Internationaler Christlicher Friedensdienst

"es ist soviel passiert, dass sich die 3 Monate eher wie 3 Jahre anfühlen"

Florian Götz berichtet von seinen Erfahrungen aus Vorbereitung, Ankunft und Projektarbeit in Dublin. 1. Rundbrief (Spätherbst 2004)

Florian Götz

Rundbrief Nr. 1

Dublin, VSI

Spätherbst 2004

 

Liebe Sponsoren,  Interessierte, Freunde & Familie,

 

herzlich willkommen in meinem ersten Rundbrief aus meinem Friedensdienstjahr bei VSI, Voluntary Service International, in Dublin. Für diejenigen, die mich nicht kennen und denen dieser Rundbrief nur zufällig in die Hände gefallen ist, sowie für diejenigen, die mich bereits vergessen haben: Ich bin Florian Götz, 19 Jahre alt, und habe, nachdem ich vor 3 Monaten frisch als Abiturient gebacken wurde, über die Freiwilligenorganisation Eirene einen Friedensdienst in Irland begonnen. Hier arbeite ich im Büro einer weiteren Freiwilligenorganisation, Voluntary Service International, als Projects Officer. Mehr dazu im Verlauf des Rundbriefs...

 

Man sagt ja immer, die Zeit vergeht im Flug, aber das stimmt bei mir nicht – es ist soviel passiert, dass sich die 3 Monate eher wie 3 Jahre anfühlen! Weil das alles viel zu viel Informationen und Stories und Anekdoten für die Seiten dieses Newsletter sind, habe ich schon in Erwägung gezogen, jeden Satz abzubrechen, sobald klar ist was gemeint

 

Bevor ich anfange zu erzählen, erst noch einmal herzlichste Danksagung an alle, die mich ideell und finanziell unterstützt haben, diesen Dienst anzutreten (besonders an Toni, dein Beitrag hat mich am meisten gefreut!! :-) Wünsche gute Unterhaltung, und vielleicht auch eine Prise Nachdenklichkeit!

 

Wo fange ich an? Am besten... ganz vorne, vor 3 „Jahren“...

 

 

Abreise und Ankunft

 

Der Ausreisekurs: Sachinformationen, und ein auβergewöhnlicher Ausflug

 

Bevor es nach Dublin ging, organisierte Eirene, meine deutsche Sendeorganisation, einen zweiwöchigen Ausreisekurs in ihrer Geschäftsstelle in Neuwied sowie einer Ökofarm in Odernheim. Wie die meisten anderen der 25 Teilnehmer war auch ich anfangs davon überzeugt, dass das viel zu lang sei, wir fühlten uns alle doch eh schon perfekt vorbereitet. Doch zahlreiche Aktivitäten, Informationen, und vor allem der Austausch mit den anderen Freiwilligen machte den Ausreisekurs zu einem wunderbaren Erlebnis.

 

Wir Teilnehmer waren allesamt zukünftige Eirene-Freiwillige, jedoch mit vollkommen unterschiedlichen Bestimmungsorten, und auch Alters. Etliche Freiwillige sollten mit mir nach Irland bzw. Nordirland aufbrechen, andere gingen in andere Länder Europas, die USA, Afrika oder Südamerika.

 

Neben den grundlegenden wichtigen Informationen über Versicherung u.ä. führten uns etliche ausgeklügelte Aktivitäten und „Spiele“ vor, in welche Probleme man als Langzeitfreiwilliger in einer anderen Kultur geraten kann, und wie man sie am besten löst.

 

Das Highlight des Ausreisekurses war jedoch ein auβergewöhnlicher „Ausflug“, der uns auf das „Allein- und Auf-Hilfe-angewiesen-Sein“ in fremder Umgebung vorbereiten sollte: 4 Freiwillige, Britta (Bestimmungsort: Nicaragua), Renate (Niger), Daniel (Belfast) und ich wurden ca. 15 km von unserem Tagungshaus in Neuwied entfernt ausgesetzt, ohne Geld und Handy, mit dem Auftrag: „Kommt zum Abendessen zurück!“ Ohne fremde Hilfe wäre das wohl kaum möglich, oder zumindest ein arg langer Weg gewesen.

 

Unser erster Kontakt mit einem ältlichen Ehepaar aus dem Miniaturdorf Krümmel war noch etwas schockierend, als uns der freundliche Herr vom kürzlich erst im TV gesehenen Report über „bis oben hin mit AIDS vollgepumpte afrikanische Stammeshäuptlinge“ berichtete. Doch danach machten wir nur noch gute Erfahrungen und trafen freundliche & hilfsbereite Leute: Im nächsten Dorf wurden wir im Internat zum Mittagessen eingeladen und bekamen sogar Fresspakete und 5 Euro mit auf den Weg, bevor uns ein freundlicher Straβenmeistereifahrer fast bis ganz nach Hause fuhr.

 

Insgesamt war der Ausreisekurs eine sehr lehrreiche Vorbereitung auf das, was dann kommen sollte...

 

 

Meine Abreise: Ein letztes Tennisspiel, die freundlichen Frauen der Lufthansa, und eine Gepäcksirrfahrt

 

Schon vor dem Ausreisekurs hatte ich meine Koffer packen und mich von Familie und Freunden verabschieden müssen, denn noch am selben Wochenende ging mein Flieger von Düsseldorf. Zuvor besuchte ich noch das (im Vergleich zu unserem Dubliner Büro gnadenlos gut aufgeräumte) Büro von SCI-Deutschland, dem deutschen Äquivalent von VSI, in Bonn, unterhielt mich mit Geschäftsführer Uli und den dortigen Freiwilligen, Lucia aus Slowenien und Mauro aus Italien, die mich in der kommenden Nacht in ihrer Wohnung übernachten lieβen und mit denen ich zuvor noch einen schönen Sommerabend in Bonn verbrachte.


Den nächsten Tag verbrachte ich in der Düsseldorfer Gegend, wo mich Matthias, ein Freund meiner Eltern, empfing und mich zu einem letzten Tennisspiel unter brütender Hitze und zu einem Kaffee einlud, bevor er mir am Flughafen beistand.


Wo wir Zeugen der unfassbaren Freundlichkeit der zuvorkommenden Frauen der Lufthansa wurden. Als ich meinen Koffer mit 24kg einchecken wollte, bestand die zuständige Stewardess darauf, dass ich für die gerade einmal 4 kg Übergewicht zahlen müsste – sie sei ja schlieβlich von Lufthansa und könne beim Einchecken für eine andere Fluglinie keinerlei Zugeständnisse machen. Mein hasenäugiges Betteln – ich sei ja schlieβlich ein armer Freiwilliger, der für ein ganzes Jahr von zu Hause wegginge – hatte tatsächlich eine Reaktion zufolge:
„Dann zeigen Sie doch mal Ihr Handgepäck, das hat bestimmt auch Übergewicht.“ Selbstverständlich hatte ich alle schweren Gegenstände ins Handgepäck – das ja nie gewogen wird – gepackt. So lief es darauf hinaus, dass ich mein Handgepäck leeren durfte, meinen Koffer noch weiter erschweren und einige Sachen beim hilfsbereiten Matthias zurücklassen musste.

 

Nach Verzögerungen wegen Computerproblemen beim Einchecken, einem Gewitter und technischen Problemen beim Transport der Koffer ins Flugzeug war ich tatsächlich in Dublin angekommen. Mein Koffer natürlich nicht. Wenigstens war ich nicht der einzige, dem das passierte: Anna und Stefan aus Krefeld bzw. Lüllingen, die eine zehntägige Trampingrundreise durch Irland vorhatten, standen auch nur mit der Hälfte ihres Gepäcks da: Stefans Rucksack, inklusive Zelt, war in Deutschland – oder sonstwo – geblieben. Nachdem ich ihnen noch geholfen hatte, eine Jugendherberge in Dublin zu finden (was gar nicht so einfach war, denn es war bereits Mitternacht und fast alle Jugendherbergen waren komplett ausgebucht), trafen wir uns am nächsten Tag wieder, um gemeinsam nach unseren Koffern zu suchen.

Tatsächlich fanden wir die Koffer wieder, als wir auf gut Glück am nächsten Tag zum Flughafen fuhren (nachdem die elektronische Koffervermisstenansagerin uns per Telefon mitgeteilt hatte, sie habe keine Ahnung, wo unsere Koffer sind). Nur das Zelt war verschwunden, und Anna und Stefan konnten wieder nicht aufbrechen – ihr Ticket nach Cork hatten wir dank der Informationen der Koffervermisstenansagerin sowieso storniert. So verbrachten wir den nächsten Abend zusammen in Dubliner Pubs und sie übernachteten auf meinem Küchenboden – das Gästezimmer war schon mit mir belegt, da mein Vorgänger und einer seiner Freunde ebenfalls noch da waren. Naja, viel Stress, aber immerhin neue Freunde...

 

Meine Arbeit bei VSI

Volunteer Service International, Muellsaecke packen und vieles mehr


VSI ist der irische Zweig von SCI (Service Civil International), einer der ältesten internationalen Friedens- und Freiwilligenorganisationen. Sie hat Zweige oder Partnerorganisationen in (fast) allen Ländern, die dort Freiwilligenprojekte verschiedenster Art organisieren.

 

VSI ist ein vergleichsweise kleiner, dafür aber sehr familiärer Zweig von SCI. Bei uns arbeiten 4 Vollzeitangestellte, zwei Halbtagskräfte sowie eine Freiwillige, in zwei Büroräumen. Ich teile einen Raum mit Tom, dem „Chef“, der seit Jahrzehnten für VSI arbeitet, sowie Helen, einer Britin, die erst letztes Jahr hier angefangen hat und die meine Vorgesetzte im Bereich der „International Volunteer Projects“ ist. Insgesamt bieten wir fünf verschiedene Programme für Freiwilligendienst an – hier ein kurzer Überblick:

 

International Volunteer Projects Programme:

Im Rahmen dieses Programms werden sogenannte „Workcamps“ (in englischsprachigen Ländern aus political correctness in „International Volunteer Projects“ umgetauft) organisiert, wo eine Gruppe internationaler Freiwilliger zusammen für 2-3 Wochen an einem gemeinnützigen Projekt arbeitet. Dies kann z.B. im sozialen Bereich liegen (Arbeiten mit Kindern, Behinderten, Obdachlosen,...), im Umweltschutz (Verlegen von Waldwegen,...) oder im kulturellen Bereich (Helfen bei Theater- und Filmfestivals,...). Dabei wird jedoch nicht nur auf das Verrichten der Arbeit Wert gelegt, sondern auch auf den kulturellen Austausch der Teilnehmer untereinander sowie mit der lokalen Gemeinde, der so sehr zur Völkerverständigung beitragen kann.

 

Die Hauptverantwortliche für dieses Programm ist Helen, aber auch mein Hauptaufgabengebiet liegt in diesem Bereich. Während der Projektsaison von April bis Oktober bin ich für die Platzierung irischer Freiwilliger in internationalen Projekten (dieses Jahr um die 70) verantwortlich, und muss dafür sorgen, dass ihre Daten wiederauffindbar und einigermaβen organisiert verstaut sind.

 

Auβerdem besuchen wir (Helen, ich oder eines der wenigen Mitglieder unserer Arbeitsgruppe) jedes unserer irischen Projekte zu Beginn und am Ende, um sie zu eröffnen bzw. auszuwerten und somit sicherzustellen, dass die Projekte gut verlaufen. Dies war bisher eine der schönsten Aufgaben, denn ich durfte Projekte in Roscommon, Clare, Monaghan, Kilkenny und Wicklow besuchen.

Besonders Roscommon – „im Herzen Irlands“ – wo unsere Freiwilligen in Cuisle, einem Urlaubszentrum für Rollstuhlfahrer bei der Unterhaltung der Gäste halfen, war besonders beeindruckend. Ohne die Natur zu verschandeln, ist Cuisle um eine uralte Burg gebaut worden, die Landschaft wunderschön, eine verfallene, überwucherte Kapelle, ein Fluss und viel Grün, aber besonders auch die vielen (gast)freundlichen Menschen erzielen eine tolle Atmosphäre.

 

Bei einem weiteren Projektbesuch durfte ich am eigenen Leib erfahren, dass die Deutsche Bahn starke Konkurrenz in Sachen Unpünktlichkeit hat: Auf dem Hinweg nach Ennis standen wir für 20 Minuten im Dubliner Bahnhof – das Personal hatte doch überraschend etwas mehr Zeit gebraucht, um die Türen zu schlieβen...!!! Weswegen ich selbstverständlich den einzigen Anschlussbus verpasste, der mich zum eine Stunde entfernten Treffpunkt gebracht hätte.

 

Auf dem Rückweg erwischten wir nach einer Jagd durch regennasse Straβen gerade noch den letzten Zug... der dann erneut eine Viertelstunde im Bahnhof und eine weitere Viertelstunde mitten auf der Strecke stehen blieb.

 

Des weiteren habe ich an zwei unserer irischen Projekte selbst teilgenommen – mehr dazu im nächsten Abschnitt...

 

Letztes Wochenende habe ich zusammen mit Melanie von unserer IVP Arbeitsgruppe einen Auswertungstag für die irischen Freiwilligen organisiert, die dieses Jahr an SCI-Projekten im Ausland teilgenommen haben. Sie hatten jede Menge von ihren Erfahrungen in einem Kinderheim in Marokko, der Restaurierung einer antiken Gedenkstätte in Polen, der Organisation eines Zirkus für Kinder in Berlin und vielen anderen Projekten zu berichten...

 

 

Africa, Asia, Latin America Programme:

Tom ist der Hauptverantwortliche für dieses Programm. Unsere Freiwillige reisen normalerweise für ca. 2 Monate nach Asien, Afrika oder Lateinamerika, um dort an 2 - 3 Projekten teilzunehmen und verschiedene Entwicklungshilfeprojekte zu besuchen. Bemerkenswerterweise ist VSI hier laut SCI-Statistik mit fast 50 Projekt-Teilnahmen internationale Spitze!

 

Im Oktober besuchte uns auβerdem Taratisio Ireri Kawe, der Präsident der kenianischen Partnerorganisation von SCI, mit dem wir interessante Gespräche führen konnten, aber auch einige unvergessliche Erinnerungen teilen: z.B. als er mit dem Bus von einem Treffen aus Limerick zurückkam und die religiöse Schwester, die ihn dort aufgenommen hatte, uns anrief, man sollte ihm doch bitte beim Transport helfen, sie habe ihm etwas Kleidung und Spielsachen für Kinder in Kenia mitgegeben. Ich dachte, kein Problem, doch am Busbahnhof traf ich Taratisio und war genauso ratlos wie er, wie man nur einen Berg von 12 groβen Müllsäcken voller Zeug von hier nach Kenia bringen soll...

Auβerdem war er einer der ersten Tester meiner Kochkunst, als ich ihn eines Abends zu Schinkennudeln à la Mama einlud. Er hat zumindest gesagt, dass es ihm geschmeckt hat... ;-)

 

Teenage Programme:

Die Spanierin Ruth und die Irin Fiona arbeiten in diesem Programm, das aus sozialen oder finanziellen Gründen benachteiligten Jugendlichen die Möglichkeit gibt, ebenfalls an speziellen Freiwilligenprojekten teilzunehmen.

 

Medium and Long Term Volunteering:

VSI schickt einzelne Freiwillige auch für längere Zeit ins Ausland. Allerdings ist dieses Gebiet in VSI weitgehend vernachlässigt. Zur Zeit haben wir lediglich 5 Teilnehmer in diesem Programm, das von Tom und mir betreut wird.

 

Dublin Local Group:

Die Dublin Local Group arbeitet weitgehend unabhängig. Ihre Mitglieder treffen sich an Wochenenden, um hilfsbedürftigen Menschen in der Umgebung bei verschiedenen Dingen, z.B. der Restauration und Dekoration ihrer Wohnungen, zur Hand gehen.

 

Weitere meiner Aufgaben sind (zusammen mit dem „echten“ Florian, Programmiergenie und mein Vorgänger bei VSI) das Gestalten einer neuen Website, die unter www.vsi.ie bewundert werden kann, das Herausbringen von Newslettern, das Beantworten von generellen Anfragen, Tee trinken, und vieles mehr...

 

Meine zwei Projekte

 

IASBAH: Schlangen, Jibberish, und ein “Hero”

Das erste Projekt, an dem ich dieses Jahr selbst teilnahm, fand in Clondalkin statt, einem Vorort von Dublin. Dort organisiert die irische Organisation für Spina Bifida und Hydrocephalus jährlich sog. „Unabhängigkeitsprojekte“ für Leute mit diesen Behinderungen in Rückenmark bzw. Gehirn, die häufig Lähmungen hervorrufen, weshalb die meisten der Teilnehmer in Rollstühlen sitzen.

 

In jedem der 5 Projekte, die jährlich stattfinden und eine Woche dauern, finden zahlreiche Aktivitäten sowie Therapie für die ca. 18 Teilnehmer aus ganz Irland statt, die von etwa der selben Anzahl an Freiwilligen sowie einigen Krankenschwestern und Ergotherapeuten begleitet werden. Die teilnehmenden Freiwilligen sind hauptsächlich irisch, jedoch waren bei einigen Projekten auch 3 – 4 internationale Freiwillige dabei, die von unserer Organisation geschickt wurden.

 

In dem Projekt, an dem ich teilnahm, waren das neben mir noch Daniel, ein Professor für Philosophie, soziale Arbeit und soziales Theater in Antwerpen, sowie Carlo, ein Guatemalteke, der aufgrund seines mehrjährigen Art & Design-Studiums in Graz sowohl in Englisch als auch in Deutsch einen schrecklich österreichischen Akzent besaβ.

 

Die Aufgabe von uns Freiwilligen war es, die Teilnehmer zu begleiten. Das reichte vom zur Hand gehen bei für uns alltäglichen Dingen wie Umziehen oder auf die Toilette gehen zum Gesellschaft leisten bei Aktivitäten, Mahlzeiten und freier Zeit.

 

Die Woche war gefüllt mit zahlreichen Aktivitäten verschiedenster Art: von einem Workshop mit exotischen Schlaginstrumenten, einer Show mit Schlangen und Riesenspinnen (die natürlich jeder anfassen und sich mit ihnen fotografieren lassen „musste“), Bogenschieβen, Bowling bis hin zu Besuchen von Museum, Disco und Pub. Auβerdem studierten Daniel, Carlo und ich ein kurzes Pantomime- und Jibberish- Theaterstück ein und führten einen Theaterworkshop durch, was sehr gut ankam.

 

Die Teilnehmer genossen diese Woche sehr, die für viele der einzige Urlaub in einem tristen Alltagsleben ist. Nie vergessen werde ich Anthony. Er hatte ein schreckliches Jahr hinter sich, in dem sowohl seine Freundin als auch sein Vater starben. Doch hier in diesem Projekt blühte er richtig auf – als wir aus dem Kino rauskamen und er nach dem Shrek2-Song „I’m a hero“ sang, kamen mir richtig die Tränen... Am Ende waren wir traurig, dass es vorbei war, aber auch todmüde, denn eine Woche immer wach und auf den Beinen zu sein, kann ganz schön anstrengend sein!

 

Camphill Community Duffcarrig: Eine original irische Steinmauer und viele “leuvely people”

Zwei der schönsten und erinnerungswürdigsten Wochen meines Dienstes verbrachte ich im September auf einem VSI in Gorey, Co. Wexford, dem „sonnigen Südosten“ Irlands, wo ich als eine Art „Campleiter” für eine Gruppe von 6 internationalen Freiwilligen aus Marokko, USA, Polen, Deutschland und Italien fungierte. Wir sollten dort eine traditionelle irische Steinmauer für die etwas verödete Zufahrt der ansässigen Camphill Community Duffcarrig errichten.

 

Camphill Communities sind Lebens- und Arbeitsgemeinschaften von geistig Behinderten, internationalen Langzeitfreiwilligen und Familien. In Duffcarrig, der gröβten Camphill Community in Irland, leben etwa 100 Leute in 7 Häusern zusammen und arbeiten auf der hauseigenen Farm, in Garten, Töpferei, Weberei, Korbmacherei, oder im Haushalt.

 

Glücklicherweise hatten wir zwei wunderbare Wochen mit traumhaftem Wetter erwischt – nur einmal während des gesamten Projekts regnete es für eine kurze Weile – was in Irland ziemlich auβergewöhnlich ist. Unter der Anleitung des ortsansässigen  Mauerbauspezialisten Michael, der immer optimistisch und für einen Spass zu haben war, lernten wir nicht nur, wie man eine irische Steinmauer – ohne Zement, nur mit Lehm – baut, sondern auch das wichtigste Vokabular im irischen Englisch: „leuvely, leuvely, leuvely,...“

 

Wir wohnten in einem groβen Wohnwagen, der allerdings für 6 Leute manchmal ein bisschen arg eng wurde. Die Abende verbrachten wir mit interessanten Diskussionen (bereichernd hierfür war insbesondere Adil, der Marokkaner und Moslem, mit dem wir lange über unsere unterschiedlichen Kulturen und Ansichten diskutierten), Kochexperimenten oder unserem fast täglichen nächtlichen Ausflug zum traumhaften Sandstrand, der gerade einmal 10 Minuten entfernt lag. Highlights waren ein Lagerfeuer am Strand, das die (sehr lieben) Langzeitfreiwillligen von Camphill für uns organisierten, sowie unser Abschlussgrillfest, aber auch fast flüssige Himbeermarmelade, würziges Mittagessen und wunderschöne Augen.

 

Mein Privatleben

 

Wohnung: Wasserkocherwaschen, Schwanensee & jede Menge Besucher

Ich lebe in einer hübschen kleinen WG in Phibsboro, einem weniger hübschen aber dafür nicht zu weit von der Arbeit und vom Stadtzentrum Dublins entfernten Viertel. Glücklicherweise musste ich nicht auf Wohnungssuche gehen, sondern konnte mein Zimmer gleich von meinem Vorgänger übernehmen. Der heiβt übrigens genauso wie ich (was viele Leute witzig und verwirrend finden), kommt aus Oberschwaben, ist ein Programmiergenie und hat gerade angefangen, in Berlin zu studieren.

 

Die WG ist in einem Reihenhaus an der Rückseite der Zahnarztwerkstatt meines Vermieters Jim. Sie besteht aus einer geräumigen Küche mit Essecke, einem recht groβen Zimmer für mich, sowie einem schön eingerichteten Wohnzimmer. Es gibt zwar kein warmes Wasser und die Heizung funktioniert bisher nur bei Vollmond, aber Elektrodusche und ein Wasserkocher zum Geschirrspülen langen auch, zumindest für den Moment.

Für die ersten beiden Monate waren meine Wohnungsgenossen Robin, ein einheimischer Student, und Gusto, ein spanischer Jurastudent, der nach Dublin gekommen war, um Englisch zu lernen und einen Job zu finden. Mit beiden verstand ich mich sehr gut, mit Gusto und seinen Freunden bin ich auch das ein oder andere Mal durch die Stadt gezogen. Jedoch sind beide leider Ende August ausgezogen, Robin zu seiner Freundin, und Gusto nach erfolgloser Jobsuche nach Spanien.

 

Meine neuen Mitbewohner sind Jose, ein sehr netter Abendschulspanischlehrer sowie eine irische Dunnesstoresmitarbeiterin, die aber nächsten Monat eh schon wieder auszieht. Jose kommt für gewöhnlich erst sehr spät von der Arbeit nach Hause, dann haben wir aber oft noch lange Unterhaltungen über Gott, die Welt und vieles mehr. Neulich hat er mir auch einen leuvely shortcut in die Stadtmitte gezeigt, durch einen Park mit Schwanensee, der direkt hinter den hässlichen Häusern der grauen Straβe versteckt ist, die ich sonst immer entlangging.

 

Auβerdem hatte ich neben Anna & Stephan noch jede Menge weiterer Besucher in meiner Wohnung:

Ø      Christoph, ein zufälliger Bekannter des echten Florian, der für 6 Wochen durch Irland getrampt ist, auf dem Rückweg ein paar verstaute Sachen bei mir abgeholt hat und mich in eine Technodisco in Dublin eingeladen hat (nachdem er tags zuvor in Belfast dank einer Begegnung mit dem All-Ireland-RedBull-Promoter dafür Tickets bekommen hatte)

Ø      Carlo, Austro-Guatemalese und IASBAH-Teilnehmer, der mit mir einen Pubtenor bewundern durfte

Ø      Daniel, Belfast-Eirenie, der mit mir die Wunder des Guinness erlebte

Ø      Adil, Marokkaner, Duffcarrig-Teilnehmer und inzwischen Camphill-Langzeitfreiwilliger

Ø      Peter, Ex-Belfast-Eirenie, der mit mir von H sprachlos gemacht wurde (nicht der Droge sondern einem Theaterstück des Fringe Festivals, das Hamlet, den nackten mit Blut überschütteten Agamemnon, einen alten Ritter in Rüstung, einen aus Erde aufstehenden Toten, eine brüllende Frau u.v.m. zum Inhalt hatte)

 

Wer sich in diese Reihe einreihen möchte, kein Problem, freu mich immer über Besucher – einfach rechtzeitig Bescheid geben!

 

 

Fringe Festival: Spiegeltent, Spâcemünki und Schaufensterpuppen

Nachdem ich in meinen ersten zwei Monaten bei VSI v.a. durch die Projektbesuche (und der Irish Railway, vgl. oben...) jede Menge an Überstunden angehäuft hatte, nutzte ich diese, um für 3 Wochen einen zweiten Freiwilligenjob als Ticketabreisser, Türöffner, Eingangsblockierer, Feuernotausgangsansager, Plakataufhänger usw. beim Dublin Fringe Festival anzunehmen, einem Theaterfestival mit irischen und internationalen Kompanien, die alle vollkommen verrückte und undenkbare Performances zeigten.

 

Für mich hieβ das in dieser Zeit fast jeden Tag: ein paar Stunden im Büro, dann direkt zu einem Theater, dann ins Spiegeltent (ein durch die Welt reisendes Zirkuszelt voller Spiegel, in dem abends Konzerte und nachts ein Club stattfanden), spät nachts heim, ein paar Stunden ins Büro, dann ins nächste Theater.

 

Die Stücke im Fringe Festival variierten zum groβen Teil zwischen irr, unglaublich, auβergewöhnlich und krass. Wie Spacemünki, die Einmannshow über einen Astronautenlaien, der, am Rand der Erdatmosphäre schwebend und durch Sensoren die Strahlung der Sonne erforschend, mit seiner schwangeren Frau textet und schlieβlich die Persönlichkeit mit seinem Baby wechselt. Oder Tamper, die Licht, Nebel & Elektromusikshow in einem Park, wo Protagonistenschlagzeuger Daniel Figgis am Ende der Show plötzlich auf einem riesigen beleuchteten Buchstaben T hinter einem Haus hochgefahren kommt. Oder 192 & Blushing, in denen 2 Schauspielerinnen zwischen nackten, vieldeutig beschrifteten weiblichen Schaufensterpuppen und staunenden Zuschauern tanzen.

 

Meine Lieblingsshows waren Tmesis, die witzig und kunstvoll getanzte griechische Legende über die Entstehung der Liebe, nachdem Gott die aufmüpfigen Hermaphroditen getrennt hatte, und Byron & Emily go to Work, eine kunstvoll choreographierte Komödie über zwei Poeten, die im Büro der schrecklichen Firma D-Mon schrecklich langweilige Dinge wie dreisprachig telefonisch Anfragen ablesen müssen um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können – anstatt den ganzen Tag über Gedichte zu schreiben.

 

Aber nicht nur die Shows waren das besondere, sondern auch die vielen interessanten Leute die ich in den Spielstätten und besonders im Spiegeltent kennenlernte: Jessamyn, die Amerikanerin, die nicht nur Fringefreiwillige einteilt sondern auch selber gute Stücke schreibt, Alba, die beste spanische Cheftechnikerin, die jeden „Kartoffel“ nennt, Ed, der die spannendsten Feuernotausgangsansagen zelebriert, Linda, die Irin, die mir von zahlreichen deutschen zeitgenössischen Autoren erzählt hat, von denen ich noch nie gehört hab... um nur ein paar zu nennen.

 

Wahrscheinlich werde ich demnächst weiter in Theater involviert sein, heute findet meine erste Probe als Telefonklingelnlasser in einer Komödie der Amateurtheatergruppe „The Olivians“ statt. (Engagiert wurde ich von Michael, der vor ein paar Jahren auf Besuch in Amberg war und mir gleich alle besuchten Kneipen inklusive Vor- und Nachnamen der Kellnerinnen aufzählte: Engelchen, Killy Willy, Konkret, Café Zentral, Mike’s Beerhouse, Mariahhilfberggastwirtschaft,... nicht schlecht für 3 Wochen...)

 

 

Zum Abschluss

 

Möchte ich noch einmal vielen Dank und liebe Grüsse sagen.

 

Florian