Meine Arbeit scheint sich immer zu wandeln. Es kommen neue Vollzeitarbeiter mit neuen Ideen, es muessen Dinge veraendert werden, es gibt zu wenig Geld um manche Aktivitaeten auszufuehren oder jemand wird krank, oder, oder, ... Es wird niemals langweilig!
Friederike Ungewitter schreibt von Weihnachten vor´m Kaminfeuer, Nordirischem Lichterkitsch und dem Leben und Arbeiten in und um die Cornerstone Community in Belfast. (Januar 2007)
Rundbrief Nummer 2
oder
Ein Lebenszeichen von Friederike Ungewitter
Liebe Unterstuetzer, Freunde und Verwandte,
ich wuensche euch allen ein froehliches neus Jahr 2008! Findet ihr nicht auch, dass das Jahr, wenn es erst beginnt auf Weihnachten zuzurollen sich geradezu ueberschlaegt? Die Zeit ist sozusagen davongelaufen, sodass es hoechste Zeit ist durch einen Rundbrief ein ausfuehrliches Lebenszeichen von mir zu geben.
Ein Lebenszeichen aus meinen Ferien und meiner Freizeit
Bitte die Ohren zuhalten! Mein Lebenszeichen ist laut und deutlich und schreit sozusagen: Hurrah! Ich lebe! Ich lebe in Belfast, in der Cornerstone Community.
Heute ist Sonntag und ab morgen geht die Arbeit wieder los. Seit zweieinhalb Wochen habe ich jedoch nichts anderes getan, als das Leben zu geniessen, weshalb ich nun auch zuerst aus meiner Freizeit berichten moechte.
Im November hatten wir das Eirene Zwischenseminar in einem wunderschoenen Youth Hostel direkt am Meer an der Nordkueste Nordirlands. Diese Woche unter meinen Eirene-Mitfreiwilligen aus Nordirland, Irland, Belgien und den Niederlanden habe ich aus vollen Zuegen genossen und auch erfahren, dass es durchaus sinnvoll ist, sich in aller Ruhe ueber seine Eindruecke und Erfahrungen auszutauschen. Und wenn man das auch noch vor einem gemuetlichen Kaminfeuer, nach einer Strandwanderung oder einem kleinen Fussballspiel tut, dann muss man ja Spass haben.
Nach dem Zwischenseminar hat ziemlich direkt die grosse Weihnachtsverruecktheit begonnen. Ueberall waren blinkende Lichtlein, Weihnachtsmaenner, aufgelasene Schneemaenner im Garten, Weihnachtsfeiern im Ueberfluss, eine grosse Plaetzchenbackaktion mit vielen anderen Freiwilligen, eine Weihnachtsparty, eine Belfast-Castle Weihnachtsfuehrung, tausend Weihnachtspakete und Briefe, Planungen fuer die Weihnachtsferien, ein Weihnachtskonzert mit meinem Chor in der Clonard Monastery und Weihnachtsmaerkte und Hektik.
Richtig gluecklich bin ich also am Beginn meiner langen Weihnachtsferien fuer ein paar Tage nach Dublin gefahren. Dort konnten zwei meiner Mitfreiwilligen und ich beim Felix, einem weiteren Eiren-Freiwilligen, in der Archegemeinschaft wohnen und die Stadt anschauen.
Und zur vollstaendigen Entspannung habe ich Weihnachten mit drei weiteren Eirene-Freiwilligen und einem Polen in Kilcranny House, einem Begegnungszentrum und einer kleinen Farm inmitten wunderschoener Landschaft, verbracht. Ein Weihnachtsfest mit Strandspaziergaengen, Steilkueste erklimmen, Ziegenstall ausmisten und vor-dem-Kamin-sitzen ist wahrlich anheimelnd.
Nach dem Zwischenseminar habe ich beschlossen, dass es zu viel ist, fuenf Abende die Woche zu arbeiten. Mit Zustimmung von allen Seiten habe ich Mittwoch abends nun immer frei. Einmal duerft ihr raten, wie ich meinem freien Abend verbringe? Volltreffer – einem Frauen-a-cappellachor trete ich bei. Leider hatten sie so lange Winterpause, dass ich erst einmal dort war. Aber es scheint good crack zu sein, wie man hier gerne sagt, und was so viel heisst wie guter Spass.
Manchmal kann ich gar nicht sagen, mit was ich meine ganze freie Zeit verbringe, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund, gibt es immer etwas zu tun. Selbst wenn man zu Hause ist, hat man ja seine Hausgenossen und die Hausgenossen haben auch wieder Freunde, die zu Besuch kommen. Dann wird gekocht und gegessen und ein Film zusammen geschaut, ein Tee getrunken, unsere Keksvorraete dezimiert, usw..
Ein Lebenszeichen aus Cornerstone und von meinen Mitbewohnern
Weil ich gerade schon von meinen Hausgenossen berichtet habe, kann ich an diesem Punkt vielleicht anknuepfen. Isabel, Sam und ich haben eine angenehme Hausatmosphaere. Oft sind ein oder zwei von uns nicht da, aber manchmal sitzen wir alle gemuetlich im Wohnzimmer in unseren ultraweichen, gruenen Plueschsofas mit Troddeln und trinken Tee – was auch sonst.
In Cornerstone geht alles, wie ich bereits im letzten Brief geschrieben habe, recht langsam. Dennoch, die gute Nachricht! Wir haben die Foerdergelder fuer die naechsten drei Jahre bekommen, d.h., dass ab Maerz bei uns ein Vollzeitangestellter anfangen wird und hoffentlich ein wenig Schwung in die Sache bringt.
Jetzt nach Weihnachten wird die Arbeit wohl auch wieder etwas intensiver losgehen, da im Weihnachtsstress niemand mehr Lust und Zeit hatte, z.B. unser Familienprojekt, das katholische und protestantische Familien zusammen bringen soll, voranzutreiben.
Bevor die neue Arbeitskraft jedoch anfangen kann, steht hier noch eine wichtige Aufgabe bevor: das allgemein genutzte Buero muss aufgeraeumt und ausgemistet werden. Und da in den letzten paar Jahren niemand wirklich dafuer verantwortlich war, ist das gar nicht so einfach.
Manchmal bin ich ein bisschen traurig zu sehen, wie viel Potenzial Cornerstone hat und wie schwierig es jedoch ist, dieses Potenzial zu nutzen. Die Mitglieder von Cornerstone sind alle nicht mehr die Juengsten und sind haeufig durch private Sorgen abgelenkt oder haben nicht mehr so viel Energie. Dennoch merke ich, dass ich mich unter Idealisten befinde und bewundernswerten Menschen mit Vergangenheiten und Erinnerungen, ueber die man tatsaechlich ein Buch schreiben koennte. Immer wieder kommt die Diskussion auf, ob und wie man Nachwuchs bekommen koennte. Aber dies ist ein heisses Thema, denn um Mitglied in Cornerstone zu sein und ueber Jahre hinweg begeistert zu bleiben, muss man wohl tatsaechlich Idealist oder stark vom Glauben gepraegt sein.
Vor Weihnachten war unser schoenes Cornerstone-Haus heftig in Benutzung. Sam hat die Dekorierwut gepackt und so glitzerte und blinkte unser Haus aus saemtlich Ecken und Enden. Girlanden an der Treppe, Lichterketten, zwei Weihnachtsbaeume, was dadurch berechtigt war, dass wir ein ganzes Doppelhaus haben, Kerzen und eine riesige Menge an Weihnachtskarten an den Waenden und auf dem Kaminsims. Dazu kamen eine ganze Armee von Keksdosen, welche die zahlreichen Mitglieder unterschiedlicher Bibelgruppen gutmeinend anschleppten. Das wirklich Erstaunliche ist, dass die gesamten Vorraete heute wieder verschwunden sind.
Und dann mussten in Cornerstone natuerlich auch Weihnachtsfeiern stattfinden. Jeder Bibelkreis musste ein Jahresabschlusstreffen haben, eine Feier gab es fuer die Spender von Cornerstone und eine fuer die Mitglieder. Jetzt bin ich Spezialist im Truthahn schneiden und anrichten. An einem Tag habe ich zwei ganze Truthaehne zerlegt. Hinzuzufuegen bleibt dann nur, dass ich an diesem Tag auf das Truthahnessen verzichtet habe...
Ein Lebenszeichen von meinen drei verschiedenen Arbeitsplaetzen (abgesehen von Cornerstone)
In meinem letzten Rundbrief habe ich ja bereits geschrieben, dass ich in Forthspring arbeite. Forthspring, das bedeutet Afterschools-Club mit Kindern und Youth Club mit Jugendlichen, sowie Streetwork, die so aussieht, dass man auf die Strassen geht, um mit den Jugendlichen in ihrer Umgebung in Kontakt zu kommen.
Nach wie vor bin ich ausserdem einmal die Woche in Streetbeat und helfe bei der Gruppe mit den dreizehnjaehrigen Jungs. Der letzte Teil meiner Arbeit, die Senior Citizens, von dem ich das letzte mal erzaehlt habe, ist jedoch nicht zu Stande gekommen. Durch einen reinen Zufall bin ich in einem Kindergarten gelandet! Dieser Zufall ist eindeutig ein gluecklicher, denn mit den Kleinen drei- und vierjaehrigen macht es mir richtig Spass. Einmal die Woche bastele und spiele ich mit den Kleinen, renne als Monster hinter ihnen her, schlage ihnen vor, dass sie sich zur Versoehnung umarmen sollen, schaue mir jedes kleine Wehwehchen an und sage its not too bad, is it? und bekomme ein tapferes Kopfschuetteln als Antwort. Ausserdem haben wir angefangen Bruder Jakob auf Deutsch zu lernen und vielleicht backen wir sogar einmal Vanillekipferl.
Der Kindergarten ist in einer Turnhalle untergebracht, die jeden Morgen zu ihrem Zwecke, ein Kindergarten zu sein, umgebaut wird. Die Kindergaertnerinnen sind Meister darin, jeder Sache ihren eigenen Platz zuzuweisen, denn der Kindergarten wird auch jeden Tag, nachdem die Kinder abgeholt wurden, wieder in eine Turnhalle umgebaut! Vielleicht erkennt man darin ein klein bisschen die irische Gemuetlichkeit. Noch nicht ein einziges Mal haben ich die Kindergaertnerinnen darueber klagen gehoert.
Die naechstgroesseren Kinder mit denen ich zu tun habe, sind die Afterschools.
Mit den Afterschools Kindern fuehle ich mich auch immer wohler. Im Alter von neunzehn Jahren eine Neuauflage Mutter-Vater-Kind zu starten muss ja lustig sein, v.a. wenn man das Kind seiner zehnjaehrigen Eltern ist.
Einen besonderen Augenblick durfte ich vor ein paar Wochen erleben, als ich ein Maedchen, das mich normalerweise nur boese anschaut, moeglichst finstere Grimassen schneidet und mir strenge Ermahnungen aeusserst uebel nimmt, mit mir gespielt und geredet hat. Was will man mehr? Und nicht nur das, sogar ihre normalerweise schmollende Schwester hat mich fachgerecht beraten, wie ich das Verhaeltnis Saft – Wasser mischen sollte.
Ein wenig schwieriger ist es noch mit ihrem juengeren Bruder, der in seinen Wutanfaellen, oder auch aus Spass mit seinen fuenf Jahren erstaunlich ernergievoll mit Stuehlen um sich schmeisst. Aber auch die zehnjaehrigen Maedchen schlagen haeufig Zickenalarm, der schier unloesbar ist, weil nicht vernunftbegruendet.
Ab morgen haben wir eine neue Leiterin der Afterschools. Bisher kenne ich nur ihren Namen, Veronika, aber es wird sicher einige Aenderungen geben und somit interessant werden.
Mit dem Jugendlichen bin ich leider gerade etwas unzufrieden.Vielleicht lag es an der vorweihnachtlichen Aufregung, dass sie schwieriger waren als sonst, aber ansonsten fuerchte ich , dass es in der naechsten Zeit nicht so einfach wird. Mit denjenigen, die etwa unter vierzehn sind, komme ich gut zurecht, dann aber wird es schwieriger. Frech sind sie. Aufgeweckt und symphatisch. Schnell im Greifen eines bliebigen, losen Gegenstandes, um ihn auf ein moeglichst unpassendes Ziel, wie z.B. einen Kopf zu werfen. Anspruchsvoll auf Unterhaltung sind sie. Erstaunlich wenig bereit anzuerkennen, was man versucht fuer sie zu tun. Manchmal brutal und manchmal unglaublich liebevoll, besonders untereinander. Sie haben Potenzial, aber geben es selten freiwillig.
Ich finde es schwierig schnell und angemessen auf alle moeglichen Situationen zu reagieren, dabei auch mal ordentlich auf den Putz zu hauen und zu zeigen, wo es lang geht, vorzugsweise viele Situationen mit gutem Humor zu regeln, aber nicht den Zeitpunkt zu ernst zu nehmenden Warnungen zu verpassen.
Dann gibt es aber auch wieder tolle Momente, wenn man eine gute Unterhaltung hat, oder ein Jugendlicher einsieht, dass es unfreundlich ist, meinen Namen zu verunstalten, oder wenn sie sich gegenseitig zur Ordnung rufen oder man gemeinsam Fussball oder Tischfussball spielt.
Die Streetwork gefaellt mir nach wie vor sehr gut. Nirgendwo sonst, erlebt man die Menschen so nahe in ihrer alltaeglichen Umgebung. Wir spielen mit den Jugendlichen Fussball oder halten ein Schwaetzchen, erklaeren ueber den Youth Club und Forthspring. Ich komme sicher in Gebiete, in die ich mich nachts sonst nicht hineintrauen wuerde. Alles aufgrund eines Schildchens um meinen Hals und einer offiziellen Rolle.
Auf der Streetwork hatte ich auch so manche meiner augenoeffnenden Erlebnisse.
Eine Gruppe Jugenlicher, die sich nicht traute die Feuerwehr anzurufen und einen Brand auf dem Spielplatz zu melden, weil sie verdaechtigt wuerden.
Einen lautstarken Streit unter erwachsenen Frauen, die mit den Faeusten aufeinander losgehen wollen, bis sie getrennt werden, umringt von einer ganzen Traube von neugierigen Kindern.
Ein Jugendlicher der um acht Uhr abends froehlich kotzend an der Mauer lehnt, augenscheinlich mit nichts als Alkohol im Magen. An ihm und seinen Freunden vorbei laufen die Maenner, die sie zwar kennen, aber selten nur gruessen und erst recht nicht nach ihrem Befinden fragen.
Leider gibt es hier recht viele Schlaegereien, die fast alle passieren, wenn mindestens einer der Beteiligten betrunken ist.
Die Arbeit in Forthspring macht schon aufgrund der netten Leute fast immer Spass. Ich komme durch die Eingangstuer und halte als erstes ein Schwaetzchen mit unserer Koechin Janet und besorge mir ein Taesschen Tee. Am Cafe Tisch sitzt Helen, die Freiwilligen Koordinatorin zusammen mit meinen Mitfreiwilligen. Oben im Buero treffe ich auf die Leiterin der Afterschools und die Praktikantinnen, die zu dritt viel Zeit mit dem Planen der Afterschools verbringen. Das naechste Schwaetzchen findet statt, darin beinhaltet sind einige Absprachen ueber den naechsten Ausflug oder die eine oder andere Aktivitaet des kommenden Nachmittages.
Deirdre, die Youth Workerin sehe ich erst abends, wenn sie aus dem hinteren Teil des Gebaeudes zum Abendessen in die Kueche kommt. Dann sitzen wir waehrend der Pause gemuetlich auf dem Tresen, essen die Reste des Mittagessens und plaudern ueber den Jugendclub oder Gott und die Welt.
Meine Arbeit scheint sich immer zu wandeln. Es kommen neue Vollzeitarbeiter mit neuen Ideen, es muessen Dinge veraendert werden, es gibt zu wenig Geld um manche Aktivitaeten auszufuehren oder jemand wird krank, oder, oder, ... Es wird niemals langweilig!
Liebe Freunde, Unterstuetzer und Verwandte, ich hoffe ihr werdet klug aus meinen Erzaehlungen, ansonsten koennt ihr mir gerne schreiben oder anrufen. Aber auch ueber jede Nachricht, die ganz und gar unbegruendet ist freue ich mich selbstverstaendlich!
Liebe Gruesse aus Belfast von
Friederike
Friederike Ungewitter, Cornerstone Communnity, 443/445 Springfield Rd., Belfast BT12 7DL, tel: 00442890321649, email: frenni.ungewitter@gmail.com







