Internationaler Christlicher Friedensdienst

Neuigkeiten von Haffid, Julito, Alberto und anderen PIPITOS

Martin Schmalzbauer schreibt über seine Arbeit und sein Leben in Estelí

´Es regnet. . . Während ich diesen Rundbrief beginne, geht gerade ein neuer orkanartiger Regenfall über Estelí nieder. Seit dem Beginn der Regenzeit verwandeln sich die - bis auf wenige Ausnahmen im unmittelbaren Stadtzentrum - nicht bepflasterten Strassen Estelís in ein Schlammbad. Der Regenfall auf die Wellblechdächer macht dazu wahnsinnigen Lärm ( es regnet auch überall herein).Wesentlich schlimmer sieht das ganze in anderen Teilen Nicaraguas aus. In der Hauptstadt Managua stehen ganze Stadtviertel durch den über die Ufer getretenen Managua- See unter (Ab-)wasser. Einfache Häuser wurden in Scharen weggespült, Brücken stürzten ein, Wege wurden unpassierbar. Die Bildern erinnern mich stark an die Oderflut in Deutschland vor einigen Jahren. Wenn auch mit dem Unterschied, dass die betroffene Leute in Managua nun wirklich alles verlieren und in der Regel weder Ersparnisse haben noch auf Hilfe der Regierung hoffen können um ihre Häuser wieder aufzubauen. Trotz alledem freuen sich die Leute nach der langen Trockenzeit auf den Regen. Wegen des El Niño Phänomens setzt die Regenzeit ( in Nicaragua gibt es nur 2 Jahreszeiten, den trockenen "Sommer" von Dezember bis Mai und den regnerischen "Winter" im Rest des Jahres) in den letzten Jahren zu spät ein. Dies hat fatale Auswirkungen für die Ernte. Im letzten Jahr führte das lange Ausbleiben des Regens zusammen mit dem rapiden Fall der Kaffeepreise auf dem Weltmarkt auch in den Bergen um Estelí zu einer Hungersnot. .

"... bei Los Pipitos geht die Arbeit wie gewohnt weiter. Mit den Jugendlichen der Vorwerkstatt haben wir den Hausbau nun fast abgeschlossen und sind dabei, das Haus mit Erde zu verputzen. Die Behinderten sind erkennbar stolz auf ihr Werk. Daneben haben wir ihnen in den letzten Wochen beigebracht, sich die Zähne zu putzen, verschiedene Körperteile zu identifizieren und -falls sie sprechen können - zu benennen. Momentan üben wir "Papier in einer geraden Linie schneiden", um dann später Papierpuppen zu bauen.

Diese Woche haben wir ausserdem Pakete von Kleiderspenden aus Deutschland an Jugendliche aus armen Familien verteilt. Kleiderspenden sind natürlich ein Problem, weil dadurch die einheimischen Produzenten enorm geschädigt werden. Andererseits hätte viele Jugendlichen sonst wohl nie neue Kleidung...

...In der Vorwerkstatt machen die Jugendlichen langsam aber erkennbar Fortschritte. Haffid, dessen Liebesprobleme ich im letzten Rundbrief beschrieben habe, hat nach intensivem Training nun die Zahlen 6 und 7 kennegelernt, nachdem er bisher nur bis 5 zählen konnte. Seine neue Lieblingsbeschäftigung besteht darin, jeden Morgen in meiner Begleitung Brot von der Bäckerei der Pipitos in die Vorwerkstatt zu tragen, für ihn bedeutet dies einen fünfminütigen Fussmarsch, bei dem er grundsätzlich mindestens zweimal hinfällt. Er erkundigt sich mehrmals am Tag bei mir, ob er auch am nächsten Tag wieder Brot bringen darf... Julito, den ich im ersten Rundbrief beschrieben habe, wird immer ruhiger und "zivilisierter" und widmet sich mit grösstem Vergnügen ( erkennbar am aggressivem Grinsen) dem Ballspiel. Allerdings gibt es auch andere Beispiele. Alberto sitzt im Rollstuhl und leidet an Muskeldystrophie. Dass bedeutet, dass Schritt für Schritt die Funktionsfähigkeit seiner Gliedmassen nachlässt bis er schliesslich relativ früh sterben wird. Seine 4 Brüder haben diese Erbkrankheit ebenfalls. Nachdem Alberto die rasche Verschlimmerung der Behinderungen und den Tod seines ältesten Bruders, der sehr lernbegierig war, miterleben musste, hat er spürbar keine Lust mehr auf nichts. Er integriert sich eher widerwillig in das normale Programm, auch wenn er natürlich ( wie alle Jugendlichen) sehr gerne ins Zentrum kommt. Alberto verbringt fasst den ganzen Tag vor dem Fernseher. Seine Gedanken drehen sich ausschliesslich um japanische Zeichentrickfiguren, von denen er ( ausgesprochen gute) Bilder malt. Wir versuchen nun ihn dazu zu bringen auch andere Dinge zu zeichnen. Albertos jüngster Bruder Marvin dagegen kann momentan noch gut laufen und macht einen gesunden Eindruck. Bald wird auch er im Rollstuhl sitzen. Er ist Teil einer Gruppe lernbehinderter Jugendliche, mit denen ich einen Schwimmkurs durchführe.

Heute haben wir mit den Jugendlichen der Vorwerkstatt an spielerischen Feierlichkeiten anlässlich der Woche des Kindes teilgenommen. Die Veranstaltung war von verschiedenen Organisationen der Kinder und Jugendarbeit zusammen organisiert worden, unter anderem von INPRUH, die sich um Strassenkindern und arbeitenden Kindern kümmern und ebenfalls mit EIRENE zusammenarbeiten. Wir haben dabei Spiele mit Luftballons organisiert und ich konnte daher stundenlanges Luftballon für drängelnde Kinder aufblasen.

Dies alljährlich gefeierte Woche des Kindes ist momentan überschattet von der Debatte über das Kinderschutzgesetz. LOS PIPITOS wenden sich zusammen mit anderen Jugenarbeits- organisationen gegen Vorschläge der liberalen Parlamentsfraktion, das Kinderschutzgesetz (das z.B. verbietet Kinder zu schlagen) zu "reformieren", das heisst einzuschränken. Die Angeordneten machen eine zu "lasche" Erziehung für die steigende Jugendkriminalität verantwortlich. Die Pipitos dagegen kritisieren dass das Gesetz in Wahrheit noch kaum umgesetzt ist ( der durchschnittliche nicaraguanische Vater schlägt falls er mal nach Hause kommt seine Kinder grundsätzlich windelweich- auch viele unsere Behinderten Jugendlichen kommen daher regelmässig mit blauen Flecken an) und machen auf die soziale Ungleichheit als Hauptursache der Kriminalität aufmerksam. Daneben fordern wir die Rechte speziell behinderter Kinder stärker gesetzlich zu schützen.

In einer ähnlichen Lobbyaktion unterstützten wir vor kurzem die Sonderschule Esetlís (eine von insgesamt 3 im ganzen Land) in ihrem Kampf um ihre Gebäude. Die Sonderschule war von den Eltern mit Unterstützung von Hilfsorganisationen gebaut worden. Die Regierung hatte dazu nichts beigetragen. Als nun das Erziehungsministerium in Estelí sein Gebäude verlor (es musste an die Besitzer vor der Revolution zurückgegeben werden), besetzten sie kurzer Hand das der Sonderschule fuer ihre Büros. Nach längerer öffentlicher Auseinandersetzung zog sich das Ministerium zurück.

Ein anderer Arbeitsbereich der Pipitos ist das Community based Rehabilitation (CBR) Programm. Dabei arbeiten Leute aus den verschiedenen Vierteln Estelís und den Dörfern im Umkreis in der Beratung von Familien mit behinderten Kindern und werden gleichzeitig darin ausgebildet, um dezentral überall qualifizierte Ansprechpartner für Behinderte zu haben. Durch die Viertelbetreuerin meiner Wohngegend konnte ich diese Arbeit näher kennenlernen. Auf ihren Hausbesuchen trifft sich vielfach auf Familien die in absoluter Armut leben. Schon die gesunden Kinder sind dort dazu verurteilt, wie man hier sagt "Staub zu essen". Noch viel schlimmer ist es dabei für die Behinderten.

Meine Englischschule entwickelt sich sehr gut. Mit den Einnahmen kann bereits jetzt eineinhalb Monatsgehälter fuer einen Pipitos- Mitarbeiter bezahlt werden. Dabei sind die Gebühren verglichen mit kommerziellen Sprachschulen sehr billig und dadurch auch für den Normalbürger erschwinglich. Ausserdem macht es mir Freude zu sehen, wie viel Leute die vor drei Monaten angefangen haben zu lernen, mittlerweile schon etwas sagen und verstehen können.´