Ein kleiner Einblick in das Leben als "long term volunteer" bei Corrymeela
Fabian Greiss arbeitet in dem wichtigsten Versöhnungszentrum Nordirlands, Corrymeela“ und unterstützt das Projekt bei der Durchführung von Seminaren und der Konfliktvermittlung zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen (October 2005)
(Oktober 2005)
Fabian Greiss
Rundbrief Nr. 1
Für die, mit denen ich länger keinen Kontakt hatte: Mir geht es prima! Vielen von Euch habe ich ja schon telefonisch oder - noch moderner – per e-Mail von meinen Erlebnissen hier berichtet. Jedoch nicht allen, und damit das nicht so bleibt, erzähle ich euch nun etwas. Ich hoffe, ich fabriziere nun keinen langweiligen Roman, viel Spass beim Lesen. Die mit einem Stern gekennzeichneten Wörter werden im Glossar erklärt.
1. Der Ausreisekurs
Angefangen hat die Geschichte mit dem Ausreisekurs von EIRENE inmitten des schönen und warmen Monats Juli. 2 Wochen war ich von der schönen Insel, meinen Freunden und meinem gewöhnlichen Leben getrennt. Nun sind es schon fast zwei Monate.
Der Ausreisekurs war grossartig. Ich kann sagen dass uns EIRENE wirklich gut vorbereitet hat. Die 2 Wochen zusammen mit den anderen Freiwilligen aus ganz Deutschland, war ein positiver Einstieg!
Nach dem Ausreisekurs ging es für 2 Wochen noch einmal nach Hause. Schlemmen, feiern, im süssen Wasser plantschen und schlussendlich auf Wiedersehen sagen. Das war traurig. Vor allem am Flughafen.
Wie gesagt, am 29. Juli war es dann soweit, müde vom Abend davor, noch in Hektik die letzten Sachen gepackt, ab nach Stuttgart zum Flughafen. Im Flieger war ich noch voller Hoffnung, dass die Sonne auch in Dublin scheint, aber nein, ich stieg bei einem soliden Regenwetter aus dem Flieger. Soviel zum Wetter hier. Naja Ansonsten wär hier nicht alles so schön grün.
Eine offizielle Beschreibung der ehrenamtlichen Tätigkeit bei Corrymeela in Ballycastle.
Gegründet und aufgebaut von Freiwilligen bildet die ehrenamtliche Tätigkeit das Herz des Corrymeela Ethos.
Jedes Jahr lebt und arbeitet ein Team aus 12 Freiwiligen zusammen für ein Jahr in unserem Centre in Ballycastle.
Die Freiwiligen helfen in allen Aspekten, um das Centre betreiben zu können. Dazu gehört Gruppen durch deren Programm zu leiten, bis hin zum Abspülen! Über 400 kurzeit-Freiwillige, die am Summer-Program teilnehmen oder an Wochenenden ihre Tätigkeit anbieten, sind genauso in die riesige Vielfalt der Aktivitäten integriert. Beispielsweise Kunsthandwerk, Freizeitgestaltung, Gottesdiensten, führen des Haushaltes und des Fahrbetriebes.
2. Corrymeela – Die Einrichtungen
Bei Corrymeela gibt es verschiedene Häuser. “The House” ist das grösste und wichtigste. Dort sind Büros für den Staff (Belegschaft), die Rezeption, die Riesenküche, Essensräume, Konferenzräume und zusätzlich Zimmer mit insgesamt ca. 50 Betten.
Dann gibt es “The Village” und “The Cottages”. Diese Einheiten funktionieren als Herberge für die anwesenden Familien, Gruppen, Schulklassen, sowie Besucher und Gäste. Diese Einheiten haben jeweils eine eigene Küche und einen grossen Aufenthaltsraum. Dazu kommt “The Croi”, Croi ist Gälisch und heisst übersetzt Herz. Dieses Gebäude ist wie ein Herz strukturiert, darin werden Gottesdienste jeglicher Art und Gestaltung gefeiert. Zusätzlich bietet “The Croi” Platz für Spiele, falls das Wetter mal nicht mitspielen sollte.
Im Sommer finden hier auch die bekannten “Concerts” statt. Wenn wir gerade schon bei Concerts und Aufführungen sind, will ich “Tara Tavern” erwähnen. Tara Tavern ist eine kleine, feine Disco.
Dann haben wir noch “Arts&Crafts”. Arts&Crafts bedeutet Kunsthandwerk, dieses Häuschen beherbergt den gesamten Bastelbedarf. Hier finden die gemütlichen Sessions statt.
3. Corrymeela – Summer Program – Der Anfang
Nach einer recht langen und ungemütlichen Reise kam ich dann schlussendlich bei Corrymeela in Ballycastle an. Es war klasse. In der Zeit, in der ich ankam, begann die drittletzte Woche des Corrymeela “Summer-Programs” und somit war einiges los. Empfangen wurde ich im hellen Foyer von The House. Long-Term-Volunteers (Langzeitfreiwillige), das sind diejenigen die für ein Jahr bleiben, wuselten umher. Umzingelt von Kindern, Mamas und Papas, Staff-Membern (Belegschaft). Tony, ein Short-Term-Volunteer aus Edinburgh, gab mir eine Führung rund um den “Berg der Harmonie”. Was ist denn nun das? Die Übersetzung von Corrymeela. Ich vermute es ist Gälisch. Ich war überwältigt von der Aussicht auf den Strand, die Insel Rathlin im Norden und nicht zu vergessen Schottland im Osten.
Nachdem man sich mit feinen Sandwiches gestärkt hatte, war das erste Meeting angesagt. Alle Long-Term-Volunteers und Short-Term-Volunteers (Kurzzeitfreiwillige) zusammen mit dem Summer-Program Co-ordinator David Price und Ronnie unserem Centre Director waren anwesend. Hier wurden wir mit dem Summer-Program, den verschiedenen Teams (Recreation, Arts&Crafts, Link und Kitchen) und somit unseren Aufgaben als Short-Term-Volunteer vertraut gemacht.
Somit begannen 3 vollgepackte Wochen, die so ziemlich alles enthielten. Diejenigen, die das KjG-Sommerlager kennen, können sich das gerne als Vergleich heranziehen. Na ja sagen wir teilweise.
Woche 1 – Recreation
Meine Aufgaben in den ersten zwei Wochen waren sehr unterschiedlich. In der ersten Woche war ich im Recreation-Team. Wir haben hauptsächlich Outdoor Aktivitäten geplant und diese zusammen mit den Family-Gruppen, die jeweils für eine Woche im Sommer zu Corrymeela kommen, durchgeführt. Durchgeführt ist eigentlich der falsche Ausdruck, gespielt ist besser. Von Volleyball, Fussball, Pool, Mini-Olympics, Ausflügen zum Strand, ausgerüstet mit Bodyboards, Schaufeln und Eimern, natürlich nur mit Aufsicht der Eltern, bis hin zu Nachtwanderungen.
Woche 2 – Village-Link
In der zweiten Woche war ich im Village-Link. Ja, was ist denn das, fragt ihr euch sicher.
Village-Link bedeutet mit der Gruppe, die in “The Village” wohnt, verknüpft zu sein. Man ist sozusagen das Bindeglied für diese Gruppe. Diese Family-Group kam aus Nordbelfast. Als “Link” gestaltet man das Programm mit, das von einem Program-Staff* vorbereitet und zusammen mit den Long-Term-Volunteers entwickelt wird. Los ging es mit dem zubereiten und servieren des Frühstücks, über Spiele und je nach Altersgruppe mit Diskussionen und gestalterischen Dingen.
Ich war die meiste Zeit mit den “kleinen” beschäftigt. Unser Motto war Indianer. Jeden Morgen war erst einmal ein Treffen im Tippe angesagt.
Es war jedoch nicht ganz so einfach, wie sich das vielleicht anhört. Die Gruppe kam, wie gesagt, aus einem taffen Viertel aus Nordbelfast. Es gab einige Situationen, in denen ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte. So wurde es öfters ein bisschen gewalttätig unter den Familien, das war nicht schön anzuschauen. Dennoch, die Zeit bei Corrymeela bedeutet sehr viel für diese Familien und Gruppen. Es ist eine ganz andere Welt, wie bei den Familien zu Hause.
Woche 3 – Support
In der letzten Woche des Summer-Programs hatten wir eine “International Youth Conference” mit dem Thema “Public Achievement”. Public Achievement bedeutet soviel wie öffentliche Leistungen. Als Vergleich, die KjG-Reichenau ist so eine Einrichtung. Thema waren also die Organisationen bei den Jugendlichen zu Hause. Was für Sachen werden angeboten, was kann verbessert werden, was will man erreichen? Interessante Sache, wenn ca. 60 Jugendliche im Alter von 18-25 Jahren, aus sage und schreibe 13 Ländern der Welt für 10 Tage zusammen kommen.
In der Zeit waren wir von Corrymeela für das Catering und Hosting der Konferenz verantwortlich und hatten die Möglichkeit an deren Sessions teilzunehmen oder einfach zuzuhören und neue Bekanntschaften zu machen. Es war grossartig. Unter anderem wurden “Early-Morning-Activities” unternommen, das heisst soviel wie Frühsport. Mit den Finnen um 7 Uhr zum Strand rennen und eine Runde schwimmen gehen zum Beispiel. Sowie Trips nach Belfast oder zum Giants Causeway, um noch einige Aktivitäten zu nennen.
Nebenher fand unter anderem ein Markt statt. Das war sagenhaft. Jedes Land hat sich in “The Village”, Ihr wisst ja nun was “The Village” ist, vorgestellt. Mit Plakaten, Bannern usw.. man konnte sozusagen durch 13 Länder dieses Planeten schlendern… Abends hatten wir Kulturnächte. Jedes Land hat etwas typisches präsentiert, sei es ein Tanz, etwas kulinarisches, ein Lied usw..
Das war nun ein Einblick in das Summer-Program von Corrymeela.
4. Es geht los - “Long Term Volunteer”
Danach bin ich zu meiner Host Familie nach Belfast gezogen und für einige Tage dort geblieben. Danach ging es nach Dublin. Tolle Stadt, genauso wie Belfast. Habe jede Menge Leute kennen gelernt, interessant so Jugendherbergen. Mit den meisten Iren kommt man übrigens bestens klar!
Somit war dann auch schon Samstag der 3 September 2005. Barbecue der neuen Volunteers stand auf dem Programm. Und wo? Auf der Farm meiner Hostfamily. Am Tag zuvor kam die ganze Meute, Sean und Holly aus den Staaten, Erik und Thomas aus Schweden, Michael, mit dem ich ein Zimmer teile aus Birmingham, Dejana aus Serbien- Montenegro, Iulia aus Rumänien, Ronan aus Ballycastle und Gerard aus Belfast, bei ihren Hostfamilien an. Ich half natürlich beim Vorbereiten der Feier. Gegen 9 Uhr, 10 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, sind dann alle eingetrudelt. Gemeinsam genossen wir das Barbecue und quasselten fleissig. Die Stimmung war grossartig.
Am Tag danach ging es dann nach einem “Ulster Fry”, das ist ein kulinarischer Leckerbissen hier, gegen 15 Uhr nach Ballycastle zu Corrymeela. Nachdem wir wieder mal fürstlich empfangen wurden, bezogen wir unsere Zimmer und es wurde spannend “The Coventry”, so heisst unser Haus, zu erkunden. Am Morgen danach war unser erstes Treffen mit Mark unserem Volunteer Co-Ordinator und Ronnie dem Centre-Director. Von dann an standen 2 Wochen voller Informationen auf unserem Plan.
Ich versuche die 2 Wochen kurz zusammen zu fassen. Angefangen mit unseren Erwartungen und Ängsten, Teambuilding-Games (welche für mich ganz klar ein Highlight waren) Gottesdiensten, Umgang mit Kindern, Geschichte von Corrymeela, Riverwalking, Creative-Learning Einheiten usw.. Zusätzlich hatten wir Treffen mit jedem Program-Staff*. Es war auch ein Ausflug nach Belfast geplant der dann aufgrund der Unruhen, Ihr habt sicher davon gehört, abgesagt wurde. Es wäre, wie uns gesagt wurde, zu unsicher, sowie auch provokant gewesen diese Viertel zu besuchen.
Es war eine klasse Zeit, die wir zusammen verbracht haben und somit haben wir uns mit vereinten Kräften in unser erstes “Arbeitswochenende” gestürzt. Da bei mir Housekeeping auf dem Plan stand, bedeutete das Putzen, Wäsche waschen, Betten machen. Somit habe ich also voller Freude den Besen geschwungen.
So, das war nun ein kleiner Einblick in den Dienst und mein Leben hier in Nordirland.
Weiteres folgt im nächsten Rundbrief.
Vielen Dank für Eure Unterstützung.
Viele Grüsse
Eür
Fabian
Glossar
“Program-Staff”
Der Program-Staff bereitet das Programm der Gruppen vor. Er oder Sie kennt die Gruppen gut und arbeitet auch Ausserhalb des Centres mit diesen zusammen. Soweit ich es bisher mitbekommen habe, sind diese Gruppen meistens aus Arbeiterschichten.







