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„Der kleine Unterschied – Leben in Deutschland und Irland“

Thomas Kramer gibt uns einen Überblick über Nordirland seinen Alltag in Belfast und in seinen Projekt Centre for global education (November 2006)

Bevor ich mit dem eigentlichen Rundbrief beginne, möchte ich mich ganz herzlich bei meinen Unterstützern bedanken. Erst ihr Engagement hat es mir ermöglicht, dieses Jahr in Nord Irland zu verbringen. Mit diesem Rundbrief möchte ich zum einen die ersten Wochen meiner Arbeit im Centre for Global Education in Belfast beschreiben, aber auch einen Einblick in die ganz alltäglichen Dinge geben, die das Leben in Belfast so mit sich bringt. Die meisten Menschen haben verschiedene und mehr oder weniger detailreiche Bilder von Nord Irland und seiner Geschichte in ihren Köpfen. Da der hiesige Alltag noch sehr viel stärker durch die Geschichte geprägt ist als in anderen Ländern, möchte ich zu Beginn kurz ein paar allgemeine Informationen zu Nord Irland geben. Wem das zu geschichtstheoretisch ist oder wer sich damit bereits vertraut weiß, kann diesen Teil aber auch überblättern und gleich zum „persönlichen“ Teil übergehen.

Allgemeine Informationen zu Nordirland und Belfast Sprache: Englisch, Scots, Irisch (Offizielle) Hauptstadt: Belfast Fläche: 13.843 km² (etwas kleiner als Schleswig-Holstein) Bevölkerung: 1.692.500 (2003) (etwa soviel wie Hamburg) Bevölkerungsdichte: 122,3 Einwohner pro km² Währung: Pfund, Sterling Geografie Nordirland bildet die Fortsetzung des Landschaftsbildes von Nordengland und Südschottland nach Westen hin. Das Klima ist - wie überall auf den Britischen Inseln - ozeanisch und wird vom Golfstrom beeinflusst. Nordirland hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von 130 km. Von Osten nach Westen sind es 180 km. Die Länge der nordirischen Küste ist etwa 500 km. Ein mildes und feuchtes Klima prägt die Insel das ganze Jahr über. Die vorwiegend aus westlichen Richtungen wehenden Winde bringen zu allen Jahreszeiten Feuchtigkeit mit sich; dies führt zu relativ kühlen Sommern und vergleichsweise milden Wintern. Klimatisch beeinflusst wird Nordirland durch den Golfstrom. Das Gebiet verzeichnet dadurch höhere Temperaturen als Regionen ähnlicher geographischer Breite. Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei etwa 10 °C; im Juli liegen die mittleren Temperaturen bei 14,4 °C und im Januar bei 4,4 °C. Die Niederschläge sind gleichmäßig über das Jahr verteilt. Die jährliche Niederschlagsmenge übersteigt im Norden häufig 1 000 Millimeter, im Süden werden um 760 Millimeter erreicht. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch.

Religion Ein wesentliches Kennzeichen der Bevölkerung in Nordirland ist die konfessionelle Spaltung. Die Bevölkerung besteht zum Großteil aus Protestanten. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere kleine Gemeinschaften. Rund 28 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum römisch-katholischen Glauben. Im Gegensatz zu England hat Nordirland keine Staatskirche. Die Kirche von Irland war früher eine Tochterkirche der anglikanischen Kirche, wurde jedoch 1871 von dieser abgetrennt. Zu schweren Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten kam es Ende der sechziger und in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts (siehe Geschichte). Geschichte Die Katholiken waren in Nordirland von Anfang an eine benachteiligte Minderheit. 1968 organisierten sie eine Bürgerrechtsbewegung, die für die Gleichberechtigung der Katholiken kämpfte, aber mit ihren Forderungen und Aktionen oftmals gewaltsame Gegenreaktionen hervorrief. Gemäßigte Protestanten erkannten die Notwendigkeit einer Reform des Regierungssystems, stießen jedoch auf starken Widerstand vor allem des rechtsgerichteten Flügels der regierenden Ulster Unionist Party (UUP). Als 1969 die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten bürgerkriegsähnliche Dimensionen annahmen, wurden zur Unterstützung der überforderten nordirischen Polizei britische Truppen nach Nordirland entsandt. Der Bloody Sunday im Januar 1972 markierte einen Höhepunkt in der gewaltsamen Auseinandersetzung. In der Folge löste die britische Regierung das nordirische Parlament auf und übernahm selbst die Regierungsgewalt in Nordirland. In einer von den meisten Katholiken boykottierten Volksabstimmung im Jahr 1973 entschieden sich die nordirischen Wähler abermals für die Bindung an Großbritannien und gegen eine Wiedervereinigung mit der Republik. 1974 scheiterte eine 15-köpfige nordirische Regierung, die sich aus Protestanten und Katholiken zusammensetzte, bereits nach kurzer Zeit, als die protestantischen Extremisten mit einem Generalstreik reagierten. In den folgenden Jahren nahm die Gewalt zu. 1976 wurden zwei Frauen aus Belfast, Mairéad Corrigan und Betty Williams, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sie hatten sich für die Versöhnung von Protestanten und Katholiken in Nordirland engagiert, allerdings mit wenig Erfolg: Es schien aussichtslos, die Parteien an einen Tisch zu bringen. Inzwischen setzte der radikale Flügel der IRA (Irish Republican Army, paramilitärische Organisation die sich für den Anschluss Nordirlands an die Republik Irland einsetzt), die so

genannte Provisonal IRA, den Terror ungebremst fort, und die protestantischen Extremisten standen der IRA, was Gewalttaten anbetraf, in nichts nach. 1979 fiel Lord Mountbatten einem Bombenanschlag der IRA zum Opfer. Am selben Tag tötete die IRA 18 britische Soldaten in einem Hinterhalt. 1981 bediente sich die IRA einer neuen Taktik, um verlorene Sympathien wiederzugewinnen: In britischen Gefängnissen einsitzende IRA-Mitglieder traten in Hungerstreik; einige von ihnen starben. Jedes Opfer setzte eine neue Spirale der Gewalt in Gang. Um der Gewalt in Nordirland ein Ende zu setzen, unterzeichneten Großbritannien, Nordirland und die Republik Irland 1985 ein Abkommen, in dem der Republik erstmals offiziell ein Beobachter- und Beraterstatus in Nordirland eingeräumt wurde. Das Abkommen wurde als wichtiger Schritt zur Befriedung Nordirlands interpretiert; katholische wie protestantische Extremisten betrachteten das Abkommen jedoch als Verrat. Zu Beginn der neunziger Jahre patrouillierten noch immer britische Truppen in den Straßen von Belfast und Londonderry/Derry (Aufgrund der Geschichte hat diese Stadt zwei Namen: auf protestantischer Seite Londonderry und auf katholischer Seite Derry, dies ist der ursprüngliche Name, der erst durch die Britische Besiedlung verändert wurde.). Die IRA verübte auch weiterhin Terroranschläge gegen britische Zivilisten und Soldaten auf den Britischen Inseln und auf dem europäischen Festland. 1991 fanden Mehrparteiengespräche über Nordirland statt, bei denen sich erstmals Vertreter der Republik und der nordirischen Protestanten direkt gegenüber saßen; die Sinn Féin, der politische Arm der IRA, war allerdings nicht beteiligt. 1992 scheiterten die Verhandlungen. Im Dezember 1993 einigten sich Großbritannien und die Republik Irland auf Rahmenbedingungen für neuerliche Friedensgespräche, an denen auch die Sinn Féin gleichberechtigt beteiligt werden sollte, sofern die IRA grundsätzlich auf Gewalt verzichten würde. Am 31. August 1994, nach 25 Jahren des bewaffneten Kampfes, verkündete die IRA eine bedingungslose Waffenruhe und versprach, zugunsten von Friedensgesprächen auf Gewalt zu verzichten. Am 9. Dezember 1994 begannen die ersten offiziellen Gespräche zwischen Vertretern der britischen Regierung und der Sinn Féin. Im Februar 1996 beendete die IRA durch ein Attentat in London den Waffenstillstand; die Sinn Féin blieb in der Folgezeit von den Nordirland-Verhandlungen ausgeschlossen. Mit dem sog. Karfreitagsabkommen von 1998 wurde zumindest auf dem Papier der Grundstein für eine friedliche Entwicklung gelegt. Aber auch wenn die IRA beispielsweise seit 2005 „entwaffnet“ ist, was von offizieller Seite bestätigt wird, so ist Nord Irland noch weit entfernt von „normalen“ friedlichen Verhältnissen. Zum einen erkennen die maßgeblichen Loyalistischen (pro-britischen) paramilitärischen Gruppen das Karfreitagsabkommen nicht an und entwaffnet sind diese natürlich auch nicht, zum anderen sind auch noch verschiedene radikale Abspaltungen der IRA aktiv. In einigen Lebensbereichen, sehr ortsabhängig, spielen die Paramilitärs heute noch eine wichtige Rolle.

(Zum Beispiel bei der Wohnungsvergabe) Da sich diese Paramilitärs über organisierte Kriminalität finanzieren, könnte man sie inzwischen als mafiaähnliche Organisationen bezeichnen, die das Leben der Menschen hier noch immer stark beeinflussen. Trotz offiziellen Friedens ist Nordirland leider noch weit entfernt von einem gewaltfreien Alltag. Belfast Belfast ist die Hauptstadt Nordirlands und die zweitgrößte Stadt Irlands nach Dublin. Belfast hat 277.000 Einwohner (2003) und liegt an der Mündung des Flusses Lagan. Es ist Sitz eines katholischen und eines anglikanischen Bischofs, Universitätsstadt und besitzt einen Seehafen (indem z. B. das berühmte Kreuzfahrtschiff Titanic gebaut wurde).. Belfast ist Sitz von Regierung und Parlament. Die Randviertel Belfasts waren vor allem in den 1970er Jahren Schauplatz des Nordirlandkonfliktes. Bedeutung des Namens Belfast Belfast leitet sich vom irischen Béal Feirste her (übersetzt: Mündung des Farset). Dieser Fluss ist heute nicht mehr sichtbar und verläuft unterhalb der Straßen. Geschichte Belfasts Im Jahr 1177 entstand eine normannische Burg. 1603 wird Belfast gegründet. Im 17.Jahrhundert bauen aus Frankreich geflohene Hugenotten die Leinen-Industrie auf. Im 18. Jh. Erweiterung des Hafens. Die Titanic wird in Belfast gebaut und läuft 1912 im Hafen zu ihrer ersten Fahrt aus. Im April und Mai 1941 starke Schäden im Hafen und in der Stadt durch Bombardements der deutschen Luftwaffe. 1969 beginnen die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, beendet 1998 durch das so genannte Karfreitagabkommen. Noch heute ist das Stadtbild von Belfast geprägt durch den Konflikt. „Gemischte“ Wohnbezirke sind selten und meist nur in sozial besser gestellten Bereichen zu finden. Durch die teilweise extreme Verschachtelung der Stadtbezirke sind viele, gerade im Norden und im Westen, durch meterhohe Mauern (sog. Peacewalls) getrennt, um Übergriffe zu vermeiden. Trotzdem ist es mehr oder weniger „Freizeitsport“, gerade gelangweilter Jugendlicher, gefährliche Gegenstände auf die „gegnerische Seite“ zu werfen. Unübersehbar sind auch die sog. Murals (Wandmalereien), die

besonders in den extremeren Vierteln vorzufinden sind. Hier werden auf protestantischer Seite vor allem die eigenen Paramilitärs glorifiziert und Treue zu Groß-Britannien gelobt, während auf katholischer Seite der Fokus vor allem auf Unterstützung der Palästinenser und tragisch im Kampf gefallener Helden liegt. Zwei typische protestantische Wandmalereien. Links die rote Hand ist Teil der offiziellen Flagge Nordirlands und rechts wird William Prince of Orange geehrt, der im 17. die Katholiken entscheidend geschlagen hat. Der Siegestag wird heute noch gefeiert und ist jedes Jahr Anlass für Gewaltakte, da verschiedene protestantische Gruppen zu diesem Anlass große Märsche, auch durch katholische Viertel, veranstalten.

Meine Arbeit und mein Leben in Belfast Arbeit Meine Projektstelle, das Centre for Global Education, ist eine NGO (Abkürzung für Nichtregierungsorganisation), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch Bildung die Menschen in der „reichen“ westliche Welt für die Probleme der Menschen in anderen, ärmeren Erdteilen zu sensibilisieren und die vielen Verbindungen, die - oft unerkannt - zwischen unserem Leben und dem Leben der Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern bestehen, aufzuzeigen. Ganz „zielgruppenorientiert“ liegt unser Centre in der Nähe der Universität. Im Grunde hat das Haus ungefähr das Volumen eines kleinen Einfamilienreihenhauses. Im Erdgeschoss befinden sich die Bibliothek (mein hauptsächlicher Arbeitsbereich) und das Büro des Leiters. Im Obergeschoss sind die Büros für die anderen Mitarbeiter und der Konferenzraum. Das Herz unserer Einrichtung ist sicherlich die Bibliothek. Neben Büchern gibt es viele Lehrmaterialien, Zeitschriften und sog. Boxfiles (kleine Boxen) in denen alle möglichen Materialien, hauptsächlich Zeitungsartikel, zu speziellen Themen gesammelt werden. Zum Beispiel haben fast alle Länder Lateinamerikas, Asiens und Afrikas ihre eigene Box. Es gibt aber auch Boxen, die sich nur mit Kinderarbeit, transnationalen Konzernen, Waffenhandel oder Umwelt befassen. Im Grunde werden die meisten Aspekte der Globalisierung abgedeckt. Wie sieht ein ganz typischer Arbeitstag aus? Pünktlich morgens um acht schaltet mein Radiowecker auf BBC Radio 4, um mich über neueste Weltgeschehen zu informieren. Nach einem manchmal zeitgerafften und zugleich landestypischen Frühstück (auffällig und schnell zur Gewohnheit werdend ist z. B. die salzige Butter) verstaue ich mein Lunch (eine Art Vesper für die Mittagspause) und eine Flasche Wasser in meinem Rucksack und dann schwinge mich auf mein altes Rennrad und fahre, auf der linken Straßenseite, zum Centre. Dort angekommen hole ich als erstes den in einer Abstellkammer diebstahlgesicherten Laptop und platziere ihn auf meinem Schreibtisch. Während er dann hochfährt, kommt meistens schon einer meiner Kollegen vorbei und man bespricht bei einer Tasse Tee (in diesem Falle bestätigen sich alle Klischees), was man gestern so erlebt hat. Besonders montags können diese Gespräche sich auch mal etwas ausdehnen. Trotz allem wird aber auch gearbeitet, denn inzwischen ist der Laptop hochgefahren und ich mache mich daran alle E-Mails, die an das Centre geschrieben wurden, zu bearbeiten. Mitunter kommt da eine ordentliche Anzahl zusammen. Danach kümmere ich mich um tagesaktuelle Aufgaben, die sich von Tag zu Tag natürlich unterscheiden können. In der Regel sind das: Erstellen eines monatlich erscheinenden Newsletters des Centres, Auswahl von wichtigen Artikeln aus verschieden Tageszeitungen für die Bibliothek, Internetrecherche, Auffrischung unserer Datenbanken für Bücher, Videos und Lehrmaterialien (diese befinden sich leider in keinem allzu guten Zustand), Entgegennahme von Telefonanrufen und viele kleine administrative Dinge. Zusätzlich gibt es verschiedene zeitlich begrenzte Projekte, an denen ich Arbeite. So bin ich zum Beispiel gerade dabei einen Lehrmaterialienkatalog zusammenzustellen, der an Schulen verteilt werden soll, um den Lehrern den Zugriff auf unsere Materialen zu erleichtern und um auf unser Centre aufmerksam zu machen. Eines meiner ersten Projekte war die Zusammenstellung einer Literaturliste für Studenten eines Soziologiekurses zum Thema Kinderarbeit. Da wir eng mit der Universität zusammen arbeiten, kommen viele Studenten – meistens nachmittags - zur

Recherche in unser Centre. Ich unterstütze sie durch die Aufnahme in die Mitgliederdatenbank, fachliche Beratung oder auch einfach nur durch technische Hilfe beim Kopieren. Grundsätzlich ist aber jeder Tag anders und planbar ist sowieso fast nichts. Die Ziele die ich mir morgens setze, verändern sich meist im Laufe des Tages, da fast immer etwas Unvorhergesehenes passiert. Oft tauchen Besucher auf, die bestimmte Fragen haben. So habe ich heute zum Beispiel zwei Abgesandte von der University of Michigan (USA) durch das Centre geführt. Oft begleite ich auch meine Kollegen auf verschiedene Veranstaltungen. Ein weiterer fester Bestandteil meiner Arbeit ist die Postbearbeitung. Jegliche Post wird von mir geöffnet und an die entsprechenden Personen weitergegeben. Ein Großteil richtet sich allerdings generell an das Centre oder auch speziell an mich. Sehr häufig sind es neue Bücher und Lehrmaterialien, die von mir in die Bibliothek aufgenommen werden müssen, Zeitschriften, Plakate und Flyer (Handzettel) für verschiedene Veranstaltungen bzw. als Werbeträger für neue Publikationen. In der Regel beginnt ab fünf Uhr dann der Feierabend. Im Großen und Ganzen würde ich meine Arbeit als eine Art Mischung aus Sekretär, Bibliothekar und Kundenbetreuer bezeichnen. Offiziell fungiere ich als „Information Officer“, was frei übersetzt vielleicht als Informationenverantwortlicher bezeichnet werden kann.


Besonderheiten im Arbeitsalltag Obwohl ich in Deutschland zwar nur als Praktikant und in einem Schülerjob „Büroluft schnuppern“ konnte, kann man doch einige Unterschiede im Arbeitsleben zwischen Deutschland und Nordirland feststellen. Zu aller erst: Tee ist nicht nur ein Klischee. Der durchschnittliche, tägliche Teeverbrauch eines Iren dürfte bei mindestens vier Tassen liegen. Tee ist aber auch nicht gleich Tee. Wenn meine Kollegin mich fragt, ob ich eine Tasse Tee möchte, heißt das eigentlich so viel wie: „Möchtest du ein Heißgetränk?“. Denn neben Tee werden auch noch Kaffee und heiße Schokolade angeboten. Umgangssprachlich ist Tee hier mit schwarzem Tee gleichgesetzt. Diesen genießt man bevorzugt mit Milch und Zucker. Beim Teetrinken geht es hier aber vor allem um die soziale Komponente. Man trifft sich am Wasserkocher (das ist hier ein stehender Ausdruck) plaudert ein bisschen und kehrt zur Arbeit zurück. Sich einfach alleine einen Tee zu machen und direkt zur Arbeit zurückzukehren würde als absolut unhöflich empfunden. Ein weiteres Merkmal ist die Zeit. In Nordirland beginnt die Arbeit erst um neun, was nicht heißen muss, dass alle Mitarbeiter um neun Uhr wirklich am Schreibtisch sitzen. Verspätungen sind hier eher die Regel als die Ausnahme und das gilt für alle Lebensbereiche. Auch ist das Zeitverständnis ein völlig anderes. Aufträge und Aufgaben werden nicht so schnell wie möglich bearbeitet, sondern erst einmal für später aufgehoben. So habe ich zum Beispiel Mitte Oktober eine Rechnung für eine Publikation bekommen, die ein anderer Mitarbeiter bereits im Mai bestellt hatte.

Keine Trennung von Arbeit und Privatem.

Während sich viele in Deutschland in der Arbeitszeit wirklich nur auf die Arbeit konzentrieren und das Privatleben erst nach Feierabend wieder in den Blick kommt, gibt es diese Trennung in Nordirland nicht. Es ist nichts Ungewöhnliches mitten in einer Mitarbeitersitzung von der Agenda abzukommen und, da es gerade thematisch passt, erst einmal das ein oder andere Wochenenderlebnis eines Mitarbeiters zu besprechen, bevor man wieder zum offiziellen Teil übergeht. Kleine Gespräche über die eignen Befindlichkeit und die Erlebnisse vom Wochenende, was man über dieses und jenes denkt, sind obligatorisch. Sich dem zu verweigern, wäre extrem unhöflich.

Wie lebt es sich in Belfast?

Mein „Zu hause“.

Ich wohne in einem ganz typischen Belfaster Reihenhaus. Etwa 80% aller Häuser sind in diesem Stil gebaut. Im Prinzip sehen sie wie ganz typische, ziegelrote, englische Backsteinhäuser aus. Interessant dabei ist, dass selbst Neubauten im selben Stil errichtet werden. So entsteht eine gewisse Monotonie. Mit mir wohnen im Haus noch P. (Mitte 20, ein Ire aus der Republik, Lastwagenfahrer), A.(Anfang 20, eine Französin aus Paris, Lehrerin) und M. (19, aus Berlin, auch Freiwilliger). Unser „WG-Leben“ ist eigentlich sehr entspannt. Wir kommen untereinander gut klar und es gibt selten schwierige Situationen. Da wir sehr international sind, sind kulturelle Unterschiede immer wieder ein Thema. Mit A. versuche ich meistens Französisch zu sprechen, um den Rest Schulfranzösisch, der noch hängen geblieben ist, ein wenig zu konservieren. Dabei ist mir aufgefallen, wie schwer es ist, sich als Deutscher im englischsprachigen Umfeld wieder auf Französisch einzustellen. Sehr gut verstehe ich mich mit Martin. Wir kochen, waschen und kaufen zusammen ein, was das Leben sehr viel einfacher macht. Grundsätzlich ist das Alltagsleben in Belfast zwar dem deutschen schon ähnlich, es gibt aber doch markante Unterschiede. Einkaufen: Die „Supermarktkultur“ hier unterscheidet sich in ein paar wesentlichen Punkten. „Geiz ist hier nicht unbedingt geil“, auch wenn die Produktqualität insgesamt zwar auch nicht besonders herausragend ist, so wird viel mehr Wert auf Service und Ambiente gelegt. An der Kasse wird der gesamte Einkauf in natürlich kostenlose Tüten verpackt (die Kosten für die Umwelt nicht eingerechnet). Unfreundliche Kassierer sind eine absolute Seltenheit und man darf sich als Kunde ruhig Zeit beim Bezahlen lassen. Hektisches Antreiben, wie man es von deutschen Discountern her gewöhnt ist, gibt es hier nicht. Das Ambiente der Supermärkte ist durchweg sehr ordentlich. Inzwischen sind hier allerdings auch Aldi und Lidl angekommen. Diese sind bei der einheimischen Bevölkerung aber als „depressiv“ verschrien. Unterschiede gibt es aber auch im Preisniveau. Im Prinzip liegen hier die Preise im Schnitt ca. 50% über den deutschen. Im Verhältnis zum Einkommen geben die Menschen hier, im Vergleich mit Deutschland, auch mehr Geld „nur“ für Lebensmittel aus. Trotz allem ist die Produktqualität aber nicht viel besser als in Deutschland. Auch die generelle Zusammensetzung der Supermärkte ist hier ein wenig anders. Sehr viel mehr dominieren hier Fertiggerichte, Süßigkeiten (besonders eine riesige Auswahl an Keksen und Schokoriegeln) und Chips die Regale. Die Obst- und Gemüseabteilung fällt dagegen etwas magerer aus. (Obwohl es hier in den letzten Jahren enorme Weiterentwicklungen gegeben haben muss). Auf Brot, so wie wir es aus Deutschland kennen, muss leider gänzlich verzichtet werden. Dafür ist aber das Sortiment an diversen Toasts (diese werden hier als Brot bezeichnet) um einiges größer als in Deutschland. Auch wenn Irland für seine Kerrybutter berühmt ist, darf man hier bei Milchprodukten keinen deutschen Standard erwarten. Interessanterweise zählt hier allerdings Ziegenmilch zum Standardangebot. Verkehr: Im Vergleich zu deutschen Straßen muten die nordirischen zunächst verfallener an. Schlaglöcher sind hier ein weitaus stärker verbreitetes Phänomen als in Deutschland. Auch sonst gibt es, abgesehen vom elementaren Unterschied Linksverkehr, ein paar wesentliche Unterschiede. Der Straßenverkehr ist deutlich hektischer und unorganisierter. So gibt es zum Beispiel die Rechts-vor-Links-Regel nicht. Das heißt in 20-Meilen-Zonen (ca. 30km/h) muss man sich an Kreuzungen abstimmen, wer zuerst fährt. Ein Gesamtkonzept ist bei der

Straßenführung oftmals schwierig erkennbar. Für mich ganz persönlich (gerade als ehemaliger Freiburger) war es in der ersten Zeit ein extremer Unterschied hier Rad zu fahren. Man wird von der Polizei und den Autofahrern weitestgehend ignoriert. Was seine guten und seine schlechten Seiten hat. Radwege sind seltener Luxus und Radfahrer wirken fast wie Exoten. Auch der öffentliche Nahverkehr ist hier nicht so gut ausgebaut. Dazu ist es aber auch noch sehr teuer die Öffentlichen Verkehsmittel zu nutzen. Beliebtestes Verkehrsmittel sind Taxis, was mit der Geschichte zusammenhängt. Zu Zeiten der Unruhen war Busfahren viel zu gefährlich. Es gab immer wieder Anschläge. Man nahm lieber ein Taxi. Aus dieser Zeit gibt es noch viele Taxiunternehmen, so dass es erheblich günstiger ist, einfach mal mit dem Taxi zu fahren. Zu mehreren liegt der Einzelpreis sogar oft unter dem Bustarif. Es ist hier auch durchaus üblich sich nach dem Einkaufen vom Taxi abholen zu lassen. Sicherheit: Im Prinzip ist Belfast genauso sicher wie jede andere europäische Großstadt auch. Allerdings gilt es ein paar Besonderheiten zu beachten: Manche Gegenden empfehlen sich zu bestimmen Zeiten lieber nicht zu besuchen. Um Provokationen zu vermeiden sind Fußballtrikots in Pubs und vielen öffentlichen Einrichtungen verboten. Da die extremen Viertel im Norden und Westen der Stadt noch immer durch Mauern getrennt sind und deren Tore Nachts und am Wochenende meist geschlossen werden, muss man seine Wege manchmal gut planen. Ich hoffe, dass ich mit diesem Brief einen Überblick über das Leben in Belfast vermitteln konnte.

Mit herzlichen Grüßen aus Belfast Thomas Kramer


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