"Ein Herzliches Willkommen zu einer kleinen Geschichtsstunde mit dem Thema: Nordirland – die Geschichte eines Konflikts"
Daniel Hund berichtet über die (Hinter)Gründe für einen Freiwilligendienst in Nordirland. 1. und 2. Rundbrief (September und Dezember 2004)
1. Rundbrief
Daniel Hund
One World Center
Belfast, Nordirland
September 2004
Salvete!
Natureindrücke, wie man sie mit Irland oft verbindet, habe ich hier schon oft bewundern dürfen, während ich mit meinen Rad, auf manchmal doch sehr abenteuerlichen Straßen, über die Hügel Nordirlands gefahren bin.
Szenen, wie oben beschrieben, von blankem Hass getrieben und von roher Gewalt geprägt, gehören aber glücklicherweise nicht zu meinem Alltag.
Lange sind solche Straßenschlachten jedoch auch noch nicht her. Daher sind sowohl das Stadtbild Belfasts, als auch das Leben seiner Einwohner immernoch tief geprägt von dem politischen Konflikts zwischen “Katholiken” und “Protestanten”.
Der Konflikt wird nun nur, anstatt in offenen Auseinandersetzungen, in den Köpfen der Menschen, auf der politischen Bühne oder durch Einsatzkommandos der Paramilitärs weitergeführt, von denen ich in der Zeitung lese und wahrscheinlich sowieso nur den geringsten Teil mitbekomme...
Damit ihr euch nun aber auch vorstellen könnt, was es konkret bedeutet in Belfast heimisch zu sein, werde ich euch im Folgenden einfach mal einen kleinen Einblick in mein “Freiwilligenleben” im Norden Irlands geben:
Die Stadt - die Schöne und das Biest?!
Als ich hier aus Deutschland ankam, habe ich sehr schnell bemerkt, dass die Nordiren ein Umweltbewusstsein haben, das dem einer Mülldeponie der 50er Jahre gleicht:
Ø Die Kraftwerke von Mondlandschaften umgeben.
Ø Mülltrennung ein Fremdwort.
Ø Die Straßen eine Scherbenwüste.
Ø Einen Plastiktütenumsatz, bei dem man in Deutschland schon lange pleite wäre.
Ø Und Mülltonnen scheinen auch nur zur Verzierung des Stadtbilds da zu sein...
Da frage ich mich natürlich:
Ist es so schwer eine Plastiktüte zweimal zu benutzen oder zwei Meter zu laufen, um seine Orangenschalen zweckgemäß zu entsorgen?
Scheinbar schon!
Und so sehe ich mich des öfteren in eigentlich grünen Parks von Kaukgummi-Papierchen und Bananenschalen umgeben oder erlebe Autofahrer die ihre Obstschalen vor einer roten Ampel einfach aus dem Fenster werfen.
Gehe ich jedoch an einem sonnigen Tag im “Botanischen Garten“ spazieren oder gönne ich mir eine Pause vor der “City Hall”, dann sehe ich eine ganz andere Stadt:
Eine Stadt, die ohne Probleme auch mit europäischen Metropolen wie Paris oder London mithalten könnte!
Naja, vielleicht bin ich ja nur in den falschen Vierteln unterwegs und sollte bei schlechtem Wetter einfach nicht mehr vor die Tür...
Aber weiter, für Ironie ist später noch Platz genug:
Falls irgendjemand einmal auf die Idee kommen sollte mich bei meiner Arbeit zu besuchen, so wird die-/derjenige zu 99%iger Sicherheit auf unsere “Türsteher” treffen:
Das sind genauer gesagt drei bis vier Leute, die am frühen Morgen vor dem Eingang des “One World Centres” sitzen und schon so viel Bier, Whisky oder Vodka getrunken haben, dass mir von dem Geruch, allein schon beim Vorbeigehen, “kotzübel” wird!
Leider keine Einzelerscheinung! Der Alkoholkonsum liegt hier sicherlich um einiges höher als in jeder deutschen Großstadt.
Das sehe ich auch immer dann, wenn wir nachts um eins, halb zwei (um die Zeit schließen die meisten Pubs) nach Hause laufen. Wir müssen absolut keine Angst um unsere Sicherheit haben, da sowieso alle Leute um uns herum in schlimmsten Schlangenlinien “dahintorkeln” oder “sich das Getrunkene noch mal durch den Kopf gehen lassen”...
Doch auch die Leute, die noch einigermassen fitt aussehen, haben im Normalfall mindestens zwei bis drei Pints (0,568l) mehr getrunken als ich...
Wenn aber auch in den zahlreichen Pubs der Stadt die Leute Tag für Tag ein bisschen zu “tief ins Glas schauen“, so gehören sie eindeutig zu den absoluten Highlights Belfasts: Ob Whites Tavern, John Hewitts, Errigle Inn oder das Empire, jedes hat für sich eine ansprechende Atmosphäre, die sich am besten in sogenannten “Pubtours“ erleben lässt! Da gibt es nicht nur einen Tresen und ein paar Biergläser zu sehen, sondern “Pub-Quizes“, Life-Musik oder sogar kleine Theatervorführungen, die den Abend noch interssanter machen!
(Einzelheiten zu diesen Pubtouren werde ich jetzt aber einfach mal aussparen....)
Ausgehmöglichkeiten habe ich hier bei der großen Auswahl also genug, doch viel besser noch als die “einfachen” Pubs oder Clubs sind die Festivals, die hier immer mal wieder stattfinden:
Anfang August war mit dem “Feile an Phobaile”, dem West Belfast Festival, auch gleich ein Höhepunkt im Jahresprogramm:
Konzerte, politische Diskussionen und Filmvorführungen; es war jeden Tag volles Programm und eine super Stimmung! So macht das Leben Spaß!
Nicht ganz so viel Spaß machte dagegen der “Kampf mit den Formalien”:
Von “Medical Card” (Krankenversicherungskarte),
über “Housing Benefit” (Bezuschussung der Miete von Seiten des Staats),
“National Inssurance Number” (Sozialversicherungsnummer),
bis hin zu einem „Bank Account“ (Bankkonto),
musste ich hier einiges beantragen und noch viel mehr Nerven dafür investieren!
Kurz zusammengefasst: ein bürokratischer “Nightmare”!
Während man für die Krankenversicherungskarte “einfach” nur einen Arzttermin mit Grunduntersuchung durchstehen und ein einzelnes Formular ausfüllen musste, war das mit der Sozialversicherungsnummer schon ein bisschen schwieriger:
Nach 4 Wochen wurde ich da zu einem Interview gebeten, zu dem ich alle möglichen Papiere mitbringen sollte, von denen ich von den meisten noch gar nichts gehört hatte. Als sie dann genügend Infos für ihre Datenbanken hatten, wurde ich auch schon wieder in meine Arbeit entlassen:
“Der Rest erledigt sich jetzt von alleine!“ Einfach warten: zwei bis drei Monate sollten da reichen! Glück gehabt!!! Denn nach Aussage des Angestellten beträgt die normale Wartezeit für dieses erste Interview momentan allein schon 4 Monate!!!
Aber es geht ja noch weiter:
Für das “Housing Benefit” musste ich erst mal einen Katalog mit englischen Fachwörtern gespickten Fragen ausfüllen (oder besser ausfüllen lassen, denn ohne Hilfe säße ich da wahrscheinlich heute noch dran)!
Anschließend, wer hätte das gedacht, mal wieder ein paar Wochen warten...
Während aber so manche andere Freiwillige heute noch auf ihre ersten Cheques warten und sich auf die durchschnittlichen zwei bis drei (Standard-) Monate einstellen, habe ich meinen schon bekommen und musste mich nur noch um die Rückdatierung kümmern...
Die absolute Krönung kommt jedoch erst:
Die Erönffnung meines nordirischen Bankkontos: Doppelt und dreifache Identitäts-nachweise, Briefe von Vermieter und Arbeitgeber...! Aber die waren immernoch noch nicht zufrieden:
“Ohne bezahlte Öl- oder Strom-Rechnung auf deinen Namen gibts hier nichts!”
Nach 2 Wochen in einer WG kann man das ja wohl auch von mir verlangen...!
Naja, irgendwie habe ich es aber doch geschafft eine 3monatige Übergangslösung zu finden! Juchuuu! Ich kann wirklich stolz auf mich sein!
Nun kenne ich nämlich wenigstens auch mal das Gefühl gegen Ende der Woche regelmäßig absolut “blank” zu sein und mich richtig zu freuen, genügend Geld zu haben, um mir Milch für meine Cornflakes zu kaufen!
(Mit Wasser schmecken die nämlich absolut besch- - -eiden...)
Nun aber zu den echten Lichtblicken in meiner Eingewöhungszeit:
Die Wohnungssuche!
Nachdem ich erstmal 4 Tage bei anderen Freiwilligen unterkommen konnte, habe ich richtig schnell ein brauchbares Zimmer gefunden.
Kaum zu glauben, aber ich konnte ohne bürokratischen Aufwand sofort einziehen! Dass die ganze Suche auch noch parallel zu meiner Arbeit ablief, macht dann alles noch viel erstaunlicher! Da denke ich dann mitfühlend an die vielen Wohnungssuchenden in deutschen Unistädten, die von solchen Umständen wohl nur träumen können...
Nun lebe ich also schon über einen Monat, 5-10 Minuten mit dem Rad von meiner Arbeit und einen Katzensprung vom großen “Ormeau Park” entfernt. Nachdem ich mir nun auch öfters mal Milch und Cornflakes leisten kann, lohnt sich der günstige Supermarkt um die Ecke auch und ich kann das Haus zufrieden mit meinen vier Mitbewohnerinnen teilen...
Die Suche nach einer “accomondation” (Unterkunft) brachte jedoch auch noch andere unerwartete Erfahrungen mit sich:
Zwangsläufig sah ich dabei mehr von dieser Stadt, als ich zu Beginn eines solchen Jahres vielleicht sehen wollte.
Positiv ausgedrückt: Ich konnte mir ein sehr gutes Bild davon machen wie tief die Gräben zwischen den Konfliktparteien tatsächlich sind.
Ob vereinzelte irisch grün-weiß-orangene Flaggen, massenhaft „Union-Jacks“ oder angemalte Bordsteine: Ich kam mir echt vor wie an einem “schmutzigen Donnerstag” oder “Rosenmontag”.
Leider ist der Anlass für diesen “Straßenschmuck” nicht ganz so fröhlich wie an Fasnacht bei uns.
Bester Beweis dafür sind die zahlreichen “Murals”, für die Belfast mittlerweile berühmt geworden ist. Das sind Wandgemälde, riesige Graffities, die teilweise außerordentlich kunstvoll politische Meinungen darstellen und in manchen Stadtvierteln nahezu keine Hauswand unbemalt lassen.
Doch Flaggen und Murals sind eindeutig die schönere Seite des konfliktbestimmten Stadtbilds:
Viel häufiger findet man meterhohe Zäune, Stacheldraht und sogenannte “Peacewalls“, die “befeindete” Viertel von einander trennen und die Stadt wie einen Flickenteppich aus protestantischen und katholischen Vierteln aussehen lassen.
Schwer gepanzerte “Crime-stopper”, brennende Mülltonnen, vergitterte Kirchenfenster, eingeworfene Scheiben, ausgebrannte Wohnungen, Kinder, die aus Langeweile oder aufgrund der Niederlage ihres Lieblingsfußballclubs Steine werfen:
Der Alltag in Belfast hat immer wieder neue Überraschungen auf Lager!
Selbst tagsüber wird man durch die zahlreichen Türsteher vor den Geschäften und Restaurants immer wieder auf die traurige Geschichte und Situation Belfasts hingewiesen.
Es ist leider wirklich außerordentlich schwer dem Ganzen auch nur etwas Positives abzugewinnen, denn selbst die rhythmische Marschmusik, von der ich schon das ein oder andere Mal aus dem Mittagsschlaf gerissen wurde, wird auch nur von ernsten Grimassen und skeptischen Blicken begleitet.
Das Misstrauen in dieser Stadt geht sogar so weit, dass einige Leute einen riesen Bogen um mich gemacht und mich voller Angst und Hass angesehen haben, als ich eines Nachts mit zwei zusammengerollten Postern “bewaffnet” alleine durch die “Donegall Road“ (Verbindungsstraße von dem katholischen East Belfast ins Stadtzentrum) nach Hause gegangen bin.
Wie tief muss sich da dieser Konflikt schon in die Köpfe und das Denken der Menschen hineingefressen haben?
Für einen Außenstehenden wie mich wirklich äußerst schwer nachvollziehbar, zumal wirklich nur äußerst selten über den Konflikt gesprochen wird.
Land, Leute, Kultur - zwei Stunden Flug verändern Welten:
Die Stadt, die Landschaft, die neue Situation, all das macht dieses Auslandsjahr schon zu einem riesigen Abenteuer!
Doch zu all dem kommen auch noch andere Kleinigkeiten, die mich, auf jeden Fall jetzt am Anfang, daran erinnern, dass ich eben nicht in der badischen Ortenau bin.
Ob das Vollkornbrot vom Bäcker, das frische Obst und Gemüse aus Omas Garten oder das “Honnstriebel-Schlecksel” (für Un(sym)badische: Johannisbeermarmelade) für eine Linzertorte: entweder nur schwer zu finden oder ganz und gar unauffindbar!
Die Essgewohnheiten habe ich in diesen ersten Wochen wirklich radikal umstellen müssen!
Doch auch wenn es ungewohnt ist, musste ich noch keinen Hunger leiden, zumal südafrikanische Äpfel auch essbar sind und man ja auch eine Linzertorte mit Whiskey und Mandeln backen kann...
Da wäre ich aber auch schon beim nächsten Thema: Hättet ihr vermutet, dass es in einer 300000-Einwohner Stadt wie Belfast fast unmöglich ist an gemahlene Haselnüsse ranzukommen? Unglaublich! Ich war echt kurz davor die Wände hochzugehen bis ich dann einen (!) kleinen Laden gefunden, der sie jetzt immer auf Anfrage ordert.
Aber auch ansonsten sind die Einkäufe in den großen Supermärkten wie “Tesco“, “Sainsbury’s“ oder “Dunnes Stores“ immer wieder ein Erlebnis! Die sind so merkwürdig sortiert, dass ich jedes Mal wieder etwas Neues entdecke...
Irgendwann werde ich dieses System aber noch durchschauen, denn sonst müsste ich mich ja wie die Nordiren nur noch von Vitaminpillen und “Light”-Produkten ernähren. Und ehrlich gesagt möchte ich lieber nicht daran denken wie 100% fettfreie Milch schmeckt!
Immer wieder aufs Neue überrascht mich auch das Wetter hier:
Dass es häufiger mal regnet, damit habe ich gerechnet, dass es sich aber innerhalb weniger Augenblicke mehrmals täglich ändert, das hätte ich beim besten Willen nicht gedacht.
“We call this the Vivaldi weather: Four seasons in one day”
Dieses Zitat eines Iren in Dubin beschreibt haargenau wie ich mir hier manchmal vorkomme! Da gibts nur eins:
Bloß den Schirm nicht vergessen!!! Denn sonst kannst du hier so richtig baden gehen...
Verlässt du dich aber einmal darauf, dass der Regen bestimmt bald wieder aufhört, dann kannst du auch richtig Pech haben...:
Naja, an die vier Stunden Rennrad durch Dauerregen, mit kleinen Sturzbächen auf den Straßen, in Richtung Nordküste zum Kilcranny House (EIRENE-Projekt) werde ich mich auch nach 12 Monaten bestimmt noch sehr gut erinnern!
War schließlich auch mein erster offizieller Urlaub!
Und da der folgende Tag umso schöner war, darf ich auch hier feststellen:
Schwerer Anfang ist 10 mal heilsamer als leichter Anfang!
Der kurze Trip an die Nordküste war aber nicht der einzige Ausflug “ins Land” der grünen Hügel und freilaufenden Schafe:
So habe ich auch schon die Freiwillige bei Eco-Seeds, 50 Kilometer südlich von Belfast in Strangford, besucht. Dort habe ich dann zusammen ihr und ihren Mitarbeitern einmal das Leben eines kleinen irischen Orts erleben dürfen: Nochmal was ganz anders als in der großen Stadt: Viel weniger Pubs und die Leute konnten mir sogar weiterhelfen, als ich sie nach dem Weg fragte!
Genauso wenig wie sich aber das ländliche Leben mit dem in Belfast vergleichen lässt, sollte man aber Belfast mit der irischen Hauptstadt Dublin vergleichen.
Belfast eher die überschaubare Großstadt, die mit sich selbst beschäftigt ist und dagegen Dublin, die Metropole, in der sich Ströme von Menschenmassen durch die Einkaufs-straßen schieben und auf neu angelegten großen Plätzen versammeln.
Mein viertägiger Kurztrips nach Dublin war wirklich begeisternd. Da trifft sich alt und neu und irgendwie passt auch alles zusammen: Hier haben die Städteplaner wirklich Großartiges geleistet!
Der einzige Wermutstropfen sind nur die Preise, die sich ein Normalsterblicher fast nicht mehr leisten kann. Und ein Freiwilliger schon gar nicht!
Aber was solls, ich wohne ja nicht dort...
In Dublin durfte ich dann auch noch eine weitere irische Besonderheit erleben:
GAELIC FOOTBALL!
Das Halbfinale der nationalen Liga in “Croke Park“ zwischen Kerry und Derry.
So eine Atmosphäre habe ich bisher noch in keinem deutschen Fußball-Stadion erlebt! Einfach überwältigend!
Nun aber kurz zu diesem Sport:
Es ist so eine Art Mischung aus Fußball und Rugby, bei dem man den Ball “schlagen” und auch “kicken” darf. Die Tore bestehen aus normalen Fußballtoren, die 3fach zählen, und Rugbytoren (zwei hohe Stangen), die einfach zählen.
Soweit zur Theorie. In der Praxsis macht es einfach nur Spaß zuzusehen!
Das Spiel ist extrem schnell und verdammt hart: Platzwunden gehören da schon mal zum Spielalltag dazu. Der Unterschied zwischen Foul und hartem Tackling ist, nach Aussage meines Sitznachbarn, auch nur eine Interpretationssache des Schiris und so sieht das Ganze manchmal aus wie Fußball ohne Regeln, was es natürlich auch wieder nicht ist!
Sport und Leben verlaufen wie erwartet einfach nach ihren eigenen Regeln, die ich hoffentlich auch noch lernen und mich vielleicht sogar an sie gewöhnen werde...
Die Arbeit - sarkastisch ironischer Alltag von 9 bis 5:
Ø 79 ungelesene Emails
Ø ein 30 Zentimeter hoher Stapel aus Büchern, Briefen und Magazinen
Ø Rechnungen und Aufträge
Ø eine einseitig eng bedruckte To-do-Liste
Ø eine Zipdisc voll mit Formularen, Briefen und Tabellen
Ø und die Hälfte der Mitarbeiter in Urlaub...
So sah mein Einstieg in die Arbeit aus, nachdem ich noch keine 24 Stunden in Belfast angekommen war!
“Toll”, dachte ich mir da nur und habe halt mal (mehr oder weniger strukturiert) an einem Ende angefangen, um mich Stück für Stück durchzuwülen...
Das hat natürlich nie ganz so funktioniert wie es sollte.
Die Belegschaft war dann irgendwann auch wieder komplett und so musste ich mich auch noch um einen funktionierenden PC “streiten”, da meiner von Anfang an keine Lust hatte so zu wollen wie ich es wollte.
Perfekte Vorraussetzungen für neue Erkenntnisse, die sich in dem Unwort der ersten Wochen ganz kurz zusammenfassen lassen:
“Character Building”!!!
Egal ob defekte Computer, sinnlose Briefe, überflüssige Bürokratie, unsortierte Bücherregale:
“Siehs positiv: das stärkt den Charakter!”
Wenn man morgens klatschnass ins Centre kommt oder mal wieder etwas gestresst vom letzten Amt zurückkehrt:
Die Mitarbeiter hatten immer ein schadenfrohes Grinsen aufgesetzt und eine Auf-munterung parat:
“Take it easy! That’s character building...”!
Mittlerweile klappt aber alles ganz gut und ich fühle mich hier richtig wohl!
Jetzt darf ich nämlich schadenfroh grinsen und meinen Mitarbeitern mit einem
“Calm down, that’s character building!” ein verzweifeltes Lächeln abgewinnen...
Wenn die Mitarbeiter auf der gleichen Wellenlänge liegen und den gleichen Humor haben, macht die Arbeit natürlich besonders Spaß. Doch wenn auch das Thema und die Aufgabe der Arbeit richtig interessant sind, dann kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen!
So also, zu den konkreten Aufgaben im “One World Centre”:
Es ist Sommer und es gab bisher (noch) keine Studenten, die in der Bibliothek nach Materialien für ihre Studien suchten...
Wenn diese Studenten aber im Oktober nach dem Umzug des Centres kommen, wird es mein Job, als “Herr der Bücher”, sein, neue Mitglieder in die Kartei aufzunehmen, abzukassieren und dafür zu sorgen, dass sie ihre Bücher wieder zurückbringen.
Vorher müssen sie natürlich aber erstmal passendes Material finden... Damit die sich dabei nicht totsuchen, halte ich zum einen die Datenbanken auf aktuellem Stand und habe jetzt in der studentenfreien Zeit eine Resourcenliste zu ihrem diesjährigen Studienthema zusammengestellt und deren Prof. in die Hand gedrückt. Dann können sie selber nachsehen und brauchen mich nicht immer fragen...
Die nächsten zwei bis drei Monate gilt also: Bibliotheksarbeit!
Neben dieser Bibliotheksarbeit und alltäglichen Dingen, wie Briefe verschicken und Emails beantworten, gibt es noch andere Dienstleistungen, die das Centre anbietet und bei denen ich auch mit von der Partie bin.
Zum einen habe ich da mittlerweile schon zwei “Ebulletins” (Emailrundbriefe) geschrieben, die über alle möglichen Veranstaltungen, Seminare und Materialien des Themas Entwicklung (-hilfe, -politik, -länder, etc.) informieren.
Zum anderen werde ich demnächst an einem Projekt unseres Centres teilnehmen, bei dem einer Jugendgruppe die Probleme der Globalisierung genauer und vor allem gut verständlich erklärt werden. Das wird bestimmt richtig lustig, zumal ich auf meiner Projektreise schon einmal bei einer solchen Sache dabei war.
Außerhalb meiner regulären Arbeitszeit habe ich mich wie Theo, mein Vorgänger, bei einer Aktionsgruppe, bei der das Centre ebenfalls Teil ist, angemeldet, um mich dort für inhaftierte Flüchtlinge in Nordirland zu engagieren. Genaueres gibt es dazu hoffentlich im nächsten Brief.
Nur so viel:
Es geht darum mit den Inhaftierten im Gefängnis zu sprechen und sie dabei zu unterstützen, dass sie sowohl rechtlich als auch menschlich fair behandelt werden.
Logischerweise ist das alles wieder mit bürokratischen Aufwand verbunden und so kann ich heute nicht sagen, ob es 3 Wochen oder 3 Monate dauert, bis mich die Behörden zulassen...
Wieder zurück zur Arbeit zwischen 9 und 5:
Zu den oben beschriebenen regelmäßig anfallenden Arbeiten kommen dann noch einzelne zahlreiche Veranstaltungen dazu.
So zum Beispiel Informationsstände beim “West Belfast Festival“ oder bei sogenannten “Fresher’s Bazaars“, die immer zu Studienbeginn für die neuen Studenten veranstaltet werden. Dort geht es einfach darum Öffentlichkeit zu schaffen und die Menschen (vor allem die Studenten) auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen.
In Kürze werde ich auch mit einer Mitarbeiterin an der Universität von Coleraine gehen und für die dortigen Studenten zwei Workshops zu einer neuen Webseite durchführen, bei der sie mitgearbeitet hat.
Das allerbeste an meiner Arbeit ist aber der total unkomplizierte Zugang zu neusten Ereignissen und Informationen aus aller Welt, vor allem aus Ländern, von denen man sonst gar nichts hört!
Es ist einfach Teil der Arbeit Artikel über die Mongolei, den Sudan oder Chile zu lesen und dann bestimmten Überthemen wie Menschenrechte, Umwelt, etc. zuzuordnen. Bildung und Arbeit vereint - einfach optimal!
Außerdem erfährt man ohne jede Anstrenung immer rechtzeitig von den vielen Vorlesungen und Diskussionen, die in und um Belfast regelmäßig stattfinden. So war ich schon bei Veranstaltungen über die Situation in Palestina und den Israelischnen Mauerbau oder über die Krise im Sudan.
In nächster Zeit kommen dann noch Veranstaltungen zu Cuba oder Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe im Allgemein dazu.
Wenn es aber mal keine “events” gibt und ich gerade kein Interesse an schwerer Kost habe, kann ich mich ja immernoch mit den Mitarbeitern unterhalten und alles Mögliche diskutieren:
Ø Die nordirische Geschichte, die “Troubles” (Unruhen),
über die in dieser Stadt offensichtlich ein inoffizielles Redeverbot verhängt wurde.
Ø Deutschland und das neue Europa
Ø die Wochenendplanung und schönsten Ausflugsziele
Ø der leere Kühlschrank daheim...
Oder ich versuche irgendwelche “sinnvollen” Antworten auf die auflockernden Kommentare der Mitarbeiter zu finden:
Ø “Wie schubst man die nervigen Rennradfahrer am effektivsten von der Straße?”
Ø “Wo kommt nur der ’Dachschaden’ des neuen Freiwilligen her?”
Ø “Soll man den Chef mit dem Infoschild des Centres, oder lieber ohne, beim ’Redbull-Flugtag’ im Lagan versenken?”
[...]
Die Unterkunft - Das normal verrückte Chaos einer WG:
Nachdem am Wochenende, an dem ich dummerweise unterwegs war, ein spontanes Fest in unserem Haus gestiegen ist, die Pintgläser noch im Treppenhaus verteilt sind und der Unbekannte auf dem Sessel vor meiner Tür auch wieder verschwunden ist, hat der Alltag wieder Einzug gehalten.
Es ist Feierabend nach einem viel zu langen arbeitsintensiven Montag:
Ich komme als dritter (von 5 Bewohnern) um kurz nach 5pm von meiner Arbeit nach Hause und stelle mein Fahrrad wie gewohnt in den sowieso nicht gerade breiten Flur. Dabei trample ich auf irgendwelchen Kofferraumabdeckplatten herum, die jemand anders in seinem Auto wohl gerade nicht gebrauchen kann...
In der Küche wird schon fleißig gebrutzelt, was mich jedoch eher an so manche tollkühnen Chemieversuche erinnert, als an die Gourmet-Küche daheim...
Im Wohnzimmer davor läuft die Glotze und das Programm wechselt ständig zwischen den olympischen Glanztaten “gut gebauter Schwimmer” (wie erwähnt wohne ich zusammen mit vier nordirischen Mädels) und den tragischen Schicksalen der “Coronation Street” (eine Art englische Lindenstrasse)...
Nachdem das Programm in einem mehr oder minder wilden Kampf (die Olympia- Fraktion musste kurzfristig Rauchwolken in der Küche bekämpfen) schon wieder wechselt räume ich vorerst das Feld und gehe einen Stock höher auf mein Zimmer.
“Mist, du wolltest doch gestern Abend mal Ordnung schaffen” der kurze Gedanke, der dann aber aufgrund des akuten Hungers schnell wieder auf morgen verschoben wird.
Zurück in der Küche: Erste Mikrowellengerichte sind fertig, die besten Sofaplätze belegt und ich habe nun auch Platz mir etwas Nahrhaftes zu richten, nachdem es den ganzen Tag nur Schokoriegel und Obst “zwischen die Kiemen“ gab.
“Hmm, sieht mau aus...” Nur noch Kartoffeln und Ketchup im Vorratsschrank und ein paar Scheiben Toast, die irgendwie auch noch vom letzten Großeinkauf überlebt haben. Der ist halt auch schon wieder über ne Woche her...
“Naja, was solls, ist im Moment ja eeh kein Geschirr verfügbar” - jedenfalls kein sauberes - und abwaschen um sich Kartofflen essbar zu machen? “Neeeee!”
Also gibts gibts Kartoffeln am nächsten Tag und heute nur Marmite- und Ketchup-Toasts und immernoch die Hoffnung, das eine der Mitbewohnerinnen “schwächelt” und etwas von ihrer Kreation für mich abfällt...
Mit drei Toasts und einer Banane bewaffnet quetsche ich mich also auch noch auf ein Sofa und darf mir irgendeine undefinierbare Nationalhymne zu meinem Vesper anhören!
Da nun aber mittlerweile auch die beiden anderen heimgekommen sind, am Fahhrrad hängen geblieben, über die Abdeckplatte gestolpert und in der Küche beinahe auf ein paar Essensresten ausgerutscht sind, ist es nun an der Zeit die wichtigen Dinge im Leben zu diskutieren – die Abendplanung:
Welcher Pub ist denn heute angesagt? “Hatfields”, schon wieder das “Globe” oder doch lieber das “Limelight”? (Bei so vielen Pubs besteht da wie immer reger Diskussionsbedarf!) Schließlich sind wir uns dann nach 15 Minuten einig, dass wir ja nicht unbedingt zusammen weggehen müssen und so verfolgt jeder seine eigenen Vorstellungen...
In der Küche stapeln sich mittlerweile so viele Töpfe und Pfannen, dass ich mir nun zu 100% sicher sein kann, dass der Schrank bestimmt keine mehr zu bieten hat. Das ist jedoch relativ egal, da eigentlich jeder (auch ich) von asiatischem Süß-Sauer und dem Versuch richtiges Brot zu backen vollkommen satt und zufrieden ist.
Naja, jedenfalls fast zufrieden, denn der Abwasch wird dann doch erst mal auf später verschoben, da irgendwie jeder auf einmal in der Stadt oder auf seinem Zimmer wichtiges zu erledigen hat, das sich unter keinen Umständen verschieben ließe...
Um neun rum ist das Haus dann fast schon wieder leer, da jeder bei jemand anderem verabredet ist und so gehe ich mal auch los...
[…]
Nach einem doch sehr alkoholreichen Abend und einem abenteurlichen Nachhauseweg, komme ich so gegen halb drei zu Hause an und habe einen Bärenhunger:
Toasts sind dummerweise alle, aber ich habe ja noch die Kartoffeln! Irgendeinen Topf schnell ausgespült, die Pfannen und Teller vom Herd geschoben und erst mal das Wasser aufgesetzt!
Was für ein Anblick: Neben der Spüle türmen sich zwei Berge von Geschirr:
Einer, der sich schon seit 2 Tagen selbst abtrocknet und einer, den keiner anfassen will...
Dahinter kochen dann erst mal meine Kartoffeln und in den 20 Minuten Warten könnte man ja auch mal wieder seine Wäsche machen, die sich auch schon zu einem beachtlichen Berg angesammelt hat. Natürlich ist die Waschmaschine mal wieder “besetzt”! Doch gerade als ich mich über diesen “Saftladen” aufregen will, kommt eine Mitbewohnerin in die Küche gestolpert…
Anstatt sich über meine nächtliche Ruhestörung zu beschweren, schmiert sie sich einen dicken „Kerry Gold Light“- Toast und fragt mich in einem schwer verständlichen Gelalle:
- Are you drunk?
- Nicht so arg wie du, aber ich seh irgendwie alles so verschwommen...
- Hehe! That’s perfect! You’ll get used to it:
That’s life in Belfast!
In diesem Sinne bin ich mal gespannt wie sich dieses “Leben in Belfast” weiter entwickelt und wünsche euch und mir alles Gute und einen schönen Herbst!
Mit freundlichen Grüßen
Euer
spanisch, französisch, griechisch, portugisisch, italienisch,
mexikanisch, cubanisch, brasilianische Malteser
Daniel
P.S.: Ich bin ja mal gespannt was für Nationalitäten sie mir hier noch so aufdrücken...
2. Rundbrief
Daniel Hund
One World Center
Belfast, Nordirland
Dezember 2004
Hallo alle miteinander!
Nachdem ich seit dem letzten Brief (entgegen so mancher Vermutung) weder an einer Lebensmittelvergiftung zu Grunde gegangen, noch als depressiver Alkoholiker in der Gosse gelandet bin, werde ich meinem Schreibdrang einmal mehr ungehemmt freien Lauf lassen!
…
i-n-ature – die Gedanken sind frei...
Ob strahlend grün und leuchtend rot,
ob blendend weiß und glänzend nass –
an berauschenden Natureindrücken fehlt es der irischen Insel wirklich nicht!
Naja, besser FEHLTE, denn Mitte Oktober war auch hier recht schnell wieder Schluss mit grünenden Landschaften und Sonnenschein.
Kurz gesagt: November-Schmuddelwetter!
Doch bis dahin zeigte sich Irland glücklicherweise von seiner schönsten Seite:
Beim Wandern, Radln oder selbst im Auto – nachwievor einfach überwältigend!
Unterm klaren Sternenhimmel, am rauschenden Meer, am plätschernden Bach, im Schatten eines majestätischen Baumes:
Noch nie zuvor hatte ich so viel Zeit und gleichzeitig das passende Umfeld, um zur Ruhe zu kommen, jede Menge Wunschliteratur zu lesen (nicht “Kabale & Liebe“ oder
“Effi Briest“) und mir jede Menge Gedanken zu machen:
Schalombote Daniel Hund – Wieso gerade Nordirland?
Die Antwort auf diese Frage finde ich eines Morgens ganz zufällig im “Guardian“:
Der Leitartikel:
“Am internationalen Friedenstag der UN herrschen immernoch Krieg und Gewalt...“
Die Kernaussage:
Zu den 21 bewaffneten Konflikten auf der Welt gehören nachwievor auch die
“Troubles“ (dt.: “Unruhen“) in Nordirland.
Doch wie kam es eigentlich zu diesem Konflikt?
