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Und es macht inzwischen richtig Spass, in Cornerstone zu arbeiten, da ich merke, wieviel ohne mich nicht funktionieren und laufen wuerde.

Carola Beyer berichtet von ihrer Arbeit in der Cornerstone Community in Belfast und von der Politik in Irland (November 2006)

Drei Monaten hier in Belfast und ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll zu erzaehlen... Nach zwei Monaten mehr oder weniger schwierigem Eingewoehnen in ein doch komplett anderes Leben und Arbeiten, kam jetzt im letzten Monat ein wenig Routine herein. Und es macht inzwischen richtig Spass, in Cornerstone zu arbeiten, da ich merke, wieviel ohne mich nicht funktionieren und laufen wuerde. Mit Bridie habe ich nun ein richtiges Programm fuer unsere Arbeit mit den verschiedenen Gemeinden erstellt, und immer wieder treffe ich neue Kirchenmitglieder oder Pfarrer, die tolle Arbeit leisten und in der Zeit des Konflikts wahnsinnig viel durchlitten haben. Und auch sonst gibt es immer viel zu tun, im Haus bei der Gaestebetreuung oder fuer die Community/ Mitglieder.

In Forthspring (der Einrichtung; wo ich bei der Kinder- und Jugendarbeit mitarbeite,) bin ich nun Montags und Freitags bei den Afterschools und das macht mir wahnsinnig viel Spass. Die Kleinen haben sich auch inzwischen an mich gewoehnt und ich mich an sie! Manchmal koennen sie naemlich echt anstrengend sein: z.B. haben sie am Montag den kompletten Spielraum einmal auf den Kopf gestellt und wir haben trotz der Hilfe der Kinder spaeter eine halbe Stunde zum Aufraeumen gebraucht! Aber der Youth Club ist da noch komplizierter... Letztes Mal waren sie eigentlich relativ ruhig, aber irgendwann haben sie dann doch so viel Bloedsinn auf einmal gemacht, dass wir den Club schliessen mussten. Als waere das nicht genug, haben sie dann aus Rache noch den Feuerarlarm ausgeloest! Das war dann nicht mehr so lustig, da wir das ganze Gebaeude kontrollieren und evakuieren mussten und wir spaeter nicht wussten, wie der Alarm ausgeschaltet wird.

Vorige Woche hatte ich dann noch Zwischenseminar im Friedens- und Versoehnungs-zentrum Corrymeela, bei Ballycastle direkt an der Nordkueste. Ich habe die Zeit dort sehr genossen, und besonders die Lage direkt auf einer Klippe mit Blick ueber das Meer lud zu langen Spaziergaengen ein. Von EIRENE kam Ralf Ziegler und vom Seelsorgeamt Freiburg war Michael Rodiger-Leupolz da. Es war gut, sich auf deutsch ueber Erfahrungen und Erlebnisse austauschen zu koennen. Besonders Ralf und Michael haben mir gute Tipps geben koennen und haben mich wahnsinnig toll unterstuetzt. Fuer mich war es genau die richtige Zeit, um ein wenig Abstand von der in Belfast doch sehr angespannten Situation zu bekommen (die ich normalerweise schon gar nicht mehr registriere) und ein wenig auszuspannen. Wir haben dann auch die Zeit genutzt fuer einen Trip zum Giants Causeway und einen Ausflug nach Belfast, wobei es fuer mich eine voellig andere Erfahrung gewesen ist, Belfast als Tourist zu erkunden. Der Ausflug nach Belfast wurde insofern auch etwas besonderes, da es an dem Tag zum ersten Mal geschneit hat! Und nun sagt mal jemand in Irland regnet es nur! 

Im Folgenden moechte ich euch nun einen kurzen Einblick in die Geschichte (Nord-)Irlands geben und dann auf die politische Lage Nordirlands heute eingehen.

Nordirlandkonflikt (kurze Zusammenstellung) Historische Ursachen: - 1169: Besetzung Irlands durch die Engländer - 1608: Ansiedlung schottischer und englischer Auswanderer in Nordirland=> Bürgeraufstände - Gründe: religiöse, politische und soziale Unterschiede zwischen irischer und englischer Bevölkerung 12. Juli 1690: Schlacht am Boyne (bei Drogheda) => Sieg der Protestanten über irisch-französisches Heer => jährlicher Marsch des Oranier-Ordens durch katholische Viertel 1919-1921: Irischer Unabhängigkeitskrieg => Anglo-Irischer Vertrag (6. Dezember 1921) eigene Regierung in Irland (Irischer Freistaat) Oberhaupt ist englischer König Grafschaften Ulsters (Nordirland) ausgeschlossen, da höchster protestantischer Anteil an der Bevölkerung - 1922-1923: Irischer Bürgerkrieg: Befürworter gegen Gegner des Vertrags - 1949: Ireland Act (Nordirland bleibt bei Großbritannien, solang die Mehrheit der Bevölkerung dies wünscht) = Beschluss des britischen Unterhauses

Militärischer Verlauf in Nordirland: - seit 1967: Nordirische Bürgerrechtsvereinigung führt gewaltfreien Kampf für die Gleichberechtigung der Katholiken (als Vorbild „Schwarzen-Bewegung“ in USA) - 1968: friedliche Bürgerrechtsdemonstrationen von protestantischer Polizei blutig nieder geschlagen => 1969: Einmarsch britischer Truppen in Nordirland (21.000 Soldaten) - 5. Oktober1969: endgültiger Ausbruch des Bürgerkriegs in Derry/ Londonderry => Abriegelung des katholischen Viertels durch Katholiken => Schlacht gegen protestantische Polizei => Entstehung katholischer und protestantischer Ghettos (bis heute) - 30. Januar 1972: Bloody Sunday (14 Katholiken von britischen Fallschirmjägern in Derry getötet) => Briten von britischem Gericht freigesprochen, obwohl unberechtigter Angriff von britischer Seite => starker Zulauf zur verbotenen IRA (seit 1922 in Irland und GB verboten) => Terrorakte verschiedener Gruppierungen - Hungerstreiks 1980/81 in Gefängnissen für Anerkennung als politische Gefangene

Lösungsansätze: - 31. August 1994: Waffenstillstand von Sinn Féin (Irische Partei für Einheit Irlands) - 9.2.1995 durch Bombenanschlag in London beendet - 10. April 1998: Karfreitagsabkommen Selbstverwaltung Nordirlands Entwaffnung der paramilitärischen Verbände auf beiden Seiten Militärischer und polizeilicher Rückzug Großbritanniens Entlassung politischer Gefangener aus Gefängnissen Republik Irland akzeptiert Teilung (bis Mehrheit der nordirischen Bevölkerung für Wiedervereinigung stimmt) noch sind die Iren in Nordirland in der Minderheit, jedoch höhere Geburtenrate => möglicherweise Umkehrung der Bevölkerungsverhältnisse => Neues nordirisches Parlament (Autonomie immer wieder aufgelöst => britische Direktverwaltung) - seit dem gewinnen radikale Parteien im Parlament an Sitzen, jedoch keine Regierungsbildung möglich - 28. Juli 2005: IRA erklärt bewaffneten Kampf als beendet - 26. September 2005: unabhängige Beobachter bestätigen vollständige Entwaffnung der IRA - momentan Direktverwaltung (Nordirland-Minister) durch London, GB

Konfliktparteien: Irische/ nationalistische/ republikanische (katholische) Seite: - Loslösung von Großbritannien - Vereinigung mit Republik Irland - politische Partei: Social Democratic and Labour Party (SDLP) - wichtigste Terrororganisation: IRA - politischer Arm der IRA: Sinn Féin

IRA (Irish Republican Army) = Paramilitärische Gruppe Gründung: 1916 (großer Zulauf) Maßgeblich beteiligt am Unabhängigkeitskrieg (1919-21) Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland gegen England Bis 1967 kaum Zulauf 1967: Kampf gegen brutales Vorgehen der nordirischen Polizei gegen Bürgerrechtsbewegung 2005 Waffenstillstandserklärung Unterstützung durch: Organisation aus USA PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) Vermutete Finanzierung: Banküberfälle

Sinn Féin („Wir selbst“): Nationalistische irische Partei Sozialistische Ansätze Politischer Arm der IRA Ziel: Vereintes Irland Gründung: 1905

Unionistische/ loyalistische (protestantische) Seite: - Teil des Königreichs bleiben - wichtigste politische Parteien: UUP (Ulster Unionist Party) verliert an Mandaten DUP (Democratic Unionist Party) - wichtigste Terrororganisationen: UDA (Ulster Defence Association) UVF (Ulster Volunteer Force)

DUP: zur Zeit Zulauf Größte radikal-protestantische Partei Forderung: Entwaffnung der IRA Allgemeine Befürchtung: Radikalisierung der Bevölkerung

UDA: Gründung: 1971 1991 als terroristische Organisation verboten meist Anschläge im Namen von Tarnorganisationen geheime Absprachen zwischen UDA und Polizei Weigerung der Waffenabgabe => weitere Terrorakte

UVF: Gründung: 1912 Protestantisch- unionistische Miliz Loyalistisch- orientierte terroristische Organisation

Politik heute (24. November 2006)

Ich weiss, dass das etwas trocken ist, aber die Erklaerungen sind notwendig, damit ihr verstehen koennt, was gestern passiert ist. Da ihr in Deutschland ja leider keinerlei Informationen ueber die aktuelle politische Lage hier in Nordirland erhaltet, nutze ich dazu heute einmal die Gelegenheit. Bei den letzten Parlamentswahlen fuer Nordirland vor 5 Jahren, kam es leider zu der Situation, die viele befuerchtet hatten. Die radikalen Parteien Sinn Fein und DUP gewannen an Stimmen. Da aber weder die unionistische noch die republikanische Seite eine Mehrheit bilden konnte, kam es zu keiner Regierungsbildung und Nordirland wurde wieder von London direkt ueber einen „Secretary of State“ (=Minister) verwaltet. Nun Anfang Oktober wurden die beiden Parteinen von den Regierungen Grossbritaniens und Irlands aufgefordert eine gemeinsame Regierung (zumindest Secretary of State und sein Stellvertreter) bis zum 24.November zu bilden (=St Andrew’s Agreement). Als „Belohnung” wuerden dann die beiden mitbetroffenen Staaten in den naechsten 10 Jahren mehrere hundert Millionen Nordirland zur Verfuegung stellen... So wurde der Tag gestern mit grosser Spannung erwartet. Denn die Menschen in der Friedensarbeit sind sich darueber im Klaren, dass wenn die Politik wieder funktioniert, auch die Versoehnungsarbeit vorwaerts gehen wird. Auch kam es schon im Vorfeld immer wieder zu Spekulationen, ob die extrem-linke und die extrem-rechte Seite im Parlament sich zu einer Zusammenarbeit entscheiden wuerden. Doch letztendlich kam es ganz anders...: Die Parlamentarier kamen also gestern nach vielen Jahren ohne Arbeit (aber mit vollem Gehaltbezug) wieder zusammen. Beide Parteivorsitzenden versuchten in ihren Reden aufeinander zu zugehen, ohne sich aber letztens endgueltig festzulegen. Und nach 40 Minuten passierte das Unglaubliche, ein wohlbekannter Serienmoerder der UDA verschaffte sich, mit Pistole, Messer und mehreren Bomben bewaffnet, Einlass in das Parlamentsgebaeude. Es wurde zwar niemand verletzt und der Mann konnte noch an der Tuer von Sicherheitsleuten ueberwaeltigt werden. Aber das Gebaeude musste wegen der Gefahr evakuiert werden, ohne dass eine Entscheidung gefaellt worden war. Nun ist also etwas eingetreten, womit niemand gerechnet hatte: Die Parteien waren eigentlich zu einem Ja oder Nein zum St. Andrew’s Agreemment gestern gezwungen worden. Doch dabei wurden die paramilitaerischen Organisationen vergessen und gestern wurde wieder einmal deutlich, wie die Paramilitaers in Nordirland nicht nur den Alltag der Menschen, sondern auch die Politik bestimmen koennen. Inzwischen wird vermutet, dass einige Politiker selbst diesen Ueberfall organisiert haben, um Zeit zu gewinnen und moeglicherweise die Richtung noch zu aendern... So schnell kann hier in Nordirland die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und der Glaube an eine gut-funktionierende Politik zerstoert werden. Wir hoffen nun alle, dass am Montag wenn das Parlament wieder zusammenkommt, es zu einer Entscheidung fuer das St. Andrew’s Agreement kommt und nicht nur die Politik, sondern auch das Leben der Menschen vorwaerts gehen kann! Eure Carola Beyer aus Belfast


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