos los niños" = 'alle Mädchen und Jungens' zu schreiben, kann man "tod@s l@s niñ@s" schreiben). Diese Arbeit gehört ja zu den ursprünglichsten von INPRHU. Und nach 2-3 Tagen des Kennenlernens entschied ich mich, in diesem Team mitzuarbeiten. Wir sind insgesamt 8 Teammitglieder, je 3 Männer und 3 Frauen, von denen außer mir noch ein Französisch-Schweizer "EIRENI" und eine Norwegerin zu den ausländischen, zeitlich befristeten Freiwilligen gehören. (INPRHU hat insgesamt ca. 40 Mitarbeitende.) Seit etwa 1993 läuft hier ein Projekt - für 10 Jahre i.w. finanziert von der norwegischen Hilfs organisation "Save the Children" -, das den Aufbau von Jugendarbeit mit diesen "NATRAS" voranbringen soll. Zunächst machte man thematische Aktionsgruppen zu Themen wie Gewalt (z.B. der größeren gegen die kleineren, jüngeren arbeitenden Kinder). Dann wurde ein Haus gemietet für solche Treffen für sog. Interessengruppen. Es entstanden je 3 Gruppen für Kinder bis 14 J. (niñ@s) und 3 für Jugendliche bis 18 J. (adolescentes), in denen z.B. auch über Sexuali tät, Ausbeutung etc. diskutiert wurde. Die Gruppen wurden in der ersten Zeit von Erwachsenen ("Educadores/-as") initiiert und geleitet; ab 1995 wurden dann sog. "Facilitado-res/-as" (wir würden sagen: jugendliche GruppenleiterInnen, gewählt aus den eigenen Reihen der jeweiligen Gruppen) angeleitet und "ausgebildet", die zunehmend Eigenverantwortung für ihre jeweilige Gruppe bekamen. Ab 1996 begann dann der Prozess der "Autonomie": die Gruppen sollen selbständig werden, bekommen zwar weiterhin Begleitung durch die "Educadores/-as" (es geht nicht immer mit dem @), aber vor allem werden sie in Kürze keine finanzielle Unterstützung mehr bekommen. Die Gruppen - heute insges. 13 - sind stadtteilorientiert und treffen sich etwa 14-tägig. Meist beginnt solch ein Treffen mit einer "dinamica" (Bewegungsspiel o.ä.), und dann werden selbstgewählte Themen diskutiert: Arbeit, Familie, Gewalt u.ä.; anderes wie etwa ein Ausflug kann nur gemacht werden, wenn Geld dafür zur Verfügung steht. Aber die bisherigen finanziellen Mittel wurden überwiegend gebraucht für Schulmaterialien (s.o.) oder kleine Mahlzeiten (auch sehr wichtig für diese Kinder und Jugendlichen). Das Wegfallen der finanziellen Unterstützung wirft also für viele Gruppen erhebliche Probleme auf. Und in dieser Phase der "Autonomie" stecken wir bzw. die Gruppen gerade: wir arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen und v.a. mit den "Facilitadores/-as" daran, wie die Zukunft ihrer jeweiligen Gruppe gestaltet werden kann. Dazu haben wir sie im März zu 3 Wochenenden eingeladen, eines davon eine Kurzfreizeit für die "Facilitadores/-as" in Miraflor, einem schönen ländlichen Naturschutzgebiet in den Bergen, etwa 1 Fahrstunde von Estelí. Das war für diese Jugendlichen, die oft so gut wie nie die Möglichkeit für derlei Freizeitgestaltung haben, ein sehr, sehr schönes Erlebnis. In den Diskussionen über die bevorstehende "Autonomie" wurde deutlich, dass die Jugendlichen zwar sehr traurig und besorgt sind über den Wegfall der finanziellen Unterstützung und z.T. auch um die Zukunft ihrer Gruppen bangen (wieviele nur zu den Gruppen kommen eben wegen dieser Hilfen, wird sich zeigen). Aber andererseits überlegen sie auch selbständig, wie sie vielleicht von wo anders her Unterstützung erhalten oder durch eigene Aktionen einwerben können. (Autonomie, Selbständigkeit ist - so zeigte eine Umfrage eines Teammitglieds - für die meisten Kinder und Jugendlichen eher negativ und mit Angst besetzt, denn sie assoziieren damit: allein gelassen werden, keine Hilfe bekommen.)

...Schwer gewöhnen kann ich mich ... an die Lärmunempfindlichkeit der Nicas: nicht nur dass ständig irgendwoher Musik tönt (natürlich nur Schlager- und Unterhaltungsmusik und meist mit viel Rums-Rums-Rums) - ich habe ja Glück, dass ich nicht neben einer der vielen Sekten-Kirchen wohne, wo stundenlang, unbekümmert verstimmt aber inbrünstig lauthals "gesungen" und "gepredigt" wird - sondern u.U. lässt man auch während der Arbeit das Radio laufen (in dem ausschließlich der o.g. Musikstil geboten wird). Und es stört niemanden, wenn zwischendurch auch gleichzeitig Telefongespräche geführt werden (das Telefon für 2 Teams ist im gleichen Raum, in dem diese 2 (!) Teams arbeiten, und feste Telefonzeiten sind hier selbstverständlich undenkbar). Man unterbricht auch sofort die Arbeit oder die Diskussion, wenn eben mal ein paar von den "NATRAS" vorbeikommen mit irgendeinem Anliegen oder auch nur einfach so. Beziehungen sind wichtiger als Zeitorientierung. Die Nicas sind übrigens ausgesprochen freundlich, überaus und unkompliziert kontaktfreudig und auch interessiert bis neugierig (im positiven Sinn)."