andererseits habe ich eben dieses Gefühl, dass die Arche schon längst zu meinem, vielleicht provisorischen, aber eben doch zu meinem Zuhause geworden ist – zumindest für ein Jahr.
Michael Braun schreibt über seine ersten Wochen in der Archegemeinschaft in Paris. Er beschreibt seine Lebenssituation, schreibt über die Menschen, mit denen er zusammen lebt, über die Archebewegung im Allgemeinen und natürlich: über Paris. (Januar 2008)
Liebe Spenderinnen, liebe Spender, liebe Familie und liebe Freunde,
mehr als drei Monate ist es jetzt her, seitdem ich in meinem Projekt, der Arche Paris, angekommen bin. Grund genug, all denjenigen Personen, die mich unterstützt haben und fortwährend unterstützen, endlich tieferen Einblick zu gewähren in das Leben, das ich seit Mitte September führe.
Angefangen hat mein Auslandsdienst am zweiten September in Neuwied, wo der erste Teil des Ausreisekurses von Eirene stattfand. Dort und in Odernheim habe ich mit achtzehn weiteren Freiwilligen zwei Wochen verbracht, die die Vorfreude auf die bevorstehende Ausreise ins Unermessliche gesteigert haben. Insofern war ich froh, meine Ausreise direkt an das Seminar gehängt zu haben.Am vierzehnten September war es also soweit: Über Köln und Brüssel mit dem Thalys direkt nach Paris.
Für mich war, im Gegensatz zu anderen Arche-Freiwilligen, die Ankunft in Paris gewissermaßen ein Sturz ins kalte Wasser. Obwohl ich mein Projekt während meiner Projektreise im Mai bereits gut kennen gelernt hatte, hatte sich doch inzwischen einiges geändert: Das Foyer, in das ich wollte und in das ich auch geschickt wurde, hatte inzwischen nur noch eine externe Responsable, d.h. die „Verantwortliche“ lebt nicht mehr mit uns im Foyer, sondern kommt nur relativ selten und verschafft sich nur dadurch einen Eindruck darüber, ob alles in Ordnung ist. Clara und Karim, zwei Assistenten vom letzten Jahr, waren glücklicherweise da, um uns, die neuen Assistenten des Foyer Le Gué, zwei Wochen lang in die Routine einzuweisen.
Anfangen will ich mit einigen allgemeinen Worten zur Arche. Anfang der siebziger Jahre besuchte der Kanadier Jean Vanier ein psychiatrisches Krankenhaus nicht weit von Paris. Die Zustände, die er dort vorfand, waren erschreckend: Da es zu diesem Zeitpunkt in Frankreich kaum Einrichtungen für geistig behinderte Personen gab, waren viele in psychiatrischen Kliniken notuntergebracht. Die behinderten Personen, die Jean Vanier in diesem Krankenhaus antraf, hatten, so sagte er später, ganz offensichtlich das Bedürfnis nach „normalen“ menschlichen Beziehungen und Freundschaften.
Spontan entschloss er sich, mit zweien der Personen in Trosly-Breuil, einem beschaulichen Dorf im Norden von Paris, ein Haus zu beziehen und eine Wohngemeinschaft zu gründen. Viele Assistenten, also Leute, die für eine gewisse Zeit kamen, um mit der kleinen Gemeinschaft zu leben, übernahmen das Konzept und gründeten in ihren Herkunftsregionen und –ländern neue Archegemeinschaften. Heute gibt es weltweit mehr als 132 Gemeinschaften auf allen fünf Kontinenten.
Die Arche Paris wurde 1973 von Studenten, auch ehemaligen Assistenten aus Trosly, gegründet, weil sie gerade in der Großstadt Paris den Bedarf sahen, behinderten Menschen einen lebenswerten und würdigen Wohn- und Lebensraum zu schaffen.
Inzwischen besteht die Arche Paris aus vier Foyers und einem Atelier, das behinderten Personen, seien sie aus der Arche oder aus der Umgebung, tagsüber Beschäftigungen anbietet. Das Atelier ist vor allem für diejenigen behinderten Personen gedacht, denen es nicht möglich ist, regelmäßiger Arbeit in einer Behindertenwerkstatt nachzugehen, da selbst dort die Anforderungen zu hoch und das Arbeitstempo zu schnell sind.
Außerdem gibt es – eher selten innerhalb der Archegemeinschaften – den sogenannten Service de Suite, der behinderte Personen, die den Schritt gewagt haben und nicht mehr in einem Foyer leben möchten, sondern alleine in kleinen Wohnungen wohnen, administrativ und psychologisch weiterbetreut. Natürlich ist das keine Option für alle Personen, aber manche sind so selbstständig, dass einem noch unabhängigeren Leben nichts mehr im Wege steht.
All das liegt in gemütlicher Fußnähe im 15. Arrondissement von Paris, rund um die Métrostation Convention.
Nun möchte ich mehr auf das Foyer und vor allem auf die Personen eingehen, mit denen ich im Foyer Le Gué zusammenlebe.
Zwei weitere Assistentinnen, eine Französin namens Christine und eine Deutsche mit Namen Jana, leben gemeinsam mit mir und fünf behinderten Personen: Marie, Anna*, Etienne*, Paul* und Bouba* (die Namen der Foyerbewohner sind geändert!)
Marie ist 26 Jahre alt und lebt schon seit fünf Jahren in der Arche. Wenn man sie zum ersten Mal trifft, bemerkt man ihre Behinderung unter Umständen nicht.
Marie ist sehr liebenswürdig, hat eine ausgewachsene Leidenschaft für Geschichte, insbesondere für Frankreichs Monarchen. Außerdem liebt sie Musicals und alle möglichen anderen Arten von Musik. Marie geht jeden Tag in eine „Behindertenwerkstatt“, wo sie unter Anderem für große französische Telefonanbieter Post frankiert und sortiert.
Anna ist Portugiesin und hat auch ein sehr südländisches Temperament. Sie ist in der ganzen Pariser Arche mit 23 Jahren die jüngste Person. Letztes Jahr lebte sie noch im Foyer Namasté, hat aber Anfang diesen Jahres ins Gué gewechselt, weil sie sich im Namasté nicht mehr wohlfühlte.
Anna liebt Pferde und hatte dieses Jahr mit einer wöchentlichen Reitstunde angefangen, welche sie jetzt, nach einem nicht besonders schlimmen Sturz und einem wahrscheinlich viel beeindruckenderen Gespräch mit ihren Eltern wieder aufgeben möchte. Trotzdem hat sie noch einige andere Hobbies: Anna zeichnet sehr gut und strickt und stickt sehr gerne.
Etienne ist unser mysteriöser Autist. Wenn man Etienne zum ersten Mal trifft, ist es sehr wahrscheinlich, dass er gerade eine seiner Hände anschaut. Das macht er nämlich eigentlich immer.
Etienne liebt das Automodell Citroën Picasso sowie alle Friseure dieser Welt. Er arbeitet in einer Behindertenwerkstatt, wo er sowohl kreativen Aktivitäten nachgeht als auch in der Küche arbeitet und Staub saugt. Nach der Arbeit geht er jeden Tag in einen bestimmten Friseursalon in der rue Didot, spricht mit den Friseusen über seine Venen und Haare und betrachtet sie dabei, wie sie den Kunden die Haare schneiden. Haare und Hände sind nun mal seine große Leidenschaft.
Dann gibt es Paul, der dieses Jahr seinen 50. Geburtstag gebührend auf der Spitze der Tour Montparnasse gefeiert hat. Er liebt Cola und wir müssen versuchen, ihn dazu zu bringen, dass er seinen Konsum von sich aus beschränkt. Außerdem mag er alle Sportarten, besonders Fußball, sowie alle öffentlichen Verkehrsmittel auf Rädern, insbesondere die neue Pariser Straßenbahn und natürlich die Métro. Sein Zimmer ist eigentlich ein Métro- und Colamuseum, denn alles – von der Bettwäsche bis zu den Vorhängen und natürlich allen Postern, die die Wände bedecken – ist entweder von Coca Cola-Logos geziert oder aber im dezent blassen Grün der Pariser Verkehrsbetriebe gehalten. Auch Uhren sind Paul sehr wichtig und man kann ihn des öfteren dabei beobachten, wie er die Zeit seiner Armbanduhr und seiner Stoppuhr vergleicht.
Der letzte Bewohner meines Foyers, mal abgesehen von den anderen Assistenten, ist Bouba. Er ist afrikanischer Herkunft und wurde auf einer kleinen Insel nördlich von Madagaskar geboren.
Bouba trägt meistens ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er ist sehr zuvorkommend, redet gerne und ist sehr sensibel.
Alles in allem ist er eine sehr lebensfrohe Person, die in das sowieso schon sehr lebhafte Gué noch mehr gute Laune bringt.
Er ist außerdem praktizierender Muslim. Es wahr sehr beeindruckend zu sehen, wie er während des Ramadans konsequent den ganzen Tag auf Nahrung verzichtet hat.
Die meisten behinderten Bewohner der Arche haben ein sogenanntes „projet individualisé“, also ein individuelles pädagogisches Projekt. Darin wird, in Absprache mit der Person selbst, der Leitung der Arche, den Eltern und den Referenten, festgehalten, was man kurzfristig und langfristig für kleinere oder größere Schritte gehen könnte, um der jeweiligen Person eine Entwicklung in Richtung Autonomie zu ermöglichen. Diese fallen, wie der Name schon sagt, sehr verschieden aus. Bereits sehr kleine Dinge, wie die Mäßigung von Pauls Colakonsum werden so festgehalten.
Dieses Jahr fallen für meine beiden Referenzpersonen, Bouba und Etienne, die Erstellung eines solchen Projektes an, da Bouba – wie bereits erwähnt – erst seit einigen Monaten im Foyer lebt. Etienne ist zwar schon seit circa fünf Jahren im Gué, aber der Autismus macht bei ihm eine direkte Zusammenarbeit schwerer als bei den anderen.
Mein Foyer heißt Le Gué. Das bedeutet im Deutschen soviel wie „die Furt“. Der Name erklärt sich dadurch, dass bei der Gründung des Foyers ein Schwerpunkt auf solche Personen gelegt werden sollte, die zwar noch in betreuten Foyers wohnten, aber die Perspektive hatten, selbstständig in einem kleinen Haushalt zu leben.
Die „Abhängigkeit“ des Foyerlebens befindet sich also auf der einen und die Selbstständigkeit auf der anderen Seite des „Flusses“. Mein Foyer sollte dabei helfen, diese Furt zu überqueren.
Inzwischen hat sich das Projekt des Foyers ein bisschen geändert, d.h. nicht all seinen Bewohner steht es unbedingt in Aussicht, eines Tages alleine zu wohnen. Der Name aber wurde beibehalten.
Ich bin also Assistent im Foyer. Mein Tagesablauf sieht ungefähr so aus: Wir stehen gegen Viertel nach sieben auf und frühstücken gemeinsam, bis die Personen zwischen acht Uhr und halb neun das Foyer verlassen, um arbeiten zu gehen. Einer von uns muss sich um Etienne kümmern, der verbale Hilfe beim Zähneputzen, Rasieren und Waschen braucht.
Wenn dann alle weg sind, fangen wir meistens an zu putzen. Die Bäder und Toiletten sowie die Küche und alle Böden müssen täglich gereinigt werden. Danach widmen wir uns all dem, was gerade anfällt: Mindestens einmal die Woche gehen wir groß einkaufen, jeden Dienstag haben wir eine Teambesprechung, in der wir Anstehendes wie Termine und besondere Besorgungen und vor allem die Personen durchsprechen.
Die Arche-Regel ist, dass man mindestens zwei Stunden Freizeit pro Tag haben sollte. Normalerweise kommt es auch dazu, oft habe ich sogar mehr als das, aber gerade an Montagen und Dienstagen kann es auch magerer ausfallen.
Jeden zweiten Dienstag haben alle Assistenten der Arche vormittags Fortbildungseinheiten zu verschiedenen Themen: das Kochen einer ausgewogenen Mahlzeit, Medikamente, Körperhygiene, Arten von Behinderungen, erste Hilfe, Brandschutz etc..
Am Wochenende arbeiten die behinderten Personen nicht und so haben wir die Gelegenheit, gemeinsam Dinge in Paris zu unternehmen. Museen, Parks, Kinos, Schwimmbäder, Theater und was Paris noch alles zu bieten hat stehen uns dann offen, insofern man es schafft, Leute zu motivieren.
Wir können uns auch mit anderen Foyers kurzschließen und spontan einen Tag am Meer oder in Versailles verbringen. Auf dem Land eben.
In Paris sitzt man, was die Arche angeht, im wahrsten Sinne an der Quelle. Im selben Gebäude, in dem sich auch die Wohnung für die Assistenten befindet (wo wir uns an freien Tagen und Wochenenden mit Distanz zum Foyer ausruhen und aufhalten können), befinden sich neben den Büros der Arche Paris auch die Hauptquartiere von LArche Internationale. Nur zwei Gehminuten von meinem Foyer entfernt befinden sich außerdem die Büros von LArche en France.
Zweimal im Jahr finden überregionale Assistentenfortbildungen statt, bei denen wir die Gelegenheit haben, die Assistenten der anderen Archegemeinschaften der Region Nordfrankreich kennen zu lernen und uns auszutauschen.
Im Oktober war ich mit drei behinderten Personen und einer anderen deutschen Freiwilligen auf einem Delegiertenwochenende in der Normandie und im November haben wir Jean Vanier angesichts einer Konferenz zur Veröffentlichung einer Biografie kennen gelernt.
Ich muss sagen, dass ich den Enthusiasmus, den ich während meiner Probewoche gefühlt hatte, immer noch fühle. Circa zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris begann sich langsam das Gefühl einzustellen, schon viel länger da zu sein als ich es eigentlich war.
Auch jetzt noch verbinde ich, wenn ich an mein Projekt denke, eine gewisse Zwiespältigkeit damit: Einerseits wundere ich mich über jede Woche, über jeden Monat, der vorbeigeht, andererseits habe ich eben dieses Gefühl, dass die Arche schon längst zu meinem, vielleicht provisorischen, aber eben doch zu meinem Zuhause geworden ist – zumindest für ein Jahr.
Es ist nicht so, als würde ich keinen Problemen begegnen. Der ein oder andere Assistent, die ein oder andere behinderte Person bereiten mir natürlich Kopfzerbrechen. Genau wie Bouba bin auch ich es nicht gewohnt, in einer Wohngemeinschaft mit sieben anderen Personen und vor allem Persönlichkeiten zusammenzuleben. Deshalb gibt es Phasen, in denen ich sehr schnell reizbar bin und eigentlich nicht angesprochen werden möchte. Gerade dass ich aber trotzdem permanent angesprochen werde, hilft mir ungemein. Denn nicht nur die behinderten Personen in der Arche lernen dazu, vielleicht lernen wir Assistenten sogar noch ein bisschen mehr, weil wir in manchen Aspekten tatsächlich mehr Lernbedarf haben.
Als Assistent in einer Archegemeinschaft werde ich andauernd dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Bügeln, Kochen, Putzen sind aber, und das merkt man schnell, zweitrangig. Unsere eigentliche Aufgabe besteht darin, Beziehungen aufzubauen und schlichtweg anwesend zu sein. So werde ich mit jedem Stapel Dreckwäsche gelassener...
Zum Abschluss noch einpaar Worte zu Eirene, der Organisation, die mir den Friedensdienst in Frankreich vermittelt hat.
Eirene ist eine gemeinnützige Organisation, die Entwicklungs- und Freiwilligendienste sowohl in Entwicklungsländern (Südprogramm) als auch in Industrieländern (Nordprogramm) vermittelt. Im Rahmen des Nordprogramms leiste ich ein sogenanntes Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland, durch das ich meinen Zivildienst ersetze.
Eirene organisiert eine angemessene pädagogische Betreuung während des Dienstes (Ausreisekurs, Zwischenseminar und Rückkehrerseminar) und kümmert sich um administrative Fragen (Versicherung etc.). Weitere Informationen können Sie von mir oder direkt von Eirene (www.eirene.org) erhalten.
So. Abschließend möchte ich mich bei Ihnen für Ihre finanzielle und ideelle Unterstützung herzlich bedanken. Hoffentlich haben Sie durch meinen Rundbrief einen ersten Eindruck bekommen, was ich im Ausland eigentlich treibe.
Ihnen allen ein frohes neues Jahr 2008!
Salut,
Michael







