Internationaler Christlicher Friedensdienst

„Ich tat die Pflicht und siehe: Die Pflicht war Freude.“

Philipp Windeknecht zeigt, wie er nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten in der Arche nach Jean Vanier, Compiègne, sich mehr und mehr einbringt und dabei merkt, wie wichtig und sinnvoll seine Arbeit ist. (November 2006)

Bevor ich auf meine aktuelle Situation in der Arche Compiègne eingehe, möchte ich kurz skizzieren, wie es dazu gekommen ist, dass ich meinen Zivildienst in Frankreich und nicht in Deutschland absolviere.

Bereits vor einem Jahr habe ich mich bei der Organisation „EIRENE“ für mein Auslandsjahr beworben. Diese Organisation charakterisiert sich selbst folgendermaßen: „EIRENE ist ein ökumenischer, internationaler Friedens- und  Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland, als Träger des Entwicklungsdienstes und des so genannten „Anderen Dienstes im Ausland” (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist.  1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Zu den Gründern gehören die historischen Friedenskirchen der Mennoniten  und der Church of the Brethren, die noch heute mit dem Versöhnungsbund und den EIRENE-Zweigen in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu den EIRENE-Mitgliedern zählen. In über 40 Jahren sind mehr als 1000 Freiwillige und EntwicklungshelferInnen mit EIRENE in Afrika,  Lateinamerika, sowie Europa und den USA im Rahmen eines Auslandsdienstes tätig gewesen.”

Nach einem Bewerbungsverfahren wurde ich von EIRENE als Freiwilligendienstleistender angenommen und bekam ein Angebot für das Arche-Projekt in Compiègne. Anfangs bezweifelte ich, dass ich für solch ein Projekt geeignet sei, ließ mich aber schließlich darauf ein und sammelte meine ersten Erfahrungen auf einer Projektreise im Juni dieses Jahres. Ich meinte erkannt zu haben, dass ich durchaus die Fähigkeiten für das Projekt mitbringen würde. So brach ich zuversichtlich zum EIRENE-Ausreiseseminar nach Neuwied auf, wo ich sehr aufgeschlossene andere Freiwillige kennen lernte und wir den letzten Schliff für die kommenden Aufgaben bekamen.

Direkt nach dem Ausreisekurs steuerte ich mein Projekt in Compiègne an, das ich bereits während der Projektreise kennen gelernt habe, mir jedoch trotzdem anders erschien, da ich während der Projektreise noch die Sicherheit hatte, lediglich acht Tage zu bleiben, jetzt aber wusste, dass ich zwölf Monate vor mir haben würde, zwölf Monate in einem foyer der Arche. Mein foyer (so wird die Wohngemeinschaft geistig behinderter und nicht behinderter Personen genannt) setzt sich unter normalen Umständen aus der équipe (zwei Assistenten und einem Verantwortlichen für das foyer) und den personnes (fünf Personen mit unterschiedlichen geistigen Behinderungen) zusammen; die Arche-Gemeinde in Compiègne „Levain“ schließt fünf foyers ein. Die Aufgabe der équipe besteht darin, die personnes im Alltag zu unterstützen und dadurch dem Ziel der Arche, auch Menschen mit Behinderungen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, zu dienen. Um meinen Tätigkeitsbereich etwas plastischer werden zu lassen, möchte ich einen beispielhaften Tagesablauf schildern:

Gegen 7.30 Uhr richte ich das Frühstück und nehme es gemeinsam mit den anderen Assistenten und drei der personnes ein, die daraufhin das foyer verlassen, um im E.S.A.T (Etablissements et Services d’Aide par le Travail) oder moulin (ein Atelier – die beiden genannten Arbeitsstätten sind den Baunataler Werkstätten sehr ähnlich) zu arbeiten. Um 8.30 Uhr findet das zweite Frühstück mit einer personne statt, gegen 10.30 Uhr das dritte Frühstück mit der letzten personne. Die Hilfe von Seiten der Assistenten während der Mahlzeiten beschränkt sich auf das Verteilen von Medikamenten, Konfliktverhinderung zwischen den personnes, und auf die Kontrolle, dass die Dietpläne eingehalten werden. Zwischen den Frühstücks wird Geschirr gewaschen (wir haben keine Geschirrspülmaschine), geputzt, gewaschen und der Tag für die personnes organisiert (Friseurtermine, Freizeitaktivitäten, …). Wenn um 12 Uhr dann auch der Letzte zur Arbeitsstätte gebracht worden ist, wird eingekauft und réunions abgehalten, da in der Arche nichts lieber getan wird als ständig über all das, was man gemacht hat, macht und machen wird, zu reflektieren. Zwei mal in der Woche helfe ich bei der Essensbetreuung im moulin oder eine kleine Gruppe des moulin isst in unserem foyer. Zwischen 14 und 16 Uhr habe ich dann meine (leider nur fast) alltägliche Pause, in der ich mit anderen Assistenten Sport treibe, Französisch lerne oder mich einfach nur erhole. Denn um 16 Uhr wird wieder alles für die personnes gerichtet, die entweder selbst gegen 17 Uhr eintreffen oder von den Assistenten abgeholt werden. Die personnes berichten dann von den Geschehnissen des Tages oder was ihnen sonst auf dem Herzen liegt und dabei wird der goûter (Nachmittagsimbiss) eingenommen. Im Anschluss bereite ich das Abendessen vor, es wird abends immer warm gegessen und dies ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, da das ganze foyer versammelt ist und wir uns viel Zeit für das Essen nehmen. S., eine personne unseres foyers, charakterisierte mich, als ich als neuer Assistent auf der Versammlung unserer Archegemeinde vorgestellt wurde, als guten Koch, der noch bessere Kuchen backt und auf Nachfragen hin antwortete sie schließlich, dass ich auch andere Sachen im foyer mache und ganz umgänglich sei. Ich hoffe, die Antwort erfolgte aufgrund selektiver Wahrnehmung, die gerade in der Arche sehr ausgeprägt ist, da für viele personnes der reine Essenvorgang Substitution für Defizite in manchen anderen Bereichen ist und somit einen höheren als angemessenen Stellenwert erhält. Defizite treten zum Beispiel insofern auf, als Beziehungen innerhalb der Arche verboten sind und manche personnes selbst eine Familie gründen möchten. Als Folge muss ich mich beim Vorbereiten der Mahlzeiten an einen strikten Dietplan halten und da einer der Assistenten in meinem foyer streng gläubiger Moslem ist, auch zwei verschiedene Fleischgerichte servieren. Beim Kochen, wie auch bei allen anderen Arbeiten, versuchen wir die personnes so weit wie möglich einzugliedern, damit das Selbstwertgefühl der personnes gestärkt wird. Leider stellt die Hilfe der personnes häufig eine ganz erhebliche Erschwerung der Arbeit da, jedoch wird dadurch das Leben im foyer erst richtig interessant. Als ich zum Beispiel mit S. das Abendessen vorbereiten wollte, hat sie die gläserne Salatschüssel fallen gelassen und bevor ich mit dem Kochen anfangen konnte, hatte ich erst S. trösten und Glasscherben in allen möglichen Nischen suchen müssen. Damit der Vorgang für mich nicht zu entspannend würde, erinnerte mich P. (eine andere personne meines foyers) viertelstündig, dass er doch pünktlich um 19.30 Uhr das Abendessen einnehmen wolle. Während des Abendessens müssen wir Assistenten immer das gesunde Mittelmaß bei der Quantität des Essens für die einzelnen personnes finden, da viele das Verlangen haben, zu viel zu essen und wenige die Angewohnheit haben, zu wenig zu essen. Danach wird gemeinsam der Abwasch erledigt sowie im Wohnzimmer noch ein Café (ohne Koffein) getrunken, wobei man sich unterhält oder liest. Zwischen 21.30 und 22.00 Uhr gehen dann alle personnes mehr oder weniger freiwillig ins Bett und damit sollte mein Arbeitstag beendet sein. Eine personne unseres foyers jedoch wird nach 22.00 Uhr erst richtig aktiv, räumt in der Küche und sucht nach Essbarem, bevorzugt Brot, Käse und Kuchen. So ist es nicht nur einmal vorgekommen, dass am nächsten Morgen eine halbe Torte gefehlt hat und eine gewisse personne mit Bauchschmerzen im Bett lag.

Ich erwachte und sah: Das Leben war Pflicht.

Die Arche verlangt den Assistenten einiges ab, da ich sechs Tage in der Woche arbeite, sich also mein gesamtes Leben innerhalb der Arche abspielt. Ich habe aufgehört, Fußball zu spielen (ich bin der Leidenschaft fünfzehn Jahre nachgegangen), da sich dies aus Zeitgründen nicht mit der Arche vereinbaren lässt und gehe fast gar nicht aus, da auch nach dem Ende des Arbeitstages eine Aufenthaltspflicht für mindestens zwei Assistenten in der Arche besteht (für den Fall eines Brandes) und ich mich somit nur selten entfernen kann. Ferner ist das Leben hier sehr schlicht, mein Zimmer misst fünf Quadratmeter und für alle Einkäufe gibt es Budgets, die recht bescheiden gehalten sind. Zum Beispiel stehen für alimentation (Essen und Trinken) pro Tag pro Person drei Euro zur Verfügung. Daher fiel mir die Eingewöhnung nicht ganz leicht, ich musste einfach auf zu viele Dinge, die ich vorher als selbstverständlich hingenommen habe, verzichten und habe de facto von einem Tag auf den anderen von der Kindrolle in die Elternrolle gewechselt.

Ich tat die Pflicht und siehe: Die Pflicht war Freude.

Obwohl ich in den ersten Wochen Anpassungsschwierigkeiten mit dem Leben und Arbeiten in der Arche hatte, lernte ich die Vorteile des Lebens in der Gemeinschaft zu schätzen und verstehe mich sowohl mit den personnes als auch mit den Assistenten ausgesprochen gut. Vor allem merke ich zum ersten Mal, dass meine Arbeit absolut gebraucht wird und diese Arbeit auch sinnvoll ist. Als ich mein letztes freies Wochenende nutzte, um nach Paris zu fahren (den Assistenten wird ein freies Wochenende im Monat gewährt), wollte eine personne morgens nicht aufstehen und weinte, obwohl diese personne sonst morgens immer in der angenehmsten Gemütsverfassung ist. Solche Erfahrungen erhellen natürlich den Alltag und so bin ich gerne bereit, Abstriche dafür zu machen. Dies ist auch nötig, da sich die Arbeitsintensität noch gesteigert und die Freizeitsquantität verringert hat als Folge eines Unfalls einer Assistentin unseres foyers, die über einen Monat krankgeschrieben ist. So bin ich häufiger der einzige Assistent, was meine Belastung ungemein erhöht. Außerdem beginnt die Weihnachtszeit, die in der Arche immer besonders intensiv begangen wird und einen großen organisatorischen Kraftaufwand beinhaltet. Dafür soll die Weihnachtszeit aber ebenfalls die schönste Zeit in der Arche sein und deshalb freue ich mich auf die Zeit, die vor mir liegt.

Herzliche Grüsse von Philipp Windeknecht