Der nächste Tag brachte mich und meinen Roller mit der Fähre von Stranraer nach Belfast und dann nach Hause zur 35 Delhi Street, Südbelfast. 1521 Kilometer geschafft.
Stefan Oelkers berichtet von seiner Ankunft in der neuen Heimat und seinem dortigen Einsatzort: Mediation Northern Ireland in Belfast (Oktober 2007)
Meine Anfahrt
Am 18. Juli war es soweit: Nach aller Hektik am Abend zuvor saß ich vor einem reichhaltigen Frühstückstisch und genoss die Gesellschaft einiger Freunde und Verwandte. Man gab mir noch das ein oder andere Abschiedsgeschenk mit auf den Weg und dann durchschnitt ich symbolisch, auf meinem Roller sitzend, ein rot-weißes Absperrband. Die Reise begann etwas verspätet – Abschied braucht doch seine Zeit – um 7:50 Uhr in Richtung A1. Der kürzeste Weg führte mich über Bad Iburg, Lienen und Lengerich. Neben meinen Heimatstädten ist in Lienen mein Musikverein stationiert, in dem ich schon lange am trommeln bin – daher der Bezug. Da meine Rollerausrüstung keine Audioausstattung beinhaltet, hatte ich während meiner Überfahrt eine Menge Zeit, die Tatsache des Abreisens zu verarbeiten. Meine Route führte mich über Brügge in Belgien (Übernachtung) nach Dünkirchen, mit der Fähre nach Dover und von dort aus nach Stratford upon Avon (Übernachtung) südlich von Birmingham. Zwischendurch hat es mich noch zum Leeds Castle verschlagen, die 11 Pfund Eintrittsgebühr waren mir dann doch zu viel. Den dritten Tag möchte ich hier besonders erwähnen, da ich hier die Regentauglichkeit meiner Kleidung testen musste. Das Unwetter führte zu einigen Überschwemmungen, die Tage danach noch in den Nachrichtigen erwähnt wurden. Ich verzögerte meine Abfahrt so lange wie möglich und startete schließlich doch in den Regen hinaus. Meine Navigationshilfe – ein Zettel mit Anweisungen in einer Dokumentenhülle am Windschild – konnte ich wegen Ertrinkens vergessen. Da sich meine regendichteren Handschuhe vermutlich irgendwo in einem DHL-Flugzeug oder –Lager befanden, musste ich gegen Mittag einen ersten großen Cappuccino an einer „Welcome-Station“ (Raststätte) genießen, um wieder einigermaßen auf Betriebstemperatur zu kommen. Glücklicherweise hatte mein nächstes Ziel, eine Jugendherberge im nordenglischen Lake District, einen großen, warmen Trockenraum (Übernachtung). Diese Gegend kann ich jedem weiterempfehlen – wunderschöne Aussichten und genug Ruhe für ein ganzes Jahr. Meine Tageskilometerleistung nahm nach Plan stetig ab, sodass ich am kommenden Tag nur 200 Kilometer geplant hatte und mir einige planlose Abschweifungen von der Route erlauben konnte. Mein Ziel am Tag 4 war Minnigaff bei Newton Stewart. Wegen fehlender Tankstellen habe ich zwangsläufig – etwas nervös - einen Kilometerrekord von 233 pro Tankfüllung aufgestellt. Hier eine Anmerkung für alle Motorradfahrer: Die Strecken in dem Gebiet machen selbst mir als Rollerfahrer Spaß! Der nächste Tag brachte mich mit der Fähre von Stranraer nach Belfast und dann nach Hause zur 35 Delhi Street, Südbelfast. 1521 Kilometer geschafft.
Einbürgerung
Schnell merkte ich, dass sich meine Internetrecherchen und Telefongespräche von Zuhause aus gelohnt haben: „Mein Haus“, ein HMO (House of Multiple Occupancy, etwa eine WG), wurde vor vier Jahren renoviert und ist dementsprechend modern ausgestattet. Mit meinem Zimmer im obersten Stockwerk war ich sofort zufrieden. Am Abend habe ich meinen ersten Mitbewohner empfangen. Torben, auch EIRENE-Freiwilliger, sollte eine Woche später anfangen, sich beim Wishing Well Family Centre in Nordbelfast um die Kinder zu kümmern. Zusammen mit Felix und Hanjo (EIRENE-Freiwillge) und Mariusz (aus Polen, arbeitet) haben wir mittlerweile eine harmonische WG aufgebaut.
Arbeit
Meine Zeit zwischen 9 und 17 Uhr verbringe ich bei Mediation Northern Ireland (im folgenden MNI), eine 1991 gegründete Non-Profit-Organisation, die Mediationsservice1 anbietet, Konfliktlösungsverfahren begleitet und Mediatoren ausbildet. Elf feste Mitarbeiter und momentan zwei deutsche Freiwillige arbeiten in den Büroräumen in Südbelfast, die 2005 offiziell vom Dalai Lama eröffnet wurden. Dazu kommen etwa 17 Associates (stundenweise bezahlte Mediatoren), die in Nordirland und im nördlichen UK für uns arbeiten nur gelegentlich im Büro vorbeischauen. Um die Arbeit von MNI anschaubar darzustellen, erläutere ich zwei vereinfachte Beispiele:
1)Durch die politische Vergangenheit Belfasts passte sich die Infrastruktur der gesellschaftlichen Entwicklung an. Es wurde also nicht weit des katholischen Freizeitzentrums eine weitere Sporthalle gebaut, damit der Sportverein aus protestantischem Hintergrund dort trainieren kann. Der aktuelle Kurs der Stadtverwaltungen schreibt Effizienz vor, es wird also das baufällige ältere Zentrum geschlossen und die Sportvereine müssen sich in einem Freizeitzentrum arrangieren. Dies führt dauernd zu Streitigkeiten über Nutzungszeiten. Da beide Vereine jedoch keine andere Wahl haben als miteinander klarzukommen, stimmen sie zu, sich regelmäßig zu treffen. Ein MNI-Associate betreut das monatliche Treffen, indem jeder der anderen Seite seine Sichtweise schildert und dadurch auch die eigene Einstellung bewusst wahrnimmt. Die beiden Vereinsvorstände, die Schulleiter der Schule, die die Sporthalle nutzt sowie der lokale Parlamentsabgeordnete bauen durch diese Treffen eine Beziehung auf, die zukünftige Probleme weniger problematisch erscheinen lässt.
2)Einen Anwohner stört die hohe Hecke des Nachbarn. Der Nachbar will sie auch nach mehrfachen Anfragen nicht kürzen und der Anwohner sitzt in seinem Wohnzimmer im Dunkeln. Ein Mediationsverfahren wird von der Stadtverwaltung eingeleitet, da dieses günstiger ist als ein Gerichtsverfahren und ebenso erfolgversprechend. Am Ende grüßen sich die Nachbarn wieder.
European Mediation Conference 2008 -
dieser Begriff dominiert meine Arbeitsplatzbeschreibung. Die Konferenz, die im April stattfindet, ist die zweite ihrer Art. Wir erwarten 350 Teilnehmer aus Europa und der Welt, die mit Mediation zu tun haben und ihre Erfahrungen austauschen möchten. Netzwerke sollen geknüpft und öffentliche Meinungsbildner und Führungspersönlichkeiten angesprochen werden, um den Erfolg der Konfliktlösungsmethode „Mediation“ zu publizieren und sie stärker zu etablieren. Am 10. April 2008, dem Tag der Konferenzeröffnung, ist das 10-jährige Jubiläum des Karfreitags-Abkommens, dass 1998 ein Wendepunkt in der turbulenten Geschichte Nordirlands darstellte. Das vom Volk Irlands und Nordirlands mit Mehrheit getragene Abkommen gestand Nordirland wieder die Selbstverwaltung zu mit eigenem Parlament und je einem Vertreter der beiden Konfliktparteien an der Spitze. Dieses Abkommen war ein Ergebnis langwieriger Verhandlungen und wurde international mediiert. Die Idee der Konferenz ist, die internationale Gemeinschaft an den hierdurch gewonnenen Erfahrungen teilhaben zu lassen.
Hobbies und Freizeit
An einem meiner ersten Abende traf ich auf einer Abschiedsparty einer EIRENE-Freiwilligen eine Amerikanerin. Ich fragte laut in die Runde, ob jemand eine Möglichkeit wüsste, wo ich Schlagzeug spielen könne. Am darauf folgenden Montag wurde ich von ihr abgeholt und seit dem spiele ich in der Ormeau Concert Band. Mein Eintrittszeitpunkt war genau passend. Mein Vorgänger, 81 Jahre alt, verlor altersbedingt seine physischen Fähigkeiten am Schlagzeug, sodass ich seinen Posten direkt übernehmen konnte. Als ich auf meiner ersten Probe versuchte, ihn um Rat zu fragen – ich hatte die ersten Wochen keine Noten, die irgendjemand mit nach Hause genommen hatte – wurde schnell klar, dass Kommunikation mit ihm unmöglich war. Er ist wohl fast taub und spricht (zumindest glaube ich, dass es sich dabei um sprechen handelt) unverständlich. So musste ich bis zu unserem ersten Konzert ohne Noten und ohne Ratschläge unbekannte Stücke überstehen. Mittlerweile habe ich Noten und jeder präsentiert mir stolz seine Deutsch-Kenntnisse („Eyn Beer bitte!“, „Entschuldigung“, „schone Medschen“), einige waren mit der britischen Armee in Deutschland stationiert.
Ausblick & Schlusswort
An dieser Stelle möchte ich mich bedanken bei allen, die mich ideell und finanziell unterstützen. Ohne Rückhalt und finanzielle Unterstützung wäre dieses Auslandsjahr für mich nicht möglich. Ich danke allen Unterstützern! Im nächsten Rundbrief möchte ich unter anderem auf die Themen „Geschichtliche & politische Grundlagen Nordirlands“ sowie „Umweltschutz im Einkaufszentrum“ eingehen. Ich hoffe, hier interessanten Lesestoff geliefert zu haben. Fragen, Anregungen und Kommentare nehme ich jederzeit gerne entgegen. Die folgenden Internetadressen geben weitere Informationen: www.mediationnorthernireland.org
Einen Gruß nach Deutschland aus Belfast! Stefan Oelckers







