Ich habe eine Arbeit die mir Spaß macht und fühle mich auch sonst pudelwohl hier
Florian Goebel berichtet von seiner Arbeit bei Focus Ireland Coffee Shop Dublin und seiner ganz persönlichen Entwicklung aufgrund seiner Arbeit und seines Dienstes. (September 2007)
Nun bin ich schon seit Ende Januar hier, einer Zeitspanne, die mir deutlich kürzer erscheint als sie in Wirklichkeit war. Im Januar geht es schon wieder zurück nach Deutschland, nur noch dreieinhalb Monate. Und wenn ich ehrlich bin verspüre ich keinen sonderlich großen Drang danach, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ich habe eine Arbeit die mir Spaß macht und fühle mich auch sonst pudelwohl hier.
Die erste Hälfte des Sommers hier kann man mit genau einem Wort beschreiben: Regen! Egal ob morgens, abends, mittags, es regnete. Auf Fragen wie „Regnet es schon wieder?“ gab es eigentlich nur „Nein, immer noch“ als Antwort. Ansonsten gab es im Sommer das große Kommen & Gehen im Coffee Shop, drei Kollegen haben sich verabschiedet, drei neue kamen dazu.
Nun aber zu meiner Arbeit, noch einmal schnell für alle, die es vergessen haben: Ich arbeite im Coffee Shop von Focus Ireland, einer Organisation, die Obdachlose & diejenigen, die in Gefahr sind, Obdachlos zu werden, betreut, berät, Notunterkünfte vermittelt und und und. Der Coffee Shop – ein Drogen- und Alkoholfreier Raum – ist 7 Tage die Woche geöffnet, auch an Feiertagen, wobei zu beachten ist, dass ich nur unter der Woche arbeite sowie die Öffnungszeiten am Wochenende & an Feiertagen kürzer sind. Geöffnet hat der Coffee Shop (kurz C/S) unter der Woche von 10.15-15.15 Uhr sowie von 16-17.15 Uhr. Bis 12 Uhr gibt es Frühstück, von 12 bis 15 Uhr Mittagessen und ab 16 Uhr eine Tagessuppe sowie Sandwiches. Morgens gibt es zuerst ein Teammeeting vor der Öffnung des C/S, weitere Meetings folgen um 16 Uhr sowie nach der Schließung. Darin geht es um meistens um die Ereignisse des Tages. Ein größeres Meeting findet Mittwochs statt, weshalb der C/S dann erst um 12 Uhr öffnet. In diesem Meeting geht es um Urlaub, Strafen für Customer (so werden die Menschen, die sich im Coffee Shop einfinden, genannt), Adult Programs (Unternehmungen wie Kino, Bowling etc.), der Rotationsplan für Float & Door (dazu gleich mehr) und noch vieles mehr. Im Coffee Shop bekommen die Customer günstig Essen, Beratung am Crisis Desk, wenn sie sich in einer Notlage befinden sowie Keyworking, um ihnen eine Rückkehr in ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Die beiden letztgenannten Aufgaben werden vom Crisis Team bearbeitet, für das Essen ist der Kitchen Stuff zuständig. Ich bin Mitglied des Coffee Shop Teams, denjenigen die quasi (auch räumlich gesehen) genau zwischen Crisis Desk & dem Counter (Tresen zur Küche) arbeiten. Offizieller Arbeitsbeginn für das C/S-Team ist um 9.30 Uhr. Offiziell deshalb, weil es in Irland meistens etwas lockerer gesehen wird, gegen 9.50 Uhr beginnt das Morgenmeeting. Der Arbeitstag endet dann offiziell um 18.30 Uhr, aber man verlässt selten nach 18 Uhr den C/S. Nun folgen unsere und damit auch meine Aufgabenbereiche, wobei aber zu beachten ist, dass außer Float & Door alle anderen Aufgaben außerhalb der Lunchzeit (Mittagessen) nicht festgelegt sind, Keys werden dann freiwillig übernommen.
Float: Der Chef auf dem Floor. Wenn man „floatet“ ist man dafür zuständig, möglichst allen Customern namentlich zu erfassen und neuen Customern die Regeln zu erklären sowie ihr Geburtsdatum & ihre derzeitige Unterkunft in Erfahrung zu bringen. Customer, bei denen es einen Vorfall gab (vom Einschlafen hin bis zu aggressivem Verhalten, Drogennutzung auf der Toilette oder starkem Alkoholkonsum) auf seiner „Anwesenheitsliste“ zu markieren, damit später darüber gesprochen werden kann und eine Grundlage für evtl. Strafen vorhanden ist). Außerdem sollte der Float stets wissen, was auf dem Floor passiert, Kollegen delegieren, wenn etwas erledigt werden muss oder auch mal selbst mit anpacken, wenn Not am Mann/Frau ist. Anfangs habe ich nur Morgens oder Abends „gefloatet“, mittlerweile mache ich dies auch Mittags, wie jeder ungefähr einmal in der Woche. Außerdem füllt der Float, der morgens und in der ersten Lunchschicht dran ist, den Rotationsplan für den Tag aus.
Door: Der Türsteher. Sicht- & Geruchskontrolle auf evtl. Drogennutzung. Customern, die unter dieses Raster fallen, wird der Einlass verwehrt, was keine leichte Aufgabe ist, da viele dies dann nicht akzeptieren wollen. Die Doorperson ist auch meistens eine der beiden Personen, die in Behaviour Management involviert wird, wenn ein Gespräch mit einem der Customer nötig ist. Behaviour Management wird immer zu zweit durchgeführt, auch aus Sicherheitsgründen. Unterstützt wird die Doorperson von Floor/Door: Als Floor/Door ist man hauptsächlich zu Unterstützung der Doorperson da, wenn aber gerade nicht so viel Betrieb herrscht, hilft man auch ab und zu mal mit, den Floor sauber zu halten. Nebenbei ist man noch offizieller Getränkelieferant des Türstehers, da dieser sich ja nicht von der Tür entfernen sollte.
Keys: Der Schlüsselinhaber für die Toiletten. Nach jedem (!) Gebrauch checken, nicht kontrollieren. Wichtiger Unterschied! Gecheckt wird auf Drogennutzung und eventuelles Rauchen in der Toilette. Bei bekannten Drogennutzern dauert das Checken meist länger. Ab und zu darf man dann auch mal die Toilette reinigen, da vor allem männliche Customer diese auf gewisse Art verschmutzen. Dazu noch den Floor reinigen, wobei das Checken der Toilette Vorrang hat. In meiner Anfangszeit wurde ich öfters den Keys zugeteilt, weshalb ich zur Zeit noch immer eine gewisse Aversion gegenüber diese Arbeit habe, die aber langsam besser wird, es muss ja schließlich gemacht werden, außerdem haben wir jetzt neue Volunteers, denn neue Teammitglieder hab die Keys vergleichsweise öfter, vor allem halt Volunteere, da Keys nicht sonderlich beliebt sind, auch bei den Project Workern nicht.
Queue: Der Schlangenwächter. Klingt mystisch, ist es aber nicht. Man wirft ein Auge auf die Schlange vor dem Counter. Meistens hat man nur gegen 12 Uhr wirklich mit der Schlange zu tun, da um diese Uhrzeit ein regelmäßiger und regelrechter Ansturm auf die Schlange entsteht. Es dürfen nur 4 Personen gleichzeitig in der Schlange stehen, was manchmal zu Unmut bei den Customern führt, da sie sich so lange wieder hinsetzen müssen. Andererseits wäre sonst der Raum vor dem Counter schlichtweg überfüllt, was die meistens verstehen. Wenn kein großer Andrang herrscht, hält man den Floor sauber und räumt mit ab.
Floor: Die Reinigungskraft. Im Grunde einfach den Floor sauber halten und abräumen.
Morgens & abends findet man auch oft Zeit, sich mit einer Tasse Tee zu den Customern zu setzen, mit ihnen zu reden, ihnen einfach zuzuhören (manchmal nicht ganz freiwillig, einige können wirklich lange Monologe halten, bei denen einem kaum etwas übrig bleibt, als „Yes“ oder „Yeah“ zu sagen und zu nicken) oder einfach nur zu sitzen, was einigen Customern vollkommen reicht.
Zu meiner Entwicklung hier lässt sich folgendes sagen:
War ich vor allem anfangs noch sprachlich gehemmt, so hat sich dies nun deutlich geändert, auch wenn mein Englisch wohl nicht so das sauberste ist. Zum einen habe ich mir wohl einen Akzent angewöhnt, zum anderen mache ich mittlerweile genau das selbe wie im deutschen, ich spreche zu schnell. Und es ist verdammt schwer sich das abzugewöhnen. Aber auch sonst spüre ich schon eine gewisse Entwicklung bei mir, denn ich bin nun offener gegenüber Customern. Damit meine ich dass ich anfangs noch deutlich mehr Vorurteile hatte bzw. einen gewissen Abstand brauchte. Ich habe mir auf der Arbeit relativ schnell eine gewisse Distanz angeeignet. Zum einen kann man ohne diese Distanz hier kaum arbeiten, zum andern kann man selbst ohne diese Distanz psychisch wohl kaum überleben. Distanz heißt aber nicht, dass einem die Customer egal vorbei gehen, aber zu nahe darf man sich das nicht gehen lassen. Deshalb spreche ich auch abseits der Arbeit nicht so besonders gerne darüber, da dies meine Arbeit ist und weniger mit meinem Privatleben zu tun hat. Und nebenbei, ich kenne niemanden, der das anders handhabt. Das hat nichts mit Herzlosigkeit zu tun, es ist in gewisser Art auch ein benötigter Selbstschutz. Und trotz alledem gefällt mir meine Arbeit.
Des weiteren habe ich hier zwangsläufig gelernt, mit Macht umzugehen, wobei man dabei wohl nie aufhört zu lernen. Denn wenn man im Coffee Shop arbeitet verfügt man über eine gewisse Macht gegenüber den Customern. Veranschaulichen werde ich dies an der Rolle des Float: Der Float ist die wichtigste Position. Wer floatet hat das Sagen. Soweit zumindest in der Theorie. Denn wenn alles reibungslos laufen würde brauchte man als Float gar nicht so viel zu tun. Aber das wäre ja dann auch wieder irgendwie langweilig. Denn die Rolle des Float ist so breit gefächert, das eigentlich immer mehrere Aufgaben gleichzeitig anstehen, deshalb auch die Rolle als Delegator. Also vor allem die Personen, die gerade eher für Floorarbeit eingeteilt sind. Dies fängt an bei der Nachfüllung von Besteck, geht über die Reinigung des Floors und der Creditgabe bis dahin jemanden aufzutragen, einem neuen Customer den Service, die Regeln und Angebote vorzustellen. Auch das ginge noch relativ einfach, wäre da nicht ein gewisser Faktor. Der Faktor Mensch, häufig geprägt von der Laune & Tagesform. Kann man über ein gemurmeltes „Ja ja“ noch locker hinweg sehen, so ist es teilweise schon recht nervig, wenn man dies öfter und immer wieder machen muss. Es ist natürlich auch immer eine Frage, wie man die Delegation rüber bringt, aber beim x-ten mal noch freundlich zu fragen ist doch schon herausfordernd. Natürlich sollte man es auch dann nicht gerade grimmig herüber bringen, aber manchmal geht es einfach nicht anders, wenn sich jemand mal wieder vor den Keys drücken möchte oder es gerade für wichtiger hält, eine Unterhaltung mit Kollegen zu führen. All dies passiert natürlich auch mir, in beiden Positionen, aber als Float kann man halt nicht immer lieb & nett fragen, vor allem wenn die Zeit drängt.







