Es ist ein Glücksfall, dass ich, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, in einem Projekt arbeite, welches mir sowohl die Möglichkeit gibt, meine Fähigkeiten frei zu entfalten, als auch meinen Horizont zu erweitern.
Jonas Högerle arbeitet in dem Projekt Kilcranny House in Nordirland und gibt uns einen Einblick in sein nordirisches Tagebuch. (Oktober 2006)
„Nordirisches Tagebuch“
Eigentlich begonnen hat die Vorbereitung für dieses Jahr schon im Sommer 2005,
als ich mich bei Eirene für einen „Anderen Dienst im Ausland“, bzw. ein „Freiwilliges
Soziales Jahr“ beworben habe.
Nach einem Infoseminar, meiner Bewerbung und der Zuweisung zum Projekt, trafen
sich alle Freiwilligen des Nordprogramms (dieses Jahr sind es Freiwillige in
Nordirland, Republik Irland, USA, Belgien) in Odernheim am Glan zum
Ausreiseseminar.
Zwei Wochen lang wurden wir auf das kommende Jahr vorbereitet.
Themen dieses Ausreiseseminars waren unter anderem: Kennenlernen der
Organisation und der zuständigen Mitarbeiter von Eirene, Klären organisatorischer
und versicherungsrechtlicher Fragen, Leben in einem fremden Land und Bewältigung
von Herausforderungen im Alltag.
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Hinweisschild an der
Cranagh Road
Nach diesem Seminar habe ich noch zwei Wochen zu Hause verbracht, um mich von
meiner Familie und meinen Freunden zu verabschieden.
Am 28. Juli 2006 bin ich dann von Stuttgart aus in mein Jahr nach Nordirland
gestartet. Da ich im Juni schon eine Woche hier war, um mir das Projekt anzuschauen, war ich mit dem Haus und den Menschen schon einigermaßen vertraut.
Trotzdem, die ersten Wochen hier waren nicht einfach für mich. Kilcranny House liegt in
landschaftlich wunderschöner Umgebung mit Blick zum Meer, aber sehr einsam und
abgelegen. Nachdem ich jedoch mein Heimweh überwunden und mich im Haus eingelebt hatte, wuchs eine regelrechte Beziehung zwischen dem Projekt und mir. Da ich hier in der Abgeschiedenheit von Kilcranny House sowohl arbeite als auch wohne, erlebe ich diesen Ort sehr intensiv. Das Leben in und mit der Natur ist mir, der ich im ländlichen Böbingen aufgewachsen bin, zwar nicht fremd, wenn man aber vollkommen fern jeglicher Zivilisation lebt, empfindet man zum Beispiel den Wechsel der Jahreszeiten oder das wechselhafte irische Wetter noch viel intensiver.
Mit diesem ersten Rundbrief möchte ich Ihnen und Euch nun einen ersten Einblick in
mein Leben hier im Kilcranny House bieten. Ich werde etwas über die Menschen, mit
denen ich zusammenarbeite oder auch zusammen wohne, erzählen, aber auch über
meine Arbeit und Freizeit berichten.
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Besonders bezeichnend für das Projekt hier ist, dass „Kilcranny House“ einem
Prozess des ständigen Wandels unterliegt. Am besten lässt sich das an den
Menschen erkennen, die hier arbeiten. Der Grundpfeiler des Hauses sind Freiwillige
aus aller Welt, die hier zwischen vier und zwölf Monaten verbringen. Darüber hinaus
gibt es eine wechselnde Anzahl an Mitarbeiterinnen.
Die Anzahl von Freiwilligen und Mitarbeiterinnen hängt von der finanziellen Situation
des Projektes ab, das sich hauptsächlich durch Spenden finanziert. Die Stadt
Coleraine finanziert zum Beispiel den Arbeitsplatz einer Mitarbeiterin für drei Jahre.
Nach Ablauf dieser drei Jahre wird die Lage vor Ort geprüft und neu entschieden, ob
der Vertrag verlängert oder die Stelle gestrichen wird.
Im Moment arbeite ich mit folgenden Menschen zusammen:
L. ist die „Koordinatorin“ des Hauses. Wäre die Organisationsstruktur des Hauses
hierarchisch aufgebaut, könnte man sie als Chefin bezeichnen. Ihr Arbeitsfeld lässt
sich schwer beschreiben, da es sich kaum eingrenzen lässt. Hauptsächlich agiert sie
als Repräsentantin des Hauses und kümmert sich um neue „Geldquellen“.
Ansonsten ist sie es, die „die Fäden zusammen hält“.
J. ist die „Freiwilligenkoordinatorin“. Sie arbeitet am längsten hier von allen.
Keiner kennt das Haus mit seinen Geheimnissen und seiner Geschichte so gut wie
sie. In Garten- und Tierangelegenheiten wenden wir uns bei Fragen oder Problemen
an J..
R. hat zusammen mit mir hier im Haus angefangen. Sie ist für den Bereich
„Community Relations“ zuständig. Ein Teil ihrer Arbeit besteht zum Beispiel darin,
sich um das Programm zu kümmern, wenn Schulklassen ins Haus kommen.
S., die„Administratorin“ des Hauses, ist für die Finanzen und teilweise auch
Organisation zuständig. Ihr Humor und ihre offene Art schafft eine sehr angenehme
Atmosphäre im Haus.
I. ist das neueste Mitglied der „Familie“. Sie hat letzte Woche hier angefangen
und arbeitet für und mit ethnischen Minderheiten in Coleraine, der nächsten größeren
Stadt.
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Die beiden Freiwilligen, mit denen ich bisher zusammen gearbeitet habe sind J.
und N..
J. war nur die ersten zwei Wochen meines Dienstes hier. Sie hat bis vor einem
Jahr in den USA gelebt und dort Politologie studiert.
Da sie von dem Projekt mehr politische Aktivität und Öffentlichkeitsarbeit erwartet
hatte, war sie hier nicht sehr glücklich. Daraufhin hat sich J. ein anderes Projekt
in Belfast gesucht und ist dann dorthin umgezogen.
N. ist der Freiwillige mit dem ich die meiste Zeit meines Jahres hier verbringe.
Um genau zu sein teilen wir uns für acht Monate das Haus.
Ein Glück für mich ist, dass er ein fast perfektes Englisch hat, was den Lernwert für
mich steigert. N. hat eine sehr entspannte Art, was in der Regel sehr angenehm
ist, mich manchmal aber auch an den Rand der Verzweiflung bringt.
So lässt er es zum Beispiel auch ziemlich entspannt angehen, wenn wir für eine
Gruppe kochen müssen. Im Großen und Ganzen ergänzen wir uns jedoch sehr gut.
Zusätzlich zu Langzeitfreiwilligen wie N. und mir haben wir von Zeit zu Zeit
Kurzzeitfreiwillige im Haus. Hier kann man hauptsächlich zwischen zwei Arten
unterscheiden: W.W.O.O.F.E.R. (willing worker on organic farms) und lokale
Freiwillige, die meistens aushelfen, wenn Gruppen im Haus sind. Vergangene
Woche hatten wir zum Beispiel P., eine „Wwooferin“ aus Bayern im Haus.
Als zusätzliche Arbeitskraft unterstützen uns ein oder zwei Häftlinge aus dem
„Magilligan- Gefängnis“. Sie sind vor allem bei körperlich schwerer Arbeit eine große
Hilfe.
Alle Freiwilligen arbeiten und wohnen hier im Kilcranny House. Die Mitarbeiterinnen
arbeiten von Montag bis Freitag von 9.00 bis 17.00 Uhr hier mit uns zusammen,
wohnen aber in der näheren Umgebung.
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Kilcranny House mit Garten
Im Folgenden möchte ich nun beschreiben, wie das Arbeitsleben für einen
Freiwilligen im Kilcranny House aussieht.
Ein gewöhnlicher Arbeitstag beginnt hier gegen 9.30 Uhr. Wie sich der Ablauf
gestaltet, hängt vor allem von dem Dienst ab. Es gibt die Tiere, einen großen Garten,
ein Wohn-Arbeitshaus und ein Gästehaus zu versorgen. Zusätzlich werden alle
anfallenden Arbeiten auf einer Liste zusammengefasst. Unsere Tiere sind mir besonders ans Herz gewachsen. Wir haben zwei Katzen, Sweeney und Eron. Sweeney hat kein
leichtes Leben. Seit einem Autounfall hat sie keinen Schwanz mehr und da sie
nicht mehr stubenrein ist, darf sie nicht mehr ins Haus. Das heißt allerdings nicht,
dass sie es nicht ständig versucht.
Zu unserem „kleinen Bauernhof“ gehören natürlich auch Hühner. Wir haben sieben
Hennen und einen Hahn, der es nicht so ganz versteht, dass er nur morgens und
nicht den ganzen Tag über krähen soll. Zusammen mit den Hühnern im Gehege lebt
ein Perlhuhn namens Rüdiger. Seine Lieblingsfreizeitbeschäftigung besteht darin auf
den Hühnerstall zu hüpfen und dann über den Zaun zu springen. Dummerweise
schafft es den Weg zurück nicht allein, weswegen es völlig verzweifelt die Straße
auf- und abhüpft, bis ihm jemand den Wiedereintritt ermöglicht.
Neben den Hühnern halten wir auch Enten, sechs an der Zahl. Letzte Woche erst
haben diese luxusverwöhnten Tiere ein Gartenhaus (mit Fenster!!!) als Nachtquartier
bekommen.
Die wohl pflegeleichtesten Tiere sind unsere vier Schafe. Diese fressen den ganzen
Tag genüsslich das Gras unserer Wiesen rund ums Haus.
Dennoch sind unsere drei Ziegen, Poppy, Willow und Jack, das Highlight für unserer
Besuchergruppen. Zwei Ziegen und ein Ziegenbock, um genau zu sein.
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Willow ist die wildeste unter den Ziegen. Sie lässt sich unter keinen Umständen
streicheln, kann aber äußerst rabiat werden, wenn es ans „Fressen fassen“ geht.
Poppy könnte man durchaus als gefräßig bezeichnen. Sie wurde aufgrund ihrer
Größe (bzw. Breite) schon als Kalb deklariert. Diese beiden bringen uns des öfteren
an den Rand der Verzweiflung, indem sie ausbüchsen und es uns so schwer wie
möglich machen, sie wieder einzufangen.
Jack ist unser Ziegenbock. Er liebt es gestreichelt zu werden; so ist er bei jedem
Gruppenbesuch die Musterziege, die am Zaun stehen bleibt und sich anfassen lässt.
Es bleibt noch zu erwähnen, dass er bisher an keinem Ausreißversuch beteiligt war.
Soweit der Einblick in mein Leben mit den Tieren.
Ein anderer Teil meiner Arbeit ist unser Garten Er besteht aus diversen Beeten,
einem kleinen Gewächshaus und einem Polytunnel.
Einen Teil der Fläche nutzen wir selber, den Rest verpachten wir an verschiedene
Gruppen.
Gerade sind wir dabei, den Garten winterfest zu machen was bedeutet, dass wir
alles abernten, den größten Teil jäten und das Erdreich abdecken.
Übrigens bin ich seit kurzem designierter Verantwortlicher für den Garten. Ob diese
Entscheidung wirklich sinnvoll war, wird sich noch herausstellen.
Neben den Tieren und dem Garten, gilt es täglich auch das Haus sauber zu halten.
Dabei ist besonders die Küche wichtig, da sie zu dem öffentlich zugänglichen
Bereich des Hauses gehört.
Die Montage tanzen etwas aus der Reihe. Morgens treffen sich alle Mitarbeiterinnen
und Freiwilligen zu einer Wochenbesprechung. Dabei wird die vergangene Woche
resümiert, anstehende Veranstaltungen oder Pflichten besprochen und die Arbeit
aufgeteilt.
Danach geht es zum Einkaufen in die Stadt. Es gibt einen großen Einkauf für den
Wochenverbrauch der Freiwilligen, wie auch für Gruppen, die in der jeweiligen
Woche erwartet werden.
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Damit bin ich bei einem zweiten Schwerpunkt meiner Arbeit.
Neben der Arbeit mit den Tieren, im Garten und im Haus, betreuen, bewirten und
beherbergen wir zahlreiche kleinere und größere Gruppen von Menschen (Kinder,
Jugendliche und auch Erwachsene).
Grundsätzlich kommen zwei Arten von Gruppen ins Haus, Schulklassen und
Gruppen die längere Zeit, meist ein Wochenende, hier verbringen.
(1.) Schulklassen kommen zum einen hier her, damit die Kinder einen direkten
Kontakt zur Natur erfahren. Dabei stehen vor allem unsere Tiere im Mittelpunkt.
Die Klassen dürfen sie füttern, streicheln und je nach Alter informieren wir die Kinder
über die Haltung und das Leben der Tiere.
Darüber hinaus versuchen wir, meist spielerisch, den Kindern Gemeinschaftssinn zu
vermitteln. Dabei spielt Aufklärung über den Nordirlandkonflikt eine bedeutende
Rolle.
Die meisten Klassen kommen von Grundschulen aus der näheren Umgebung.
Öfters betreuen wir auch Gruppen von Menschen mit Behinderung. Das Programm
unterscheidet sich aber kaum von jenem mit normalen Schulklassen.
(2.) Neben Schulklassen haben wir Gruppen, die in unserem Gästehaus über Nacht
bleiben oder nur die Räumlichkeiten nutzen.
Besonders anstrengend wird die Arbeit, wenn wir die Gruppen auch verpflegen
müssen, denn das Kochen stellt eine große Belastung dar.
Ferner müssen wir das Gästehaus reinigen, also Bettwäsche wechseln und
waschen, sowie die Bäder putzen, staubsaugen, usw.
Neben den Tieren, dem Garten und den Gruppen müssen wir alle sonstigen
anfallenden Arbeiten erledigen: Rasenmähen, entrümpeln, Zäune streichen, Betten
reparieren, usw. Diese vermeintlich kleineren Arbeiten rauben jedoch oft ganze
Tage.
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Causeway Coast
Soweit nun mein erster Einblick in meinen Arbeitsalltag und mein Leben hier im
Kilcranny House.
Nach der Arbeit und an den Wochenenden genieße ich momentan in vollen Zügen
den Herbst hier in dieser landschaftlich herrlichen Umgebung.
Da die nächste Stadt, Coleraine, selber nicht sehr viel zu bieten hat, verbringe ich
die Zeit eher mit Wanderungen entlang der „Causeway Coast“ oder einem
Spaziergang am Strand.Vor drei Wochen hat in der Stadt ein neues Kino aufgemacht, welches wir öfters besuchen. Einmal die Woche nehme ich an einem zweistündigen Englischkurs, am „Technical College“ teil. Der Kurs gibt viel Aufschluss über die Migrationsverhältnisse Nordirlands: 13 (+/- 5) Polen, ein Pakistani, eine Chinesin und ich.
Ansonsten genießen wir die Abende einfach bei einer Tasse Tee am Kamin oder einer Partie Dart in unserem Wohnzimmer.
Das Jahr hier im Kilcranny House ist schon jetzt eine große Bereicherung für mich.
Es ist ein Glücksfall, dass ich, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, in einem Projekt
arbeite, welches mir sowohl die Möglichkeit gibt, meine Fähigkeiten frei zu entfalten,
als auch meinen Horizont zu erweitern.
Viele Grüße aus Nordirland,
Ihr und Euer
Jonas







