Internationaler Christlicher Friedensdienst

Als ich letztin vor meinem Kalender stand, zaehlte ich die Tage zusammen und stellte erschrocken fest, dass ich schon ueber zwei Monate in Irland bin. Die Zeit ist wahnsinnig schnell vergangen!

Felix Frei lebt seit ein paar Wochen in der Arche-Gemeinschaft in Dublin. Er berichtet von den ersten Erfahrungen und Eindrücken in seinem Projekt, mit seiner Arbeit und seinem Leben in der neuen "Heimat" (Oktober 2007)

Rumpel..polter...polter...“Oh mein Gott-verdammt noch Mal...“. Durch das Fluchen und Poltern aus meinem Nachbarzimmer wache ich auf-es ist mein behinderter Zimmernachbar, der sich gerade anzieht. Eine Minute spaeter stehe ich im Bad; es teilt unsere beiden Schlafzimmer. „Morgen A.“ rufe ich ihm zu; „Morgen Felix-gut geschlafen?“ antwortet er freundlich zurueck. So beginnt ein normaler Tag fuer mich in der „Arche“. Das Fluchen hat nichts schlimmes zu bedeuten-mein Zimmernachbar hat einfach nur die „reizende Begabung“, sich ueber jede noch so belanglose Kleinigkeit immens aufzuregen...

Als ich letztin vor meinem Kalender stand, zaehlte ich die Tage zusammen und stellte erschrocken fest, dass ich schon ueber zwei Monate in Irland bin. Die Zeit ist wahnsinnig schnell vergangen! Auch wurde mir klar, dass es jetzt Zeit fuer meinen ersten Rundbrief von insgesamt vieren waere.

Seit dem 1. Juli leiste ich einen Friedensdienst in einer sog. „Arche-Gemeinschaft“ in Dublin ab. Organisiert ist mein Dienst von Eirene und der Erzdioezese Freiburg (EDF).

Was ist eine „Arche-Gemeinschaft“?

In den Gemeinschaften der Arche leben Menschen mit und ohne geistiger Behinderung zusammen. Die erste Arche-Gemeinschaft wurde 1964 von dem Kanadier Jean Vanier in Trosly-Breuil bei Paris gegruendet. Mittlerweile gibt es 132 Arche-Gemeinschaften in 33 Laendern auf allen fuenf Kontinenten.

Ich selbst habe in der Arche ein relativ breit gestreutes Arbeitsfeld, bei dem es mir nie langweilig wird. Einerseits kuemmere ich mich speziell um A.: Fruehstueck und tagsueber immer wieder „irischen Tee“ zubereiten, Waesche waschen und buegeln, Verwaltung des Schriftlichen, zusammen etwas unternehmen (er liebt Kino, Reisen und vor allem abends am Meer entlang gehen) . Andererseits nehme ich natuerlich auch am Leben der „familienaehnlichen Gemeinschaft“ teil: gemeinsame Unternehmungen, sich unterhalten, spielen, singen, kochen, putzen, einkaufen. Da ich der einzige maennliche Assistent bin, der im „Frauenhaushalt“ lebt, gehoeren auch handwerkliche Taetigkeiten zu meinen Aufgaben.

Meine Entsendeorganisationen:

Den Haupt-Teil der Dienst-Organisation uebernimmt Eirene: Durchfuehrung der insgesamt vier Seminarwochen, Organisation von Versicherung etc. und Hauptansprechpartner waehrend des Dienstes.

„Eirene“ ist griechisch und heißt Frieden.

Der Internationale Christliche Friedensdienst Eirene e.V. wurde 1957 von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, um ein Zeichen für die gewaltfreie Lösung von Konflikten und ein friedliches Zusammenleben zu setzen. Seitdem haben über 1000 Freiwillige und Entwicklungshelfer einen Friedensdienst mit Eirene geleistet. Gemeinsam mit Partnerorganisationen im Norden und Süden setzt sich Eirene weltweit für eine Kultur der Gewaltlosigkeit, für soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung ein.

Bei der EDF handelt es sich im Grunde um eine Beteiligung an den anfallenden Kosten meines Dienstes. Durch diese Mitfinanzierung kann die EDF Jugendliche aus ihrer Dioezese aussenden, ohne einen grossen organisatorischen Aufwand durchfuehren zu muessen. Die Dioezesane Aussendungsfeier mit Domkapitular Wolfgang Sauer fand im Juni statt. In dem Gottesdienst wurden insgesamt 33 Freiwillige entsendet, sechs davon waren Eirenis.

Vorbereitung:

Im Fruehjahr bekam ich von Eirene die Zusage, dass ich ab Juli in der Arche mitleben darf. Meine Vorbereitung-sowohl privat als auch seitens von Eirene-war intensiv und breit gefaechert:

1. Ausreisekurs Der groesste Teil meiner Vorbereitung war das zwei-woechige Vorbereitungsseminar mit Eirene. Mit 17 anderen Freiwilligen und drei Teamern wurden wir anhand von Rollenspielen auf verschiedene Problemsituationen im Ausreiseland vorbereitet, lernten andere Mentalitaeten kennen und bekamen allgemeine Fragen zu Versicherungen und Geldangelegenheiten beantwortet. Die anderen Freiwilligen leisten ihren Dienst in den USA, Kanada, Belgien, den Niederlanden und in Nord-Irland ab. Ich bin der einzige „Ire“ gewesen.

Zudem wurden wir mit unseren Eirene-Paten bekanntgemacht, an die wir uns bei persoenlichen Problemen während unseres Dienstes wenden koennen.

Die zweite Woche verbrachten wir in der Eirene-Geschaeftsstelle in Neuwied. Fuer mich war es sehr interessant, das Haus und die Mitarbeiter kennen zu lernen.

Meinen Geburtstag am 4. Juli „feierte“ ich im Ausreisekurs, der vom 1. bis 14. Juli stattfand. Punkt Mitternacht sang mir die Gruppe ein Staendchen und schenkte mir einen Kuchen. Es war zwar ein komisches Gefuehl an seinen Geburstag mit Leuten zu feiern, die man erst seit drei Tagen kennt, aber ueber die Ueberraschung habe ich mich trotzdem sehr gefreut!

2. Projektreise So hatte ich als damaliger „Noch- Schueler“, also gerade nach den schriftlichen und vor den muendlichen

Abi-Pruefungen, schon einmal die Moeglichkeit, meine zukuenftigen Mitbewohner und das Arbeitsumfeld kennenzulernen. Solch eine Projektreise ist fester Programmpunkt von Eirene-solange das Projekt innerhalb Europas liegt. Der angehende Freiwillige soll sich dann auch noch einmal genau ueberlegen, ob er es sich zutraut, fuer ein ganzes Jahr seinen Dienst dort zu verrichten. Da ich mich aber schon von dem ersten Tag an voellig wohl fuehlte, war fuer mich klar, dass ich meinen Dienst im Juli auch wirklich antreten wuerde.

3. Kochen Waehrend meiner Projektreise habe ich auch das bestaetigt bekommen, was ich zuvor ueber die Arche gelesen habe: Wir bereiten hier das Essen selbst zu-und so kommt man als Freiwilliger um`s Kochen fuer 6-8 Personen nicht herum. Da ich aber nicht kochen konnte, hat mir Inge (meine Mutter) zu Hause innerhalb von zwei Wochen einen „Koch-Crash-Kurs“ verpasst!

4. Vorbereitung in meiner Pfarr-Gemeinde Mein Gemeinde-Pfarrer Pohl hat sich bereit erklaert mit mir in vier Gespraechen meinen Glauben zu reflektieren und meinen bevorstehenden Dienst unter meinen „spirituellen Motivationen“ zu betrachten.

In meiner Gemeinde haben wir einen sog. „Freizeitclub“. Hier werden regelmaessig Ausfluege, Spielnachmittage etc. fuer behinderte Menschen angeboten. An drei Abenden habe ich selbst teilgenommen. Die Zeit war zwar zu knapp, um naeheren Kontakt mit der Gruppe aufzubauen, aber immerhin konnte ich sehen, wie im Freizeitclub miteinander umgegangen wird. Am letzten Abend durfte ich der Gruppe sogar noch meinen zukuenftigen Dienst in einer kleinen Praesentation vorstellen.

Ab nach Gengenbach!

Das Vorbereitungssemininar von Eirene war vorbei und ich durfte noch einmal meine Freunde, Bekannte und Verwandte sehen. Nach einem Abschiedsfest und dem Aussendungsgottesdienst in meiner Heimatgemeinde hielt mich gross nichts mehr in Gengenbach/ Deutschland.

Die ersten Tage

Die Arche Dublin

Die Arche-Gemeinschaft in Dublin besteht aus zwei Hausern, die zwei Gehminuten auseinander liegen. Waehrend meiner Projektreise bin ich in dem kleineren gewesen, in dem drei behinderte Mitbewohner und vier Freiwillige leben. Im groesseren Haus leben vier behinderte Menschen und fuenf Assistenten.

Das groessere Haus... ...und der Garten dazu

Insgesamt zaehlen 30 Mitglieder zur Arche-Gemeinschaft. Die „Restlichen“ leben zwar nicht in der Arche, sind aber tagsueber als Assistenten im Haus, im Buero oder in unserer kleinen Werkstatt taetig.

Nach etwas mehr als zwei Stunden Flug bin ich dann abends angekommen und wurde von einem anderen Freiwilligen am Flughafen abgeholt.

Die erste Woche lebte ich in dem fuer mich eher unbekannten, groesseren Haus mit, da „das andere Haus“ gerade auf Urlaubsreise war. So hatte ich die Moeglichkeit, die Bewohner und den dortigen Tagesablauf besser kennenzulernen.

Dieses Haus ist im Vergleich sehr ruhig. Zum einen durch die Groesse bedingt zentriert sich das Geschehen nicht so, zum anderen ziehen sich die Bewohner oft rasch in ihre Zimmer zurueck.

So hatte ich immer wieder zwischendurch „freie Zeit“, in der man zwar anwesend sein musste, aber praktisch nichts zu tun hatte. Ein guter „Lueckenfueller“ war das Lesen: Ich konnte meinen mitgebrachten Buecherstapel minimieren, der gar nicht so klein war. An dieser Stelle moechte ich mich auch noch einmal ganz herzlich bei meinen „heimischen Buchspendern“ bedanken, die mir Radtke, Vanier und und besonders viel Nouwen ausgeliehen bzw. sogar auch geschenkt haben!

Als die Urlauber aus dem anderen Haus zurueckkamen, freute ich mich natuerlich, wieder bekannte Gesichter zu sehen. Nach dem Umzug ins kleinere Haus fuehlte ich mich auch gleich wieder viel heimischer. Da mein Vorgaenger noch fuer einen Monat mitlebte, schlief ich die erste Zeit im Gaestezimmer.

Die erten Wochen waren von Urlaubsflair gepraegt. Es waren gerade Sommerferien in der Arche. D.h. das Buero war nicht besetzt und die behinderten Bewohner gingen auch nicht in ihre Tagesstaetten. So konnte man z.B. laenger ausschlafen, oder gemeinsam einen Ausflug machen. Diese „Urlaubsstimmung“ kam mir aber gerade recht, da ich sowieso durch meinen Schulabschluss in Partylaune war.

In der dritten Woche fuhr „das grosse Haus“ in Urlaub. Da dort aber nicht genug Assistenen dabei waren, ging noch mein Vorgaenger mit. So konnte ich schon einmal seine Aufgaben fuer eine Woche uebernehmen und mich danach wieder mit ihm ueber Schwierigkeiten bzw. meine Fragen unterhalten

Uebernahme vom Vorgaenger

Mittlerweile hat uns mein Vorgaenger Sebastian verlassen. Sebastian hatte mich in den letzten Wochen in seine Arbeit eingewiessen und hatte mir auch gezeigt, wie man es sich ausserhalb der Arche in einem Pub „gut gehen lassen kann“.

Hier als Mann lebt man ja praktisch im Frauenhaushalt. Es leben naemlich neben dem behinderten Mitbewohner A. und mir noch ganze fuenf Frauen im Haus! Fuer mich ist das die totale Umstellung, da ich mein Leben lang in einem klassischen Maennerhaushalt gelebt habe. Mein Vorgaenger liess mich dann auch gleich wissen, dass man hier durchaus auch seine weibliche Seite erkennen koenne! (was immer er damit gemeint hat...)

Letzendlich bezog ich dann sein Zimmer-wobei ich es erst strich und kraeftig putzte, bevor ich mich hineinwagte.

Es ist A. nicht leicht gefallen, von meinem Vorgaenger Sebastian loszulassen und sich auf mich einzustellen. A. selbst lebt erst seit Januar in der Gemeinschaft und Sebastian war bisher seine staerkste Bezugsperson gewesen. Aber unser Verhaeltnis wird immer besser und ich geniesse es wirklich, mit ihm zusammen den Tag zu verbringen.

Meine Arbeit

Von einer 40 Stunden-Woche bin ich weit entfernt! Ich lebe hier ja in der Gemeinschaft mit und bin somit bis auf meine drei Stunden Freizeit taeglich staendig im Projekt. Selbst nachts kann ich nur nach Absprache das Haus verlassen. Dafuer haben wir einen Tag die Woche und ein Wochenende im Monat frei.

Obwohl ich schon seit 2,5 Monaten hier mitlebe, hat sich mein Tagesrhythmus noch nicht ganz eingependelt. Das hat den Grund, dass A. sehr selbststaendig ist und vergleichsweisse kaum Hilfe braucht.

Dadurch bleibt mir auch Zeit, andere Aufgaben zu uebernehmen. So erledige ich z.B. momentan die woechentlichen Einkaufe fuer das Haus; da ich derzeit der einzige Autofahrer bin, ginge das auch gar nicht anders. Und als Mann im Haus fallen natuerlich auch die handwerklichen Aufgaben in meinen Bereich: PC-Probleme, Fahrrad/Rollstuhl reparieren, Gartenarbeit-vor allem Rasenmaehen (mit einem motorbetriebenen-was fuer mich totaler Spass bedeutet!)

Ausflug Belfast

Letzten Monat bin ich zum ersten Mal aus Dublin rausgekommen und zwar von der einen Hauptstadt in die naechste! Mit dem „gesamten Haus“ sind wir in guten zwei Stunden mit dem Zug nach Belfast gefahren. Fuer A. war es wie im Paradies: Zum einen liebt er Reisen, zum anderen waren wir zum Mittagessen bei „Burgerking“. Fuer ihn als Fastfood-Fanatiker natuerlich optimal. Die Kroenung war dann, dass wir fuer ihn noch einen riessigen Suessigkeiten-Stand ausfindig machen konnten-aus dem Strahlen kam er kaum mehr heraus.

Besuch

Kurzfristig hat mich mein Gemeinde-Pfarrer Pohl, mit dem ich auch meine „spirituelle Vorbereitung“ gemacht habe, fuer vier Tage besucht.

Das Wiedersehen an sich war natuerlich schon eine sehr grosse Freude und allein durch das Sprechen auf deutsch ueber die „Gengenbacher Neuigkeiten“ fuehlte ich mich schon wieder wie zu Hause

Zusammen haben wir dann die Stadt besichtigt. Auch fuer mich war es hochinteressant, da ich das erste Mal „nicht nur zum Einkaufen“ in der Innenstadt gewesen bin.

Pfarrer Pohl hat auch fuer die ganze Gemeinschaft am zweiten Tag eine Messe mit uns gefeiert-seine allererste auf englisch ueberhaupt! Am dritten Tag wurde es sogar noch interkultureller: In kleinerem Kreise hat er mit uns einen Gottesdienst gefeiert, indem er gleich viersprachig zelebrierte (englisch, franzoesisch, lateinisch und deutsch)!

Dinge, die bei uns anders sind!

Dublin besitzt die Kaoten-Autofahrer Nummer eins... Viel zu kleine Innenstadt-es ballt sich alles auf zwei voellig ueberloffenen Strassen Das Dubliner Strassennetz kommt der stark expandierenden Bevoelkerung nicht nach-der Verkehr steht zweimal taeglich zu den Hauptverkehrszeiten still! Es gibt keine Buszeiten-nur Annaeherungs-Zeiten an den Hauptstationen. Die Kirche geht nicht laenger als eine halbe Stunde-wird viel gesungen, so spricht man maximal von zwei Liedern! Kollekte wird dafuer immer gleich zweimal eingesammelt! Im Pub wird oft lauthals a cappella gesungen-egal ob man es kann, oder nicht Das Wetter kann mehrmals taeglich umschlagen-Regen fuer eine Stunde gerhoert zum Alltag Hier kostet bis auf Benzin und das Telefonieren alles mehr Die Haeuserlandschaft ist schnell erklaert: Pub, instabiles Haus mit bunter Tuer, Pub... Der klassische Ire quatscht Alles und Jeden an Termine und Uhrzeit sind zweitrangig Nach kurzem Warten (22 Tage und 11 Anrufe) habe ich endlich die Quittung* von meinem Fahrlehrer bekommen-bei jedem Anruf hat er mir vollen Ernstes versprochen, dass er die Quittung ganz sicher am naechsten Tag bringen wird (*brauchte ich, um von der Arche den Betrag fuer die Fahrstunde zu bekommen den ich ausgelegt hatte) „Im“ Fahrradgeschaeft hatte ich drei Wochen lang auf einen stink-normalen Reifen warten muessen. Die Lieferung kam einfach nicht. Preisschilder gab es im Fahrradgeschaeft nicht. Der Preis fuer denselben Reifen hat dafuer gleich drei Mal innerhalb von fuenf Tagen gewechselt (sicherlich nicht beabsichtigt!) Fuer die Jugend: Die Metal-Szene muss man suchen-aber sie lebt. So harten Pogo (als Napalm Death spielte) habe ich noch nicht miterlebt! Tee, Tee, Tee...Irland ist laut „Guinnes-Buch...07“ Weltmeister im Konsumieren: 2,6 kg Tee bzw. 1184 Tassen trinkt ein Ire im Jahr– das sind 3,2 Tassen taeglich! Auch wenn man den Iren einen gewissen Hang zur erfolgreichen Erfolglosigkeit nachsagt: Der gute Whisky und das geniale Bier laesst sich nicht wegreden. Plastik und Plastikflaschen werden zwar zu Hause getrennt -am Recyclingcenter gibt es aber nur einen Container dafuer In Deutschland lebt man um zu arbeiten, hier arbeitet man um zu leben Dies sind alles Erfahrungswerte von „mir“, welche aber nicht auf alle Iren bzw. auf das Land zutreffen müssen.