Internationaler Christlicher Friedensdienst

Nach einem letzten Abschiednehmen fuhr ich nach Compiègne – für ein ganzes Jahr!

Felix Heidebüchel erzählt vom Leben in der Arche-Gemeinschaft in Compiègne - einem kleinen Städtchen eine Autostunde von Paris entfernt. (März 2008)

Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Unterstützer, nun ist es so weit: mit etwas Verspätung habe ich es doch geschafft mir einen ruhigen Tag zu nehmen und meinen ersten Rundbrief geschrieben. Ich werde Euch von meinem Weg bis zur Ausreise nach Frankreich, von meiner Arbeit und meinem Leben hier in der Arche und von besonderen Momenten erzählen. So hoffe ich Euch ein bisschen näher sein zu können und natürlich profitiere ich selber auch von dieser Rekapitulation meiner ersten vier Monate. Wie ich dazu kam Mir war im Grunde schon frühzeitig während meiner Schulzeit klar, dass ich nach meinem Abitur nicht in Deutschland bleiben, sondern einfach mal „raus“ wollte. So begann ich mich Mitte des 12. Schuljahres über ein Auslandsjahr anstelle des Zivildienstes zu informieren und fand gleich zwei Organisationen, die mir zusprachen: „Aktion Sühneichen Friedensdienste“ (ASF) und „EIRENE“, ein internationaler Christlicher Friedensdienst. Nachdem ich für beide zwei mühevoll entworfene Bewerbungen verschickt hatte, kamen zwei ernüchternde Antworten: für ASF hatte ich die Bewerbung zwei Tage zu spät abgeschickt (Oh, was habe mich über mich selbst geärgert!) und bei EIRENE waren es schon zu viele Bewerber, ich viel raus. Was nun? Zivildienst in Deutschland? Och nö, ich wollte doch neue Orte kennen und Französisch lernen… Ein geplatzter Traum? Nur für kurze Zeit! Denn dann rief mich EIRENE an: ein Mädchen sei für ein Auswahlseminar abgesprungen, ob ich nicht anstelle ihrer kommen wolle! Was für eine Frage?! Na klaro! So machte ich mich (am Folgetag unseres letzten Schultages) in nicht allzu guter körperlicher Verfassung auf nach Neuwied, dem internationalen Sitz von EIRENE, wo wir ein Wochenende lang zu unseren Wunschprojekten befragt wurden. Und wie Ihr seht, wurde ich für mein Projekt in Compiègne, Frankreich, angenommen. Nach einer zehntägigen Erkundungsreise in mein Projekt im Juli sah ich mich in meiner Wahl auch positiv bestätigt und ich bekam einen Motivationsschub und richtig Lust noch mehr in dieser Richtung zu erfahren. Doch bevor ich endgültig nach Frankreich fahren sollte, erwartete mich noch ein zwölftägiges Ausreiseseminar mit EIRENE. Dort wurden mir mit anderen EIRENE-Freiwilligen die Gründungsidee und die Aufgaben von EIRENE näher gebracht: In Folge des Algerienkrieges (1954-62) gründeten Christen verschiedenster Konfessionen 1957 EIRENE (griechisch = Friede), um damit ein Zeichen gegen Gewalt, Wettrüsten und kulturelle Konflikte zu setzen. Der Algerienkrieg sollte nicht den Charakter von einem Krieg der christlichen Welt gegen den Islam gewinnen und seither setzt sich EIRENE als ökumenischer Verein in vielen Konfliktherden der Welt für ein friedliches Zusammenleben zwischen den verschiedensten Ethnien, Religionen und Gesellschaftsschichten ein: EIRENE ist aktiv in Nordirland, Nord- und Schwarzafrika, Südamerika, nach 1989 auch verstärkt in Osteuropa, aber seit 1980 auch in unserer westlichen Welt, wie z.B. den USA, Kanada, Frankreich und Belgien. In all diesen Teilen der Welt kooperieren sie mit schon bestehenden regionalen Vereinen und Institutionen, wie z.B. den Friedenskirchen der Mennoniten, der „Church of the Brethren“ und natürlich der „Arche“. Bis heute haben über 1200 junge (und auch ältere) Menschen einen Friedensdienst mit EIRENE geleistet. Dies ist vor allem dadurch möglich geworden, dass EIRENE als Träger des „Freiwilligen Sozialen Jahres“ (FSJ) und des „Anderen Dienstes im Ausland“ (anstelle des Zivildienstes) anerkannt ist. Darüber hinaus zeichnet das seit 1993 jährlich neu zuerkannte Spendensiegel des „Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen“ EIRENE als verantwortungsvolle gemeinnützige Organisation aus. (Wer mehr dazu wissen möchte: www.dzi.de oder www.eirene.org). Neben diesen Vertiefungen unserer Kenntnisse über EIRENE an sich besprachen wir Themen, wie Gewaltfreiheit, Toleranz, Fremd- und Eigeneinschätzung, sowie länderspezifische Inhalte. Gefüllt mit Rollenspielen, theaterähnlichen Szenen und viel Raum zum Austausch mit den Seminarleitern und den anderen Freiwilligen waren für mich diese zwei Wochen sehr bereichernd! Zusammen mit so vielen Menschen in einer ähnlichen Situation, wie ich, war der Aufbruch sehr viel leichter, als ihn alleine zu tun. Da wir alle quasi in den Startlöchern standen, hatte jeder unter uns eine unglaubliche Energie und Neugierde, was ein sehr intensives Kennen lernen ermöglicht hat – ein Kennen lernen, wie ich es in einer so kurzen Zeitspanne noch nicht erlebt habe. Ihr merkt, ich verbinde sehr, sehr gute Erinnerungen mit diesem Ausreiseseminar, was uns, wie ich finde, sehr sorgsam auf unser Auslandjahr vorbereitet hat. Nun gut, am 15. September war es dann soweit: Nach einem letzten Abschiednehmen fuhr ich nach Compiègne – für ein ganzes Jahr!

Angekommen und auf Entdeckungsreise Compiègne ist im Grunde ein kleines, schönes Bourgeois-Städtchen eine Stunde mit dem Auto oder dem Zug von Paris entfernt. Insgesamt gibt es hier fünf „Foyers“, d.h. Wohneinrichtungen oder Häuser, in denen wir Betreuer („assistants“) zusammen mit den zu Betreuenden leben. Fast alle „Foyers“ sind im Stadtkern gelegen, was auch ein Zeichen dafür sein soll, die Behinderten in das Leben der Gesellschaft zurückzuholen, anstatt sie mit weit abgelegenen Einrichtungen zu marginalisieren, wie es insbesondere früher der Fall war, aber auch heute noch so ist. Als ich dann im „Le Sablier“, meinem neuen Foyer, ankam, war ich zunächst sehr über den materiellen Wohlstand überrascht. Wir haben unser eigenes Haus mit einem recht großen Garten und einer sehr modernen Küche (die Schubladen gehen die letzen cm ganz langsam und leise zu – herrlich!). Ich bin gerade geneigt auch „viel Platz im Haus“ zu schreiben, doch das muss ich leider wieder relativieren – denn wir sind immerhin zehn bis zwölf Personen im Haus: acht allesamt recht selbstständige geistig und zum Teil psychisch behinderte Erwachsene und zwischen zwei und vier „assistants“: Diese Schwankung ist zeitlich bedingt: als ständige Betreuer sind da Ien Tchov und ich (ständig will heißen wir beide bleiben ein ganzes Jahr lang und sind abgesehen von unseren freien Tagen die ganze Woche da).

Unser Alltag Neben solchen pädagogischen Aufgaben besteht mein Arbeitsalltag vor allem aus administrativen, organisatorischen und sehr praktischen Aufgaben: das Foyer muss irgendwie laufen. Das bedeutet für mich einkaufen zu gehen, zu putzen und den Haushalt zu übernehmen und seit Kurzem (natürlich als Deutscher!) die Konten führen. Wir planen die Wochenenden, begleiten die „personnes“ zu Arztterminen, wir kochen mit ihnen und wir treffen uns im Team einmal die Woche, um uns auszutauschen und die nächste Woche zu planen. Was mir, zumindest gefühlt, jedoch die meiste Zeit raubt, das sind die Kleinigkeiten, die jederzeit und unerwartet kommen: hier ein Telefonat, dort eine kaputte Glühbirne; so dauert ein Baderzimmerputz mal schnell eine Stunde anstatt 15min. Die Arbeit der „personnes“ ist hier in Compiègne, wie auch in den meisten anderen Arche-Einrichtungen in Frankreich, zweigeteilt: für die stärker Eingeschränkten gibt es das „atelier occuppationel“ und für diejenigen mit schwächeren Behinderungen das „ESAT“ („Etablissement et Services d’Aide par le Travail“). In dem „atelier occuppationel“ werden Freizeitaktivitäten, wie Reiten, Schwimmen und Basteln angeboten, Kerzen und Untersetzer hergestellt und dient eher der Beschäftigung der „personnes“ unter pädagogischer Begleitung. Ich nehme z.B. jeden Dienstag für zwei Stunden an einer Theatergruppe teil. Wir üben Gesten und Mimiken, arbeiten an der Selbstüberwindung sich vor einem Publikum zu präsentieren und hatten sogar schon eine etwas größere Aufführung, die eine sehr gute Resonanz gefunden hat. Zu Beginn war es für mich noch sehr gewöhnungsbedürftig, die unplanbaren Reaktionen der „personnes“ zu erleben – ich war noch etwas in meiner Erwartung einem stimmigen und durchstrukturierten Theaterstück verwachsen. Doch wenn sich dann eine „personne“ mitten in der Aufführung vom Acker macht, weil er auf Toilette muss, ist das in der Situation auch nicht weiter schlimm. Die Arbeit mit dieser Gruppe macht mir auf jeden Fall unglaublich viel Spaß, da ich selbst, das Publikum und vor allem die „personnes“ selbst immer wieder überrascht sind, dass sie ja doch etwas gut können, entgegen dem, was sie im Grunde ihr ganzes Leben erfahren haben. Ich glaube sie bekommen durch das Theater, bei dem man aufgefordert ist in eine andere Rolle zu schlüpfen, ein neues, selbstsicheres Selbstbild. Das wochenlange Üben und Einstudieren der Szenen, dann die Aufregung und die Angst vor der Aufführung und letztlich die Bestätigung durch den Applaus, diesen Prozess nehmen sie „personnes“ sehr aufmerksam war. Da bei mir im Foyer jedoch, wie gesagt, die „personnes“ physisch recht schwach eingeschränkt sind, geht keiner von ihnen ins „atelier occuppationel“. Im Vergleich dazu sieht nämlich die Arbeit im „ESAT“ ganz anders aus: das ESAT ist nämlich ein eigenes kleines Unternehmen, in dem die „personnes“ Pack- und Sortierarbeiten verrichten. Größere Unternehmen schicken ihre Zwischenprodukte hierhin, um sie auf Produktionsfehler zu überprüfen und weiterverarbeiten zu lassen. Z.B. werden vor Weihnachten Boxen mit Stiften, Klebern und bunten Spielereien gefüllt, um sie später als Bastel-Sets für Kinder zu verkaufen – das „ESAT“ profitiert quasi vom „Outsourcing“ größerer Konzerne (z.B. auch „Chanel“). Eine kleinere Gruppe („Les Espaces Verts“) arbeitet, anstelle von diesen Packarbeiten, draußen, um Grünflächen instand zu halten, Bäume zu fällen und Gärten zu pflegen. Das Klientel besteht sowohl aus Unternehmen mit großen Wiesenflächen, als auch aus Privatkunden (z.B. mein Foyer mit unserem großen Garten). Diese zum Teil einfältige Arbeit im „ESAT“ ist wirklich anstrengen, aber die „personnes“ sind mächtig stolz darauf und größtenteils auch sehr fleißig, da die Arbeit (und vor allem ein echter Lohn) für sie eine Art Prestigewert hat: arbeiten zu dürfen, wie die nichtbehinderte Gesellschaft bedeutet natürlich weniger ausgegrenzt zu sein. So hat sich z.B. eine unglaubliche Frustration bei den „personnes“ breit gemacht, als es an Aufträgen von Unternehmen fehlte und für mehrere Wochen fast Arbeitslosigkeit herrschte – bis ich diesen Umstand mit der miserablen Stimmung im Foyer in Zusammenhang gebracht hatte, waren schon einige schlaflose Nächte vergangen! Ich will allerdings nicht den Eindruck erwecken, dass hier alles nur schwierig ist und ich permanent die Zähne zusammenbeißen muss. Es stimmt, dass der erste Monat und die Zeit um Weihnachten herum alles andere als leicht für mich war – insbesondere deswegen, weil ich ganz andere Erwartungen hatte, die nicht wirklich realistisch waren und so schnell enttäuscht wurden. Aber jetzt langsam geht es mit meiner eignen Stimmung wieder bergauf. Mit der Sprache wird es auch immer besser: da bei mir im Foyer fast alle viel und gut reden können, wird mir viel geholfen und ich habe jetzt langsam den Mut gefunden, ohne groß zu denken, loszureden – was aber manchmal auch in recht schwammigen, wenn nicht sogar zusammenhangslosen Beiträgen meinerseits endet. In meinen freien Tagen besuche ich des Öfteren Paris, wo noch zwei Freiwillige von EIRENE leben. Ich versuche so regelmäßig, wie möglich hier in Compiègne in einer kleinen Halle zu klettern, um wenigstens einmal die Woche ein bisschen Sport zu treiben. Außerdem war ich nach Weihnachten noch eine Woche mit einer Wiesbadener DAV-Sektion in Sulden am Ortler (Italien) Skifahren. Das hat mir mal wieder gut getan und noch mehr Vorfreude auf die alljährliche Osterfamilienskifreizeit bereitet – Berge vermisse ich hier wieder recht stark!

Ich hoffe euch einen Eindruck von meinem Leben hier in Frankreich verschafft haben zu können! Und im gleichen Zuge will ich mich bedanken: all die schönen – und ganz schön anstrengenden – Momente, die ich hier erlebe, wären gar nicht möglich gewesen, ohne die Vielzahl von Unterstützern. Eure Unterstützung halte ich nicht für selbstverständlich und will hiermit nochmals bekräftigen, wie viel sie mir wert ist! Ebenfalls ein großes Dankeschön an meine Familie und meine Freunde, die trotz meiner schwachen Melderate nicht aufgeben mir zu schreiben – ich freue mich über alles, was bei mir ankommt!

Liebe Grüße Felix