Internationaler Christlicher Friedensdienst

Ich habe mich jetzt hier eingelebt, der Alltag ist eingekehrt und Corrymeela ist definitiv mein zu Hause geworden.

Miriam Benkler berichtet von ihren letzte 9 Monaten in Nordirland. Vom Leben und Arbeiten in einer großen Gemeinschaft und der Geschichte der Corrymeela Community... (März 2008)

 

Liebe Familie, Freunde, Verwandte, Bekannte

und liebe Unterstuetzer/ -innen!

Hallo an alle, die zu Hause an mich denken!


Schon wieder sitze ich vor einem leeren Word- Dokument und habe keine Ahnung wie ich euch die letzten paar Monate beschreiben soll. Es ist jetzt schon ueber ein halbes Jahr meines Auslandsjahres vergangen.

Es ist sehr viel passiert seit dem letzten Rundbrief, ich bin durch Hoehen und Tiefen gegangen und habe mich manchmal wie in einer Achterbahn gefuehlt.

Ich moechte euch in diesem Rundbrief deshalb einen Einblick in einige Ereignisse der der letzten Monate geben. Ausserdem versuche ich euch die Geschichte der Corrymeela Community etwas naeherzubringen.


1. Was ist so geschehen in letzter Zeit?


a) Halloween und St. Nikolaus


Am 31. Oktober war Halloween! Da drehen die Menschen hier total durch. Die Haeuser sind schon ganze 4 Wochen oder mehr davor geschmueckt, mit Kuerbissen (kuenstlichen natuerlich), Totenkoepfen, Spinnenweben und kitschigen Blinkskeletten. Man muss sagen, nicht alle sind so extrem, es ist wie bei uns auch, manche uebertreiben es eben!

Der Corrymeela Centre hat ein paar Tage vor Halloween ausgesehen wie eine Geisterhoehle, und als wir dann auch noch aus halbrunden Kuerbisplastiktellerchen essen sollten, ist mir dann doch alles etwas zu viel geworden!

Ich hasse naemlich diesen ganzen Kitsch und die Geldmacherei, die all diese kulturell wertvollen Feiertage, den Sinn und die Tradition versaut. Alles wird unter Konsum vergraben.

So, das ist meine Meinung und die hab ich auch lautstark kundgetan!

Meine komplett negative Einstellung zu Halloween hat sich jedoch am Abend des 31.Novembers geaendert!

In Ballycastle wurde ein Halloween-Nachtumzug durch die Strassen veranstaltet. Es war wunderschoen: Hunderte bunt verkleidete Kinder waren unterwegs mit Rasseln und Laternen, ganz viele Trommler, die auf selbstgemachten Trommeln die urigsten Rhythmen vorgetragen haben, Feuerspucker und Stelzenmenschen, die mit ihrem gruseligen Make-Up sogar mich verschreckt haben. Es war fantastisch und ganz Ballycastle war wortwoertlich aus dem Haeuschen.


Nach dem Umzug haben sich alle Menschen unten am Hafen versammelt und zum Abschluss wurde den Zuschauern ein traumhaftes Feuerwerk ueber dem Strand von Ballycastle praesentiert. Alles hat sich auf dem Meer widergespiegelt und ich wusste gar nicht wo es schoener aussieht, am Himmel oder auf dem Wasser.

Danach hat uns Ronnie Millar, der Centre Director zur Halloween Party in sein Haus eingeladen. Da Amy und ich uns nicht gern verkleiden und auch nicht sehr einfallsreich darin sind, war sie als ein froehlicher und ich als ein trauriger Kuerbis verkleidet. Es war ein traumhafter Abend und meine Meinung ueber Halloween hat sich sehr geaendert, obwohl ich den Kitsch immer noch nicht mag. Nach Halloween begann natuerlich sofort die Weihnachtsverruecktheit mit noch mehr Kitsch. Es lebe die deutsche Vorweihnachtszeit!!!


Am St. Nikolaus Tag war ich gerade in Belfast, da ich meine hostfamily fuer eine Woche besucht habe. Ich habe ihnen am 4. Dezember ganz ohne Hintergedanken erzaehlt, dass am 6. Dezember ein Mann in Deutschland gefeiert wird, der genauso aussieht wie der Weihnachtsmann und das er den Kindern, die lieb waren Suessigkeiten und Nuesse in die Schuhe steckt.

Natuerlich hatte ich dann am 6.Dezember in meinen stinkigen Turnschuhen eine “Cadbury Surprise Chocolate Box” stecken. Mann, da hab ich mich riesig gefreut und hab gleich mal die ganze Familie geknuddelt, denn sie geben sich wirklich die groesste Muehe mir mein Jahr ohne meine richtige Familie so leicht wie moeglich zu machen. Nach meiner kleinen Verschnaufpause bei meiner hostfamily, zurueck im Centre, hat auf der Rezeption schon ein grosses Nikolauspaket von meiner richtigen Mama auf mich gewartet, das war richtig schoen☺.

Natuerlich waren alle in Corrymeela total verwirrt, sie haben gedacht, dass meine Mama mein Weihnachtsgeschenk zu frueh geschickt hat. Ich habe dann endgueltig versucht klar zu machen, dass es in Deutschland keinen Santa Claus gibt, zumindest nicht der von Coca-Cola. Der Nikolaus bringt eine Kleinigkeit an seinem Namenstag, gleichzeitig kriegen die boesen Kinder vom Knecht Ruprecht das Hinterteil versohlt, ihr haettet ihre Gesichter sehen sollen als ich das erzaehlt habe.

Amy hat nur gestammelt: “But, but…what about Child-Protection??? Don’t you have that in Germany???”

Als ich dann erzaehlt habe, dass am 24.Dezember Abends ein engelartiges Wesen, namens Christkind alle Geschenke unter den Baum schleppt, war die Verwirrung perfekt.

Ihr muesst wissen, hier feiert man den heiligen Abend nicht wirklich, es geht erst am 25.Dezember morgens richtig los. Da bekommen die Kinder ihre Geschenke vom Santa Claus und dann ist ein grosses Familienfest. Das typische Gericht waere vollgestopfter Truthahn mit Bratensosse und verschiedenem Gemuese.

Soviel zum interkulturellen Lernen in Corrymeela.


b) EIRENE-Zwischenseminar


Vom 17. bis 24.November 2007 fand das EIRENE-Zwischenseminar in Castlerock, einem Mini-Ort in der Naehe von Coleraine statt. Zu diesem Ereignis kamen alle Nordirland- / Irlandfreiwilligen, ein Freiwilliger aus Bruessel und schlussendlich noch einer aus Holland (Utrecht) in einer wunderschoenen einsamen Jugendherberge zusammen. All diese deutschen Jugendlichen habe ich ja schon im Juli 2007 beim Ausreiseseminar in Neuwied kennengelernt und es war einfach super sie alle wiederzutreffen. Wir haben sehr viel ueber unsere Projekte gesprochen. Jeder hat sein Projekt noch einmal aus der jetzigen Sicht vorgestellt und eben auch von all den bisherigen Erfahrungen erzaehlt.

Es war sehr schoen mal wieder fuer eine Woche in die deutsche Kultur einzusinken. Die Jugendherberge hatten wir fuer uns alleine und sie lag direkt am laengsten Strand Nordirlands, mit dem Feuer im Kamin war es ultra gemuetlich.

Mir hat diese Woche so gut getan, da ich in Corrymeela zu der Zeit sowieso eine etwas schwierigere Zeit hatte. Da kam mir diese Woche als Abstand sehr gelegen. Die Atmosphaere unter uns EIRENE-Freiwilligen war und ist immer noch sehr entspannt, locker und gleichzeitig auch purer Spass. Somit haben wir die Tage damit verbracht viel Deutsch zu reden☺, am Strand Fussball zu spielen oder einfach nur kilometerweit durch die absolute Traumlanschaft zu wandern.

Es war der perfekte Mix aus Evaluierungsprogramm und Relaxen und Ausspannen.

An dieser Stelle ein grosses Lob an EIRENE, dieses Zwischenseminar hat mir definitiv meinen Ruecken gestaerkt und speziell auch die Einzelgespraeche, in denen jeder Freiwillige noch individuelle Tipps von Ralf und Michael (Erzdioezese Freiburg) auf den Weg mitgeschickt bekommen hat. Das war mehr als hilfreich.


c) Christmas Open Day und Christmas Dinner


Das naechste grosse Ereignis vor Weihnachten hier im Corrymeela Centre war der “Tag der offenen Tuer” am 17.Dezember 2007. Der Tag stand ganz im Zeichen von Weihnachten und war hauptsaechlich auf die Bevoelkerung in der Umgebung ausgerichtet. Da viele hier eben gar nicht wissen, wofuer es dieses Centre hier oben auf der Klippe eigentlich gibt, laden wir jedes Jahr alle ganz herzlich auf eine Erkundungstour ein. Und bei Punsch, kleinen Weihnachtsdelikatessen und zahlreichen anderen Weihnachtsangeboten wird das Ganze noch spannender.

Das Highlight jedes Jahr, ist jedoch, dass Santa Claus auf einem Anhaenger vom Traktor gezogen auf den Parkplatz direkt vom Nordpol ankommt, um sich dann in der “Croi” niederlaesst, um dort jedem einzelnen Kind froehliche Weihnachten zu wuenschen und ein Saeckchen mitzugeben.

Die Croi, das ist eine Art Gebetshaus, wird jedes Jahr von uns Corrymeela- Freiwilligen in eine Eishoehle umgestaltet, mit bunten Lichtern und gestapelten Geschenken bis hoch an die Decke wird es zum absoluten Kinderparadies.

Ich, so wie alle anderen, war als Weihnachtself verkleidet und habe den Kindern in der Croi, die in der Warteschlange zum Santa Claus standen, das Gesicht geschminkt. Unzaehlige Spidermen und Prinzessinen….

Zusaetzlich gab es noch ein riesiges Bastelangebot fuer Kinder, eine Buehne auf der verschiedene Programmpunkte aufgefuehrt wurden und viele Informationsstaende, ueber die Arbeit, die Corrymeela macht.

An diesem Tag waren ca. 200 Leute im Centre, somit war die harte Arbeit es wert, die wir in die Vorbereitung dieses Abschlussevents fuer das Jahr 2007 hineingesteckt haben.


Bevor das Centre am 19.12. 2007 fuer zwei Wochen geschlossen wurde, fand am 18.12 ein grosses Weihnachtsessen mit anschliessender Karaokeparty fuer alle Mitarbeiter und Freiwilligen statt. Jeder einzelne war sehr stolz auf die Arbeit, die er/ sie in das erfolgreiche Jahr 2007 hineingesteckt hat. Es lag ein grosses Gefuehl der Zusammengehoerigkeit in der Luft und jeder war an diesem Abend froh ein Teil der Community zu sein. Somit war es eine sehr ausgelassene Feier, mit viel Tanz bis spaet in die Nacht.

Am naechsten Tag wurde geputzt, auferaeumt und gepackt. UND DANN AB NACH HAUSE. Im Monat Dezember musste ich immer wieder meine Vorfreude auf Daheim herunterschlucken, da 2 von unserem Team, Lilly aus Gambia und Ariana aus El Salvador aus Kostengruenden nicht Heimfliegen konnten. Und es war schon schwer genug fuer sie unsere glaenzenden Augen zu sehen wenn wir darauf angesprochen wurden. So versuchten wir alle uns etwas mit unserer Vorfreude zurueckzuhalten.


e) Heimaturlaub oder auch das schoenste Weihnachten meines Lebens


Am Abend vor dem Heimflug kamen alle Freiwilligen dann noch einmal zum Abendessen zusammen, bei Amy’s Familie , um uns danach ueber ganz Belfast zu unseren hostfamilys zu verteilen.

An diesem Abend hat sich wieder etwas unglaublich Komisches zugetragen.

Mir war es schon nach dem Essen schlecht aber ich habe nichts gesagt, da so etwas nach dem Essen sehr unhoeflich gewesen waere. In etwa: “ Danke fuer den wunderbaren Dinner….wo ist die Toilette, mir ist schlecht.”

Somit habe ich mich alleine auf die Suche nach der Toilette gemacht. Als ich zurueckkam, konnte ich es jedoch nicht mehr verschweigen, denn es ging mir so abartig uebel und dementsprechend habe ich auch ausgesehen.

Man hat mich dann so schnell wie moeglich zu meiner hostfamily gebracht.

Mensch, die hatten eine Freude als ich kreidebleich mit Koffer vor ihrer Tuere abgesetzt wurde, gerade rechtzeitig, um mich ein weiteres Mal zu erleichtern.

Jedenfalls ging es die ganze Nacht so weiter. Ich habe kein Auge zugemacht, hatte Schuettelfrost und hab mich hunderttausendmal uebergeben muessen. Majella, meine hostmama, hat sich liebevoll um mich gekuemmert, ohne sie waere ich wahrscheinlich gestorben (Entschuldigt bitte, ich neige gerne zur Uebertreibung ☺). Morgens um 6 musste ich dann los, mit wakeligen Beinen habe ich mich auf den Weg zum Busbahnhof gemacht, um meine Busreise nach Dublin zum Flughafen anzutreten.

Ich frage mich heute noch, wie ich das durchgehalten habe, es muss wohl mein Wille und meine unglaubliche Vorfreude auf Daheim gewesen sein.

Spaeter habe ich dann erfahren, dass es Amy, Edvin und Mike in dieser Nacht genau gleich ging. Das muss wohl irgendein uebler, fieser, sehr schnell ansteckender Virus gewesen sein.

So hat mein Heimaturlaub angefangen und konnte somit nur noch besser werden. Ihr koennt euch gar nicht vorstellen wie schoen es war, was fuer ein unglaubliches Gefuehl es war meine Eltern am Flughafen winken zu sehen und sie dann endlich, endlich, nach so langer Zeit mal wieder in die Arme schliessen zu koennen.

Als ich dann zu Hause war und meine Schwester umarmen konnte war mein Glueck erst einmal vollkommen.

Meine beste Freundin kam dann noch und ich bin gar nicht mehr aus dem Heulen rausgekommen. Ich habe es mir schoen vorgestellt, man kennt diese Szenen ja aus unzaehligen Filmen aber es fuehlt sich noch viel schoener an in Echt.

Es folgten zwei Wochen voller Genuss fuer mich. Jeden Tag wollte ich voll nutzen und bin deshalb auch rumgerannt wie ein kopfloses Huhn, von einem Besuch zum Naechsten. Auto fahren war das groesste fuer mich nach so langer Zeit, so habe ich jede Moeglichkeit genutzt. Dann kamen die Feiertage, die ich voll und ganz mit meiner Familie und Verwandten genossen habe. Mein Bruder und seine Freundin kamen auch noch, idyllischer konnte es dann nicht mehr werden. Jeder wollte wissen wie es denn so ist in Nordirland und was ich denn schon so erlebt habe. Es war wohl das schoenste und intensivste Weihnachten, das ich je erlebt habe. Was ich jedes Jahr fuer selbsverstaendlich genommen habe, was mich manchmal sogar genervt hat, wie zum Beispiel die Verwandtschaft zu sehen und nur mit der Familie ein paar ruhige Tage zu erleben, war dieses Jahr etwas ganz Wertvolles fuer mich.

Man lernt die Dinge eben erst zu schaetzen, wenn man sie nicht mehr hat.

So ging es mir auch mit dem Musikverein. Als ich im August gegangen bin, war ich froh mal ein Jahr auszusetzen. Als ich dann jedoch auf dem Weihnachtskonzert meinem Verein beim Auftritt zugehoert habe, waere ich am liebsten auch mit meinen Kameraden auf der Buehne gesessen.

Nach den Feiertagen hat sich dann schon wieder ein halber Alltag in meinen Heimaturlaub eingeschlichen. Ich hatte mich wieder an zu Hause gewoehnt und meine Familie und Freunde wieder an mich. Um ehrlich zu sein, waere ich zu diesem Zeitpunkt am liebsten in der Geborgenheit und Sicherheit meiner Familie geblieben. Ich hatte ein wenig Angst, dass es auch im Neuen Jahr nicht einfacher wird.

Und so bin ich am Neujahrsmorgen voller Zweifel vom alten Jahr, aber auch voller Hoffnung fuer das neue Jahr in den Flieger eingestiegen (rechtzeitig☺), um wieder zurueck in mein neues zu Hause zu fliegen.

Nach einem wunderschoenen Silvester mit meinen Freundinnen war der Abschied mal wieder schwer.


f) Neustart im Januar


Zurueck in Nordirland, im Gepaeck ein Orginal Benkler-Schaffell als Weihnachtsgeschenk fuer meine hostfamily. Die wussten gar nicht richtig was es ist, die juengste Tochter hat sich gleich reingekuschelt. Als ich jedoch erzaehlt habe, dass nach dem Schlachten dem Schaf die Haut abgezogen wir und nach vielen Produktionsschritten das dabei rauskommt, hat sie sich schnell mit angewidertem Gesicht vom Fell wegbewegt.

Na ja, auf jeden Fall ist es dann auf dem Sofa gelandet, ich bin sehr gespannt, ob es dort immer noch liegt, wenn ich das naechste Mal komme.

Ich wusste naemlich nicht genau, ob sie sich darueber gefreut haben oder nicht. Die Nordiren haben eine andere Art sich auszudruecken und damit habe ich immer noch so meine Interpretationsschwierigkeiten.

Mein Team, also alle meine Mitfreiwilligen von Corrymeela wiederzusehen war wundervoll und das Tollste war, dass wir nicht gleich wieder arbeiten mussten. Die ersten drei Tage nach unserer Rueckkehr, haben wir in Knocklayd verbracht, mit Robert, dem Volunteer Coordinator und Ronnie, dem Centre Director, um uns nach der langen Weihnachtspause wieder naeher zu kommen und ins “Corrymeela-Universum” zurueckzuspacen. Das Programm war darauf angelegt unsere Beziehungen zu vertiefen und bestand hauptsaechlich daraus, sogenannte “lifemaps” zu erstellen, die wir dann der gesamten Truppe vorstellen sollten. Die Methode der lifemaps besteht darin, eine Art Landkarte des eigenen Lebens zu gestalten, also ueber seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachzudenken, und diese Gedanken in kuenstlerischer Art und Weise zu Papier zu bringen.

Um sein gesamtes Leben “einfach mal” so vorzustellen, benoetigt man natuerlich ein gewisses Grad an Vertrauen in der Gruppe, deshalb waren diese Tage auch sehr wichtig fuer uns als Team. Ausserdem hatten wir natuerlich unendlich viel ueber unsere Erlebnisse zu Hause zu erzaehlen. Wir haben zahlreiche Ausfluege gemacht und dabei so allerlei erlebt.

Es geschah noch etwas Aussergewoehnliches in diesen paar Tagen, wir wurden naemlich eingeschneit, und das ist mit Sicherheit eine Seltenheit in Nordirland.

Wir hatten den groessten Spass im Schnee und fuer Lilly(Gambia) und Ariana(El Salvador) war es die allererste Erfahrung mit Schnee ueberhaupt.

Ich muss sagen, dass es nicht sehr schwer ist in Nordirland eingeschneit zu werden. Wenn es hier ein paar Zentimeter schneit ist es wie ein Feiertag, jeder bleibt zu Hause, die Schueler gehen nicht zur Schule und die Strassen sind wie leer gefegt.

Ich habe hier auch noch nie einen Raeumdienst gesehen. Ich glaube, dass wollen die Nordiren auch gar nicht anfangen, sonst haetten sie ja keinen freien Tag mehr.

Es gibt hier auch keine Sommer- oder Winterreifen, obwohl es oefters mal Frost hat.

Manchmal habe ich einfach das Gefuehl wir Deutschen sind zu perfekt, wir nehmen alles so ernst, planen immer exakt ins Detail und schliessen jedes Risiko aus.

Da sind die Nordiren ungefaehr das komplette Gegenteil davon.

Deshalb werde ich auch immer ausgelacht, wenn ich alles so genau mache, oder andere anmaule, wenn sie es nicht so machen, wie ich es gewohnt bin. Ausserdem bin ich viel zu ernst fuer den ueberaus sarkastischen Humor hier. Beim Witze erzaehlen wird hier nicht einmal der kleinste Muskel im Gesicht verzogen.

So oft schon bin ich natuerlich voll reingedappt und hab alles komplett ernst genommen. Nicht einmal die Amis sind so ernst wie ich.


2. Die Geschichte der Corrymeela Community



Die Corrymeela Community wurde 1965 von Ray Davey gegruendet. Er war als Militaerpfarrer, Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg und hatte die Bombadierungen Dresdens mitansehen muessen. Waehrend seiner Gefangenschaft erlebte er, wie wichtig es war, mit den Mitgefangenen zu sprechen und seine Erlebnisse mit ihnen zu teilen, um sie verarbeiten und verstehen zu koennen.

Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Vision, eine Gemeinschaft zu gruenden, in der Gespraeche/Kommunikation, Austausch und gemeinsames Lernen wichtig sind.

Mit Corrymeela wollte Ray Davey und seine Freunde einen Ort schaffen, an dem all dies in einer sicheren Art und Weise moeglich ist.


Ein Zitat, des meiner Meinung nach weisen Mannes aus der Festschrift zum 40-jaehrigen Jubilaeum von Corrymeela: “ We hope that Corrymeela will come to be known as “the Open Village”, open to all people of good will who are willing to meet each other, to learn from each other and work together for the good of all. Open also for all sorts of new ventures and experiments in fellowship, study and worship. Open to all sorts of people; from industry, the professions, agriculture and commerce.”

Uebersetzung: “ Wir hoffen, dass Corrymeela als “das offene Dorf” bekannt werden wird, offen fuer alle Menschen mit gutem Willen. Menschen, die sich gegenseitig begegnen wollen, um voneinander zu lernen und zusammenzuarbeiten fuer das Wohl aller. Auch offen, fuer alle Arten von Risiken und Experimenten in Gemeinschaft, Lernen und Gebet. Offen fuer alle Arten von Menschen; seien sie vom industriellen Zweig, vom Bildungszweig, der Landwirtschaft oder auch aus dem finanziellen Sektor.”


So gruendete er auf dieser Idee 1965 mit Hilfe zahlreicher junger Studentenfreunde die Gemeinschaft und eroeffnete gleichzeitig das Centre in Ballycastle. Es sollte zunaechst nur ein Ort fuer Begegnung und Austausch werden. Erst als 1968 die Troubles (die gewaltsamen Unruhen in Nordirland) ausbrachen, bekam die Arbeit im Centre einen neuen Kontext.

Jetzt ging es auch darum, Familien, die aus ihren Haeusern vertrieben wurden, ein Platz zum Ausruhen und Unterkommen zu geben. Die “Fluechtlinge” wurden, vor allem in Belfast sprichwoertlich mit ihrem restlichen Hab und Gut auf Laster aufgeladen und hoch an die Kueste zum Corrymeela Centre gefahren. Da Corrymeela sowohl in protestantischen Gebieten, als auch in den katholischen Gebieten Hilfe anbot, war der Centre auf beiden Seiten wohlbekannt und sehr angesehen.

Darum wurde im Laufe der Zeit auch noch ein anderes Ziel immer wichtiger:

Das Ziel einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen beider Seiten des Konflikts in einer sicheren und neutralen Umgebung begegnen und austauschen, sich respektieren lernen und am Ende vielleicht einen Weg zueinander finden koennen.