Internationaler Christlicher Friedensdienst

„think globally, act locally“(„denke global, handle lokal“)

Daniel Jarzabkowski berichtet von einem unerwartet prägendenden und bereichernden Jahr im Projekt MVS- Mennonite Voluntary Service, Toronto, Kananda (September 2006)

Liebe Unterstützer, Es ist Spätsommer 2006. Spätsommer 2005 war es als ich in Toronto angekommen bin, um ein Jahr benachteiligten Menschen in Toronto zu dienen, anstelle der Wehrpflicht beizutreten. Die Zeit hat sich gedreht. Meine Mitbewohner Jerry und Albert waren bereits da, als ich mit der anderen EIRENE-Freiwilligen Anne letztes Jahr in Toronto ankam. Jetzt sind die beiden schon weg und ich bin mit Anne noch in der Stadt, um die letzten Wochen oder besser gesagt Tage meines Dienstes zu absolvieren. In diesem abschließenden vierten Rundbrief möchte ich reflektierend ein Jahr zusammenfassen, welches scheinbar besser nicht hätte sein können. Viel Vergnügen bei der Lektüre 1. Das Resümee 1.1. Es war ein Jahr, das zuerst einmal sehr geprägt war von meinen Mitbewohner. Angekommen im September letzten Jahres mit einer Art von distanzierter Skepsis gegenüber J.& A., – Anne kannte ich ja bereits vom Ausreiseseminar - hatte ich die erste Woche Zeit mich nicht nur in der Stadt zurechtzufinden, sondern auch die beiden besser kennen zu lernen. Anfangs regelten wir noch distanziert und sachorientiert den Koch- und Aufgaben-Haushaltsplan; zum Ende (schon eigentlich zur Mitte) unseres Jahres hin war die Aufgabenverteilung zur Routine geworden. Stattdessen redeten wir offen über alle Themen, tanzten schamlos in der Küche und unternahmen spontan Dinge in der Stadt. Das nicht zu unterschätzende schöne Gefühl dem anderen vertrauen zu können und sich mit den anderen und bei den anderen wohl zu fühlen, begleitete von da an unser Verhältnis. Ich für meinen Teil konnte vieles von J.,A. und Anne lernen. So denke ich, dass es nachvollziehbar ist, dass mich vor einem Monat, als A. als erster das Haus verließ, zwei Gefühle beschäftigten. Das eine ist die Trauer, dass man sich lokal für eine bestimmte Zeit trennt und das Jahr sich somit unaufhaltbar dem Ende zuneigt. Das andere und eigentlich viel stärkere Gefühl war bei A., Anne und mir, die Freude. Die Freude das Jahr so gut verbracht zu haben, sich so gut kennen gelernt zu haben und Freunde fürs Leben gefunden zu haben. 1.2. Auch auf Global Closet Thrift Shop, mein Hauptprojekt, schaue ich positiv zurück. Viele Herausforderungen galt es zu überstehen. Mit Immigranten, die kaum oder gar keine Englisch Kenntnisse besaßen, galt es durch Zeichensprachen oder andere Hilfssprachen zurechtzukommen. Genauso galt es bei Leuten, die aus anderen problematischen sozialschwachen Verhältnissen kamen und die häufig nervös, laut, ungeduldig wurden, Ruhe und Geduld zu bewahren. Am hilfreichsten waren diese Eigenschaften jedoch im Umgang mit meinen Arbeitskollegen, die im Projekt Circles of support involviert sind. Circles of support bemüht sich ehemalige Sexualverbrecher zu resozialisieren und durch persoenliche Betreuung und das Treffen in Gruppen die Rueckfallquote so gering wie möglich zu halten. So war es für mich manchmal sehr anstrengend mit meinen drei Kollegen, die gerade eine solche Vergangenheit haben, zusammenzuarbeiten. Deren Ungeduld, Unausgeglichenheit und schlechte Laune wurde oft ungewollt auf mich projiziert. Gerade dann hieß es spontan richtig zu reagieren. Dabei aufmerksam im Hinterkopf zu behalten, dass man nicht ins Fettnaepfchen treten darf. Ein Fauxpas war es z.B. das englische Wort „seduction“ (Verführung), welches nur im sexuellen Zusammenhang gesehen wird, auf P. und seine Pizza anzuwenden. Unpassend war es auch einen Kollegen, auch wenn es eigentlich passte, ich es aber so nicht meinte, Michael Jackson zu nennen. Generell musste ich immer darauf achten, wenn man über das „schöne Leben“ sprach, Fragen zu Events, die während ihres Gefängnisaufenthaltes sein könnten, zu vermeiden. In allem fand ich eine Routine, die mich von Tag zu Tag selbstsicherer im Umgang mit Menschen aus diesen verschieden Verhältnissen machte. Ich bin glücklich, dass ich mich entwickeln konnte; dass ich meine relativ konservativen und strikten Vorurteile gegenüber ehemaligen Sexualverbrechern oder Homosexuellen abschaffen konnte. Durch meine Arbeit gewann ich an Verstaendnis für diese Menschen, für deren Lage und Gefühle. Vorurteile sind gut und notwendig, jedoch schlecht und unnutzbar, wenn man sie nicht permanent verifiziert. Das habe ich gemacht. Ich konnte die Distanz und die Angst, die ich zu Anfang noch zu meinen Mitarbeitern hatte, zur Seite legen. Auch P., H. und R. spürten diesen natürlichen Umgang, den ich mit ihnen hatte und waren dankbar dafür. Ich werde dieses Glück, dass M. in den Augen hatte, als ich ihn fragte, ob er mit mir nach der Arbeit in ein Pub gehen möchte, um Billard zu spielen, nie vergessen. Denn eigentlich geht es nur darum solchen Menschen ein Gefühl der Gleichwertigkeit und Vergebung zu schenken. „Ja, du hast eine zweite Chance.“ Ich bin glücklich, dass ich in allen schwierigen Situationen, in denen ich mich nach Hilfe und Rat sehnte, mich immer an meine Chefin, oder die Chefin von Circles of support, wenden konnte. Dadurch konnte ich meinen Mitarbeitern bei ihrer Entwicklung helfen und den Kunden unseres Secondhand-Ladens preiswert verschiedene materielle Sachen verkaufen. Der Umsatz fließt schließlich in den Topf der wohltateigen mennonitischen Organisation MCC (Mennonite Central Commitee), die viele Entwicklungsprojekte in „Dritte-Welt-Ländern“ hat. Für die Verantwortung und die Vielzahl der Aufgaben, die ich übernehmen konnte, bin ich sehr dankbar.

1.3. Nicht unerwaehnt sollen meine ergänzenden Projekte (1-2 Tage pro Woche), in denen ich mithelfen konnte, bleiben. Dazu gehört als erstes Ten Thousand Villages, der Dritte-Welt Laden. Dann Sanctuary; das Obdachlosen-Projekt, bei dem ich an Freitagen mithalf Obdachlose mit Getränken und Essen zu versorgen. Als drittes Projekt Yonge Street Mission; dort war ich für das Nachmittagssportprogramm (nach der Schule) für Kinder aus sozialschwachen Familien (90% Immigranten aus Asien und Afrika) zuständig – eine sehr bereichernde und Freude bereitende Arbeit, die ich lange in Erinnerung behalten werde.

1.4. Das Jahr hat mich persönlich auf jeden Fall verändert. Wie stark und wie genau ist noch schwer abzuschätzen, da mir momentan noch die zeitliche und lokale Distanz zum Geschehenen fehlt. Interessant ist es nun zwei Jahre zurückzuschauen auf meine EIRENE Bewerbung. In dieser schrieb ich noch von einer Seifenblase. Einer Seifenblase, die über mir ist und mich bis dato scheinbar von allem Leid und von aller Not in der Welt isolierte. Grund dafür war ein behütetes Zuhause, in einer schönen kleinen Wohngegend als Teil einer sicheren und sauberen Kleinstadt. Aus der Kleinstadt ging es jedoch in die Grosstadt. Eine Grosstadt, die durch eine generell nordamerikanische ungleiche Gesellschaft, viel Armut kennt. In Toronto wurden mir im wahrsten Sinne des Wortes die Augen geöffnet. Nicht dass ich es vorher vermieden hatte. Zuvor war ich einfach nie lokal und permanent konfrontiert worden. Aufgrund dessen ist mir in diesem Jahr bewusst geworden, wie viel man als Speiche eines Rades doch drehen und bewegen kann. Es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist aktiv zu sein. Ich bin auf viele kritische soziale Fragestellungen in unserem Leben aufmerksam geworden. Diese Woche habe ich die internationale AIDS Konferenz (an der auch u. a. Bill Clinton und Bill Gates präsent waren und inspirierende Reden hielten) in „meiner“ Stadt mehrmals besucht. Gängiges Motto war „Aktivsein = Leben“. Ich glaube schon, dass ich die nächsten Jahre anders, aktiver leben werde, als zuvor. Ich werde versuchen mich auch in Zukunft in diversen Projekten zu engagieren. Klar ist mir dabei geworden: „think globally, act locally“(„denke global, handle lokal“). Reifer fühle ich mich nach diesem Jahr. Nicht nur reifer mich weiter sozial zu engagieren, sondern auch reif ein Studium zu beginnen. Im September beginne ich mein Studium an der Universität St Andrews in Schottland im Fach Internationale Beziehungen und Wirtschaft. Ich freue mich jedenfalls auf all das was mich in der nächsten Zeit erwartet.

1.5. Kaum möglich wäre mein Dienst gewesen ohne die Kirchengemeinde „Dannforth Mennonite Church“. Diese kleine Pfarrei hält den Mennonitischen Freiwilligendienst (MVS) aufrecht. Da EIRENE mit MVS-Toronto, also meiner Pfarrei in diesem Fall, kooperiert, kann ich ueberhaupt hier sein. Das Komitee dieser Kirche, das für uns zuständig ist, hat nicht nur logistische und organisatorische Aufgaben übernommen, sondern auch spirituelle. Angefangen hatte mein Jahr mit einer 3-monatigen Buchlektuere zu Dietrichs Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“. Auch danach hatten wir durchgängig so genannte „Meetings“(Treffen), die entweder ein Thema zum Inhalt hatten oder einfach durch einen Check-in sicherstellen wollte, dass es uns gut geht. Alle Kirchenmitglieder waren so aufmerksam, freundlich, hilfsbereit und offen. Oftmals wurden wir zum Essen eingeladen, verbrachten schöne Abende mit Annes oder meiner Gastfamilie. Viele besuchten mich bei Global Closet, um Anziehsachen, Haushaltsware o.ae. zu spenden. Ich hatte einfach durchwegs das positive Gefühl willkommen und fester Bestandteil der Gemeinde zu sein.

1.6. Mit diesem positiven Gefühl „feierten“ wir auch unseren Abschied. Anfang August sind Anne, Albert und ich (die Freiwilligen) mit dem Komitee auf ein Abschlusswochenende an einen See gefahren. Die Woche darauf hatten wir mit der Kirchengemeinde ein Abschlusspicknick in einem wunderschönen Park, weil Albert uns bereits als erster verließ. Die letzten Wochen haben Anne und ich mit vielen andern Gemeindemitgliedern einige Veranstaltungen im vitalen festivalreichen Toronto besucht: Neben der AIDS-Gala besuchten wir ein Musical (Spamalot), das griechische, taiwanesische und karibische Festival, das internationale Jazz- Festival und und und. Einmal traf ich mich noch mit meinem Gastvater, der mich zum Golf spielen einlud. Die letzten Tage verbringe ich nun, um einige Leute zum Essen einzuladen, viele noch mal zum Abschied zu sehen, Karten und Geschenke zu verteilen, zu packen und mit etwas Kummer, doch überwiegender Vorfreunde in wenigen Tagen schon nach Deutschland zurückzufliegen. Schon jetzt bin ich zappelig und schlafe unruhig, weil ich so aufgeregt bin. Wie soll es denn die letzte Nacht sein? Ich freu mich jedenfalls. 1.7. Unmöglich wäre mein Friedensdienst ohne EIRENE. Ich habe festgestellt, dass eine pädagogische und organisatorische Begleitung sehr wichtig ist, um einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren. Für die Vorbereitung, die Begleitung, für Versicherungsfragen und Zwischenseminare war EIRENE zuständig. Auf das im September abschließende EIRENE Rueckkehrerseminar/Auswertungsseminar freue ich mich jetzt schon ganz besonders. Durch diese Begleitung hat EIRENE kaum Abbrecher. Bereits 1980 hat EIRENE das Freiwilligenprogramm in den Industrieländern entwickelt (Nordprogramm), um junge Menschen für weltweite soziale Fragen zu sensibilisieren. Genau das ist EIRENE – bei mir jedenfalls- auch 2006 gelungen. Ich hatte die Möglichkeit in der Praxis für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten. Bis jetzt hatten 1200 junge und ältere Menschen die Gelegenheit mit EIRENE solche Erfahrungen zu machen. Ich hoffe auch, dass EIRENE, als Träger des Spendensiegels des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), auch in Zukunft Freiwillige zum guten Zwecke in die Welt entsenden kann.

1.8. Absolut unmöglich, liebe Unterstützer, wäre mein Friedensdienst ohne Sie gewesen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für ihre Unterstützung. Außerdem bedanke ich mich bei meinen Eltern, die mich während des ganzen Jahres unterstützt haben. Ein besonderes Ereignis war es, als sie mich letzten Monat in meinem neuen „Zuhause“ besuchten. Zuletzt hoffe ich, dass in diesem abschließenden kompakten Rundbrief deutlich wird, was ich, aber auch zahlreiche Menschen, denen ich geholfen habe, Ihnen allen zu verdanken habe. Ich werde aktiv bleiben, versuchen Sie es doch auch.

„Das Bewusstsein eines erfüllten Lebens und die Erinnerung an viele gute Stunden sind das größte Glück auf Erden...“