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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.
Wie kann ich Euch beschreiben, wie reich ich hier bin?
Mareike Schmidt lebt in der Arche La Flayssiére in Frankreich und erzählt von ihren Erfahrungen in den ersten drei Monaten. (Januar 2007)
Nur der Kalender überzeugt mich, dass es drei Monate sind, die ich hier lebe. Schon? Oder erst? Beides!
Ich möchte Euch von meinem Leben in der Arche berichten. Da ich hier so eng mit der Natur zusammen lebe, werde ich mit den Elementen den Rundbrief gliedern.
„Das Feuer ist das Leben und der Tod.“
„Atme durch uns Gott, sodass unser Gebet in Flammen aufsteigt.“ Das sind Teile aus dem Abendgebet, das wir um ein Kaminfeuer herum halten: Während des Gebetes ist auch eine (sehr kurze) Zeit der Stille und am Ende begrüßen sich alle mit einem Wangenkuss. Anfangs war ich mehr Zuschauer, da ich die Gebete und Lieder nicht mitsprechen konnte.
Aber zurück zum Feuer. Für mich ist es ein magischer Moment, wenn aus der Glut wieder Flammen hervorspringen. Und Ofenwärme ist wunderbar, so richtig gemütlich: In der Gemeinschaftsküche wird der Ofen mehrfach genutzt: zum Küche heizen, zum Kochen (neben einem Gasherd) und zirkulierendes Wasser wird erwärmt, welches auch durch die Heizung der oberen Zimmer fließt. Nicht schlecht, was? Was?
Wasser? Genau. Das wird hier maschinell aus dem Tal gepumpt und dann die letzten Meter von der Zisterne zum Wasserhahn per Hand. Sechzig Mal pumpen für zehn Liter. Im nächsten Sommer soll La Flayssiere an die örtliche Wasserversorgung angeschlossen werden. Bei den Arbeiten dafür letzte Woche im Wald ist mir ein Zweig ins Auge geschossen. Darum habe ich ne Woche Piratin gespielt und mich dabei etwas isoliert gefühlt. Aber die Augenklappe war der Verstärker des Gefühls, nicht der Grund. Ich bin isolierter als ich es gewohnt bin. Jede Person hier ist eine Welt für sich, die gut verborgen ist. So nehme ich nicht an, dass mir in den kommenden neun Monaten einer von den Compagnons sein Herz ausschütten wird. Ich hingegen mach es. So fühle ich mich nicht einsam und unverstanden. Nur manchmal, da braucht es Anstrengung mich aufrecht zu halten. Neben diesem individuellen Leben bilden wir eine Gemeinschaft. Als ich den 2. Advent auswärts bei einer Freundin verbringen wollte, wurde das kritisiert. Wir einigten uns darauf, dass ich meinen Beitrag zur Andacht vorbereite. In einer Weise zeigt es mir ja auch, dass ich willkommen und wichtig bin. Das musste ich halt erst übersetzen.
„Das ist ein perfekter Moment…
… denn ich atme Luft.“
Man könnte mein Leben hier auch als intensiven Selbstfindungsworkshop bezeichnen: praxisnah und abwechslungsreich, interessante Mitschüler und qualifizierte Lehrer. Wie das mit Luftatmen zusammenhängt? Der Atem bildet hier so ziemlich den Mittelpunkt. Bei den stündlichen Rappel-Ruhemomenten besinnt man sich darauf. Und einmal in der Woche bietet Margarete Yoga an. Danach bin ich immer so entspannt, gedehnt und kann ganz frei atmen.
Meditation ist in meinen Alltag integriert. Während ich laufe, beachte ich meinen Bodenkontakt. Das stärkt mich, macht mich zufrieden und bewahrt mich vor zu viel Grübeln, weil ich in der Gegenwart bleibe. Einmal war ich von allen genervt und mein Rücken tat weh. Da legte ich mich in eine Decke eingepackt auf eine Wiese und atmete bewusst in die tiefe dunkle Erde. Nach einer Stunde war alles wieder gut.
„Hab, wenn es kühl wird, warme Gedanken
und den vollen Mond in dunkler Nacht.“
Dieses Abschiedslied begleitet mich schon viele Jahre (boa, klingt das alt). So auch bei dem letzten und umfassendsten Abschied. Im Wohnzimmer meiner Eltern und in der Abschiedsrunde beim EIRENEseminar segneten wir uns mit diesen Wünschen. (Hey, Eirenies, spürt ihr noch die Umarmungen?) Abschied nehmen kann ich hier wöchentlich üben, weil Praktikanten aus aller Welt für kurze Zeit reinschauen und plötzlich meine Mitbewohner sind. Was kommen hier so für Leute vorbei? P. hatte, bevor er hierher kam, zum dritten Mal alles zurückgelassen. Am ersten Tag erzählte er mir von seinen Selbstmordgedanken und wollte am zweiten Tag mein ganzes Leben hören. Die meisten Praktikanten suchen etwas, weil sie unzufrieden sind. Vielleicht Sicherheit und ihren Platz im Leben. Ich gehe offen auf alle neuen Menschen zu und habe das Bedürfnis zu helfen. Aber wenn mir dann Ansprüche und Erwartungen entgegen gebracht werden, habe ich Probleme, mich zu schützen, ohne mein Gegenüber zu verletzen. Ich bin froh, das hier zu lernen. Als Lehrer habe ich dafür E.. Er wohnt mit seiner Frau S. noch bis Februar in der Borie. Danach wollen sie in Amerika eine Gemeinschaft gründen. E. würde nie ein „Danke“ nach einem Gespräch vergessen, einfach, weil sein Herz so voll mit Dank ist, dass es raus muss. Emotionen müssen ja auch mal raus, und wie das im Alltag möglich ist, das lern ich auch bei ihm.
Wie kann ich Euch beschreiben, wie reich ich hier bin? Erstmal darf ich hier so viel lernen: Französisch und Englisch sprechen, Butter und Jogurt herstellen, für fünfzehn Leute kochen, Gartenarbeit, Archelieder und Gebete, … Jeden Donnerstag gehe ich in die Nachbararche, in die Borie, zum Treffen der Langzeitpraktikanten. Ein Compagnon lehrt uns die Ideen von dem Gründer der Arche, Lanza del Vasto (1908 bis 1981). Das ist super spannend. Und wir Praktikanten sind schon zu einer Gruppe gewachsen. Da ich nur zu Besuch in der Borie bin, erzählt mir Aische die wichtigsten Neuigkeiten. Ja die Aische ist auch eine Eirenefreiwillige. Ich bin so dankbar, mit einer so lebenslustigen, starken und offenen Frau dieses Jahr teilen zu dürfen. Allgemein wird hier sehr liebevoll und aufmerksam miteinander umgegangen. Als ich vor ein paar Tagen in der Küche arbeitend ein Taizé-Lied sang (Jesu le Christ) hat I. dieses Lied abends zum Gebet angestimmt. Dieses Wochenende wird mein Alltag noch durch einen Mitbewohner bereichert. J., der Mann von K., wird aus der Reha-Klinik entlassen. Im Juli verletzte er sich stark bei einer Gasexplosion. Es ist beeindruckend, seine Lebensfreude zu erleben. Und ich bin gespannt, ihn etwas kennen zu lernen.
Die Adventszeit erlebe ich hier ganz traditionell. Jedes Wochenende wird mit einer kleinen Feier die Krippe aufgebaut. Am ersten Advent legten wir mit Sand und Steinen den Weg zur Krippe. Am 6. Dezember kam E.-Nikolaus mit einem Pferd angeritten. Jedes Kind saß auf seinem Schoß und Knecht Ruprecht las vor, was das Kind für tolle Sachen kann. Die Kinderaugen wurden ganz groß vor Stolz. Dann quatschten wir noch am Kamin bei heißer Schokolade und Kuchen. Klingt schon fast kitschig, ist aber urgemütlich.
Das war jetzt ein Einblick in meine letzten drei Monate.
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