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Mensch und Natur im Ungleichgewicht

Wie können Landwirtschaft und nachhaltiges Wirtschaften weltweit am besten zur Sicherung von Lebensunterhalt und Ernährungssicherheit einer wachsenden Weltbevölkerung mit sich rasch ändernden Ernährungswohnheiten und vielseitigen Ansprüchen an Ökosystemdienstleistungen beitragen? Dieser Frage ging Prof. Dr. Andreas Bürkert, Professor für Ökologischen Pflanzenbau und Agrarökosystemforschung in den Tropen und Subtropen (OPATS) an der Universität Kassel, in einem Vortrag bei EIRENE nach.

Wie können Natur und Menschheit angesichts einer sich globalisierenden Wirtschaft in einem Gleichgewicht bleiben? Bürkert, der in jungen Jahren bei EIRENE einen Freiwilligendienst geleistet hatte und später mit seiner Schwester die EIRENE-Stiftung gründete, sieht in der Abkoppelung des Menschen von der Natur eine Gefahr der Entfremdung des Menschen. Die Tatsache, dass inzwischen über 50% der Erdbevölkerung in Städten leben, führt dazu, dass lokale Ertragsschwankungen beim Nahrungsmittelanbau aufgrund eines globalen Markts kaum mehr wahrgenommen werden und ein politisches Gegensteuern damit nicht mehr (überlebens-)notwendig ist. Gleichzeitig verweist er darauf, dass viele Vorschläge zur Intensivierung der Nahrungsmittelproduktion, die von der Entwicklungszusammenarbeit auf den Weg gebracht wurden, nicht im Einklang mit den kulturellen Gewohnheiten standen und deshalb kaum Eingang in die Lebenspraxis der Zielgruppe fanden: Der Solarkocher setzte sich in der Sahelzone Afrikas vor allem deshalb nicht durch, weil niemand in der prallen Sonne kochen wollte, sondern erst am kühlen Abend am Feuer.

Bürkert unterscheidet zwei sozial-ökologische Pfade der Entwicklung von Gesellschaftssystemen mit unterschiedlichen Endstadien: Als „grüne Falle“ bezeichnet er einen Zustand, bei dem traditionelles Wirtschaften angesichts starken Bevölkerungswachstums und wachsender Ressourcenerschöpfung Menschen keine Perspektive bietet und sie letztlich zur Auswanderung zwingt. Ein Beispiel dafür ist die Sahelzone. Im westafrikanischen Niger wurden die notwendigen Nahrungsimporte zuerst über den Uranabbau und dann nach Verfall des Uranpreises über die Nahrungsmittelhilfe finanziert. Eine nachhaltige Entwicklungsunterstützung sieht Bürkert in der Förderung regionaler Märkte durch Veredelung einheimischer Produkte, deren Mehrwert dann den Produzenten selbst zugutekommen muss. Ohne eine solche Entwicklung vor Ort muss mit immer größeren Flüchtlingsströmen aus den Ländern der Subsahara nach Europa gerechnet werden, weil vor Ort ein menschenwürdiges Leben für große Teile der Bevölkerung derzeit nicht gewährleistet wird.

Als „rote Falle“ bezeichnet er einen Entwicklungszustand, der eintritt, wenn die industrielle Produktion ohne Rücksicht auf den Ressourcenverbrauch vorangetrieben wird. Bürkert verweist hier insbesondere auf China, wo ein wachsender Fleischkonsum großer Bevölkerungsgruppen und die Massenproduktion von Billigwaren zur Ausbeutung der Natur führt: Maisanbau und intensive Fleischproduktion tragen  zur Klimaerwärmung bei; der Verbrauch von fossilem, nicht erneuerbarem Grundwasser lässt den Grundwasserspiegel sinken. Im Großraum Peking-Hebei wurde während der Olympischen Spiele 2008 die schadstoffintensive industrielle Produktion einfach abgeschaltet, um einen blauen Himmel zu erzeugen; jetzt ist die Stickoxyd- und Feinstaubbelastung der Luft in diesem Ballungsgebiet, aber auch in vielen anderen Teilen Chinas wieder so unerträglich geworden, dass viele gut ausgebildete Intellektuelle, die es sich leisten können, das Land verlassen und mit ihren Familien eine Zukunft im Ausland planen.