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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen. Ich fühle mich, als würde ich seit Jahren hier leben Felix Anderl gibt in seinem ersten Rundbrief Einblicke in seine Arbeit, sein Leben und seinen Umgang mit der (nord)-irischen Kultur. (Oktober 2007)
Aktuelle Situation in Belfast/Nord-Irland Die momentane Situation in Nordirland ist auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte. Die zwei großen, rivalisierenden Parteien Sinn Féin und DUP sind über ihre Schatten gesprungen und bilden nun zusammen eine Regierung. Vor allem für Ian Paisley, der polarisierende Parteiführer der streng protestantischen und loyalistischen DUP war dies, zumindest öffentlich, eine große Überwindung, da er zuvor ausgesagt hatte, er werde den Katholiken nie die Hand reichen. Jetzt ist er First Minister und sein Stellvertreter ist Martin McGuinness von der Sinn Féin Partei. Es werden nun natürlich große Hoffnungen in diese Regierungsbildung gesetzt. Endlich wird man nicht mehr aus London regiert. Und die symbolische Wirkung dieses Zusammenschlusses ist enorm wichtig. Zusätzlich profitiert Nordirland von einem rasanten Wachstum, wirtschaftlich und zahlenmäßig. Das lässt sich im Zentrum Belfast sehr gut beobachten. Es könnte das Stadtzentrum jeder europäischen Stadt sein. McDonalds steht neben H&M, Boutiquen säumen den gebohnerten Weg. Man könnte in Belfast leben ohne einen Hauch von Konflikt mitzubekommen. Das ist auch der Kurs der Regierung. Konsum statt Aufarbeitung. Natürlich hinkt der Vergleich enorm, jedoch bleiben Erinnerungen an das deutsche Wirtschaftswunder nicht aus. Doch man gönnt es den Menschen ja. Wenn man allerdings hinter die Kulissen schaut merkt man, wie brüchig dieser Frieden ist. In vielen Stadtteilen des Nordens und Westens herrscht absolute Funkstille zwischen den Communities. Die meisten Zwanzigjährigen haben hier noch nie einen Menschen der anderen Seite kennen gelernt. Die Peacewalls sind hier nicht nur symbolisch sondern ganz akuter Schutz vor Angriffen. Auch außerhalb der radikalen Szene kann man meist zuordnen in welchen Kreisen man sich gerade bewegt: Im einfachen Fall am „Celtic“ Trikot (katholisch) und etwas komplizierter an der Ulsterbank (hier ist wirklich alles ein Politikum). Es ist fast schon ein Sport für uns, herauszufinden auf welcher Seite welche Kneipenbesitzer wohl ist. Auf der anderen Seite wollen viele mit der Spaltung nichts mehr zu tun haben. Der Drang danach, eine normale Stadt zu sein, ist groß. Ich zitiere meine Kollegin Nora nach einer Stadtrundfahrt mit ihren englischen Freundinnen: „Ja, auch sie fanden den Lagan (Fluss) schön, das Rathhaus und das Meer. Aber wo holen sie die Kameras raus? Bei den beschissenen Murals. Um ihren gottverdammten englischen Mittelschichtfreundinnen erzählen zu können, wie akut die Gefahr noch sei und wie sehr sie den Konflikt verstanden hätten!“ Es bleibt nichts hinzuzufügen. Mein Arbeitsplatz Seit dem 2. August 2007 arbeite ich im Centre for Global Education in Belfast. Das Centre existiert seit zwanzig Jahren und ist seit 2005 in der University Street. Das Centre hat sich auf das Themenfeld „Global Education“, also globales Lernen spezialisiert. Das bedeutet folgendes: Wir versuchen Schülern, Lehrern, Studenten und Dozenten Themen wie Globalisierung, Nord-Süd Gefälle, Interdependenzen, Entwicklungshilfe und Menschenrechte näher zu bringen. Wir arbeiten für eine gerechtere Welt und haben dabei den Weg über die Aufklärung und Bildung gewählt. Dieser Anspruch ist nicht immer leicht in die Tat umzusetzen, aber unser Motto ist: „You have to start somewhere“ (Man muss irgendwo anfangen.) Das tun wir über verschiedene Wege, die ich dadurch vorstellen will, indem ich die jeweilige Person im Centre beschreibe und kurz erkläre, was sie tut. Stephen (Director), mein Chef: Stephen ist ein kleiner, intelligenter und freundlicher Mann, den ich so Mitte 40 schätze. Er ist seit 1995 Chef des Centres und weiß wirklich alles, was es in diesem Metier zu wissen gibt. Wir reden eigentlich hauptsächlich über Fußball und natürlich über das Wetter, was auch keineswegs als blöder Smalltalk aufgefasst wird. Es gehört einfach dazu, jeden Morgen zwei Minuten zu schimpfen, wie „beschissen“ Irlands Sommer immer sind. Seine Aufgaben hier sind unerschöpflich. Jeden Morgen wenn ich komme ist er schon da, wenn ich gehe auch noch. Und am Wochenende sowieso. Er koordiniert alles was wir tun, editiert unsere Publikationen, organisiert Seminare, agiert als Fundraiser, Manager und Aushängeschild. Jeder in der Szene kennt ihn und er weiß immer, was gerade abgeht. Jenna (Training and Research Officer): Ihre Aufgabe ist das Erstellen von „Policy and Practice“, einer Art Broschüre mit wissenschaftlichen Artikeln über Globales Lernen. Die Beiträge kommen von Profis aus der ganzen Welt. Außerdem organisiert sie Seminare und Lesungen zum selben Thema. Die Zielgruppen hierbei sind manchmal Studenten und Lehrer, hauptsächlich aber andere Trainer und Menschen, die sich beruflich mit Entwicklungshilfe und deren Vermittlung beschäftigen. Nora (Global Dimension in Schools): Ihre Aufgabe ist es, durch Informations- und Lobbyarbeit auf Politiker und Schulministerium einzuwirken, damit der Lehrplan im Vereinigten Koenigreich globaler wird. Eine ziemlich schwierige Aufgabe. Maura (Finance Officer): Maura kommt zwei Mal in der Woche und kümmert sich um die Finanzen des Centres. Da mir immer irgend ein Scheiß passiert, wenn sie da ist, hat sie mir den Spitznamen „Dennis the Menace“ (Dennis die Bedrohung), nach einer gleichnamigen Fernsehserie gegeben, die ich allerdings nicht kenne. Aine (Youth officer): Aine war immer für die Jugendarbeit des Centres zuständig. Allerdings wurde kurz vor meiner Ankunft die Finanzierung des Projekts gestoppt (keine Ahnung warum) und das Centre konnte sie nicht länger beschäftigen. Das ist sehr schade, weil sie sehr nett ist und das Centre eigentlich jemanden für Jugendarbeit braucht. Stephen ist allerdings auf der Suche nach neuen Geldgebern (bisher vergeblich). Ich (Information Officer): Ich bin ein gut aussehender junger Mann im besten Alter und habe hier im August angefangen. Was ich tue: „Der Information Officer ist eigentlich das Centre.“ So hat es Thomas, mein Vorgänger ausgedrückt. Und für viele Besucher meines Arbeitsplatzes ist dem auch so. Sie kommen in unser Gebäude und treffen oft nur auf mich. Deshalb habe ich schon eine gewisse Verantwortung. Aber fangen wir von vorne an. Wenn ich es von zu Hause aus pünktlich um 9.10 Uhr durch den Linksverkehr ins Centre geschafft habe, halte ich meist erstmal ein kleines Schwätzchen mit Jenna oder Nora und trinke einen Kaffee. Während dessen baue ich meinen Laptop in der Bücherei wieder auf (der Sicherheitswahn hier kennt keine Grenzen) und checke die E-Mails, die ans Centre gekommen sind. An meinem ersten Arbeitstag hatte ich 65000 (in Worten: fünfundsechzigtausend) E-Mails in meinem Postfach, da das Antispam Programm kaputt war. Ich musste aber jede einzeln durchgehen, weil dazwischen ja auch seriöse Mails waren. Das ist wirklich eine tolle Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Wenn ich die meisten Mails so mehr oder weniger beantwortet, Bestellungen aufgenommen und Rechnungen verschickt habe, starte ich mit einem meiner Projekte, die ich jeden Monat tun muss: Den monatlichen E-Bulletin (elektronischer Brief an alle Mitglieder) erstellen, Internetrecherchen, Le Monde Diplomatique lesen und thematisch einordnen, die fünfzig anderen abonnierten Zeitschriften in Ordnung halten, Mitgliederdaten aktuell halten und Trödlern hinterher schreiben. Vieles davon ist reine Büroarbeit und bedarf keiner größeren Intelligenz, ist aber oft thematisch sehr ansprechend. Es kommt einfach darauf an, was man daraus macht. Ich könnte vieles einfach nur einsortieren, aber ich nehme mir oft die Zeit und lese Dinge die mir in die Hände kommen und entdecke sehr interessante Artikel. Ich lese jeden Tag zwei Zeitungen und schneide relevante Texte aus, die dann thematisch in „Boxfiles“ geordnet werden. Das ist einer meiner Lieblingsjobs und ich mache es meist in der Mittagspause. Bildung und Spaß auf einmal – sehr gut! Nebenher klingelt oft das Telefon, das immer ich beantworte. Am Anfang hatte ich total Angst davor, weil ich vom Belfaster Akzent nichts verstanden habe. Ständig musste ich fragen „Können Sie das bitte wiederholen?, Können Sie bitte langsamer sprechen?“ Mittlerweile gehe ich allerdings sehr gerne ans Telefon. Interessant wird es eigentlich immer dann, wenn das Centre irgendwelche Projekte macht. Im Oktober und November haben wir beispielsweise eine Reihe von Vorträgen über verschiedenste Themen der Globalisierung organisiert. Ich bin hierbei für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das heißt in der Universität rum rennen und Flyer und Plakate verteilen. Außerdem erstelle ich zu jedem Thema eine Leseliste, der die Studenten entnehmen können, welche Bücher und Zeitschriften wir zum jeweiligen Thema da haben. Etwas ähnliches in groß habe ich auch schon für den Soziologiekurs der Queens Universität erstellt. Die Studenten können dann zu uns kommen und wissen gleich, was sie brauchen. Das heißt wenig Arbeit für sie, das heißt sie mögen mich. Ansonsten gehe ich meinen ganzen Kollegen hier und da zur Hand, verschicke die Post und verteile die erhaltene Post, was alles mit viel Papierkram zusammenhängt. Natürlich ist es da nicht immer ganz leicht zu erkennen, inwiefern man jetzt gerade den Frieden in die Welt bringt, aber es gibt auch Momente in denen ich merke, dass unsere Arbeit was bringt. Wenn Lehrerinnen plötzlich aufschreien und sagen „Endlich, genau das hab ich gesucht – so kann ich meinen Schülern erklären, warum Schwule auch in die Schule dürfen“(hat sie wirklich gesagt). Außerdem werden unsere Publikationen von vielen gelesen und sind auch relativ einflussreich in politischen Kreisen. Mir gefällt es bei der Arbeit ziemlich gut, auch wenn es nicht zu hundert Prozent gut anlief. Aus Ungeschick und Sprachschwierigkeiten ergaben sich die folgenden mehr oder weniger witzigen und folgenschweren Fettnäpfchen: Am ersten Tag schockte ich Jenna mit der Frage, ob sie Jungfrau sei. Ich wollte sie eigentlich nach ihrem Sternzeichen fragen, jedoch ist die wörtliche Übersetzung („Virgin“) nicht gleichbedeutend mit dem englischen Zeichen „Virgo“. Nach zwei Wochen zerstörte ich die hauseigene Alarmanlage, da ich den Code vergessen hatte und in meiner Eile die Einstellungen verstellte. Kurz darauf stolperte ich über Mauras Internetkabel und riss die komplette Apparatur aus der Wand, sodass sie zwei Wochen ohne Netzzugang war. Wegen hoher Kopierkosten wollte ich fragen, ob wir nicht einen Rabatt bei hohen Blättersummen geben sollten. Da ich das Wort nicht wusste probierte ich einfach „rabat“. Der Rest der Mannschaft schmiss sich quasi unter den Tisch, da alle „rabbit“ verstanden hatten und dachten, ich wolle kopierfreudigen Studenten einen Hasen schenken. Trotzdem scheinen mich alle Mitarbeiter noch zu mögen und langsam komme ich mir hier auch sinnvoll vor. Das erleichtert das Aufstehen enorm! Es bleibt abzuwarten, wie sich das neue Team entwickelt, da drei von den fünf ja Frischlinge sind. Eigentlich gefällt es mir aber super und ich bin immer relativ fertig, wenn ich um fünf nach Hause gehe. Privat Ich wohne hier in einem schönen, typischen Reihenhaus in der Delhi Street in Südbelfast. Bis ich hierher gelangt bin galt es so einige Hürden zu nehmen. Für meine Verhältnisse unmenschlich früh hatte ich mich um einen Auslandsaufenthalt gekümmert und war auf ein EIRENE- Infoseminar gefahren. Anschließend hatte ich mich beworben und war nach einem Bewerberauswahlseminar angenommen worden. Erfreulicherweise genau dort, wo ich auch hinwollte. Als ich das Abitur sprichwörtlich in der Tasche hatte (am Tag nach dem Abiball) ging es für mich los auf den Ausreisekurs, wo uns EIRENE auf das Jahr vorbereitete. In meinem Fall hieß das: Zum ersten Mal überhaupt darüber nachdenken, dass ich mein Umfeld wirklich verlasse. Dies war am Anfang relativ hart für mich, da ich meine Situation in Ravensburg zu diesem Zeitpunkt als perfekt beschreiben würde. Die Realisierungs- und Abschließungsphase dauerte an bis zu meiner Abreise, die ich dementsprechend dramatisch in Erinnerung habe. Alles hinter mir zu lassen – Heimat, Familie, Freundin, Freunde, Hobbys war schon ein schwerer Schritt. Bemerkenswerter Weise dauerte meine Trauer überhaupt nicht an. Kaum war ich in Dublin genoss ich die Freiheit, erfreute mich an der Busfahrt nach Belfast und war erst recht zufrieden, als ich mein neues Zimmer bewunderte. Dieser Zustand ist mir bis heute nahezu erhalten geblieben. Ich verstehe mich super mit meinen Mitbewohnern und genieße einfach nur die neuen Möglichkeiten. Momentan lebe ich jetzt mit dem Polen Mariusz und drei anderen Deutschen Hanjo, Stefan und Torben zusammen. Es gibt da nicht viel herumzureden: Ideal ist es nicht, aus sprachlichen und kulturellen Gründen, ideal ist es aber, weil wir sehr gut miteinander auskommen und das Haus wohl das beste ist, was man kriegen kann. Ich fühle mich sehr wohl und sehe deshalb bisher keine Veranlassung auszuziehen. Damit wir besser die Sprache lernen, sprechen wir untereinander ausschließlich englisch. Jedes deutsche Wort kostet 10p (16 Cent). Natürlich ist das völlig bescheuert und überaus künstlich, allerdings läuft es mittlerweile sehr gut. Es ist normal geworden und unser aller Englisch macht große Forstschritte. Seit letzter Woche habe ich jetzt auch einen Fußballclub gefunden, in dem ich mitspielen kann. Da ich so sensationell spielte (oder wohl eher, weil sie zu wenig Leute haben) wollen sie gleich die Registrierung für die Liga vollziehen. Das freut mich sehr, denn dann lerne ich endlich mal mehr Einheimische kennen. Das ist nämlich schwerer als zu Beginn gedacht. Die Menschen hier sind sehr freundlich und kommunikativ, zu echten Freundschaften kommt es jedoch selten mit Freiwilligen. Ich habe aber schon viele Menschen aus anderen Ländern kennen gelernt. Tschechien, Belgien, Polen, Frankreich, Italien... Die Stadt ist sehr international. Und genau dafür bin ich ja unter anderem hier. Ich genieße es, wenn ich die Zeit finde, durch die lebendige Stadt zu laufen, oder mich wegen meinem Fahrradfahrstil anschreien zu lassen („Ey, bloody Bastard – Use the road!“). Kulinarisch bewege ich mich hier hauptsächlich zwischen Toast und „Supernoodles“ (Lidl, 15p und fast ein ganzes Mittagessen!). Das hat zwei Gründe: die Kultur (es gibt einfach kein Brot) und die finanzielle Situation, die einen stets grübeln lässt, warum am Ende des Geldes noch soviel Monat übrig ist. An so manchen Sonntagen frühstücken wir aber das hier übliche „Ulster Fry“. Man nehme Würstchen, Baked Beans, Eier, Eier und vielleicht ein paar Eier, Tomaten, Speck und Toast und massenhaft Fett (wahlweise Öl) und brate das Ganze. Ich kann euch allen raten: Macht das, aber nehmt euch für den Rest des Tages nichts mehr vor. In Nordirland gab es vor einigen Jahren massive Kampagnen gegen Fry, weil die Leute es jeden Tag gegessen haben und es einfach zu ungesund ist. Überhaupt fragt man sich, was Seehofer mit seiner Kampagne überhaupt will; im Gegensatz zu Nordirland sind deutsche Küchen Gemüsegärten. Ähnlich unverständlich ist für mich hier das Verhältnis von Mensch zu Natur. Für fast jedes Einzelteil bekommt man im Supermarkt eine Plastiktüte, für eine Ablehnung nur Blicke des Unverständnisses. Als vor einigen Jahren im Radio durchgesagt wurde, dass private Müllverbrennung verboten werde, riefen erzürnte Iren an und fragten, was sie denn sonst mit ihrem Müll machen sollten. Alles in Allem fühle ich mich hier aber sehr wohl. Ich könnte natürlich noch stundenlang weitererzählen, aber dann wäre ja auch der Reiz für meine potenziellen Besucher genommen... Es ist schwierig, zwei Monate in einem Brief zu schildern, vor allem in einer anderen Welt – und so fühle ich mich gerade. |