|
Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.
Ich denke, dass dieses Projekt genau die richtige Entscheidung für mich ist
Stephan Morand berichtet von seinen Ankommen und Tagesablauf in Wishing Well Family Center, Belfast (November2006)
Ausreisekurs und Ankommen
Nach zwei Wochen Ausreisekurs in Neuwied, mit ausführlicher Vorbereitung, vielen Infos und Hinweisen, aber auch mit umso größeren Erwartungen wurde es nur wenige Tage nach dem Kurs ernst: Vieles musste noch organisiert werden. Telefonieren, Packen, Aufräumen…und natürlich alles noch am letzten Tag, auf den letzten Drücker.
Am 20.Juli 2006 flog ich vom Flughafen Karlsruhe-Baden-Baden mit Ryanair nach Dublin und von dort aus mit dem Bus nach Belfast. Dabei das Gepäck für ein Jahr, aber auch jede Menge offene Fragen: Wo werde ich wohnen, mit wem? Wird es weit vom Projekt weg sein? Wie wird die Arbeit sein? Woher bekomme ich ein Fahrrad? Werde ich mit der Sprache Probleme haben?
Wie gesagt, ich musste erst einmal eine Wohnung suchen. Die erste Nacht konnte ich bei Martin, einem anderen Freiwilligen aus Deutschland übernachten, weil zufällig ein Zimmer frei war. Glücklicherweise war schnell etwas anderes organisiert. Nur zwei Straßen weiter, war ein Zimmer frei. Zuvor hatte ein ehemaliger EIRENE Freiwilliger darin gewohnt. Auf meiner Projektreise im Mai habe ich in dieses Haus schon mal einen Blick geworfen und es hat mir eigentlich sehr gut gefallen. Ohne lange nach etwas anderem oder besserem zu suchen habe ich mich nach einer kurzen Hausbesichtigung mit der Landlady (Vermieterin) dazu entschieden das Zimmer, recht klein, mit Bett, Schrank, Kommode und Schreibtisch auf engstem Raum, mit Dachschräge und einem Dachfenster, zu nehmen. Ist doch recht gemütlich. Somit hatte ich schon einmal eine feste bleibe.
Das Leben im Süden von Belfast
Ich wohne zusammen mit J., der in einem Kinderheim arbeitet, D. ist 27 und arbeitet als Klempner und C., 28 aus Simbabwe. Sie hat gerade eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin abgeschlossen. Eine WG mit zwei Nordiren, einer Südafrikanerin und einem Deutschen. Es „lebt jeder ein bisschen sein leben“. Wir kommen zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause, jeder kocht in der Regel etwas für sich oder geht doch öfters mal zum Chippy (Imbiss um die Ecke). Ich kann mir das leider eher nicht leisten und versuche stattdessen etwas zu kochen. Auf jeden Fall verstehen wir uns sehr gut, auch wenn jeder ein bisschen seinen Weg geht. Es ist immer nett abends noch ein bisschen zusammen zu sitzen oder sich einfach über Erfahrungen, Erlebnisse oder sonstige Neuigkeiten zu unterhalten. Das Haus gefällt mir wirklich sehr, es ist sauber, alles ist relativ neu, ordentlich und gut ausgestattet. Günstig ist auch die Lage: Es liegt in der Deramore Avenue, im Süden von Belfast, in einer ganz netten Gegend. Bäume säumen die Straßen, der nächste Lebensmittelladen ist gerade um die Ecke und hat von 8.00 bis 23.00 Uhr geöffnet, auch Sonntags. Mein Arzt hat eine Strasse weiter seine Praxis, die Bank ist daneben und ich bin nur wenige Gehminuten vom Ormeau - Park entfernt. Wenn es wieder einmal ein Großeinkauf fällig ist, kann ich in 15 min mit dem Fahrrad LIDL erreichen oder in 5 min einer der anderen doch recht günstigen Einkaufsmöglichkeiten (man wird regelrecht zum Schnäppchenjäger).
In ca. 20 min zu Fuß oder 10 min mit dem Fahrrad bin ich im City Centre. Im allgemeinen ist Belfast nicht unbedingt eine Fahrrad freundliche Stadt. Spezielle Fahrradwege sind selten bzw. gibt es gar nicht. Man ist meistens gezwungen auf dem Gehweg zu fahren, wo man dann öfters garstige Blicke der Passanten zu spüren bekommt. Es ist aber auf jeden Fall sicherer als auf den Straßen hier- Reifenpannen sind stets vorprogrammiert, da die Stadt einem Scherbenmeer gleicht. Ich musste deswegen mein Fahrrad, innerhalb von 3 Monaten, schon viermal reparieren.
Da Belfast bezüglich der Infrastruktur etwas desorganisiert ist, das heißt es gibt keine Straßenbahn, das Straßensystem ist ständig überlastet, ist es eigentlich am vernünftigsten mit dem Fahrrad unterwegs zu sein: Jeden morgen fahre ich eine halbe Stunde zur Arbeit, wobei es die letzten 10 min doch relativ bergauf geht, wenigstens nach Feierabend geht es dann buchstäblich „bergab“. Immerhin spare ich somit eine Menge Geld, ein Bus- Tagesticket kostet umgerechnet 4,75 Euro und das ist bei einem Gehalt, welches eigentlich nur ein Taschengeld ist, von 50 Pfund, also 75 Euro, die Woche eine Menge Geld.
Warum bin ich nun nicht in den Norden, in die Nähe meiner Arbeit gezogen?
Naja, grundsätzlich hatte man mir gesagt, dass es eher schwierig ist dort eine Wohnung zu finden bzw. die Wohnung meiner Vorgängerin konnte ich auch nicht übernehmen (sie wohne nur 3 Minuten von der Arbeit entfernt). Darüber hinaus wohnen die Freiwilligen überwiegend im südlicheren Teil der Stadt. Es ist eine etwas ruhigere Gegend und man kann nach einem Abend in der Stadt im Dunkeln, zwar nicht unbedingt alleine, auch einmal zu Fuß nach Hause laufen.
Dafür nehme ich das tägliche Fahrradfahren gerne in Kauf, was mir schließlich auch nicht schaden kann.
Ich unternehme viel mit den anderen deutschen Freiwilligen von EIRENE. Thomas, Martin und Annalena, die bei mir gerade ein paar Straßen weiter wohnen, Anna, vom Quaker Cottage, die glücklicherweise einen Kleinbus zur Verfügung hat und hin und wieder von ihrem, auf einem Berg am Rande der Stadt gelegenen Projekt, zu uns herunterkommt.
Jeden Mittwochabend und Freitag nachmittags, direkt nach der Arbeit, habe ich für ein Jahr lang jeweils zwei Stunden meinen Englisch Sprachkurs im Belfast Institut, der mir von meinem Projekt auch bezahlt wird. Am Ende dieses Kurses werde ich ein Examen absolvieren und dann (hoffentlich) ein Zertifikat erhalten (Cambridge FCE, First Certificate in English). Zusätzlich besuche ich mit Thomas, Martin und Annalena zusammen, jeden Donnerstagabend, einen äußerst unterhaltsamen und temperamentvoll gestalteten Spanischkurs für absolute Anfänger. Ist wirklich witzig und macht Spaß eine für mich ganz neue Sprache zu lernen.
Meine Arbeit im Wishing Well Family Centre
Der Anfang
Mit „kleinerer“ Verzögerung ging es nun endlich los. Ich begann meine Arbeit in der Preschool und im Afterschoolsclub. Durch meine Projektreise im Mai 2006 wusste ich ja schon so einigermaßen ,was mich erwartet bzw. wie meine Arbeit genau aussehen wird.
Hier also ein typischer Tagesablauf:
7.45 Uhr Aufstehen, Duschen, Frühstücken
8.30 Uhr Abfahrt mit dem Fahrrad in den Norden Belfasts
9.00 Uhr Arbeitsbeginn Preschool (Vorschule)
Kinder (zwischen 3 und 4 Jahren)werden mit unserem Bus abgeholt, oder von ihren Eltern hergebracht
9.15 Uhr Welcome Corner: kurzer Smalltalk über Wetter, Wie geht’s? etc. mit den Kindern
bis 10.30 freies Spielen, mit Sand, Wasser, Basteln, Kreide, malen, bauen, und vieles mehr…
10.30 Uhr Break – Toast, Obst, Milch/ Wasser
11.00 Uhr Newstime – Kinder sollen vor der Gruppe erzählen , wie sie sich fühlen, was sie erlebt haben
11.15 Uhr Storytime – eine oder mehrere Geschichten werden vorgelesen
danach: Singen, Kinderbewegungsspiele
bei schönem Wetter: Rausgehen, in den Garten, Ballspiele etc.
12.00 Uhr Lunch – eine Stunde Mittagspause
13.00 Uhr unterschiedlich: entweder mit Kindern rausgehen oder ich bin in den Playgroups (Kinder zwischen 2-3 Jahren) bis 14.00 Uhr
oder: Bus Run – hole die Afterschools von der Schule ab ( unser Busfahrer fährt)
14.00 Uhr Afterschoolsclub – Kinder zwischen 5 und 12 Jahren – mit ihnen Hausaufgaben machen, Brettspiele, Film anschauen, Tischkicker, Pool, Basteln etc.
15.30 Uhr Break –Toast, Saft, Kekse
16.00 Uhr Bus Run – Teil der Kinder wird nach Hause gefahren, der Rest wird später abgeholt
17.00 Uhr Feierabend mit dem Rad nach Hause
17.30 Uhr etwas kochen, essen…
Hauptsächlich arbeite ich mit meinen beiden Supervisors(also Chefinnen) zusammen. Wir sind mittlerweile ein wirklich gutes Team geworden und haben ne Menge Spaß. Es herrscht eine recht lockere Atmosphäre.
In der Preschool geht es in erster Linie darum den Kindern gewisse Regeln und Benehmen beizubringen (ruhig auf dem Stuhl zu sitzen, Toast mit Butter zu bestreichen, leise sein wenn ein anderer spricht). Man lernt einiges an Methoden und es ist wirklich interessant und abwechslungsreich.
Auch müssen wir sogenannte „Observations“ (Beobachtungen) durchführen, wie sich die einzelnen Kinder entwickeln. Während verschiedenen Aktionen also z.B. bei der Aufgabe „Male deine Familie“, beobachten wir die Kinder individuell ganz genau, fragen nach, etc. Notizen werden festgehalten, um später einen Bericht zu schreiben.
Kinder kommen bei uns generell sowohl aus katholischen als auch protestantischen Familien. Religiöse Unterschiede werden eigentlich nie zur Sprache gebracht. Obwohl sich das Wishing Well Family Centre in Ardoyne, also in einem doch sehr von Unruhen geprägten Gebiet befindet, gab es bis jetzt eigentlich noch keine besonderen Zwischenfälle. Die Lage hat sich auch etwas beruhigt, so wurde es mir zumindest gesagt.
Mein Wunsch, die anderen Gruppen des Centres etwas besser kennen zu lernen, wurde erfüllt. Die Aufgabe des Volunteers ist es überwiegend in der Pre- und Afterschool zu arbeiten. Jetzt werde ich verstärkt auch in den Playgroups meine Zeit verbringen.
Insgesamt gibt es bei uns 5 Räume, oder auch Gruppen: die Babys, die Krabbelgruppe, die Junior Playgroup, die Senior Playgroup, die Preschool und der Afterschoolsclub. Mit unserem Angebot bieten wir sozusagen Kindern, die nur wenige Monate alt sind bis zu Kindern, die in die 7./8. Klasse gehen, ein Programm. (Kinder gehen hier schon mit 4 Jahren in die Schule)
Freizeit
Wie schon gesagt, wenn ich hier nicht von 9.00 bis 5.00 Uhr, fünf Tage die Woche arbeite, bin ich entweder im Belfast Institut in Sprachkursen oder ich verbringe meine Zeit, meist unter der Woche, zu hause. Dann schreibe ich emails, telefoniere, lese etwas oder versuche mich über das Internet auf dem laufenden zu halten(habe mittlerweile auch einen Internetanschluss zu Hause). Manchmal treffen wir uns unter den Freiwilligen auch und kochen einfach etwas zusammen oder verbringen einen gemütlichen Feierabend im Pub. Am Wochenende findet meist irgendeine Party von Freiwilligen statt, immer mit internationalem Publikum, was eigentlich sehr witzig ist.
Mit dem Fahrrad waren wir auch schon öfters unterwegs, um das schöne Wetter auszunutzen, auch wenn wir nicht immer unser Ziel erreicht haben, aufgrund von Reifenpannen etc. Wir haben schon öfters einmal einen Tag am Strand mit Picknick verbracht oder wir treffen uns einfach zum Kaffee oder gehen einmal ins Kino. Man muss eben auch immer auf das Geld etwas schauen.
Fazit
Es ist unglaublich, wie schnell die ersten 3 Monate vergangen sind. Ausreisekurs, Abiball, Abi-Prüfungen – das alles scheint schon so weit entfernt zu sein.
Natürlich gibt es auch Tage, an denen nicht immer also so läuft, wie man es gerne hätte, aber wer kennt das nicht.
Ich denke, dass dieses Projekt genau die richtige Entscheidung für mich ist. Es wird mir so schnell nicht langweilig, die Menschen verstehe ich trotz des eigentlich sehr sympatisch klingenden, aber gewöhnungsbedürftigen nordirischen Dialektes immer besser und ich selbst denke, dass ich schon ein paar Forschritte bezüglich der Sprache machen konnte .
Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich völlig auf mich allein gestellt, ich kann tun und lassen, was ich will – habe meine Freiheiten. Eigentlich ein schönes Gefühl. Natürlich ist es gleichzeitig auch eine Herausforderung, weil man selbst für sich verantwortlich ist.
Ich wünsche euch bis dahin eine schöne Zeit und hoffe, dass es euch auch gut geht!
Viele Grüße!
Stephan
Homepage EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst
|