Internationaler Christlicher Friedensdienst

Heute vor genau zweieinhalb Monaten landete ein Flugzeug aus Deutschland in Dublin. An Board eine aufgeregte Freiwillige, deren Zeit fuer einen neuen Lebensabschnitt gekommen war.

Friederike Ungewitter beschreibt ihre ersten Eindrücke der neuen "Heimat" Belfast/Nordirland und stellt in einem kurzen Überblick ihr Projekt die "Cornerstone Community" und ihre dortigen Arbeitsbereiche vor (Oktober 2007)

Die zwei Wochen davor hatte sie in der froehlichen Gemeinschaft ihrer Mitfreiwilligen des Nordprogrammes von EIRENE verbracht, die sich nun ueber die noerdliche Erdhalbkugel in Laender wie die Niederlande, Belgien, Amerika, Irland oder Nordirland verstreuten. Die Freiwillige ist aufgeregt, ja, aber zuversichtlich, denn auf dem Vorbereitungsseminar hatte man viele Dinge besprochen, die auf einen Freiwilligen zukommen koennen. Kulturelle Unterschiede, Anpassungskrisen, versicherungstechnische Fragen und Probleme und an wen man sich wendet, wenn es denn Probleme gibt. Dublin blieb nicht die Endstation der Freiwilligen. Sie stieg in einen Buss der sie in ihre neue Heimat brachte: Belfast. Hauptstadt von Nordirland. Ueber diese Hauptstadt sollte man wohl gleich zu Beginn etwas mehr berichten. Belfast ist die Hauptstadt eines Landes das man mit dem Auto in zwei Stunden bequem durchqueren kann. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass, im Zusammenhang mit der tragischen Geschichte des Nordirlandkonfliktes, die Stadt eine bunte Mischung einer modernen Hauptstadt und vieler kleiner Doerfchen ist. Roter Backstein, wolkig grauer Himmel, immer ein frisches Lueftchen, gruene Huegel aussen herum, Muell auf den Strassen,Parks,  viele kleine bunte Geschaefte, Nachbarschaften, in denen augenscheinlich jeder jeden kennt, direkt neben der Innenstadt, viele bunte Wandmalereien, die Bilder der ‚Helden' des Konflikts zeigen oder Mythen in Erinnerung rufen, Flaggen, ab und zu eine Parade, die durch die Strassen marschiert und trommelt und pfeift, gepanzerte alte Polizeiwaegen, neue chromglitzernde Polizeiwaegen, Tore die Nachts geschlossen werden, Mauerstuecke, die durch Draht erhoeht wurden,Geschaeftsleute, viele junge Frauen mit Kinderwaegen, Bauarbeiter in Leuchtwesten, rauchende Maenner vor den Pubs, Wettbueros, unendlich viele Sozialprojekte, oberirdische Stromleitungen, viktorionaische Haeuser, Glaspalaeste, Kinder und Jugendliche in Schuluniformen, Fisch&Chips-Laeden, scharze Taxis, moderne Limousinen, ... , ... , ... Die Freiwillige wird freundlich in Empfang genommen von Carola, ihrer Vorgaengerin, und ihren zwei Mitbewohnern Isabel und Sam. Ihre Zeit beginnt. In den naechsten zwei Wochen wird sie vor allem muede sein. Es gibt so viel zu sehen, die Sprache ist anstrengend, der schoene, ewas harte, Belfast Akzent, der fuer Auslaender nicht unbedingt einfach zu verstehen ist und leicht ans Badische erinnert. So viele neue Gesichter, von denen jedes einen Namen hat, der auch noch gaelischen Ursprungs sein kann. Und immer wieder das Vorstellen: „Hello I'm Friederike" „What's your name?" „Friederike" „What?" „Just call me Frenni, that's easier…" "Pleased to meet you" (…)

Von einer Community die sich die Cornerstone Community nennt und Plaene hat – Von einem Community Center mit Grund zum Feiern – von Kindern und Jugendlichen – von Teepausen mit Keksen und einer Arbeit ohne Alltag

Seit dem 22.Juli lebe ich jetzt also hier. Und es gefaellt mir. ‚Hier leben' bedeutet in meinem Fall Teil der Conerstone Community zu sein und im Community House zu leben. Die Cornerstone Community entstandt im Dezember 1982. Urspruenglich war sie eine oekumenische Gebetsgemeinschaft, die sich getroffen hat, um fuer eine Loesung des damals allgegenwaertigen Konfliktes zwischen Katholiken und Protestanten zu beten. Den Konflikt werde ich in diesem Brief nicht beschreiben, denn das wurde bereits ausfuehrlich von vielen anderen Leuten erledigt, ich bitte das zu entschuldigen. Im Laufe der Zeit begann die Cornerstone Community auch ausserhalb des Gebetes aktiv zu werden. Als Zentrum bekam sie ein Doppelhaus geschenkt, in der Springfield Road, einer interface Grenze in West-Belfast, also einer Grenze, an der ein katholisches auf ein protestantisches Wohnviertel stoesst. Jedes mal wenn ich die Strasse hinunterlaufe, gehe ich auf eine mit Draht erhoehte Mauer zu, eine von vielen so genannten Peace-Walls, die die protestantischen von den katholischen Wohnvierteln trennen. Auf der Hoehe der Cornerstone Community ist die Springfield Road gemischt besiedelt. In der vom Konlikt geschuettelten Gesellschaft setzte die Cornerstone Community ein Zeichen. Eine Wohn- und Gebetsgemeinschaft, in der Katholiken und Protestanten sich gemeinsam fuer eine friedliche Loesung des Konfliktes einsetzen. Einige Beispiele der Arbeit der Cornerstone Community waren ein Kids Club, Bibelgruppen, der Community Lunch, zu dem lokale Organisationen eingeladen werden, um sich ueber ihre Arbeit und Wohlergehen auszutauschen. Die Organisationsstruktur der Community ist sehr demokratisch und unhierarchisch, was wahrscheinlich nur moeglich ist, weil sie lediglich aus etwa 15 Mitgliedern besteht. Heute leben wir nur noch zu dritt im Community House. Die wichtigste Person ist wohl Isabel. Sie ist bereits ueber siebzig, aber bewundernswert fit und sie kuemmert sich um die zahlreichen Gaeste, die ein und aus gehen und stets herzlich willkommen sind. Die Gastfreundschaft ist ein wichtiges Prinzip der Community. Jeder ist willkommen. Vielleicht koennte man sagen, dass Isabel die Hausdame ist. Mein zweiter Mitbewohner ist Sam. Er ist mit seinen zwanzig Jaehrchen zusammen mit mir das Nesthaekchen der Community. Wir sind die einzigen, die unter sechzig sind J. Er arbeitet in der Apotheke um die Ecke, in der man aber nach dem Vorbild eines richtigen Dorfladens nicht nur Medikamente bekommt, sondern alles von Tee und Keksen bis zu Stiften. Ich bin nun dieses Jahr die dritte im Bunde, waehrend allderings jedes Community-Mitglied einen Haustuerschluessel hat. Und so treffe ich haeufig, wenn ich nach Hause komme, eine Gruppe gemuetlich Tee trinkender und Kekse essender Leute, die bei uns im Wohnzimmer sitzen.   Gerade im Moment wird ueber das weitere Schicksal der Community entschieden. Wir hoffen Geld zu bekommen, um wieder eine Vollzeitkraft einstellen zu koennen und unseren tollen Drei-Jahres-Plan durchfuehren zu koennen. Teil dieses Planes ist z.B. ein Familienprojekt, das wir gerade planen. Dieses Projekt soll so aussehen, dass sich je eine protestantische und eine katholische Familie kennen lernen. Sie werden nach einem einfuehrenden Gespraech zum Essen ins Community House eingeladen. Nach diesem anfaenglichen Kontakt werden die Familien zu weitergehenden Treffen, in ihren eigenen Haeusern, begleitet. Auf diese Weise hoffen wir, die Grenzen zwischen katholischen und protestantischen Vierteln zu ueberwinden. Ich bin gespannt wie sich das jetzt weiterentwickelt, denn immer wenn wir anfangen zu diskutieren, kommen neue Fragen und Probleme auf. Dennoch bin ich guten Mutes, dass sich mit der Zeit eine fuer alle Beteiligten angemessene Loesung finden wird und das Projekt tatsaechlich starten wird. Ein anderer Plan steht ebenfalls in weiter Zukunft. Sam und ich wuerden gerne wieder eine Jugendgruppe starten, die sich einmal die Woche in Cornerstone trifft. Mit dem Wort ‚Jugend' fangen die Probleme schon an, denn das nordirische Jugendschutzgesetz ist strenger als streng... Wir muessen uns bei der Polizei ueberpruefen lassen und bestimmte Auflagen erfuellen, die Einverstaendnis der Eltern bekommen und das wichtigste – die Jugendlichen neugierig machen.   Das sind alles ein Menge Plaene, doch irgendetwas muss ich ja auch augenblicklich tun! Im Moment arbeite ich in verschiedenen sozialen Projekten. Meine Hauptarbeitsstelle ist Forthspring, ein Intercommunity Centre. Cornerstone war eine von vier Gruendern des Centres und so ist es ueblich geworden, dass der Cornerstone Freiwillige in Forthspring arbeitet. In Forthspring haben wir einen Afterschool Club, in den die Kinder jeden Nachmittag nach der Schule kommen, um zu spielen und, fuer ein Intercommunity Center sehr wichtig, Kinder der anderen Konfession zu treffen. Im Afterschools Club gibt es alles, was eine Kinderseele erfreut: Spiele, Kuechenecke, Knete, Sand, Malsachen, Buecher, Puzzles, viele Freiwillige, die unbegrenzt mit einem spielen, auch wenn sie viele Sachen verbieten, ... Das zweite grosse Programm in dem ich in Forthspring involviert bin, ist der Youth Club. Der findet abends statt, was fuer mich bedeutet, dass ein ‚normaler' Arbeitstag nachmittags beginnt und etwa um zehn Uhr abends endet. Mit den Jugendlichen machen wir Ausfluege ins Kino, Theater, zu einem Activity Centre, das gruppenbildende Spiele mit uns macht. Es gibt einen Girl's Club, einen Open Club, in dem Billiard, Fussball oder Uno gespielt wird und jeden Dienstag ist das Motto: Multiculturalism. Diesen Dientag hatten wir so z.B. einen afrikanischen Trommelworkshop.  Jeder Youth Club findet nur statt, wenn sowohl katholische als auch protestantische Jugendliche teilnehmen. Gerade hat Forthspring seinen zehnten Geburtstag hinter sich, den wir natuerlich kraeftig gefeirt haben. Eine grosse offizielle Feier, ein Fun – Day fuer die Kinder (der dritte den ich seit meiner Ankunft hier mitbestritten habe – es scheint hier eine besonders gute Huepfburgenzuechtung zu geben) , eine interne Feier, bei der ich gelernt habe, dass man nachmittags um zwei genauso gut im Pub sitzen kann, wie abends um acht.   Einmal die Woche helfe ich in einem anderen Jugendprojekt, mit einer Gruppe 13jaehriger Jungen. Dieses Projekt nennt sich Streetbeat und ist rein protestantisch. Wir werden ein Jahr jede Woche drei Stunden zusammen kommen und verschiedene Projekte durchfuehren. Was wir machen steht noch nicht fest, denn die Jungen sollen viel selbst entscheiden und auch die Freiwilligen duerfen ihre Wuensche aeussern J. Ausserdem helfe ich ab demnaechst bei einem Senior Citizen's Lunch, der woechentlich in der Gemeinde eines Pastors stattfindet, der Mitglied in Cornerstone ist. Dazu kommt das woechentlich Cornerstone Meeting, mein Englischkurs, mein YouthWorkTraining, ab und an eine andere Fortbildung wie das Child Protection Training oder das Non-Violence-Training, das diese Woche stattfindet. Wenn ich nach Hause komme und immer noch nicht muede bin, kann ich mich voll und ganz im cornerstoneschen Buero austoben, das eine gruendliche Ausmistung noetig hat. Das ich nicht muede bin, wenn ich nach Hause komme, ist allerdings eher eine Seltenheit. Fuer meine Arbeit ist es haeufig wichtiger Beziehungen zu den Kindern, Jugendlichen oder Senioren aufzubauen, als ein perfektes Programm zu praesentieren. Hier ist alles recht informell und entspannt und so gefaellt mir meine Arbeit die meiste Zeit ausserordentlich gut. Hoffentlich habe ich euch jetzt nicht zu sehr verwirrt, aber dies ist nicht der letzte Rundbrief und ich werde dann spaeter noch genaueres berichten.

 Es ist sechs Uhr. Auf den Strassen spielen die Kinder. Die Jugendlichen stehen laessig in einer Ecke und rauchen. Ein Feuerchen brennt am Zaun. Frauen jeden Alters laufen in Pyjamas zwischen den Haersern hin und her. Vor dem Fish&Chips Shop steht eine Schlange. Roter Backstein. Grauer Himmel. Graffiti. Flaggen. Belfast. In der Ferne die Kuppel des neuen Shopping Centres .