Freiwilligenberichte
Diese Zusammenstellung aus Berichten von Freiwilligen vom Mai wurde von Ingeborg Ott bereitgestellt. Ingeborg war 1981/82 selbst EIRENE-Freiwillige in Irland. Sie verbindet die Berichte zu einer "Brücke" zwischen den EIRENE-Freiwilligen zusammen (vielen Dank für diese umfangreiche, ehrenamtliche Arbeit!)
Aus den Berichten
von
- Peter Girke, Nordirland
- Angelo Lombardo, Jan Reißhauer, Irland
- Jan Thilo Klimisch, Susanne Waldow, Belgien
- Johannes Meier, Frankreich
- Matthias Lehmphul, Florian Kröger, Andreas Tillmann, USA
- Stefan Möllmann, Brasilien
(Ausreisekurs im Januar 1998)
Ich bin Ingeborg Ott und war auch mal EIRENE-Freiwillige - 1981/82 in Nordirland.
Und weil in diesem Jahr so erfreuliche Nachrichten von dort gekommen sind über das Friedensabkommen und den Friedensnobelpreis, möchte ich zu Anfang Peter Girke aus Belfast berichten lassen. Er arbeitet dort bei dem Committee on the Administration of Justice (CAJ):
"Diesen Text hier schreibe ich wenige Tage vor dem Referendum am 22.5.98, in welchem über das 'agreement' abgestimmt wird. ...
Das 'agreement', die Friedensvereinbarung, wurde am Karfreitag, den 10.4.1998 von acht nordirischen Parteien und der britischen und irischen Regierung unterzeichnet. Es wurde sehr hart darum gerungen, und bis zum Ende war unsicher, ob die Vereinbarung auch tatsächlich zustande kommen würde. ... Der Text des 'agreements', der immerhin 30 Seiten umfasst und, wie häufig bei juristischen und politischen Texten, verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eröffnet, wird von jeder Partei zu ihren Gunsten ausgelegt. Dabei zeichnen sich vor allem folgende zwei grundsätzliche Standpunkte ab: Auf protestantischer Seite wird hervorgehoben, daß das 'agreement' zwar den Frieden fördern kann, und dass es sich gelohnt hat, dafür Zugeständnisse gemacht zu haben. Diese Zugeständnisse seien aber endgültig. ... Von der katholischen Seite wird die Auffassung vertreten, daß die Friedensvereinbarung nur ein erster Schritt sei auf dem Weg zu einem vereinten Irland. ...
Auch ein positiver Ausgang des Referendums wird nicht ohne weiteres Frieden nach Nordirland bringen. Die Religionszugehörigkeit wird noch lange Zeit eine große Rolle spielen, und solange es noch nach Konfession getrennte Schulen gibt, solange provokative Märsche stattfinden mit gewalttätigen Gegendemonstrationen, solange die Wohnviertel nach protestantisch und katholisch getrennt sind, solange die paramilitärischen Gruppen ihre Waffen nicht abgegeben haben, solange die Wahrheit über den Krieg und seine Opfer nicht bekannt ist - solange wird ein Frieden auch mit Referendum nicht dauerhaft sein können."
Über das CAJ schreibt Peter: "Das Committee on the Administration of Justice wurde 1981 gegründet und ist eine unabhängige Nichtregierungsorganisation, die an die International Federation of Human Rights angegliedert ist. ... Das CAJ ... ist gegen jede Art von Gewalt, die zur Erreichung politischer Ziele eingesetzt wird. ... Das CAJ tritt dafür ein, dass ein höchstmöglicher Standard an Menschenrechten erreicht wird und arbeitet dafür mit nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen zusammen. ...
Die Arbeit des CAJ umfaßt die Veröffentlichung von Berichten, Forschungsarbeit, Veranstaltungen von Konferenzen, Marschbeobachtung, Veranstaltungen von lokalen und internationalen Kampagnen, Bearbeitung von juristischen Fällen und Unterstützung in rechtlichen Fragen. Schwerpunktmäßig wird darauf hingearbeitet, dass von staatlicher Seite Reformen und Verbesserungen vorgenommen werden auf Gebieten wie den Notstandsgesetzen, Polizeiverhalten, Gefangenenbehandlung, dem Strafrecht, Einsatz von Schusswaffen, Kinderrechten, Gleichbehandlung der Konfessionen und Geschlechter, Rassismus, religiöse Diskriminierung. Angestrebt wird die Einführung einer Verfassung, in der die Grundrechte garantiert werden (was bisher nicht existiert). ...
Das CAJ hat einige internationale Menschenrechtspreise gewonnen, einer davon ist der Reebok Human Rights Award." ...
Anfang Juni aktualisiert Peter seinen Rundbrief: "Das Referendum ist mittlerweile über die Bühne gegangen, der Ausgang war letztendlich doch sehr zufriedenstellend."
In Nordirland haben 72% mit Ja und 28% mit Nein gestimmt bei einer Wahlbeteiligung von 81%, in der Republik Irland 95% mit Ja und 5% mit Nein bei einer Wahlbeteiligung von 55%.
"Wie zu sehen ist", heißt es weiter, "hat auch eine Mehrheit der Protetanten für die Friedensvereinbarung gestimmt. Das ist sehr wichtig, denn eine Mehrheit von 'nein-sagenden' Protestanten hätte die Arbeit der Assembly blockieren und damit im Grunde den ganzen Friedensprozess lähmen können. ...
P.S.Heute kam die Nachricht, dass das CAJ für seine Arbeit im Friedensprozess einen Preis des Europarates verliehen bekommt! "
Der zweite Rundbrief ist vom August/September. Darin heißt es:"Mein Gefühl sagt mir, daß mit viel Ringen und Überzeugungsarbeit und mit Zugeständnissen von beiden Seiten der Erfolg geschafft werden kann; der Friedensprozess ist trotz aller Rückschläge schon so weit gediehen, daß es schwer sein wird, ihn noch komplett zu kippen."...
Dann geht Peter auf das "Beobachten des Polizeiverhaltens bei den Märschen" ein:
"Seit rund 200 Jahren finden während des Sommers jährlich ca.2 500 Märsche protestierender Orden statt. Bekanntester und größter Orden ist der Oranierorden. Einige dieser Märsche sind auf katholischer Seite sehr umstritten, da sie als starke Provokation angesehen werden, gerade wenn sie durch überwiegend nationalistische Gebiete führen.
Nicht immer steht ein religiöser Anlass im Vordergrund, häufig werden mit diesen Märschen historische Siege von Protestanten über Katholiken gefeiert, es werden Siegeshymnen gespielt, provokative Flaggen und Logos gezeigt. Andererseits wird in diesen Märschen eine lange Tradition sichtbar, die heute Ausdruck der protestantischen Kultur geworden ist. Es stehen sich das Recht auf Versammlungsfreiheit der Marschierer und das Recht der (katholischen) Anwohner auf Bewegungsfreiheit und darauf, nicht eingeschüchtert zu werden, gegenüber.
In den letzten Jahren ... kam es zu schweren Ausschreitungen, als die Proteste der Anwohner und die Antworten der Marschierer darauf immer gewalttätigere Formen annahmen. Die RUC (die nordirische Polizei) als dritte Partei griff ein; freilich kann sie nicht unbedingt als neutrale Seite angesehen werden, sie ist zu über 90% mit Protestanten besetzt. Tatsächlich verschärfte sich der Konflikt mit dem Eingreifen der RUC, nicht zuletzt deshalb, weil sie vor allem in den Jahren 1995-1997 parteiisch und ungerechtfertigt gewaltsam gegen Katholiken vorging.
Das CAJ hält es für notwendig, dieses Polizeiverhalten zu beobachten und die Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, was seit zwei Jahren in Form eines kleinen Büchleins geschieht. Damit wird die Öffentlichkeit informiert ebenso wie Politiker, Parteien und andere betroffene und interessierte Organisationen.
Das Organisieren und die Koordination dieses 'Beobachtens' war nun meine Aufgabe. Dazu gehörte es, Freiwillige zu finden, die bereit waren, kurzfristig zu Orten zu fahren, an denen umstrittene Märsche stattfinden sollten. Bevor sie aber eingesetzt wurden, mussten sie eine Informations- und Trainngseinheit mitmachen, in der die wichtigsten Grundsätze des CAJ und des Beobachtens erklärt wurden (z.B.Unparteilichkeit und Unabhängigkeit; die eigene Sicherheit an erster Stelle).
Eine neu eingerichtete 'Parades Commission' trifft über Märsche, die als umstritten gelten, Entscheidungen, die dieses Jahr zum ersten Mal Gesetzeskraft haben. Das kann bedeuten, daß eine Parade eine bestimmte Strecke meiden muss (z.B.durch katholisches Wohngebiet), daß nur eine bestimmte Zahl von Musikkapellen teilnehmen darf, dass bestimmte Lieder nicht gespielt werden dürfen, daß Ordner die Parade begleiten müssen oder ähnliches. ...
Sind wir erst einmal 'draußen', geht es vor allem um das allgemeine Verhalten der RUC oder des häufig auch mitwirkenden Militärs. ... Über die Beobachtungen (es wird keinesfalls in die Konflikte eingegriffen) schreiben wir dann Berichte. Zur Zeit bin ich mit einer Nachbereitung der gerade vergangenen 'Marschsaison' befasst."
Anfang August war Peter zwei Wochen auf dem "Kontinent": "Ich hatte mündliche Abschlussprüfung zum Ersten Juristischen Staatsexamen, wovon ich kurz vorher erfuhr. Netterweise habe ich vom CAJ ohne Probleme volle drei Wochen frei bekommen. ... Tagsüber habe ich gelernt, abends meine Freunde getroffen. ... Und dann konnte ich auch noch mit dem Examen ganz zufrieden sein. Fast eine Woche hatte ich nun noch zur freien Urlaubsverfügung und habe mich auf den Weg gen Süden gemacht - bella Italia. ...
Ich kam an einem Sonntag zurück, einen Tag zuvor war die Bombe in Omagh explodiert, die mittlerweile 29 Menschen das Leben gekostet hat. Es war die größte und schlimmste Bombe während des Konflikts überhaupt. Ein Riesenschock, das ganze Land erstarrte vor Trauer und Entsetzen. ... Die Mörder wollten die Zerstörung des Friedensprozesses. Erreicht haben sie das Gegenteil. Zum Entsetzen und zur Trauer der Menschen kamen Wut und totale Ablehnung. ...
Man setzte sich zusammen, die Anstrengungen zur Umsetzung des Friedensabkommens, darüber war man sich einig, mußten verstärkt werden. Ein Ergebnis dieser Anstrengungen war die Verabschiedung neuer Gesetze. Gegen diese Gesetze wandte sich das CAJ mit aller Entschiedenheit, letztendlich ohne zählbaren Erfolg. Ähnlich strenge und übereilt eingeführte Gesetze gab es schon früher, zu Hochzeiten des Konflikts, ohne dass sie zu Erfolg geführt hätten. Vielmehr kam es damals zu krassen Fehlurteilen (Birmingham Six, Guildford Four) und dazu, daß der IRA neue Mitglieder in die Arme getrieben wurden."
Jetzt kommen noch ein paar persönliche Bemerkungen von Peter;
zur Wohnsitation: "Mein Mietvertrag läuft nun aus. ... In wenigen Tagen ziehe ich um in ein Haus, das ich mit drei anderen, alle aus der Gegend, teilen werde; sie machen einen sehr sympathischen Eindruck". ...
Zu "den Freiwilligen: Während meiner Abwesenheit erfolgte ein großer Wechsel bei den Freiwilligen, die hier in Belfast sind. Alle 'alten', die ich in den paar Monaten kennengelernt hatte, beendeten ihren Dienst (plötzlich bin ich hier der Dienstälteste) und verließen die Stadt. Schade, schade, denn sie sind gute Freunde geworden. Schöne Grüße!" ...
Und zum "Hockey: Abgesehen von dem sportlichen Spaß bin ich beim Hockey auf Menschen getroffen, in deren Gesellschaft ich mich wohl fühle und mit denen ich gern in den einen oder anderen Pub gehe."
Jetzt verlassen wir Belfast und fahren etwas weiter südlich in die Republik Irland, wo Angelo Lombardo seinen Dienst im Glencree Center in den Wicklow Mountains leistet.
Angelo schreibt Anfang Mai seinen ersten Rundbrief "namens 'Ein Leben mit Regen und Schafen'. ... Ich bereue bis jetzt nicht, einen Friedensdienst begonnen und mich für Glencree entschieden zu haben. Es gibt einige Nachteile hier, die einem das Leben erschweren, doch diese überwiegen auf keinen Fall die positiven Aspekte des Auslandaufenthaltes. ...
Das Center befindet sich in einem 200 Jahre alten Gebäude mitten im Nichts. Mitten im Nichts heißt 16 Meilen von Dublin entfernt. Auf die nächste Stadt (Brae, an der Ostküste) stößt man/frau nach 14 km. Enniskerry liegt etwas näher (10 km), doch es ist eine Übertreibung, es als Dorf zu bezeichnen. Immerhin gibt es dort einen Pub, eine Post und einen Spar-Markt. Wenn außer uns Freiwilligen dann keine anderen Leute im Center sind, fühlen wir uns oftmals recht isoliert und einsam. ...
Das Arbeiten hier läuft immer in 'Wellen' ab, finde ich. Entweder gibt es kaum etwas zu tun oder aber du weißt nicht, wie du all die Arbeit schaffen sollst.
Die Gruppen, die hier so ein- und ausgehen, sind unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft und differierenden Hintergründen. Ich war zum Beispiel an einem Wochenende die Betreuungsperson für eine Jugendgruppe aus Bray, die aus sozial schwachen Familien stammten. Ich habe an zwei Sitzungen in Sachen Drogen teilgenommen. War interessant und erschreckend, wie gut die 11-15jährigen Bescheid über das Zeug wussten. ...
Auch während der Woche haben wir Gäste. Meistens sind es Schulklassen, die für einen halben Tag ins Center kommen, um an Selbstfindungs-, Team- und Persönlichkeitsspielen und -gesprächen teilnehmen."...
Angelo listet die Bereiche auf, in denen er sich mit den anderen Freiwilligen abwechselt:
Küchenarbeit; Betreuung von Gruppen , auch inhaltlich; Säuberungen aller Art; Hausmeistertätigkeiten; hin und wieder Büroarbeit; an manchen Wochenenden Rezeptionsdienst.
"Allerdings", sagt er, "gibt es 'Meinungsverschiedenheiten' zwischen den Freiwilligen und der Leitung. ...Doch wir haben demnächst verschiedene 'Krisensitzungen', auf denen wir versuchen, die Dinge zu klären." ...
Die Umgebung gefällt Angelo sehr gut. Er schildert die Wicklow Mountains: "Hier gibt es Schafe, Wiesen, Schafe, weite Heidekrautebenen, wilden Ginser, Schafe, torfiges Moor, Tannenschonungen und Schafe. Ich wandere ausgiebig. ... Ich bin zwar schon einmal von einem Schneegestöber überrascht worden und fast einmal in einem plötzlich aufkommenden Nebel im Hochmoor verloren gegangen, doch das wird mich nicht daran hindern, weitere Touren zu unternehmen. ...
Ich stoße immer wieder auf steinzeitliche, keltische und frühchristliche Spuren,Steinkreuz, Klosteranlagen, Reste von Hügelgräbern, uralte Steinmauern und Steinkreuze. ... Direkt gegenüber dem Center steht eine alte Kirche im gotischen Baustil. Ab und zu besuche ich die sonntäglichen Messen, doch da die Kirche auch während der Woche 'offene Türen' hat, suche ich sie öfters abends für mich alleine auf.
Was die meisten Freiwilligen an ihren freien Tagen anstellen, ist natürlich nach Dublin zu fahren, um dort den Tag sowie das wenige Geld zu verplempern. ... Die Geschäfte haben hier noch die alten, buntbemalten Holzfassaden, die Fenster und Schilder tragen Schriftzüge in handgeschwungenen Lettern, Cafes, Pubs, Restaurants, second-hand-Läden und Musik - Geschäfte gibt es hier viel, die Luft ist erfüllt von Straßenmusikern, Essensgeruch und Gesprächen ausgelassener Menschen. ... Nach einiger Zeit Isolation im Center bin ich jedesmal wie gefangen, wenn ich durch den Glanz und Trubel wandere." ...
Für Angelo gab es einige 'wichtige Ereignisse': Einmal war er in einen Autounfall verwickelt. Dazu schreibt er: "Wir kamen nochmal mit dem Schrecken und zwei Tagen Nacken- und Rückenschmerzen davon, doch das Auto war hinüber. Das Auto, die einzige Verbindung zur Außenwelt, die einzige Möglichkeit, der Isolation zu entkommen. ... Einen ganzen Monat haben wir auf ein neues Auto gewartet. Jedenfalls haben wir jetzt ein neues altes (gebrauchtes) Auto, und das Center hat sogar eine Extraversicherung für mich abgeschlossen. ...
Die zweite 'wichtige' Sache waren die Global volunteers. Es war eine Gruppe von ca.30 AmerikanerInnen, die für zwei Wochen nach Irland kamen, um etwas vom Land zu sehen, etwas über den Konflikt zu lernen und um ihren Teil an Friedensarbeit zu leisten, indem sie viele Bereiche des Centers ausbesserten. ... Ich habe fast jeden einzelnen richtig kennengelernt. Wir haben Freundschaften geknüpft, Adressen ausgetauscht und uns gegenseitig eingeladen. ...
Ein weiteres Ereignis war die Begegnung mit der Präsidentin von Irland, Mary McAleese, der ich die Hand geschüttelt habe. ... Der Grund ihres Besuches in Glencree war folgender: Die Gebäude hier wurden Anfang des 19.Jh.gebaut, anläßlich der Revolution 1798. Die Rebellen konnten sich in den Wicklow mountains am längsten halten, da es unzählige Verstecke und Fluchtmöglichkeiten gab. Um wieder die Oberhand zu gewinnen, bauten die Briten fünf Kasernen in die Berge, von denen eine nun das Center ist. Jedenfalls finden dieses Jahr (genau 200 Jahre nach der Revolte) im ganzen Land Veranstaltungen statt. Und hier im Center ging es um die Stellung der Frau von damals bis heute. Die Präsidentin hat die Eröffnungsrede gehalten."
Der zweite Rundbrief von Angelo ist von Ende August: Darin heißt es: "In den Sommermonaten war mir Irland viel zu überfüllt. Egal wohin ich kam, überall liefen Touristen herum. Obwohl ich mich selber ja nicht 100%ig als Einheimischer zählen kann, fand ich es schon sehr nervig, besonders wenn fotografierende Menschenhorden nach Glencree gestürmt kamen, von allem und jedem Lichtbilder machten und so mir nichts dir nichts durch das Center stolzierten, als wäre es ihr Heim oder eine offizielle Besichtigungsstätte. ...
Durch das Center komme ich mit Freiwilligen aus der ganzen Welt zusammen, doch irische Leute lerne ich nur flüchtig kennen. Um eine tiefreichende Freundschaft aufzubauen, sind die Gruppen zu kurz anwesend. Das Hauptproblem besteht dennoch logischerweise in der Abgelegenheit Glencrees. ...
..... Ende Mai fand mein erstes EIRENE-Zwischenseminar statt. Insgesamt trafen sich in Dundrum, einem kleinen Nest in Nordirland, 16 männliche und weibliche Freiwillige von EIRENE, die ihren Dienst in Südirland, Nordirland und Bosnien verrichteten und zwei Mitarbeiter der EIRENE-Geschäftsstelle. Hauptsächlich ging es um den Nordirlandkonflikt und den Vergleichstrouble in Bosnien, ... doch auch unsere Schwierigkeiten, Konflikte und Lebensweisen im 'neuen Leben' konnten wir zur Sprache bringen. Und ich fand es wirklich angenehm, Berichte von Leuten in der gleichen Situation zu hören und zu erkennen, dass auch sie Probleme und Einstellungen haben, die teilweise meinen ähneln. ...
Eine ziemlich schwierige Gruppe, bestehend aus 30 Jugendlichen im Alter von 14-17 Jahren war im Sommer im Center. Für sie war ich Ansprechpartner und Betreuer. Es war ein Austauschprojekt mit Deutschland, darum war ungefähr die Hälfte der Teilnehmer deutsch. ... Sie befanden sich in der Null-Bock-Phase und haben viel angestellt, um Beachtung zu erlangen. Es waren 10 turbulente Tage, die zwar mit gutem Programm ausgefüllt waren, doch hatten wir Betreuer alle Hände voll zu tun, um die Teilnehmer davon abzuhalten, nachts auszusteigen, das Münztelefon zu knacken, Wodka zu trinken usw.
Die zweite längerbleibende Gruppe, für die ich die Kontaktperson war, verhielt sich weitaus angenehmer. Ende Juli gab es ein 6-tägiges Seminar für Jugendliche zum Thema 'Menschenrechte - Menschenfehler'.Die teilnehmenden Jugendlichen kamen aus Nordirland, Südirland und Italien. ... Die Teilnehmer waren sehr interessiert und haben bei Gruppenarbeiten wirklich gut mitgearbeitet. ... Ich habe mich natürlich besonders gut mit den Italienern verstanden und konnte mein italienisch wieder auffrischen". ...
Anfang Juli hat Angelo zwei Wochen Urlaub genommen, "um das gute alte Neuwied zu besuchen". Ich, Ingeborg, möchte Euch seine Beobachtungen nicht vorenthalten, mir jedenfalls sind eigene ähnliche noch schmerzlich in Erinnerung:
"Rückwirkend muss ich sagen, dass ich die Zeit besser in Irland verbracht hätte. Der Aufenthalt in Deutschland verlief stressig und anders als erwartet. Meine Zeit in dem anderen Land schien unreal, ich hatte das Gefühl, nicht weg gewesen zu sein. Denn in der Heimat hatte sich nichts verändert. Es wurde über die gleichen Themen geredet, Freunde und Bekannte hatten dieselben Probleme wie früher, alles verlief in dem gewohnten Trott. Und irgendwie hat sich auch niemand so richtig für mich interessiert. Alle fanden toll, dass ich mal wieder im Lande sei, und viele haben mir auch Fragen zu meinem neuen Leben gestellt, aber trotzdem habe ich oftmals eine gewisse Gleichgültigkeit gespürt. Ich kann es andererseits aber auch verstehen. Vielleicht habe ich etwas zu viel erwartet, denn das Leben geht in Deutschland ja auch weiter, und außerdem ist es unmöglich, jemandem alle Eindrücke, Gefühle und Erlebnisse nahezubringen, die während eines (zu der Zeit) fünfmonatigen Aufenthalts entstanden sind".
Aber der Aufenthalt hatte für Angelo doch ein "Bonbon" parat:
"Es hat sich mal wieder als sehr günstig erwiesen, einen Vater zu haben, der unter anderem mit Gebrauchtwagen handelt. So konnte ich einen Fiat Panda abstauben, mit dem ich zurück nach Irland 'gezockelt' bin. Dadurch erhielt ich hier endlich Mobilität und konnte mir mehr vom Land ansehen".
Jetzt begeben wir uns noch südlicher, nach Cork zur Arche "An Croi", und damit zu Jan Reißhauer. Er berichtet:
"In der ersten Woche hatte ich noch keine konkreten Aufgaben im Haus. Das hat mich natürlich gestört, gerade angekommen, voller Erwartungen und Enthusiasmus.... So renovierte, säuberte, ordnete, räumte, reparierte ich in diesen Tagen im gesamten Haus. In der zweiten Woche wurde ich endlich in den Arbeitsrhythmus von 'An Croi' - das Herz - eingebunden. ... Nach vier Wochen bekam ich die Verantwortung für Reparatur- und Wartungsarbeiten übertragen, da ich ohnehin schon meinen Ruf als Heimwerker weghatte.
Referenzperson, und damit verantwortlich für Barry, einen der Behinderten, bin ich seit etwa eineinhalb Monaten. Am Anfang war es sehr ungewohnt und fremd für mich, Verantwortung für jemanden zu übernehmen, der um einiges älter als ich ist, und den ich zudem noch nicht richtig kenne. Doch mit wachsendem Vertrauen von beiden Seiten und der Unterstützung meiner Leute hier wurde ich etwas selbstsicherer in meiner Arbeit mit Barry. ...
Die Behinderten werden 'residents' - Bewohner - genannt, da sie pinzipiell nicht ständig daran 'erinnert' werden sollen, behindert/anders zu sein, was sie ohnehin schon wissen und spüren."
... Als Referenzperson von Barry baut Jan eine "engere Freundschaft" zu ihm auf, hilft ihm und unterstützt ihn in den Bereichen Gesundheit, Hygiene, Familienkontakte, Kirche, Freizeit und Erholung. Jan fährt fort: "Jeden Monat schreibe ich einen sogenannten Referenzreport über Barrys L'Arche-Leben. ...Kommunikation ist mit Barry nicht einfach, da er einen Wortschatz von ca.350 Wörtern besitzt und meist nur die letzten paar Worte der Frage, die man ihm stellt, wiederholt. So habe ich genau darauf zu achten, wie sich Barry fühlt, was sich verändert, was er gebrauchen könnte.
Das Zusammenleben hier in der Arche gestaltet sich sehr wechselhaft, schon deswegen, weil ich mit Leuten zusammenlebe, die ich mir nicht ausgesucht habe. ...
Am Anfang hatte ich auch noch meine Ängste, was den christlichen Rahmen der Arche anbelangt. Diese waren jedoch weitestgehend unberechtigt, da ich auch voll und ganz als 'Nicht-Gläubiger' anerkannt wurde.
Das wichtigste im Team ist, daß man aufeinander bauen kann und einander hilft, kurz gesagt: eine Freundschaft aufbaut. Freundschaften sollten sich aber auch zwischen assistants und residents entwickeln."
"Mitte Juli", so erzählt Jan in seinem zweiten Rundbrief, "fand unweit von 'An Croi' ein größeres 'Spektakel' statt - die Tour de France - welche wir natürlich nicht verpassten. ... Schnell auf Rädern bin auch ich jetzt und zwar als Arche-Fahrer. Ich hatte den Arche-Fahrer-Test kritiklos bestanden und fühle mich auch auf der linken Straßenseite sicher".
Über das EIRENE-Seminar sagt Jan: "Im Gegensatz zu meiner bisherigen Projektarbeit ging es im Seminar vor allem um Politik, Geschichte sowie Konflikte und ihre Bewältigungsmöglichkeiten. ...
Für zwei Tage gingen wir nach Belfast und besuchten fast alle der dortigen Projekte, in denen die EIRENE-Freiwilligen arbeiten. ... Hierbei fiel mir besonders stark auf, wie weit weg Nordirland in den Köpfen der Republik-Iren ist.
Im Cornerstone-Projekt sprachen wir mit einem PUP-Mitglied (protestantisch) und einem der Orange-Order-Männer und konnten bohrende Fragen stellen, die nicht immer beantwortet wurden.
Namen, die ich nur aus Filmen und Büchern kannte, waren plötzlich ganz real und klar auf Gedenktafeln und Grabsteinen zu lesen, als wir den IRA-Friedhof besichtigten.
Am zweiten Tag in Belfast konnten wir eine RUC-Station (nordir.Polizei) von innen sehen und RUC-Männer befragen. So bekam ich eine gute Vorstellung von den Ausmaßen der Sicherheitsvorkehrungen und der Ausrüstung der RUC." ...
Zum Schluss äußert sich Jan noch zur "'Vertrauensperson':
Nach vier Monaten Arche "bekam" ich, wie jeder assistant in der Arche, eine Person meiner Wahl, mit der ich mich gelegentlich treffen kann, über die Arche und Probleme und über den Rest der Welt reden kann. Am sympathischsten war mir ein netter, offenherziger Workshopmitarbeiter, dem solch ein Ansprechpartner für mich zu sein gut gefiel. Sehr gut ist, daß Jonny selbst mal für ein Jahr in 'An Croi' lebte und somit nicht nur das Workshopleben kennt.
'Infos und Post': Informationen über das Weltgeschehen bekomme ich weniger durch den Fernseher, eher durchs Radio, Zeitungsausschnitte, allgemeine Post, Telefonanrufe, Irish Times und das mir wöchentlich zugeschickte Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt. ...
'Fazit': Alles in allem waren die vergangenen Monate sehr erfahrungsreich und vollgepackt, oft auch stressig."
Weiter geht's jetzt nach Belgien. Zuerst zu Jan-Thilo Klimisch bei Tele-Service in Brüssel. Jan-Thilo schreibt im September:
"Die belgischen Sommerferien sind zu Ende. Schulen, Ausbildungsstätten und Universitäten starten in ein neues Semester, und das gleiche gilt auch für den 'Service des Jeunes' von Tele-Service. Zu Beginn jeden Schuljahres kommen die Jugendlichen des Viertels - neue wie altbekannte - in Scharen in unser Büro. Sie kommen, um uns zu bitten, ihnen bei der Ausbildungs- oder Studienplatzsuche zu helfen, um sich für die nächste Saison bei den 'P'tits Boulots' einzuschreiben oder um sich ganz allgemein über unsere Aktivitäten zu informieren. ...
'Flexibilität', so erkenne ich mit zunehmender Dauer meines Aufenthaltes in Bruxelles, ist das 'Zauberwort' meines Dienstes bei Tele-Service. Manchmal machen mich die vielen verschiedenen Aufgaben und Ideen, die sich in meinem Kopf hin- und herbewegen und vermischen, ein wenig konfus, und ich habe Schwierigkeiten, das Erlebte in Ruhe zu verarbeiten. Andererseits macht mir diese Arbeit in sich ständig wechselnden Aufgabenfeldern sehr viel Spaß, sie motiviert und inspiriert mich."
Jan-Thilo geht auch auf das EIRENE-Zwischenseminar ein, diesmal auf das des 'frankophonen Nordprogramms', das in Südfrankreich stattfand:
"Rund eine Fahrstunde von Montpellier entfernt siedelt in den Ausläufern der Cevennen inmitten einer traumhaften Landschaft und in völliger Abgeschiedenheit eine alternative Lebensgemeinschaft. Die dort wohnhaften Menschen gehören der so genannten 'Arche-Bewegung' an (nicht zu verwechseln mit der 'Arche'-Kommunität nach Jean Vanier wie z.B.'An Croi' in Cork oder ''Le Levain' in Compiegne. Anm.v.Ingeborg). Dabei handelt es sich um eine internationale Ordensgemeinschaft, deren Mitglieder sich das Ziel gesetzt nachen, ihr Leben nach Ghandis Prinzipien der Einfacheit, der Nächstenliebe und des gewaltfreien Einsatzes für Frieden und Gerechtigkeit auszurichten. Die Gruppe in Südfrankreich setzt sich aus rund 50 Menschen - meist Famiien - verschiedenster Herkunft zusammen. Sie lebt in zwei klosterähnlichen Siedlungen nach dem Grundsatz der unabhängigen Selbstversorgung ohne Strom, ohne warmes Wasser aus der Leitung und soweit möglich ohne Maschinen und technisches Gerät. ...
In ihrer offen vorgetragenen Andersartigkeit erschienen sie mir auf den ersten Blick fremd. Ihr Tagesablauf ist genauestens durchplant und nach sich regelmäßig wiederholenden Meditations- und Gebetszeiten ausgerichtet. Die Unabhängigkeit der 'Arche' von Kirchen und religiösen oder politischen Bewegungen erlaubt dabei, die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen aller zu respektieren. ... Auch wenn die selbstgewählten Lebensverhältnisse der 'Arche'-Gemeinschaft, die wir während unseres Aufenthaltes zwangsläufig am eigenen Leibe kennengelernt haben, für einen von Bequemlichkeiten verwöhnten Westeuropäer gewöhnungsbedürftig sind, so war die Zeit mit diesen Menschen doch äußerst lehr- und erfahrungsreich.
Das Zusammensein mit meinen 12 Freiwilligen-Kollegen war wie schon beim Ausreisekurs so richtig klasse. Der Austausch mit Menschen, die sich in einer vergleichbaren Lebenssituation befinden und die ähnliche Erfahrungen machen wie ich selbst, gibt mir in der Auseinandersetzung mit meinem Dienst und mit mir selbst immer wieder andere, neue Denkanstöße. Außerdem kann man mit 'EIRENIS' einfach supergut feiern und Spaß haben. ...
Dank der verzweigten Beziehungen von Tele-Service", berichtet Jan-Thilo weiter, "bietet sich hin und wieder die Gelegenheit, auch einmal in vollkommen andere und mir neue Tätigkeitsbereiche Einblick zu erhalten. So verließ ich das Büro des 'Service des Jeunes' im Juni für eine Woche, um ein Kurzpraktikum in einem Sozialrestaurant zu absolvieren. An dieser Stelle sei angemerkt, daß derartige Unternehmungen nicht nur mein persönliches Interesse befriedigen sollen, sondern auch zu Fortbildungszwecken für meine Arbeit dienen. ... Das Sozialrestaurant 'Snijboondje' gehört zur Organisation 'La porte verte' und wurde im Jahr 1984 nach einem extrem harten Winter in Bruxelles
gegründet. Im Keller des Hauses befindet sich seither zudem eine Lebensmittelausgabe für Menschen, die keinerlei Einkommen haben (z.B.Asylbewrber). Bei den dort ausgegebenen Lebensmitteln handelt es sich um Überschußprodukte aus Supermärkten, die dem 'Snijboondje' von einer zentralen Sammelstelle zugeteilt werden. ... Im 'Snijboondje' können auch Menschen aus wohlsituierten Verhältnissen ihre Mittagsmahlzeit einnehmen. Die Idee dabei ist es, das Publikum zu vermischen und keine Unterklassengesellschaft zu bilden."
Dann kommt von Jan-Thilo eine Passage über das Kinderferienlager in den Ardennen:
"In den belgischen Sommerferien im Juli und August blieb das Büro des 'Service des Jeunes 'geschlossen. Wie üblich organisierten wir während dieser Zeit verschiedene Aktivitäten für die 6-bis 12jährigen Kinder, die in unserem Viertel leben. Mit einem Alptraum eines jeden Jugendbetreuers begann unser erstes Sommerferienlager. Nur drei Stunden nach der Ankunft aller Kinder hatte Nabil das Oberthema des Lagers - 'McGuyver', Held einer amerikanischen TV-Actionserie - bereits voll verinnerlicht und rannte beim Spielen in eine doppeltverglaste Schiebetür. ... So kam es, daß er seine ersten beiden Lagernächte - nach der Operation wieder zusammengeflickt - im Krankenhaus verbringen mußte. Der kleine Marokkaner hatte Glück im Unglück und kam ohne Gesichtsverletzungen davon. Wie sich mittlerweile herausstellte, wird er aber bedauerlicherweise mit einer bleibenden Behinderung an seiner rechten Hand leben müssen. Vorwürfe macht man sich nach derartigen Unfällen wohl immer, aber sie passiseren nun mal eben. ... Welch ein Start für ein Kinderferienlager.Im weiteren Verlauf konnte es nur noch besser werden, und das wurde es auch, viel besser sogar. ... Der aus kleinen Pavillons zusammengesetzte Gebäudekomplex war für das Lager wirklich ideal. In unmittelbarer Umgebung standen uns Fußballplätze, Spielwiesen und ein weitläufiger Wald zur freien Verfügung. Dieses Naturerlebnis war nicht nur für die 30 Jungen und Mädchen aus Belgien, Marokko, Zaire und Zentralafrika, die sonst nur selten einmal ihr Viertel verlassen, ein einmaliger Kontrast zum Bruxeller Großstadtmief."
Und eine Passage "Ideen, Hoffnungen und Träume - 'Service international des P'tits Boulots': Für unser Projekt 'Les P'tits Boulots' haben sich mittlerweile rund 40 Jugendliche eingeschrieben. Darunter befinden sich etwa 50% 'Neueinsteiger'. Ausgeschieden sind diejenigen Jugendlichen, die ihr Studium oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben und sich nun einen regulären Arbeitsplatz suchen. Manche werden fündig. Andere haben ihre Ausbildung abgebrochen - zum Beispiel 'weil sie keine Lust mehr hatten' - und wissen noch nicht, wie es jetzt weitergehen soll. ... Eine erfreuliche Neuheit ist, daß seit September zwölf junge Frauen das Team der 'P'tits Boulots' ergänzen. Die neben der geschlechtlichen Vermischung angestrebte stärkere Öffnung der Gruppe gegenüber Jugendlichen aus anderen (belgischen) Gesellschaftsschichten ist dagegen trotz Werbung an Schulen und Universitäten nicht gelungen.
Das Projekt 'Les P'tits Boulots' in Bruxelles trägt den genialen Grundgedanken in sich, gleich drei unterschiedliche Gruppierungen zu unterstützen, nämlich die Jugendlichen, die auftraggebenden Kunden und die zur Projektbetreuung Angestellten bei ''Tele-Service'. Im vergangenen Jahr kam nun die Idee auf, daß man dieses Projekt doch auch in andere Städte, ja, in andere Länder tragen sollte. ... Im Juli war es schließlich soweit. Sieben Jugendliche durften mit Karim über den 'großen Teich' fliegen, um unser Projekt in einem Jugendzentrum in Montreal vorzustellen. ... Am Ende ihres Aufenthaltes assistierten sie bei der Gründung der 'P'tits Boulots au Quebec'. ...
Neu im Programm des 'Serice des Jeunes'", setzt Jan-Thilo seinen Rundbrief fort, "ist das 'atelier creatif''. Seit Ende September treffen wir uns jeden Mittwoch Nachmittag mit einer Gruppe von etwa 20 Kindern zwischen acht und zwölf Jahren zu einer Art kreativem Workshop. Zwei Stunden lang wird gebastelt, gemalt, modelliert, gepflanzt, experimentiert, geforscht und beobachtet. Spaß und pädagogischer Nutzen sollen hierbei zusammenfließen. So haben wir den Kindern beispielsweise anhand eines selbstgebastelten Dosentelefons die Weiterleitung von Schallwellen erklärt." ...
Nun noch zu Jan-Thilos Wohnsituation, mit der er im Sommer sehr unzufrieden war: "So unzufrieden, daß ich mich daran machte, mir eine neue Unterkunft zu suchen. Die Besitzer unseres Hauses hatten beschlossen, das Gebäude zu verkaufen und rührten in Folge keinen Finger mehr für längst fällige Reparatur- und Renovierungsarbeiten. ... Umgezogen bin ich schließlich aber doch nicht. Mittlerweile haben wir nämlich einen sehr sympathischen, neuen Hauseigentümer, der uns viele schöne Versprechungen gemacht hat. ... Wir sind jetzt eine international vermischte Wohngemeinschaft. Vertreten sind die Länder Belgien, Marokko, der Senegal, Burkina Faso, Burundi und Deutschland. Es ist faszinierend und vielleicht eine einmalige Chance, Erzählungen von einigen meiner neuen Mitbewohner über die Kultur, Lebensweise und die aktuelle Situation in ihren Heimatländern zu hören, von denen ich bisher gerade mal gewußt habe, daß sie zu Afrika gehören.
"Die größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden"
- dieses Zitat von Friedrich Nietzsche setzt Susanne Waldow über ihren ersten Rundbrief. Susanne lebt z.Zt.ebenfalls in Brüssel. Sie arbeitet bei "La Ruelle": Gleich am Anfang hat sie ein schockierendes Erlebnis. Am Wochenende ist sie allein im Haus. Als sie am Sonntagnachmittag mit einem Rucksack voller Kinderbücher für die Straßenbibliothek wieder nach Hause zurückkommt, entdeckt sie, daß bei ihr eingebrochen und sie bestohlen wurde.
"An dem Abend", berichtet sie, "glaube ich, mir fällt der Himmel auf den Kopf, in der fremden Stadt, ohne jemanden zu kennen, den ich telefonisch erreichen kann... es kommen alle ungünstigen Umstände zusammen... schließlich erreiche ich doch einen anderen EIRENE-Freiwilligen, der direkt vorbeikommt. Nach dem Schreck tut es gut, nicht ganz alleine zu sein, und ich kann mich ein wenig beruhigen. In der Situation war ich froh, andere Freiwillige nicht weit zu wissen, jemanden, der schon länger die Stadt kennt, besser Französisch spricht... das hat soviel Halt gegeben und zeigt, dass wir Freiwilligen unter uns uns eine Stütze sein können.
Aber nicht nur um das zu sagen, habe ich vom Einbruch geschrieben, denn darüberhinaus hat mich diese Geschichte nachdenklich gestimmt, was meine Vorstellungen von Besitz betrifft.
Meine Einschätzungen relativieren sich vor allem, wenn ich mir die Realität dieses Viertels vor Augen halte und doch in einer Umgebung lebe, in der ich täglich die größte Armut des Landes sehe. Damit soll nicht gesagt sein, daß ich so den Einbruch entschuldige, rechtfertige oder erkläre. Gleichzeitig befürchte ich, daß einige das Vorurteil von Kriminalität in diesem Viertel bestätigt sehen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle genauer von St.Josse und den Menschen, die hier leben, erzählen.
Es ist also das Immigrantenviertel von Brüssel, das heißt, in dieser Gegend wohnen mehr oder weniger freiwillig, sehr dicht zusammen, Menschen aller Länder, Religionen und Sprachen. Die kulturellen und ideellen Unterschiede zwischen moslemischen Marokkanern, freievangelischen Brasilianern und christlichorthodoxen Türken sind natürlich extrem, und so prallen auch in vielen alltäglichen Situationen verschiedene Ansichten krass aufeinander. Welche 'Völkergruppe' mit welcher sympathisiert und wer rassistisch gegen wen ist, habe ich bis jetzt noch nicht durchschaut... schließlich sind sie alle hier, mit unterschiedlichem Hintergrund, aber doch alle in der Hoffnung, bessere Lebensumstände zu erreichen, mehr Geld zu verdienen, ihre Kinder in die Schule schicken zu können und irgendwie einen Ausweg aus einer miserablen Situation zu finden. Jedoch Brüssel ist nicht einfach der neutrale Boden, der all das möglich macht, sondern wie gesagt bringt schon die Mischung der Nationen Konflikte und eigentlich ein politisches Potential, das oft Gefahr läuft, sich zu verlieren, aufgrund von Mangel an Mitteln, Unwissenheit und Desinteresse (diese Reihenfolge der Faktoren in Bezug auf Ursache/Wirkung ist nicht unbewusst).
An dieser Stelle liegt der Ansatz von 'La Ruelle'. Das, was dieses Projekt für St.Josse sein will, läßt sich unter dem Oberbegriff 'education de rue' - (aufsuchende/ausbildende Straßenarbeit) beschreiben. ...
'La Ruelle' betreut eine Straßenbibliothek, das heißt, wir gehen mit Büchern im Rucksack zum Pausenhof einer nahegelegenen Schule, um während der Pause Ansprechpartner für die Kinder zu sein. ... Der Nachmittag ist für Familienbesuche vorgesehen. Es geht dabei darum, als aufmerksamer Vermittler zwischen Eltern, Kindern und Schule nützlich zu sein. ... Anschließend ist Zeit für ein Atelier, das sich 'verrücktes Buch' nennt; eine Geschichte wird vorgelesen und in Bezug darauf eine Bastelei gemacht ... es geht darum, das Interesse der Kinder für Bücher zu wecken, sie kreativ sein zu lassen, sich mitteilen zu lassen und Gelegenheit zu geben, 'spielend' Französisch zu lernen. ... Danach gibt es eine Hausaufgabenbetreuung für einzelne Kindern. ... Hiermit habe ich nur einen kleinen Teil der Arbeit von 'La Ruelle' beschrieben und noch nicht vom Kontakt zu den Obdachlosen, verschiedenen Versammlungen und anderer politischer Arbeit erzählt. ...
Es ist eine Arbeit, die sich nicht berechnen oder mit Erfolg krönen läßt. Ihr Reichtum ist ein anderer, der von jedem neu mit seinen Ideen, Bedürfnissen und Sehnsüchten geprägt ist."
Aus Frankreich, genauer von der Arche "Le Levain" in Compiegne, kommt der Bericht von Johannes Meier.:
"'Arche' ist die Bezeichnung für eine Lebensgemeinschaft, in der Mental-Behinderte und gesunde Menschen zusammenleben. Gegründet wurde sie 1964 von Jean Vanier und Vater Thomas Philippe, die den zu damaligen Zeiten in unmenschlichen Psychiatrien zusammengepferchten und von der Gesellschaft ausgeschlossenen Behinderten wieder ein familiäres Leben und einen Platz in der Gesellschaft geben wollten. ... Sie sollte keine Lösung, sondern ein Zeichen sein; ein Zeichen dafür, daß eine wahrhaft menschliche Gesellschaft auf der Annahme und der Achtung ihrer ärmsten und schwächsten Glieder gegenüber gegründet sein muß.
Das Leben in der 'Arche', d.h.das tägliche Zusammenleben mit den Behinderten, sollte zugleich ein Gegenpol zu der rein einseitigen Behinderten-Helfer-Beziehung in den Psychiatrien sein. Es wird daher besonders großer Wert darauf gelegt, dass in der 'Arche' nicht nur die Behinderten Hilfe von den Assistenten erhalten, sondern dass auch die Assistenten sehr viel von den Behinderten lernen und erhalten können. Sie können beispielsweise erkennen, dass andere Werte wie Geduld, Liebe und Gemeinschaftswillen mindestens von ebenso großer Bedeutung sind wie Erfolg, Effizienz, Macht und Geld. ... Es gibt mittlerweile schon mehr als 100 'Arche'-Gemeinschaften in 28 Ländern.
Eine davon ist die Arche 'Le Levain' in Compiegne, 80 km nördlich von Paris. 'Le Levain' besteht aus sechs Foyers - den Wohnhäusern, die mitten in der Stadt verteilt das Zuhause für jeweils 6-8 erwachsene Behinderte und 3-4 Assistenten sind. ... Jeder hat ein eigenes Zimmer, alles andere aber ist gemeinschaftlich. In meinem Foyer sind wir zum Beispiel zu zehnt: 6 Behinderte und 4 Assistenten/innen - ein Franzose, 2 Polinnen und ich. ...
Tagsüber sind alle Behinderten außer Haus, da es ein Grundprinzip der 'Arche' ist, dass jeder Behinderte einen geregelten 'Arbeitstag' hat. So gibt es das 'Centre d'aide par le travail' (C.A.T.) - ein richtiges Unternehmen, in dem Zulieferungsarbeiten erledigt werden (Verpacken, Sortieren oder Zusammenbauen). ...
Als ich zum ersten Mal im C.A.T. arbeitete, war ich geschockt: Ich kam in die Arbeitshalle und sah die Behinderten, wie sie nebeneinander an einem langen Tisch saßen. Der erste tat einen Handgriff, gab das Produkt an seinen Nachbarn weiter, der dann den zweiten Handgriff tat us.s.w. Ich war entsetzt!. ... Mit der Zeit musste ich jedoch zugeben, dass ... es für die Behinderten doch von größter Bedeutung ist, diese Arbeit zu verrichten. In dem Moment, wo sie den falsch verpackten Lippenstift auspacken und in eine neue Verpackung geben, merken sie, dass auch sie fähig sind zu arbeiten und etwas für die Gesellschaft zu tun. Groß ist dann der Stolz, wenn sie sehen, wie ihre Lippenstifte im nächsten Supermarkt angeboten werden. Zudem wird versucht, die Arbeit im C.A.T. so oft wie möglich zu wechseln, um genau dieser Monotonie entgegenzuwirken. ...
Ein weiterer Teil der 'Arche'-Gemeinschaft 'Le Levain' ist der 'Service d'Accompagnement'. Er hilft den Behinderten, die autonom genug sind, außerhalb eines Foyers in einem eigenen Appartement zu wohnen. ...
Die 'Medicopsy' ist das medizinische Untersuchungszentrum. Hier empfangen externe Psychiater, Psychologen und praktische Ärzte mehrmals in der Woche die Behinderten zu Untersuchungen und Gesprächen und bilden so die professionelle Betreuung der Behinderten." ...
Johannes schildert "Aufgaben und Alltag: In den ersten vier Wochen kochte und putzte ich und kümmerte mich um die riesigen Wäscheberge der Behindeten und....jawohl....ich bügelte! Zunächst etwas überfordert, da es keinen gab, der mir mal erklären konnte, wo man bei einem Hemd geschickterweise anfängt zu bügeln. Dann fand ich mein System jedoch mehr und mehr selber heraus. Die Zeit zwischen 9 Uhr und 11 Uhr bevorzuge ich bis heute als die ideale Bügelzeit. Diese Zeit ist die Kinderzeit im Fernsehen, sodass dort eine breite Auswahl von witzigen Zeichentricksendungen ausgestrahlt werden, die einem das Sisyphus-Bügeln etwas versüßen. (Hut ab, Mama. Jetzt weiß ich, warum Du Dich immer nicht so recht freuen wolltest, wenn ich mal wieder
einen Satz neue Hemden gekauft habe - Hemden sind schon verdammt nervig zu bügeln.
Am Anfang hielt ich es für sehr übertrieben, einen neuen Assistenten einen Monat lang im Foyer arbeiten zu lassen, nur damit er die Alltagsroutine kennenlernt. Dann wurde mir jedoch mehr und mehr bewusst, wie wichtig es für die Behinderten ist, dass 'alles wie immer' ist, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen. Sie reagieren sehr sensibel auf Veränderungen, leben oft in einem ganz bestimmten Rahmen. Wenn sich Dinge verändern oder aus diesem Rahmen fallen, kann das sehr schnell zu einer großen Angst und Unsicherheit führen. Spontaneität ist daher im Foyer überhaupt nicht gefragt. ...
Mit der Zeit wurden mir dann immer verantwortungsvollere Aufgaben zugeteilt, sodass die Hausarbeit in den Hintergrund trat. Ich wurde zur Budget-Konten-Führung des Foyers herangezogen (... Mir wurde die Kontenführung mit der Aussage übergeben: 'Der schlampigste Deutsche ist immer noch sorgfältiger als der sorgfältigste Franzose!'). Desweiteren bin ich einer der wenigen, die einen Führerschein besitzen, sodass ich oft die Rolle des Chauffeurs übernehme. Einmal in der Woche mache ich die Einkäufe für das Foyer, die bei 10 Personen meistens 2-3 Einkaufswagen voll bedeuten. ... Dazu kommen zunehmend Besprechungen, Fortbildungen (sehr interessant), Gespräche mit Psychiatern und Psychologen oder abends Arztbesuche mit den Behinderten oder Hilfe bei persönlichen Einkäufen. All diese neuen Aktivitäten haben den sturen Routinealltag vollkommen verändert und den Tag ziemlich anstrengend gemacht.
Doch an Schlafen ist abends noch nicht zu denken: Hier finden die zahlreichen spontanen Feiern und Nachtaktivitäten der jungen Assistenten statt, die zusammen eine klasse Truppe bilden. Sie kommen aus vielen Ländern (im Moment sind es 12 Nationalitäten), und es gibt immer etwas zu feiern.
Gerade weil die Arche so eine komplexe, große Gemeinschaft ist, ist es schwer, auch in Kreise außerhalb der 'Arche' zu gelangen. ... Jetzt, nach einer gewissen Eingewöhnungszeit möchte ich mich vermehrt darum bemühen, rauszukommen. Sei es durch das Spielen in einem Orchester oder in einem Sportverein."
Von Frankreich fliegen wir nun in die USA. Von Washington D.C. aus schreibt Matthias Lehmphul rückblickend :
"Auf dem Ausreiseseminar von EIRENE (eine Woche in der Geschäftsstelle in Neuwied und anschließend eine Woche in der Jugendbegegnungsstätte Kloster Arnstein) wurden zahlreiche Schwerpunkte thematisiert. Es standen Themen wie 'Phasen eines Dienstes' (Wie geht es mir während meiner 17 Monate im Ausland persönlich und 'beruflich'?, Wie gehe ich mit auftretenden Problemen um? etc.), 'interkulturelles Lernen' (Toleranz im Alltag Fremden gegenüber, Grenzen der Anpassungsfähigkeit, Sprachbarriere und damit verbundene Verständnisprobleme etc.) 'gewaltfreie Konfliktlösung' (Was ist das?, Möglichkeiten aktiver Anwendung, Mediation, etc.), 'Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe' (EIRENE und seine Projekte in Afrika und Lateinamerika, Hilfe zur Selbsthilfe, etc.) an der Tagesordnung. ... Wir wurden zudem mit reichlich Länderspezifischem (Fotos, Essen & Trinken, etc.) und den Erfahrungen ehemaliger Freiwilliger versorgt. ...
Der Aufbau meines Unterstützerkreises hat mich viel Mut, Zeit und Energie gekostet. ... Es war gar nicht so einfach, Geld für einen Friedensdienst im Ausland zu sammeln. Wie sollte ich mein Anliegen meinem angedachten Kreis von Förderern klar und deutlich unterbreiten? ... Ich wendete mich mit meinem Schreiben an meine Freunde, Bekannte, an meine Gemeinde und nicht zuletzt an die Familie. Meine Erwartungen unterschieden sich letztenendes sehr von den Reaktionen meiner Adressaten. ... Da blieben Überraschungen verschiedenster Art nicht aus....
In Verbindung mit einem Freiwilligendienst in den Vereinigten Staaten", informiert uns Matthias weiter, "ist es nach der Ankunft üblich, an einem dreiwöchigen Orientierungskurs teilzunehmen. Nach also nun schon zwei Wochen EIRENE-Trockenübungen und nächtlichen Zusammenkünften in den Wäldern vor dem Klostergemäuer, sollte es im Schatten von Orangen- und Grapefruitbäumen mit der Vorbereitung weitergehen. Inhaltlich befassten wir uns mit unserem Glauben (oder Nichtglauben...) im Alltag, wie zum Beispiel den Möglichkeiten des Umsetzens der christlichen Theorie in die Praxis und allgemeingesellschaftlichen Themen wie z.B.die Minderheitenpolitik der US-amerikanischen Regierung. ...
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten ergänzten Projektbesuche das wöchentliche Programm. Wir besuchten mit dem firmeneigenen BVS-Bus Landarbeiter auf einer Orangenplantage, besichtigten eine Karottenweiterverarbeitung und verbrachten einen Tag lang in einem nichtstaatlich geführten, sozialen Projekt. Florian und ich durften im Büro von CENTAUR; einem sehr umfangreichen AIDS-Hilfeprojekt, Essenstüten zusammenstellen und 'Red Ribbons' (rote Schleifchen) herstellen. Begeistert von der Arbeit der dort tätigen Frauen und Männer ging ich an diesem Tag zu Bett!. Zudem hatte unser Kurs Nummer 228 zusammen aber auch reichlich an gemeinsamen Freizeitaktivitäten (Tageskanuausflug, Vogelbeobachtung in den Everglades, Besichtigung des JFK-Space Centers) ...
Seit dem EIRENE-Vorbereitungsseminar begleiten mich zwei weitere EIRENE-Freiwillige, Florian Kroeger (20) und Andreas Tillmann (21) . Zusammen stellen wir die diesjährige Winterdelegation EIRENEs im Nordprogramm 'U.S.A.'. ... Unabhängig voneinander fielen unsere ersten Projektwünsche auf ein und dieselbe Stadt, Washington D.C. Alle Projekte, die in DC von BVS angeboten werden, bringen normalerweise ihre Freiwilligen in der Brethren-WG unter. So leben wir demnach auch unter einem Dach. ... Wir entdecken gemeinsame Interessen und Vorlieben, wissen mittlerweile aber auch genau, was für verschiedene Menschen wir doch eigentlich sind. ... Andererseits hat dieser Zustand aber auch für uns seine Nachteile. Im Benutzen der Muttersprache zum Beispiel verdeutlicht sich gerade diese gemeinsame Feststellung. Die Leichtigkeit, bei Kommunikationsschwierigkeiten auf einen Muttersprachler zurückgreifen zu können, erschwert den Lernprozess."
Matthias hat sich für das Projekt NCADP = National Coalition Against Death Penalty) (Nationale Vereinigung zur Abschaffung der Todesstrafe) entschieden.
Kürzlich lese ich morgens meine SÜDDEUTSCHE ZEITUNG Und was springt mir in der Jugendbeilage JETZT ins Auge? Ein Beitrag über den 'American Way of Death'.
Darin heißt es: "Seit Matthias Lehmphul in Washington gegen die Todesstrafe kämpft, hat er Amerika fürchten gelernt und kann es nicht fassen, dass sich mittlerweile 54% der Deutschen dafür aussprechen."
Aber lassen wir Matthias selbst zu Wort kommen:
"Die NCADP ist die einzig existierende Organisation in den Vereinigten Staaten, welche sich ausschließlich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt. Dieses mit fünf hauptamtlichen Mitarbeitern besetzte Büro verfolgt gezielt vier Schwerpunkte
Zum Ersten geht es um die Bildung der Öffentlichkeit hinsichtlich der verfehlten Vorstellungen, mit dieser Art von Strafe könne man Gewalt und Verbrechen abschrecken. ...
Der zweite wesentliche Schwerpunkt der Arbeit liegt in dem stetigen Kampf, die herrschenden gesellschaftlichen Wertevorstellungen zu beeinflussen bzw.zu verändern. Die Rechtsprechung 'Auge um Auge, Zahn um Zahn', welche vom Gesetzgeber und den Gerichten der Vereinigten Staaten vertreten und verfolgt wird, ist moralisch nicht mit unserem menschlichen Dasein vereinbar. Die Absolutheit dieser Exekutive, über Tod oder Leben eines Menschen zu entscheiden, widerspricht der christlichen Vorstellung, in welcher Gott der oberste Richter der Menschheit ist. In diesem Zusammenhang versucht NCADP mit den chrislichen Kirchen des Landes der Bevölkerung bewusst zu machen, welches Unrecht Tag für Tag an den Gerichtshöfen gesprochen und in den Todestrakten klammheimlich vollstreckt wird.
Auf nationaler Ebene arbeitet NCADP eng mit anderen Menschenrechtsorganisationen wie z.B. Amnesty International oder Human Rights Watch zusammen. Gemeinsam wird versucht, verfassungsrechtliche Veränderungen herbeizuführen, um die Todesstrafe, endgültig und für immer, verbannen zu können. Als Grundlage für diese Zusammenarbeit beziehen sich die Organisationen auf Forschungsergebnisse von Experten aus der Rechtswissenschaft, der Psychologie, der Medizin, der Soziologie und der Kriminologie weltweit.
Ferner ist NCADP darum bemüht, die verschiedenen Interessen anderer nationaler Organisationen und Verbände (Feministen, Kinderschutzverband, Judenrat, etc.) klar auf einen Konsens zu formulieren, nämlich in der grundsätzlichen Abschaffung der Todesstrafe. ...
Die Vereinigung zählt national sowie international über 120 verbündete Gruppen, Organisationen, Verbände und Vereinigungen. Insgesamt etwa 3 000 eigene Mitglieder unterstützen die Arbeit in Form ihrer jährlichen Beiträge, spontaner Spenden oder Aktionen (z.B.Demonstrationen)."
Wie viel es doch noch zu tun gibt!
Jetzt wollen wir uns bei Florian Kroeger, der ja auch in Washington, D.C., ist, umsehen:
"Der Name meiner Organisation ist Community Family Life Services (CFLS). Es ist eine non-profit Organisation, die sozial schwachen Familien und Individuen hilft, ein geregeltes Leben zu führen, bzw.zu finden. CFLS bietet Hilfe in den Bereichen Jugendarbeit, Notfallhilfe, Wohnungs-und Arbeitsvermittlung. Die gesamte Organisation ist eine nicht-staatliche Gemeinschaft, die ihre Wurzeln in einem Kirchenprogramm hat. ... Mit allen Praktikanten und Freiwilligen, wie z.B.mir, sind es ca.50 Mitarbeiter. ...
Meine eigentliche Aufgabe ist die Vermittlung von Arbeit. ...Wir unterstützen unsere Klienten darin, selbständig ihre Arbeitssuche zu gestalten. ... Die meisten haben eine sehr bewegte Vergangenheit. Viele haben oder hatten schwere Probleme mit Drogen - es ist das erstemal, dass ich die wirklichen Auswirkungen von Drogen auf Menschen erleben kann/muss. Ich bin vollkommen überrascht/geschockt, wie zerstörend die Auswirkungen auf den Körper und Geist sind. Mir wurden Lebensgeschichten erzählt, bei denen mir die Luft weggeblieben ist. ...
75% der neuen Klienten kommen nach dem ersten Interview nicht wieder, das scheint auf den ersten Blick nicht sehr berauschend zu sein, erstens sind einige nicht mit der selbständigen Arbeitsweise zufrieden, andere können aufgrund ihres andauernden Drogenkonsums nicht mit uns arbeiten und drittens sind unsere Ressourcen auf ein spezielles Klientel zugeschnitten, so dass sich manche Erwartungen nicht erfüllen lassen. ...
In unserem Haus, das von der Church of the Brethren geführt wird, leben als Freiwillige drei Deutsche, sechs Amerikaner, zwei Halb-Amerikaner und eine Serbin. Viele verstehen unter einem solchen Gemeinschaftsleben, dass es der pure Spaß wäre, aber es kann auch auf die Dauer anstrengend sein, mit so verschiedenen Charakteren zusammen zu leben. Der Hauptgrund dafür mag wohl sein, dass wir nur acht Einzelräume haben, die anderen sind Doppel- und Dreibettzimmer. ... "
In seinem 2.Rundbrief vom September geht Florian zuerst auf das Zwischenseminar von EIRENE ein:.
"Eine Woche bestimmten Arbeitsgruppen, Projektvorstellungen, Wanderungen und Erholung unser Programm. Dazu wurden wir von EIRENE in die Rocky Mountains eingeladen. Eine Ex-EIRENE-Freiwillige lebt dort mit ihrem Lebensgefährten in ihrem Haus. Andreas, Matthias und ich, schon fast zu Stadtmenschen mutiert, schlugen dort für acht Tage unsere Lager auf. Weitere EIRENE-Freiwillige haben schon auf uns gewartet. Die Begrüßung hat einen Riesenspaß gemacht. Ich hatte plötzlich so ein Stück Heimat im Kopf. Es war sehr gut, über unsere Projekte zu sprechen oder einfach nur gemeinsame Erfahrungen auszutauschen. Die Unterrichtseinheiten sollten uns helfen, angestaute Probleme zu besprechen.Wieder einmal wurde der Kulturunterschied von allen nur möglichen Perspektiven analysiert.
Für Abwechslungen sorgten unsere Wanderungen, die nicht mit den Tagesausflügen in der Grundschule zu verwechseln sind. Mit Feldstecher und Kompass sollte es uns in die Wildnis ziehen!. Ein unvorhersehbarer Hagelschauer und ein kleines Unwetter machten es zu einem Abenteuer erster Klasse."
Dann erzählt Florian von seinen Wohnumständen und dem Gemeindeleben:
"Drei Leute sind mittlerweile ausgezogen. Unsere Wohnsituation gleicht so ein bisschen einem Bahnhof. Leute kommen und gehen, haben einen kurzen Aufenthalt in unserem Haus. ... Ich habe jetzt nach fast acht Monaten 'Doppelzimmer-Leben' endlich meinen eigenen Raum. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht als das. Mein Stimmungsbarometer ist auch sprunghaft angestiegen, mein Leben in Washington macht jetzt erst richtig Vergnügen. Flos Kommentar: 'Mich kann keine andere Wohngemeinschaft mehr erschrecken! Wir haben ALLES gesehen und gehört. Geheimnisse werden zu einem Gemeinschaftswissen!. ...
Der Kontrast der verschiedenen Kulturen bildet eine abwechslungsreiche Gesellschaft, die sehr charakteristisch für die USA ist. Was ich dabei nur sehr bedauernswert finde, ist, dass es keinen nennenswerten Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen gibt. Umsomehr versuche ich ein breites Spektrum verschiedener 'Gemeinden' kennenzulernen. Dafür gehe ich zu verschiedenen Gottesdiensten. ...
Hier ist die Vielfalt an Gemeinden nahezu unerschöpflich, zweitens ist es ein sehr lebhafter Gottesdienst. Drittens sind Kirchen intensiver im Sozialwesen engagiert, d.h., es ist e i n e Sache, über Themen zu predigen, aber das aktive Handeln ist etwas anderes. Viele soziale Organisationen, wie zum Beispiel ein Großteil der Projekte von Brethren Volunteer Service, haben kirchlichen Ursprung. So entstehen aus Kirchen-Initiativen Ideen für Hilfsprogramme. Viele Kirchen, die ich bis jetzt während meines Dienstes besucht habe, schaffen es, junge und alte Menschen in das 'Gotteshaus' zu bringen, sie mit richtiger Musik und Gesang zu begeistern und im Nachhinein für eine freiwillige Arbeit zu gewinnen. ... Vielleicht gelingt es mir ja, einen halbwegs normalen Gottesdienst zu beschreiben. Ich habe dafür eine farbige Baptisten-Gemeinde ausgewählt:
Sonntag morgen, 10.30 Uhr steige ich aus der Metro aus.Dort werde ich auch schon von George aus meinem Projekt und seinem Freund erwartet, erstaunlicherweise werde ich mit dem Kirchenauto abgeholt. Auf dem Parkplatz des Gemeindezentrums angekommen, werde ich erstmal einigen Bekannten vorgestellt. Ich habe das Gefühl, herzlich willkommen zu sein. Der Haupteingang führt in einen Aufenthaltsraum, in dem sich die Gemeinde schon eine halbe Stunde vor Beginn trifft und einen Sonntagsplausch hält. Ich werde weiteren Leuten vorgestellt. Mein Akzent fällt ebenso schnell auf wie meine Hautfarbe. Ich bemerke nach sehr kurzer Zeit, dass ich der einzige Weiße in dem Raum bin; es macht aber keinen Unterschied. Ich werde begrüßt, umarmt und geküsst. Aus dem oberen Stockwerk hört man Gospelgesänge. Angesteckt vom Rhythmus wippen die Leute in die Kirche und finden unter Anweisung ihre Plätze. Vor lauter Begeisterung bleibe ich stehen, schaue unentwegt auf die Bühne; ich würde den Altarbereich nicht als Altar bezeichnen, vielmehr als eine Bühne.
Ein gesangskräftiger Gospelchor, links daneben hat die 'Kirchenband' ihren Platz gefunden. Schlagzeug, Gitarre und Orgel geben den Beat an, den schönsten Gospel, den ich je live erlebt habe. Ich gebe ungern Vergleiche zu Kinofilmen, aber für die Leute, die 'Sister Act' gesehen haben, die wissen, wie dieser Chor Stimmung gemacht hat. - Ach, ich verzweifle hier mit meinen Worten, die nicht annähernd diesen Geist verbreiten können, der in dem Raum geherrscht hat.
Der Gottesdienst fängt eigentlich jetzt erst richtig an. Zuerst werden alle Gemeindemitglieder begrüßt, d.h.Leute werden persönlich angesprochen, nach ihrem Wohlbefinden gefragt, vielleicht ergibt sich auch eine kleine Unterhaltung. Andere, die ihren Weg in die Kirche seltener finden, werden vom Pastor besonders willkommen geheißen. Besucher, in diesem Fall war ich auch einer, werden mit einem kleinen Gastgeschenk begrüßt, dazu bittet der Redner alle Besucher, aufzustehen. So, und nun stehe ich als einziger Weißer im Raum. Doch die Gemeinde versteht es, seine neuen Mitglieder zu umwerben, alle Besucher werden mit Beifall willkommen geheißen.
Mit weiterem 'Smalltalk' vergeht eine gute halbe Stunde. Dann beginnt die Predigt. Der Pastor steht an seinem Rednerpult, die Zuschauer hören gespannt zu. Was als kleiner Moralappell beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einer lautstarken Unterhaltung, unterbrochen von Geschrei: 'Amen, Amen'. Das Publikum vermittelt so seine Zustimmung. Leute schreien auf, sind aufgebracht, positiv wie negativ - man wird von der intensiven Sprache, den rhetorischen Mitteln tief in den Bann gezogen.
Nach einer Stunde sitze ich leicht durchgeschwitzt und angespannt in meiner kleinen Bank. Der Redner ist in eine Art Sprechgesang übergegangen, und die Leute schreien unentwegt: 'Amen, Amen, Amen'!
Die Predigt ist vorbei, es beginnt der Abschied, mehr als zehn Leute kommen auf mich zu, wollen wissen, woher ich komme, wie ich auf ihre Kirche gekommen bin, ich werde auch prompt zum Mittagessen eingeladen."
Nach diesem mitreißenden Gottesdienst nun zu Andreas Tillmann.
Andreas arbeitet bei der ''Church of the Brethren Washington City Soup Kitchen', also einer Suppenküche und im 'Nutrition- (Ernährungs)Programm. Zuerst erklärt Andreas den Hintergund des BVS:
"Brethren Volunteer Service gehört zur Church of the Brethren (Kirche der Brüder). Gegründet wurde sie 1708 aus den Wurzeln der Quäker und der Mennoniten heraus. Sie ist somit eine der großen historischen Friedenskirchen (absolute Ablehnung von Krieg und Gewalt) der USA. Aus dem Glauben des Gründers Alexander Mack und aus der Tradition der Church of the Brethren heraus ist dann 1948 der Brethren Volunteer Service entstanden. Diese Tradition besagt, dass man seine eigene Kraft für andere Hilfsbedürftige bzw.Arme einsetzen sollte. So lautet der 'Leitsatz' von BVS: 'Gebe deine Zeit und dein Wissen, um in einer Welt zu helfen, die Hilfe braucht'. Die Ziele von BVS sind:
-Arbeiten für den den Frieden
-Gerechtigkeit in der Justiz
-helfen, die minimalsten menschlichen Bedürfnisse zu decken
-Bewahrung der Schöpfung.
...
Das soziale Netz in den Vereinigten Staaten ist bei weitem schlechter als in Deutschland. Da der Staat sich hier oftmals nicht der Hilfebedürftigen annimmt, übernimmt die Kirche die soziale Fürsorge." ...
Dann schildert Andreas seine Arbeit mit seinem 'Raumkollegen' Travis in der Suppenküche:
"Gemeinsam mit Travis leite und koordiniere ich diese gemeinnützige Einrichtung. Das bedeutet zwar 'wir sind der Boss', aber wir haben auch die ganze Verantwortung für dieses Programm. Weitestgehend müssen wir alles alleine erledigen - von Kochen übers Servieren bis hin zum Putzen. Auch das Einteilen der Freiwilligen ist unsere Aufgabe. ... Weiterhin müssen wir uns darum kümmern, dass wir Nahrungsmittel von der Foodbank erhalten. Foodbank bedeutet wörtlich übersetzt 'Essensbank', und das trifft auch zu. Sie sammelt z.B.von Supermärkten das Essen ein, welches diese kostenlos abgeben (z.B.Dosen, die verbeult sind oder Lebensmittel, die abgelaufen sind.) An ca.3-4 Tagen pro Woche haben wir Freiwilligengruppen, die uns bei der Zubereitung der Gerichte helfen. Diese Gruppen bestehen meistens aus Schülern, Studenten oder Kirchengemeinden. Ohne diese zusätzliche Hilfe wäre es für uns zwei überhaupt nicht möglich, all diese Mengen Essen zuzubereiten. Wir ernähren jeden Tag ca.150-200 bedürftige Menschen, denen wir unbegrenzt Essen ausgeben. In Zahlen bedeutet dies:
-2 große Töpfe (je 40 Liter) Suppe
-8 große Pfannen Beilage, z.B.Kartoffeln oder Nudeln
-6 große Pfannen Brot
-je 50 Liter Limonade, Tee, Kaffee und, wenn vorhanden, Nachtisch. ...
Bevor ich mein Projekt angetreten habe, war ich der Meinung, dass es 'nicht so schwer' sein kann, mit erwachsenen Menschen umzugehen. Da hatte ich mich aber voll und ganz getäuscht, denn jeder Tag ist hier eine neue Herausforderung. Allein schon die Leute dazu zu bringen, sich für das Essen in eine Reihe zu stellen und keine Streitigkeiten mit ihren Nachbarn anzufangen, ist schwierig. Aber trotz all dem bin ich mir auf jeden Fall 100%ig sicher, dass ich das richtige Projekt gewählt habe. Jeden Tag gehe ich mit einem guten Gefühl nach Hause, wenn ich sehe, dass bis zu 200 bedürftige Menschen satt 'mein Restaurant' verlassen.. Ich kann jeden Tag den positiven Nutzen meiner Arbeit sehen. Dadurch fühle ich mich bestätigt, den richtigen Weg für meinen Zivildienst gewählt zu haben."
Ebenfalls in Amerika, allerdings eine ganze Strecke weiter südlich, nämlich in Crato in Brasilien, leistet Stefan Möllmann seinen Solidarischen Lern- und Fachdienst im Projekt 'Nova Vida'.
Nach seinem Ausreiseseminar bei EIRENE in Neuwied gab es noch einen Abschiedsgottesdienst in Stefans Heimatgemeinde:
"Pastor Matthias Schneider eröffnete die Messe und wies darauf hin, daß die Zusammenarbeit mit mir und meinem Projekt als eine Bereicherung für das Leben in der Pfarrgemeinde gesehen werde. ... Wichtig sind die Grundsteine, sind die Stimmen, die ich von Euch für mein Vorhaben erhalten habe, denn es war nicht immer leicht, sich in den letzten Monaten mit meiner Idee durchzusetzen, insofern diese Art der Entwicklungshilfe auch noch fremd in unserer Gemeinde ist."
Im April schickt Stefan seinen 2.Rundbrief. Nach einer Woche in einem Kinderprojekt in Recife ist er bei 'Nova Vida' in Crado angekommen. Er schreibt:
"Crato ist eine Stadt mit etwa 100 000 Einwohnern, wobei reiche wie arme Wohnviertel mehr oder weniger ineinander übergehen. Die meisten Gebäude, bis auf die im Stadtzentrum, besitzen auch keine Stockwerke und sind einfachen Baustils. Die Gegend ist unheimlich grün und bewachsen, da sie von einem Berggürtel umschlossen wird. Es gibt hier viele Kleinbetriebe und Werkstätten, doch trotzdem leben viele Menschen von Gelegenheitsarbeiten, da sie keine Bildung besitzen.
1994 wurde das heutige Projekthaus von 'Nova Vida' errichtet. Es besitzt einen großen Saal mit Küche, eine Friseurstube und eine Werkstatt.
Im Projekt werden morgens die Kleinsten aus dem Viertel betreut und bekommen zur Mittagszeit ein Essen. Nachmittags, nach der Schule, machen die jüngeren Mädchen und Jungen Handarbeit im Saal, seien es Ketten, Stickarbeiten etc. und bekommen von den betreuenden Frauen Unterstützung zur Schule. Die älteren Mädchen erhalten von einer Fachkraft im Salon Anleitung im Haare-Schneiden und in der Maniküre. Mit ganzem Stolz präsentieren sie sich immer nach der Arbeit, wenn es gegen Abend für alle ein Essen gibt.
Regelmäßig finden Versammlungen mit den Müttern statt, um über die anstehenden Probleme und die Probleme der einzelnen Kinder zu sprechen. Aber es ist noch immer sehr schwer, wie ich merke, bei den Müttern die einfachsten Regelungen und Grundsätzlichkeiten aufrechtzuerhalten. Das Verständnis der Mütter dafür, dass man sich z.B.Lebensmittel oder Medikamente gemeinsam anschafft, da es billiger ist, oder dass man die KInder täglich zur Schule zu schicken hat, fehlt oft. ...
Noch immer gehen einige Mütter der Prostitution nach, andere haben keine Arbeit und zumeist Probleme mit dem Alkohol, andere schließlich haben eine Anstellung als Haushaltsgehilfin oder finden Gelegenheitsarbeiten. Viele der Menschen sind Analphabeten, und auch die älteren Jugendlichen besuchen oft eine Abendschule, da sie vormals aufgrund der Familienverhältnisse und des fehlenden Lehrmaterials keine Schule besucht haben. ...
Morgens arbeite ich auf dem Bau, denn zur Zeit wird ein zweites Haus für die Projektarbeit errichtet. Hier soll in Zukunft ein Computersaal entstehen. ... Zudem sollen mehrere Lehrräume für die Alphabetisierung der Älteren errichtet werden. ... Die Arbeisgeräte sind einfachst, und es fehlen jegliche Schutzmaßnahmen. Der Beton wird vor dem Haus auf dem Boden gemischt und in Blechtonnen hineingetragen. Ein paar Latten und Bretter dienen als Gerüst und die Leiter ist so zerbrechlich, dass ich oft denke, die Brasilianer haben mehr Glück als Verstand. Arbeitsentlastende Maschinen und Hilfsmittel werden auch in Zukunft hier ausbleiben, da die Arbeitskräfte einfach zu billig sind, als dass es sich lohnen würde welche anzuschaffen. Doch trotzdem macht mir die Arbeit vormittags viel Spaß. ...
Nach dem Mittagessen geht es ins Projekthaus, wo ich auch schon viele Kinder liebgewonnen habe. Meine Konzentration richtet sich vor allem auf die Werkstatt. Hier erlernen die Jungs das Schweißen, Sägen und mechanische Grundlagen. Ich baue mit ihnen im Moment eine Schaukel, denn wir möchten hinter dem Projekthaus einen kleinen Spielplatz errichten. In der Zukunft möchte ich einige Stunden der Woche nutzen, um ihnen mathematische und theoretische Grundlagen für die Arbeit in der Werkstatt beizubringen."
In seinem Rundbrief vom August berichtet Stefan:
"Ich habe an einem Kurs für Lederhandwerk teilgenommen und werde jetzt an einigen Nachmittagen der Woche mit einer eigenen Gruppe von Jugendlichen dieses Handwerk im Projekt eröffnen. Diese Lederhandarbeiten versprechen gute Aussichten auf den Verkauf und zudem wird jetzt im neuen Projekthaus ein kleiner Laden eingerichtet.
Eine kleine Fußballgruppe haben wir an den Montagnachmittagen auch schon gegründet, die mit einigen 'Ronaldinhos' besetzt zu werden verspricht.
Außerdem habe ich die Idee einer 'Technikstunde' in der Woche, neben dem schon existierenden ''Motorunterricht', und vielleicht wird ein kleiner Deutschkurs eingerichtet werden.
Schritt für Schritt muss sich alles entwickeln, obwohl schon jetzt meine Ideen und Vorhaben den zeitlichen Rahmen meines vorgesehenen Auenthaltes sprengen. ...
Zur Situation: Die Schlagzeilen der letzten Monate bezogen sich vor allem auf die Probleme rund um die Trockenheit, die hier im Nordosten katastrophale Auswirkungen auf die Bevölkerung hatte und hat. Die Ernte von Reis, Mais, Bohnen, Baumwolle und Bananen ist in diesem Jahr zu 50% und mehr eingebrochen. Die Preise für die entsprechenden Grundnahrungsmittel sind demnach um 50-100% angestiegen. An vielen Stellen ist die Versorgung mit Wasser total zusammengebrochen. Die Bevölkerung leidet Hunger und Durst. Neben den ohnehin schlechten Arbeitsbedingungen ist die Arbeitslosenquote stark angestiegen, die eine erneute Flut ausgelöst hat von Menschen, die in die Städte abwandern. Es hat viele Proteste von Landbewohnern gegeben, und auch einige Bischöfe haben ihre Stimmen erhoben und den Staat zum Handeln aufgefordert. ...
Der Bildungszugang für viele Kinder ist oft schwierig, insofern die Situation auf vielen öffentlichen Schulen völlig unzureichend ist, die Lernmaterialien fehlen oder die Mütter ... ihre Kinder nicht zur Schule schicken. In einigen Landgebieten ist die Schule für die Kinder auch nicht erreichbar. Auch im Projekt gibt es viele Kinder, die täglich einen Schulweg von mehreren Kilometern zurücklegen müssen. Viele Kinder arbeiten schon im Kindesalter. ... Jeden Morgen passiere ich einige Hütten, an denen die Kinder Steine zerschlagen, um sie anschließend als Bauschotter weiterzuverkaufen. Eine Stahlschlinge und ein Hammer dienen ihnen als Werkzeug. ... Viele Kinder unterliegen den billigen Drogen, welche es auf den Straßen zu kaufen gibt. Die Kleinen schnüffeln Klebstoff, den Älteren begegnet man oft, durch stärkere Drogen zugerauscht, auf den Straßen der Armenviertel. ... Alkohol ist nicht nur ein Problem der Erwachsenen und alleinstehenden Mütter, sondern auch eine starke Schwäche vieler Jugendlicher und Kinder. ... Gestern hat die Polizei hier wieder über 10 Kinder festgehalten, wegen Alkoholmissbrauchs oder dem Benutzen von Drogen, wo es dann Aufgabe der 'Conselhos' ist, eine verantwortliche Person für die Kinder zu suchen oder sie nach Hause zu bringen. ...Eine Ordensschwester erzählte mir vor einigen Wochen, viele Kinder säßen mit mehreren in engsten Zellen im Jugendgefängnis unter schlimmsten sanitären Bedingungen. Viele sind Straßenkinder, und da niemand nach ihnen fragt, kommt es vor, dass Kinder wegen kleinster Delikte oft Monate oder Jahre im Gefängnis verbringen."
Und doch sagt Stefan: "Es sind die kleinen Sachen, die ich mag, denn sie kommen von Herzen".
Auszüge aus Euren Berichten zusammenzustellen, macht mir jedesmal viel Freude. Aber es ist sehr frustrierend, dass ich kaum ein Echo bekomme - und ich wüsste doch gern, was Euch an diesen Rundbriefen gefällt und was ich verbesssern könnte.
Schließen möchte ich diesmal mit einem Ausspruch, den Jan-Thilo Klimisch in dem Sozialrestaurant in Brüssel gehört hat:
Jeder Mensch auf der Welt ist reich,
denn jeder Mensch kann träumen.





