Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.

"Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, sondern Friedensdienst!"

Anne Baumann arbeitet mit Kindern und Alten in Toronto im Rahmen eines mennonitischen Freiwilligenprogrammes. (Dezember 2005)

Rundbrief Nr.1 - Herbst

Anne Baumann

MVS Toronto

01.September 2005 bis 30.September 2005


Liebe Unterstützer,

So las ich es kurz bevor ich meinen Dienst begann. Ihr macht es möglich. Erst einmal ein großes Dankeschön an jeden einzelnen! Durch euren Beitrag habe ich die Chance mich zu engagieren, einen Friedensdienst zu leisten. Nun melde ich mich also zum ersten Mal, um euch von meinen Erfahrungen vor Ort zu berichten.

Wie alles begann… Ausreisekurs 04.September bis 16.September 2005 und die letzten Tage in Essen.

Am 04. September begann mein Dienst mit dem Vorbereitungsseminar meiner Organisation EIRENE. So verbrachte ich zwei spannende Wochen, die erste in der Geschäftsstelle in Neuwied am Rhein, die andere in Odernheim am Glan, einem kleinen Dörfchen mit einer Art Naturfreundehaus, in dem wir unser Seminar verlebten. Von den insgesamt 23 anderen Freiwilligen kamen zwei mit mir nach Kanada, es arbeitet eine Unmenge nun in Frankreich und Belgien, fuhren zwei nach Irland, sind einige in unserem südlichen Nachbarland USA untergebracht und ist eine Freiwillige nun für drei Jahre im Niger als Entwicklungshelferin tätig.

Wir lernten über die verschiedensten Facetten eines Dienstes, über verschiedene Phasen von überglücklich bis voll von Heimweh und am Ende gar nicht mehr nach Hause wollend, dass Leben in Gemeinschaft viel Toleranz und Absprache aber auch unglaublich viel Spaß bedeutet, wie wichtig Vorurteile für das Leben im Ausland sind, dass man erst merkt, wenn man Deutschland verlassen hat, wie deutsch man ist und dass in den USA Frauen, die sich nicht täglich die Beine rasieren, als unhygienisch gelten, nur um einige Beispiele zu nennen. Gleichzeitig lernte man sich und die anderen besser kennen, setzte sich mit den verschiedenen Motivationen auseinander und bekam Mut, um das Abenteuer anzutreten. Abgeschlossen durch die feierliche Übergabe des Freiwilligenausweis und der EIRENE Ausrüstung, wurden wir am letzten Abend zu offiziellen EIRENIES.

Nach dem Abitur- und Planungsstress für Kanada wurde das Seminar für mich eine Zeit um Luft zu holen und die nötige Energie für neue Wege zu sammeln. So war ich mir, als es am 16. September für die letzten sechs Tage nach Hause ging, ganz sicher, dass die Entscheidung einen Friedensdienst zu leisten, eine der besten meines Lebens war.

Nach einer Überraschungsparty von einigen meiner besten Freunde organisiert (Vielen Dank euch noch einmal! Es war ein wunderschöner Abend.), vielen Verabschiedungen und lieben Wünschen, stieg ich schließlich am 22.September um 12:15h gemeinsam mit dem anderen Toronto-EIRENIE Daniel ins Flugzeug.

Tell everybody I’m on my way

New friends and new places to see

With blue skies ahead yes I’m on my way

And there’s nowhere else that I’d rather be (…)”

Phil Collins, On my way

 

Erste Eindrücke – das Abenteuer beginnt

Die ersten zwei Wochen vergingen wie im Fluge. Voller Begeisterung, Neugier und Motivation wurden Energien frei, mit denen niemand von uns gerechnet hatte. Ich lernte meine Arbeitsstellen kennen, begann kleine Aufgaben zu übernehmen, Namen zu lernen, Abläufe nachzuvollziehen. Nebenbei erkundeten Daniel und ich in einer Art Marathon soviel von Toronto wie nur möglich. Die von unserem Nordprogrammreferent Ralf bei EIRENE beschriebene Phase „Honeymoon“, Flitterwochen, hatte uns erreicht. Charakteristisch: „Die Sinne sind hellwach und aufnahmebereit. Nach drei Wochen könntest du ein Buch schreiben. Alle Probleme schmelzen dahin in der Freundlichkeit, die dir entgegengebracht wird. Du hast einen Koffer voller Ziele, Hoffnungen und Erwartungen.“ Vom ersten Tag an fühlte ich mich eingelebt, spürte keinerlei Anpassungsprobleme oder Unsicherheiten. Meine Arbeitgeber erlaubten mir oft früher zu gehen, „weil du ja noch den Jetlag auskurieren musst“ oder „so hast du noch Zeit zum Koffer auspacken“. Jerry sagte an unserem ersten Sonntag in der Kirche: „Forget everything you knew about Germans before. This is a new generation.“. Er und die anderen Menschen, die mir begegneten, waren begeistert von meinem Humor und meiner fröhlichen Art, denn bedauernswerter Weise hielten die meisten Deutsche vor allem für pünktlich, penibel und verkrampft. Doch die Arbeitszeiten wurden regelmäßiger, manche Namen blieben mir schon im Gedächtnis hängen, die Aufgaben wurden mir bekannter und ich wurde mehr in den alltäglichen Ablauf eingebaut. Und so wurde es langsam ernst.


Meine Arbeit - Von Reißverschlüssen, Rollstühlen und Reichtum

Meine Arbeitswoche besteht aus fünf Arbeitstagen, wovon ich Montag bis Mittwoch bei Day Care Connection im Kids Club und Donnerstag und Freitag in der St. Clair O’Connor Community arbeite.

Day Care Connection ist eine Organisation, die mehrere Einrichtungen im Bereich Kinderbetreuung in Toronto verwaltet. Ich arbeite im Kids Club in der St. John’s School, einer katholischen Schule, in der Schüler vom Kindergartenalter bis zur 8. Klasse unterrichtet werden. Der Kids Club ist eine Einrichtung vergleichbar mit der offenen Ganztagsschule in Deutschland. Eltern melden ihre Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren zum Programm an, bezahlen monatlichen Beitrag und können dafür ihr Kinder vor der Schule ab 7:30h und nach der Schule bis 18:00h betreuen lassen. Mein Arbeitstag beginnt um 7:30h in der Frühe, was mir in den ersten Tagen wirklich schwer viel und es nach einer langen Nacht ab und zu immer noch tut, denn selbst wenn man müde ist, die Kinder sind es nie. Zusammen mit drei anderen Mitarbeiterinnen gestalten wir den Morgen. Es gilt Snacks für die Kinder bereitzustellen, meist eine Art Cornflakes, frisches Obst, Milch und Saft. Sobald mehr als 20 Kinder da sind, teilen wir die Gruppe und ich arbeite dann meist mit den Kleinsten von drei bis fünf Jahren. Wir essen, unterhalten uns, puzzeln, malen oder bauen mit Bauklötzen. Um 8:15h geht es dann für eine halbe Stunde an die frische Luft, bevor die Kinder um 8:45h in ihre Klassen zum Unterricht gebracht werden. Für mich beginnt dann das Aufräumen, bis ich um circa 9:00h dann meine Pause antrete.

Übrigens: kanadische Schulkinder singen jeden Morgen vor dem Unterricht die Nationalhymne. Und mittlerweile kann ich sie auch schon mitsingen:„Oh Canada, our home and native land. True patriot love in all thy sons command. With glowing hearts we see the light, the true north, strong and free. From far and wide, oh Canada, we stand on guard for thee. God keep our land glorious and free! Oh Canada, we stand on guard for thee!”

Um 12h mittags geht es dann für mich weiter. Ich komme pünktlich zum Mittagessen der Montessoriklasse, mit der ich den ersten Teil meines Nachmittags verbringe. Wer sich jetzt fragt, was Montessori ist, dem soll geholfen werden: Maria Montessori war eine italienische Medizinerin, die von 1870 bis 1952 lebte und in dieser Zeit eine Erziehungsmethode entwarf, die den Kindern mehr Bewegungsfreiheit erlaubt, so früh wie möglich Verantwortung überträgt, die Dinge selber zu erledigen, zu denen sie fähig sind – und glaubt mir, das ist einiges. Unsere 18 Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren ihr Geschirr selber, räumen den Raum selbstständig auf. Wie man Reißverschlüsse öffnet und schließt, erklärt man ihnen und dann wird selber ausprobiert und gelernt, bis man es schafft.

Nach dem Mittagessen folgt eine Lesezeit, in der die Kinder in Büchern stöbern können. Einige schauen sich nur die Bilder an, andere können schon Worte wieder erkennen und Texte verstehen. Danach geht es nach draußen auf den Schulhof, wo sich jedes Kind austoben kann. Es wird Hockey, Frisbee oder Fangen gespielt, Seilchen gesprungen, ganz wie es den Kindern gefällt. Nach einer halben Stunde gehen wir dann gemeinsam in die Klasse und nun folgt der ernste Teil des Tages, der Montessori Unterricht. Meist beginnt der Unterricht mit einem gemeinsamen Thema, was von einer der beiden Lehrerinnen im Sitzkreis den Kindern erklärt wird. Das können z.B. Farben, Länder, Mein Körper oder ein Fest wie Halloween oder Thanksgiving, Erntedankfest, sein. Es wird den Kindern etwas vorgelesen, man stellt ihnen Fragen zu dem Thema und sie lernen neue Begriffe zum Thema z.B. „Arterie“ wenn es um den Blutkreislauf im Körper geht. Als ich an meinem ersten Tag 18 Kinder in dem Alter das Wort „Chlorophyll“ sprechen hörte, als es um Blätter im Herbst ging, muss ich zugeben, dass ich schwer beeindruckt war.

Anschließend arbeitet jedes Kind selbstständig. Aus den vier Arbeitsbereichen Sprache, Mathematik, Praktisches Leben und Kunst werden Aufgaben gewählt, denen das Kind gewachsen ist. Sprache wird nach Gehör unterrichtet. Den Kindern wird der Laut eines Buchstabens beigebracht und so werden versucht Worte zu schreiben und zu lesen. Aufgaben des Praktischen Lebens sind z.B. farbiges Wasser von einer Teekanne in kleine Tassen zu füllen oder den passenden Schlüssel zu einer Auswahl von Schlössern finden. Alle Aufgabenbereiche werden durch spielerische Elemente, bunte Farben und Abwechslung für die Kinder interessant gestaltet. Während dieser Zeit helfe ich den Kindern bei ihren Aufgaben, kontrolliere Ergebnisse, leite einige Aufgaben an und sorge für Ruhe, wenn es zu laut ist – erfülle typische Aufgaben eines Lehrers.

Am Nachmittag geht es dann sehr viel wüster und wilder daher. Um 15h15 erwarten mich 14 Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 12 Jahren. Diese versuchen gleichzeitig so laut wie möglich zu sein, so wenige Hausaufgaben wie möglich zu erledigen und so viel Spaß wie möglich zu haben. Nerven wie Drahtseile reichen manchmal gar nicht aus, um das ganze etwas unter Kontrolle zu halten. Meistens ist es das Beste erst einmal eine Stunde lang jedem die nötige Bewegungsfreiheit auf dem Schulhof zu geben. Nach der Schule sei man einfach zu „hyper“, erklärte mir ein Kind. Eine Schwierigkeit besteht darin diesen Kindern Grenzen aufzuzeigen. Viele bekommen zwar von ihren Eltern viele Geschenke, das neuste, was die Technologie und die Mode zu bieten hat, aber an Erziehung mangelt es bei einigen, vielleicht sogar bei manchen an Liebe. Denn im Gegensatz zu dem, was ich erwartet hatte, als ich über das Projekt las, handelt es sich hierbei in keinem Fall um eine Kindertagesstätte für sozial benachteiligte Eltern, die sich finanziell keine Betreuung für ihr Kind leisten können, sondern um Kinder, deren Eltern sich zeitlich keine Betreuung leisten können. Sie können sich finanziell alles erlauben, jedoch fehlt es oft an moralischem und emotionalem Rückhalt in den Familien. Respekt vor anderen Menschen und der Wert von Dingen, sind für die meisten Fremdwörter. So ist die Armut eine ganz andere als ich es erwartet hatte!

Wenn ich um 18h nach Hause gehe, ist mein Kopf voller Geschichten…

… von Tom (5), dessen Vater bei beim Militär arbeitet und ständig in der Welt unterwegs ist. So oft weint Tom, sagt, wie sehr er seinen Vater vermisst und verzweifelt sobald er aufs Neue erfährt, dass er bald seinen Vater wieder für mehrere Wochen nicht sehen wird.

... von Natasha (10), die das einzige Mädchen und Nesthäkchen nach zwei großen Brüdern ist und zwischendurch, nicht zum Geburtstag oder zu Weihnachten sondern einfach so, einen Computer bekommt, weil ihre Mutter keine Lust mehr auf das Gequengel hat.

… von Andrew (12) und Matt (11), die es als ein gutes Spiel empfinden Beanbags statt sie sich gegenseitig zuzuwerfen im Gully zu versenken oder Bälle mit allen Mitteln zum Platzen zu bringen.

von Brigita (11), die sagt, dass sie ihre Schwester hasst, weil sie viel lieber Einzelkind wäre, weil die es viel besser haben, da sie mit niemandem teilen müssen. Ich versuche Brigita von meiner Schwester zu erzählen, wie sehr ich sie liebe und dass ich mir nichts Schöneres vorstellen kann als zu wissen, dass ich jemanden habe, der immer mit mir gehen wird. Und ab und zu stimmt Alexa (11), die selber Einzelkind ist, dann auch zu und sagt, dass eine Schwester schon was Tolles wäre, wenn man dann zusammen einkaufen gehen könnte.


Man kann keine großen Dinge tun, nur kleine Dinge mit großer Liebe.“ Mutter Theresa


St. Clair O’Connor ist eine ganz andere Einrichtung. Mit mennonitischen Wurzeln entstanden, stehen christliche Nächstenliebe und Gemeinschaft hier ganz oben. Die Senioren werden mit höchstem Respekt behandelt und jeder mit seinen Bedürfnissen und Eigenheiten akzeptiert. So wie ich sehe, wie hier miteinander umgegangen wird, würde ich es mir für jeden Menschen wünschen. Würdevoll erleben die Bewohner hier ihren Lebensabend. Es gibt eine Reihe von Programmpunkten jeden Tag, an dem jeder Interessierte teilnehmen kann. Von Chor über Wassergymnastik bis hin zu Gesprächskreise über die Bibel, Frieden oder „Die gute alte Zeit“ wird so Vielseitiges angeboten. Es wird viel gelacht, gut gegessen und man wird mit offenen Armen empfangen. Viele der Bewohner stammen aus Deutschland oder den Niederlanden wie z.B. Martha und Jay Armin, ein liebenswertes Ehepaar, dass von der Gründung der Einrichtung an, hier lebt. Jay hat gerade seinen 90sten Geburtstag gefeiert, bei dem seine Enkelkinder und Kinder extra aus Deutschland geflogen kamen, um mit ihren Instrumenten ihm ein Konzert zum Geburtstag zu bieten. Mittlerweile kann Jay nicht mehr gut sehen und Martha hört sehr schlecht. Sie verlassen das Haus nur sehr selten. Darum freuen sie sich, wenn die Außenwelt zu ihnen kommt. So besuche ich die beiden ab und zu nach Dienstschluss, erzähle ihnen das Neuste aus ihrer Heimat, dass Deutschland eine neue Kanzlerin hat oder dass die Frauenkirche in Dresden wieder eröffnet wurde und lese ihnen Geschichten vor. Durch ihr Freude und Dankbarkeit wird mir immer wieder klar, wofür ich hier bin.

Donnerstags arbeite ich meist mit Melody, der Programmleiterin, zusammen, um mit ihr organisatorische Aufgaben zu erfüllen, Plakate und Flyer zu gestalten, Briefe zu verteilen oder Aktivitäten für die Senioren vorzubereiten. Freitags erlebe ich dann eine ganz spezielle Facette des menschlichen Lebens, die mir bis jetzt kaum bekannt war. Ich arbeite in einem „Adult Day Program“, einem Tagesprogramm für Erwachsene, für Menschen, die ihre Erinnerungen verlieren – die an Alzheimer erkrankt sind. Meistens arbeiten vier Mitarbeiter mit bis zu zwölf Klienten. Wir verleben gemeinsam den Tag, servieren morgens Kaffe und Tee, spielen Bingo und Uno, machen Gymnastik, singen, tanzen, lesen oder kuscheln mit Pepper, unserer „therapeutischen Katze“, die von allen Mitarbeitern außer mir verabscheut wird. Um 12h gibt es Mittagessen, was für manche eine wirkliche Herausforderung darstellt. Dora hat vergessen wie man mit Besteck isst. Sie trinkt ihre Suppe aus einer Tasse und nimmt ihr Sandwich mit den Händen zu sich. Mit allem anderen muss man sie füttern. Tim, der vor einigen Jahren blind geworden ist, braucht kontinuierlich Hilfe. Lee, der Diabetiker ist, darf höchstens zwei Gläser Saft trinken. Doch wenn er nach dem dritten fragt und wir ihm sagen, dass er kein weiteres haben kann, wird er wütend, weil er vergessen hat, dass er schon Saft hatte.

Doch zwischen den Lücken im Gedächtnis sind viele Erinnerungen, an Beruf und Familie, ganze Liedtexte aus der Kindheit, Sprachen, mit denen man aufgewachsen ist. Wenn Lara die italienische Musik hört, die sie aus ihrer Kindheit kennt, erinnert sie sich an jedes einzelne Wort und alle singen, tanzen und klatschen mit. Und auch diejenigen, die vergessen haben, wie man Freude mit Worten ausdrückt, lächeln.

Mal sind die Klienten wütend, fühlen sich missverstanden und nicht ernst genommen, schimpfen; an einem Tag sagte Dora zu mir „Ich weiß, dass ihr denkt ich sei verrückt, aber das bin ich nicht.“ Mal sind sie dankbar, fröhlich, voller Begeisterung, Lebensfreude und Humor; an einem anderen Tag sagt Tim „Dieser Tag war schön, weil du da warst“. So öffne und schließe ich Reißverschlüsse bei Kindern wie bei Senioren, erzähle Alten wie Jungen, dass sie nur noch einen Happen essen sollen, lese Bilderbücher und Geschichtsbücher vor, singe Kinderlieder und Schlager. Und immer mehr sehe ich, wie wichtig es ist, eine Familie zu haben, wie würdevoll ein jeder Schritt auf dem Weg des Lebens verlaufen sollte, denn egal, ob man noch zu jung ist, um vieles zu verstehen, oder zu vieles vergessen hat, um nachzuvollziehen was passiert, scheint doch beides so selbstverständlich menschlich.


Kanada – eine kleine Deutsche im großen Land

Vom gesamten Land Kanada werde ich nur einen sehr kleinen Teil kennen lernen. Erst einmal habe ich wie für Nordamerika üblich nur zwei Wochen Urlaub im Jahr und dann ist dieses Land von solchem Ausmaß, dass es für mich als Europäerin eine wahre Umstellung darstellt. Hier kann man locker 70 Stunden Bus fahren, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen.

Darum habe ich mir ein paar Ziele gesetzt: Toronto möchte ich sehr sehr gut kennen lernen, was bei einer Stadt mit rund 4 Millionen Einwohnern auch schon eine Herausforderung ist. Der französischsprachige Teil Quebec inklusive Montreal und Quebec City interessieren mich sehr. Die Hauptstadt Kanadas Ottawa – na, hättest du es gewusst – ist ein Muss für mich und einen Nationalpark möchte ich mindestens besucht haben.

Unter meinen bisherigen Errungenschaften sind ein gutes Stück Toronto inklusive CN-Tower, dem alternativen Viertel Kensington Market, Casa Loma, einem für nordamerikanische Verhältnisse „alten“ Gebäude, 1911 errichtet, dem Zoo von Toronto, dem größten Einkaufszentrum hier, dem Eaton Centre, und die Niagara Fälle, die man ja den jährlichen Besucherzahlen nach gesehen haben muss (10 Millionen).

Nun aber vom Geographischen zum Kulinarischen: als Ruhrgebietskind fehlt mir hier natürlich – wie könnte es anders sein – die Currywurst! Doch auch andere Köstlichkeiten sind hier nicht zu erwerben. Mein größter Schock – es gibt keine Fanta!!! Cola und Sprite trinken alle wie verrückt, aber Fanta kennt niemand. Und je weiter man von Deutschland entfernt ist, desto mehr schätzt man die Existenz der Firma Haribo. Von einer solchen Auswahl an Weingummis mit solchem Geschmack kann man hier nur träumen. Jedoch bekomme ich ja genügend Besuch, wie z.B. vor kurzem von Ralf, dem Mann von meiner Patencousine Heike, der mir diese deutschen Delikatessen mitbrachte. Und für die nächste Lieferung sind schon Boten bestellt…

Nun zu Kanadischem Essen: man isst alles mit Käse, egal ob Popcorn, Pommes frites, Chili con Carne, Salat… Käse gehört auf alles. Brokkoli findet man roh im Salat. Es gibt kaum Wasser mit Kohlensäure, sondern man trinkt aus dem Wasserhahn. Ein Muffin wird als ein geeignetes Frühstück angesehen und Brote als Mittag oder Abendessen.

Ein weiterer Unterschied fiel mir im Sicherheitsbedürfnis auf. Während meiner bisherigen Zeit habe ich sieben Feueralarme bei der Arbeit mitgemacht, einer pro Monat ist Pflicht in der Schule, zusätzlich gibt es unangekündigte, die mit Anwesenheit der Feuerwehr stattfinden. In den U-Bahnen wird in sechs Schritten beschrieben, wie man sicher eine Rolltreppe benutzt.

Wer im Supermarkt ein Bier kaufen möchte, wird vergeblich suchen. Alkohol wird nur in LCBO Läden verkauft, die eine Lizenz haben. Trunkenheit oder Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit sind Straftaten. Toronto als Stadt hat einen besonderen Charme aufgrund seiner Multikulturalität. Wenn ich morgens in den Bus steige, bin ich meist die einzige blonde Europäerin mit heller Haut, denn hier trifft man mehr Chinesen, Araber, Italiener, Afrikaner. Während meiner Zeit hier habe ich mittlerweile Griechisch, Chinesisch, Polnisch, Italienisch und Indisch gegessen. Und auch meine Arbeitsstellen sind multikulturell geprägt. Beim Kids Club sind von den insgesamt sieben Angestellten zwei griechisch, eine schottisch, eine pakistanisch und eine indisch. Und auch bei St. Clair O’Connor erlebt man Toronto in seiner ganzen Multikulturalität. Die Leiterin ist Schottin, was man an ihrem für meine Ohren eigenartig klingenden Akzent unschwer erkennen kann. Die Küchenchefin ist Portugiesin. Meine Mitarbeiter im Day Program sind aus der Karibik, aus Polen, von den Philippinen.

Was mir sehr positiv auffällt, ist die Verbundenheit der Kanadier mit ihrem Land und der Bewohner von Toronto mit ihrer Stadt. Es herrscht ein hohes Interesse für die Probleme vor Ort und man engagiert sich, um den Armen der Stadt zu helfen oder Immigranten zu integrieren, was ich auch gerade im Anbetracht der Vorkommnisse in Frankreich als sehr wichtig erachte.

In den U-Bahnstationen haben 50% der Werbeplakate soziale Hintergründe. Die Organisation „United Way of Greater Toronto“ (www.unitedwaytoronto.com) setzt sich z.B. gegen Obdachlosigkeit, Vereinsamung von Senioren oder Gangbildung und Drogenprobleme unter Jugendlichen ein.

Die Provinz Ontario bietet allen seinen Bewohnern eine gesundheitliche Grundversorgung, so wird z.B. jedem die Grippeimpfung bezahlt. Außerdem werden von der Regierung Informationen über Erziehung, Gesundheit und Ernährung in den U-Bahnen aufgehängt. Insgesamt scheint mir ein höheres soziales Engagement als in Deutschland zu existieren. Das Wort „Volunteer“, Freiwilliger, ist viel stärker im Sprachgebrauch als im Deutschen und fast ein jeder engagiert sich in irgendeiner Weise freiwillig sei es in der Stadtbibliothek, in Second Hand Läden oder in Suppenküchen für Bedürftige.

„Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.“ Genesis 1:12

Von der einzigartigen Fauna und Flora des Landes habe ich bedauernswerter Weise aufgrund meines urbanen Umfelds noch nicht viel mitbekommen. Jedoch verzaubern mich Fotografien von Nordlichtern, schneebedeckten Weiten und Elchen in freier Wildbahn.

Der Indian Summer hatte auch in Toronto seine Wirkung, so dass ich von bunten Blättern begrüßt wurde. Die traumhafte Farbvielfalt der maple leaves, Ahornblätter, lässt sich schlecht in Worten wiedergeben. Darum sende ich einem jeden einen kleinen Teil eines goldenen Oktobers im Land des Ahornblatts. Als Nationalsymbol findet man sie nicht nur auf der kanadischen Flagge sondern in jedem professionellen Firmenlogo; ein Beispiel ist rechts zu finden. Die Tierwelt betreffend kann ich leider bis jetzt nur von dem berichten, was man in der Stadt findet; und das sind vor allem graue und schwarze Eichhörnchen, squirrels, in einer solchen Masse, wie ich sie in meinem gesamten Leben nicht gesehen habe und Waschbären, racoons, die hier die Rolle der Ratten in Deutschland einnehmen. Sie fressen den Müll, sind dadurch größer und dicker als Hunde, werden von vielen Menschen z.B. Jerry sehr gefürchtet, da sie angeblich ab und zu dazu neigen Menschen anzugreifen.


Danforth Mennonite Church – das Zuhause

Danforth Mennonite Church, kurz DMC, ist eine mennonitische Kirchengemeinde mit circa 100 Mitgliedern. Wer bei dem Wort „Mennoniten“ an schwarz gekleidete Männer mit großen Hüten und Frauen mit langen Röcken denkt, ist bei dieser Gemeinde an der falschen Adresse. Die Menschen sehen hier genauso aus wie du und ich, tragen Jeans, haben homosexuelle Bekannte und lassen sich scheiden. Klar gibt es einige konservativere, die Alkohol trinken als eine Sünde sehen, so dass es statt Wein beim Abendmahl Traubensaft gibt, aber im Allgemeinen ist die Stimmung eher liberal.

Auch die Gottesdienste verlaufen lockerer als ich es aus der katholischen Kirche gewohnt bin. Jede Woche führt ein anderes Gemeindemitglied durch den Gottesdienst, es gibt keinen festgelegten Ablauf und Gebete werden auf Basis der von den Anwesenden genannten Anliegen formuliert. Da kann es schon mal sein, dass man für den kranken Hund einer alten Dame betet, aber gleichzeitig erfährt man natürlich auch viel Persönliches, bekommt mit, was den Anderen zur Zeit bewegt.

Einmal im Monat gibt es ein Abendmahl, was auch gegensätzlich zur katholischen Theologie von symbolischem Charakter ist. Man ist gegen Autorität in der Kirche und für die gesamte Konzentration auf die Größe und Macht Gottes – nicht eines Menschen. Unser Pastor Tim Reimer, der übrigens fünf Jahre lang mit seiner Frau LaVerna in Berlin gelebt hat und so fließend Deutsch spricht, steht uns MVSern immer hilfreich zur Seite, beantwortet gerne jederlei Fragen, nimmt jedoch nicht die Rolle ein, die ich von Pfarrern in der katholischen Kirche. Er scheint mir mehr Mensch zu sein.

Mennoniten sind eine anabaptistische Christengemeinschaft, die die Arbeit für den Frieden und den Einsatz für Völkerverständigung als sehr wichtige Ziele sieht. Darum hat DMC den Mennonite Voluntary Service (MVS) Toronto, mennonitischen Freiwilligendienst Toronto, gegründet, durch den ich dieses Jahr erlebe. Circa zehn Mitglieder der Gemeinde haben ein Komitee gegründet, was sich um uns und die gesamte Organisation des Freiwilligendienstes kümmert. Sie haben ein Haus nahe der Kirche gemietet, das Mennohaus (siehe rechts), indem ich hier mit den anderen drei Freiwilligen lebe.

Und so sieht meine kleine Familie hier aus: Jerry, ein 70 Jahre alter katholischer US-Amerikaner aus Minnesota, der in seiner Heimatgemeinde eine Gruppe zur Reform der katholischen Kirche gegründet hat, die sich z.B. für die Frau im Priesteramt einsetzt. Er möchte nach seiner Pension nun das Jahr nutzen, um sich 100%ig für die Menschen in dem Land, mit dem er sich weit mehr verbunden fühlt als mit seiner Heimat, aufzuopfern. Albert, ein 20 Jahre alter Russlanddeutscher, der in den letzten Jahren in seiner Freikirchlichen Gemeinde in Gummersbach sehr engagiert war, möchte dieses Jahr nutzen, um sich weiter in seinem Glauben zu entwickeln, aber auch um seine Englischkenntnisse aufzupolieren, da er danach das Fachabitur in Deutschland nachmachen möchte. Daniel, der dritte Mann, ist auch EIRENIE wie ich, auch 19 Jahre alt wie ich, auch katholisch wie ich, lebte in Bergisch-Gladbach und hat wie ich im Sommer erfolgreich sein Abitur bestanden. Er stammt aus einer polnischen Familie. So lebe ich als einzige Frau im Haus und vertrete Deutschland in unserem Hotel International.

Uns wird nie langweilig im Haus, denn neben den Arbeit und dem, was im Haus zu erledigen ist, organisiert MVS wöchentlich House Meetings, Haustreffen, bei denen wir über bis jetzt nicht existierende Probleme reden können. Außerdem haben wir jede zweite Woche Book Study, eine Art Literaturkreis, in dem wir über Bücher zum Thema „Gemeinschaft“ sprechen.

Zurzeit beschäftigen wir uns mit Dietrich Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ Und versuchen Ideen für unsere Hausgemeinschaft zu entwickeln. Denn neben der Arbeit in den Projekten ist das Leben in christlicher Gemeinschaft ein Ziel des Programms.


Es ist Gnade, nichts als Gnade, dass wir heute noch in der Gemeinschaft christlicher Brüder leben dürfen.“ Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben

Dem kann ich nur zustimmen. Es ist ein Segen mit diesen Menschen hier zu sein, Menschen zu haben, die einem ein Zuhause-Gefühl vermitteln, mit denen man gemeinsam kocht, isst, putzt, spült, diskutiert, Erfahrungen teilt und feiert. Wie schwer war es für mich in den ersten Wochen zeitig ins Bett zu gehen, einfach, weil wir immer so viel zu bereden hatten. Und gerade, wenn man in ein fremdes Land kommt, niemanden kennt, ist es gut eine Art Familie zu haben.

Apropos Familie, neben der großen Familie Gemeinde als solche, wurde jedem Freiwilligen eine Gastfamilie gesucht, die zum Essen einlädt, mit der man gemeinsam Dinge unternimmt oder Feiertage verbringt. Meine Gastfamilie sind die Martins, Bob, Erma, Jessica und Andrea. Sie sind einfach wunderbar, passen zu mir, denn sie singen gemeinsam mit mir im Kirchenchor, reisen gerne, leben liberaler als manch andere in der Gemeinde und erfrischen meine Zeit hier mit ihrer Offenheit, ihrem Humor, ihrer Lebenserfahrung und ihrer Vielseitigkeit. Ich hätte es nicht besser haben können!

Was uns MVSer angeht, haben wir letzten Monat den traditionellen CN-Tower-Stairclimb hinter uns gebracht, von dem ihr die errungenen T-Shirts auf unserem Gruppenfoto sehen könnt. Für einen guten Zweck erstiegen wir die1776 Stufen bis zur Spitze des Symbols der Stadt. Die von uns gesammelten Spenden kamen „United Way of Greater Toronto“ zugute (zu dieser Organisation mehr im „Kanadateil“ des Briefs). Außerdem veranstalteten wir einen Tag der Offenen Tür in unserem Haus. Alle Gemeindemitglieder waren eingeladen uns zu besuchen, etwas zu Essen mitzubringen und unser Haus mit seinen Bewohnern etwas besser kennen zu lernen. Unser Pot Luck – wie man Mitbringparties hier nennt – wurde ein voller Erfolg mit vielen netten Worten und gutem Essen!

Nun kommt langsam der Winter, die herbstlich bunten Blätter sind braun geworden und müssen nun von uns vom Bürgersteig gefegt werden, die ersten Schneeflocken fielen genau heute. Weihnachtsdekoration hat Halloweenkürbisse abgelöst, statt „Trick or Treat“, Süßigkeiten oder Streich, liest man nun „Happy Holiday“, frohes Fest. Mit dem Kirchenchor üben wir für das Weihnachtskonzert und sie Stimmung wird immer häuslich gemütlicher.

So verabschiedet sich der Herbst und mit ihm ich bei euch, meinen Unterstützern. Ich wünsche allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit!

Im nächsten Rundbrief dann mehr über den kanadischen Winter, wenn meine Finger bis dahin nicht von Frostbeulen unfähig zum Schreiben sind ;-)!


Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, damit er ich behütet auf dem Weg und dich an den Ort bringe, den ich bereitet habe.“ Exodus 23:20


Eure Anne




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