„Ich stehe voll und ganz hinter Emmaüs“
Marie Heiderich nimmt uns mit in die Emmaüs Gemeinschaft von Chareton und zeigt uns, wie sie mit Anfangsschwierigkeiten umgegangen ist. (Dezember 2006)
Liebe Freunde, Verwandte, Bekannte;
ich moechte Euch einladen, einen kleinen, hoffentlich aufschlussreichen Blick in mein neues Leben in Frankreich zu werfen: Folgt mir vom Gare du Nord durch das Pariser Metro Labyrinth in die direkt angrenzende kleine Vorstadt Charenton.
Verlasst die Metro an der Station Liberté, folgt der Avenue de la Liberté bis ihr kurz vor der Seine zwischen glaesernen Buero- und tristen Plattenbauten eine kleine alte Kapelle mit dem Eingangsschild EMMAÜS LIBERTE hervorluken seht.
Angekommen seid ihr in der Emmaüs Gemeinschaft von Charenton und gleichzeitig in meinem neuen Zuhause.
„Liberté“, die Freiheit, ist nicht nur allgegenwaertig, sondern charakterisiert auch besonders das Leben in dieser Gemeinschaft und zeigt sich hier, wie ueberall von ihrer guten, wie auch ihrer schlechten Seite.
Einigen gibt sie die Moeglichkeit ein unabhaengiges Leben zu fuehren, doch fuer viele der Emmaüs Compagnons, die aus der scheinbar absoluten Freiheit, der Obdachlosigkeit kommen, verursacht sie, wie mir scheint, eher Haltlosigkeit und Einsamkeit.
Ein Gleichgewicht zwischen Geregeltem und Ungeregeltem, zwischen Freiheit und Verpflichtungen zu schaffen, ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben einer Emmaüs Gemeinschaft und noch fehlt mir das Urteilsvermoegen einzuschaetzen, ob diese Balance bei uns gefunden ist oder nicht.
Emmaüs – Die Idee
Um von der abstrakten Ebene zu etwas Konkreterem zu kommen, moechte ich Euch erst einmal das Emmaüs System ganz im Allgemeinen vorstellen.
Die geniale Idee kam von Abbé Pierre, dem inzwischen uralten und frankreichweit bekannten Gruender der ersten Emmaüs Gemeinschaft im Jahre 1949: Obdachlose leben statt auf der Strasse in Gemeinschaften zusammen, stuetzen sich gegenseitig, arbeiten gemeinsam fuer ihr Auskommen und profitieren vom Ueberfluss unserer Wegwerfgesellschaft, indem sie noch gut brauchbares Gebrauchtes in eigenen Laeden wiederverkaufen.
Dieses System funktioniert beeindruckend reibungslos und fast von selbst, da Emmaüs in Frankreich so etabliert ist, dass nahezu jeder, der etwas nicht mehr braucht, sei es technisches Geraet, Moebel- oder Kleidungsstueck, es der naechsten Emmaüs Gemeinschaft zur Verfuegung stellt.
Nur mit Hilfe dieser Sachspenden finanzieren sich die Emmaüs Gemeinschaften vollstaendig von selbst, sie unterstuetzen mit dem Wiederverkauf zu vergleichsweise niedrigen Preisen arme Familien, fuer die Neuware zu teuer waere, und leisten sogar durch Emmaüs International Entwicklungshilfe, indem sie mit dem Ueberschuss Emmaüs Projekte in Afrika durchfuehren.
Das Leben der Compagnons - allgemein
Die andere, fuer die Oeffentlichkeit wenig einsehbare Seite von Emmaüs ist das Zusammenleben in den Gemeinschaften, durch das das eigentliche Primaerziel, die Zurueckfuehrung der ehemaligen Obdachlosen in ein normales Leben, erreicht werden soll.
Alle bei Emmaüs Lebenden und/oder Arbeitenden sind sog. Compagnons und quasi gleichberechtigt. Fuer jedes Geschaeft gibt es einen Verantwortlichen, den Responsable, und fuer die gesamte Gemeinschaft einen uebergeordneten, von Emmaüs France, der Emmaüszentrale, eingesetzten Responsable, doch auch die sind, trotz groesserer Machtbefugnisse, vom Status Compagnons.
Das bedeutet z. B., dass auch sie nur 50 Euro pro Woche Geld zur freien Verfuegung bekommen und fuer alle anderen Ausgaben wie Freizeitaktivitaeten, Metrokarten, Essen und Urlaube von Emmaüs abhaengig sind.
Emmaüs leistet fuer alle eine Rundumversorgung eines Normallebens, da sich jeder Compagnon nahezu alles (ausser Alkohol und Zigaretten) zurueckzahlen lassen kann.
Die Compagnons haben mit Emmaüs zu gut wie alles, ohne Emmaüs jedoch quasi nichts.
Das System in unserer Gemeinschaft
Bei uns funktioniert das System folgendermassen:
Wir haben drei Laeden (siehe gelber Zettel) und zwei Wohngemeinschaften auf insgesamt drei Staedte verteilt.
In Charenton, wo ich wohne, ist Laden und Wohnbereich im gleichen Haus gelegen, in der kleinen, ehemaligen Kapelle.
In der unteren Etage verkaufen wir „Bric-à-Brac“, Geschirr, Lampen, Kuehlschraenke, Waschmaschinen, Haushaltssachen und vieles nicht Kategorisierbares. Hinter meinem Zimmer auf der ersten Etage beginnt „meine Plattensammlung“, ein Sammelsurium an Schallplatten, CD’s, Videos und Unterhaltungselektronik und im Dachgeschoss ist unser Antiquariat.
Es ist durchaus sehr praktisch und wahrscheinlich eine aussergewoehnliche Lage, alles gleich nebenan und zur freien Verfuegung zu haben. Fehlt mir ein Ruehrgeraet zum Kuchenbacken, kann ich es mir im Laden nehmen, moechte ich das Stueck, dass ich grade auf Klavier spiele, einmal auf Platte hoeren, finde ich es garantiert in der Klassik Abteilung auf Vinyl.
Hier leben inklusive mir 12 Compagnons aus sechs verschiedenen Laendern und auch der Responsable fuer unsere und eine weitere etwas suedlich gelegene Gemeinschaft.
J.ist ein sehr, sehr aussergewoehnlicher Mensch, der genau das tut, was eine Emmaüs Gemeinschaft braucht: sie als seine Familie zu verstehen.
Er lebt in einem Zimmer kaum groesser als die Unsrigen direkt hier und hat quasi kein Leben ausserhalb Emmaüs. Selbst in den Urlaub und zu Familienbesuchen faehrt er mit anderen Compagnons. Entsprechend ist J.als Chef ausserordentlich respektiert, er hat auf Grund seiner Authentizitaet eine selbstverstaendliche Autoritaet und dazu das essentielle Talent, augenblicklich gute Laune in die Mannschaft zu bringen: Wenn er morgens wie ein Baby schreiend, ein Hund bellend oder ein Huhn gackernd in die Kueche getanzt kommt, erhellen sich wirklich alle truebseligen Gesichter und ich hab immer das Gefuehl, er sieht sich als Papa aller seiner Compagnon- Kinder...
Hier in Charenton haben wir alle kleine Zimmer, eine gemeinsame Kueche und einen Ess- und (zumindest theoretisch) Aufenthaltsraum.
Draussen auf dem Hof steht ein Bauwagen, der fuer einen Compagnon als ausgelagertes Zimmer dient und hier stehen auch immer die drei grossen Camions, Kleinlaster, mit denen wir Moebelstuecke und Elektrosachen abholen und ausliefern.
Unser Haus hat einen sehr offenen Charakter, regelmaessig seh ich unbekannte Menschen in der Kueche sitzen, die teilweise ihr Hab und Gut in zwei Plastiktueten mit sich herumtragen, etwas bei uns essen und die naechste Nacht wieder auf der Strasse verbringen oder die Moeglichkeit haben, ein paar Naechte bei uns zu bleiben. Haeufig kommen auch Compagnons aus anderen Gemeinschaften oder Praktikanten zu Besuch.
Diese Abwechslung der hier lebenden Menschen gefaellt mir sehr, denn meistens sind es die nicht staendig hier Lebenden, die offen sind, sich mit mir zu unterhalten, die sich fuer meine Rolle hier interessieren und die mir von ihren meist sehr aussergewoehnlichen Leben erzaehlen, wenn sie mal einen Abend unten sitzen, anstatt sich, wie die meisten anderen, auf ihr Zimmer zurueckzuziehen.
In Ivry, der Stadt auf der anderen Seite der Seine befindet sich der Kleider- und der Moebelladen, nur fuenf Minuten zu Fuss voneinander entfernt.
Ueber dem Moebelladen ist eine Kueche, wo alle, die in Ivry arbeiten, also auch ich, am Mittag gemeinsam essen.
Dort ist ebenfalls das Buero, in dem J. haeufig arbeitet und wo ab und zu Gaeste einquartiert werden, so auch ich waehrend meines Projektbesuchs im Juni.
In Vitry, einer noch suedlicheren Nachbarstadt gibt es in einem Einfamlienhaus eine weitere Wohngemeinschaft, in der meine Vorgaengerin gewohnt hat.
Wohnort und Arbeitsstelle der Compagnons haben nicht zwingend etwas miteinander zu tun, viele leben ausserhalb in eigenen, von Emmaüs finanzierten Wohnungen und manche haben auch keinen festen Wohnsitz, leben in Wohnwagen oder selbstgebauten Huetten unter der nahen Autobahnbruecke.
So sind wir um die 30 Compagnons, die in der Gemeinschaft mitarbeiten, wir sind zustaendig fuer weite Teile von Paris und funktionnieren von unternehmerischen Standpunkt, soweit ich das beurteilen kann, hervorragend. In einem normalen Monat machen wir mit unseren drei Laeden ca. 50 000 Euro Gewinn, eine von mir vorher nie erwartete Groessenordnung.
Meine Rolle bei Emmaüs
Auch wenn Emmaüs nicht alles ist, was ich habe, bin ich, wie alle anderen, Compagnon. Meine Aufgabe besteht also darin mitzumachen, mich einzugliedern, an Emmaüs Gepflogenheiten anzupassen.
Das ist fuer mich ein interessanter Punkt, da sich mein Freiwilligendienst von denen der meisten anderen insofern unterscheidet, als dass ich mit den Hilfebeduerftigen gleichgeordnet bin. Also eine Stelle einnehme, die sonst ein selbstverstaendlich Beduerfigerer als ich einnehmen koennte.
Nach einigen Zweifeln ueber den Sinn meines Daseins fuer Emmaüs bin ich zu dem Schluss gekommen, dass einfach mein Anderssein eine Bereicherung der Gemeinschaft darstellt. Ich muss nicht zuallererst mein Leben auf die Reihe kriegen und habe einen ganz anderen, positiveren Hintergrund als alle anderen hier.
- Meine Arbeit
Ich fuehre waehrend meiner Arbeitszeiten (8-12,13-17 Uhr) eine ganz typische Compagnon Arbeit aus, sprich eine Arbeit, die mich zu groessten Teilen wenig fordert.
Die gesamte Woche bin ich im Kleiderladen in Ivry, am Vormittag sortieren wir zu dritt (Z., eine aeusserst herzliche, lebenslustige Ehrenamtliche, L., ein Inder und ich ) die angekommene Kleidung in Verkaufbares und nicht Verkaufbares, am Nachmittag und den ganzen Samstag ist der Laden geoeffnet und ich bin fuer die Kundenbetreuung zustaendig, sprich den Kunden die Preise zu verraten, heruntergefallene Kleidungsstuecke aufzuheben und die Kunden am Klauen zu hindern.
Da wir haeufig wenig Kunden haben, lastet mich diese Aufgabe, bei der ich den Eindruck habe, dass sie nahezu ueberfluessig ist, wenig aus, sondern langweilt mich eher.
Allerdings hat sich mein Aufgabenspektrum in letzter Zeit etwas geaendert, weshalb ich mich inzwischen besser mit meiner Arbeit identifizieren kann.
2 Wochen lang hab ich naemlich die Koechin in der Kueche in Ivry vertreten und fuer ungefaehr 15 Leute Mittagessen gekocht.
Das hat mir grossen Spass gemacht, ich hatte Verantwortung fuer etwas und das Gefuehl, etwas fuer die Gemeinschaft zu tun. Zudem hab ich sogar Lob fuer meine Kueche bekommen, was sonst eher unueblich bei Emmaüs ist und habe die Compagnons vom Moebelladen naeher kennengelernt.
Leider war es keine durchweg positive Erfahrung, da ich nach einer Woche mit dem Responsable des Moebelladens aus einem nichtigen Grund eine Auseinandersetzung hatte und unser Verhaeltnis trotz Versoehnungsversuchen meinerseits gespannt geblieben ist.
Seitdem das Kochen beendet ist, habe ich weitere produktive Aufgaben bekommen, habe ein Treppenhaus mitrenoviert, mache Gierlanden fuer unser Weihnachtsfest und bin nachmittags haeufiger allein in der unteren Etage des Ladens, wo ich fuer die Preise verantwortlich bin.
Das ist eine interessante Sache, denn erstens muss ich auf Grund von sehr allgemein gehaltenen Preisvorgaben die Preise selbst schaetzen und zweitens noch etwa mit der finanziellen Lage der Kunden abgleichen. Zu uns kommen naemlich viele Menschen mit der Erwartung, dass Emmaüs ihnen die Sachen zu Spottpreisen verkauft, weil wir uns auf die Fahne geschrieben haben, armen Menschen zu helfen.
Also versuchen viele zu feilschen und ich steh in dem Zwiespalt zu entscheiden, ob sie sich das Handtuch fuer 50 Cent wirklich nicht leisten koennen, oder ob sie nur aus Prinzip den Preis zu senken versuchen.
Diese Aufgabe gefaellt mir, denn genau dieser Umgang mit den Kunden ist wirklich zwischenmenschlich spannend, man kommt leicht ins Gespraech mit ihnen, Aeltere erzaehlen mir von Ivry im Krieg und wie viele Verwandte durch die Deutschen umgekommen sind, oder Andere erklaeren, wie sie mit dem grade gekauften dicken Schlafsack die naechste Nacht auf der Strasse verbringen werden.
Auch wenn ich mit meiner Arbeit hier zuerst unzufrieden war und es auch noch zum Teil bin, finde ich im Vergleich zu anderen Emmaüs Arbeitsfeldern auch viel Schaetzenswertes daran und kann mir inzwischen vorstellen, das Jahr ueber im Kleiderladen zu bleiben.
- Nach der Arbeit
Meine Rolle hier in der Wohngemeinschaft ist schwieriger zu definieren, nach meiner ersten Aktion, der Instandsetzung eines alten Fahrrads war ich die mécanicienne (Mechanikerin); allgemein bin ich die „petite Marie“, das kleine deutsche Maedchen, das jung und unerfahren mit einem staendigen Lachen im Gesicht durch die harte Emmaüs Welt laeuft und von den Zusammenhaengen und Schwierigkeiten des Lebens keine Ahnung zu haben scheint.
Und aus einer lustigen Laune nennt mich unser Koch staendig „petit oiseau“, kleiner Vogel, was auch hervorragend in mein Bild hier zu passen scheint.
Ich fuehle mich von nahezu allen hier richtig gut angenommen und habe auch den Eindruck, einige schon recht gut kennengelernt zu haben.
Besonders froh bin ich ueber meinen Zimmernachbarn gegenueber, D., Haitianer.
Er will, nachdem er endlich Franzoesische Papiere bekommen hat, ab naechten September sein Mathematik/ Informatik Studium hier beginnen und ist immer bereit, mir den Schluessel fuer unseren Computerraum zu geben, oder Gespraeche auf jeglicher intellektuellen Ebene zu fuehren, was mit den meisten anderen hier eher wenig moeglich ist.
Anfangsschwierigkeiten
In den ersten zwei, drei Wochen hier verstand ich ploetzlich, welchen Grund die flapsige Bemerkung meines Eirene Referenten auf dem Ausreisekurs gehabt hatte, als er aeusserte, dass er mit vollstem Verstaendnis einen anderen Projektplatz fuer mich faende, wenn ich mit den Emmaüs Bedingungen nicht klar kaeme.
Ich fuehlte mich naemlich aus verschiedenen Gruenden etwas ueberfordert: Erstens, weil sich mein Zimmer in einem Zustand befand, in dem ich mich in ihm nicht wohlfuehlen konnete, zweitens, weil die meisten meiner Mitbewohner mir, zumindest nach den ersten Erfahrungen, als voellig unzuverlaessig erschienen und ich demnach niemanden hatte, auf den ich mich verlassen konnte und drittens, weil die Atmosphaere in der Gemeinschaft in dieser Zeit sehr spannungsgeladen und explosiv war.
- Mein Zimmer
Die Geschichte meines Zimmers ist Folgende: Zu Beginn war es sehr unguenstig moebliert, die Waende gelb vom Zigarettenrauch meines Vorgaengers und nachdem ich in einer der ersten Naechte von einem herunterfallenden Stueck Putz wach geworden war, beschloss ich, mein Zimmer grundlegend zu renovieren.
Damit fuehlte ich mich dann allerdings ziemlich allein gelassen, da mir am Anfang versichert worden war, dass jemand meine Waende streichen wuerde, dass es Farbe gaebe und mir Putz mitgebracht wuerde, was jedoch in Wirklichkeit ganz anders aussah und ich die Sache selbst in die Hand nahm.
In diesem Punkt bemerkte ich einen ersten grundlegenden Mentalitaetsunterschied zwischen Emmaüs und mir: Hier wird alles innerhalb der Gemeinschaft geregelt, fuer jede Aufgabe gibt es einen Spezialisten und es werden grundsaetzlich immer nur die
Ressourcen genutzt, die grade vorhanden sind.
Zudem herrscht die lockere Einstellung: was heute nicht geht, wird morgen gemacht (und der naechste Tag hat natuerlich auch wieder ein morgen...)
Ich wollte jedoch so schnell wie moeglich nicht mehr auf einer Baustelle schlafen und war deswegen alles andere als locker in dieser Zeit.
(Inzwischen liebe ich mein Zimmer sehr, denn in den jetzigen Zustand hab ich es so gut wie alleine versetzt und darauf bin ich auch ein bisschen stolz)
- Die Stimmung bei uns
Dabei herrschte eine Atmosphaere, in der ich permanent jemanden schreien hoerte, dass er es leid sei, in diesem Irrenhaus zu wohnen, alle verrueckt seien und wir ausserdem in einem grossen „bordel“ lebten. Zum Glueck hat „le bordel“ im Deutschen nicht die naheliegendste Uebersetzung, auch wenn mich das nach den ersten Tagen nicht mehr ueberrascht haette, sondern bedeutet einfach nur Riesendurcheinander.
Um die allgemeine Stimmung hier nachvollziehen zu koennen, muss man versuchen, sich etwas in die Lage eines hier lebenden Compagnons hineinzuversetzen.
Die meisten haben, wie gesagt, kaum etwas anderes als Emmaüs, haben keine Familie, keine Ausbildung und teilweise noch nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung fuer Frankreich. Sprich, sie leben zwar nicht mehr auf der Strasse, haben aber keinerlei Zukunftsperspektive. Allgemein heisst es immer wieder: Emmaüs ist besser als nichts, aber nicht viel besser...
Im Grunde ist Emmaüs, wie J. es mir erklaert hat, zuallererst dafuer da, den Obdachlosen ein Dach ueber dem Kopf zu geben, bzw. die Primaerbeduerfnisse zu stillen, doch fuer die meisten ist Emmaüs zur Dauereinrichtung geworden.
Deshalb sind viele frustriert, unzufrieden, haben Alkohol- oder Drogenprobleme und sind vor allem am Ende mit ihren Nerven und ihrem Latein.
Manche verstecken das recht gut, bei anderen zeigt es sich in Form von Agressivitaet oder regelmaessigen Zusammenbruechen.
Entsprechend herrscht auch herzlich wenig Toleranz gegenueber den Mitmenschen und jeder, dessen Verhalten nicht offensichtlich einleuchtend oder ein bisschen auffaellig ist, wird als krank im Kopf abgestempelt.
Grade zur Zeit meiner Ankunft wurden parallel diverse Kleinkriege gefuehrt und es konnte schon mal passieren, dass zwei erwachsene Maenner um halb acht beim allmorgendlichen Kaffeetrinken aufeinander losgegangen sind.
An diese Verhaeltnisse musste ich mich ersteinmal gewoehnen, was allerdings erstaunlich schnell ging, weil sich zum einen die Atmosphaere entschieden verbessert hat und ich auch wesentlich mehr einfach an mir abprallen lasse.
Trotzdem ist es immer wieder traurig, zu sehen, wie die meisten ihr Leben hier nur Leid sind, es als monoton und trist empfinden. „Ca change un peu…“, „Das bringt etwas Abwechslung...“ ist bezeichnenderweise der staendig benutzte Ausdruck, sobald etwas leicht anders laeuft als normal.
Grade die etwas Juengeren wuerden jedoch gerne auf eigenen Beinen stehen, zumal viele auch den Eindruck haben, von Emmaüs ausgenutzt zu werden. Sie sehen, wie viel Geld sie durch ihre Arbeit hereinbringen und vergleichen das mit den 50 Euro pro Woche, die sie zur Verfuegung haben um dabei jedoch zu vergessen, dass es erstens ungeheuerer finanzieller Mittel bedarf, um ein System wie Emmaüs aufrecht zu erhalten uns zweitens, wo sie ohne Emmaüs staenden.
Insgesamt scheinen mir Menschen zu fehlen, die sich um die Einzelschicksale der Compagnons kuemmern und ihnen moeglicherweise helfen, ein Grundlage fuer ein Leben nach Emmaüs aufzubauen, denn allein in der Gemeinschaft loesen sich die Probleme nicht.
- Die Udo-Geschichte
Eine meiner groessten Stuetzen am Anfang war die Anwesenheit eines Deutschen unter den Compagnons, Udo, der zu dieser Zeit die Rolle des Kochs einnahm.
Udo ist studierter Theologe und hat in den letzten drei Jahren in Emmaüs Gemeinschaften in ganz Frankreich mitgearbeitet, um, wie er es mir erklaert hat, im Status des Compagnons den anderen Compagnons Gott naeher zu bringen oder ihnen einfach nur als Gespraechspartner zu dienen.
Mir haben er und seine franzoesische Frau lange das Gefuehl gegeben, nicht alleine dazustehen, wofuer ich ihnen sehr, sehr dankbar bin; doch leider ist Udos Hilfekonzept in unserer Gemeinschaft alles andere als gut aufgenommen worden.
Sei es auf Grund seines sehr selbstueberzeugten Auftretens oder seines enorm deutschen Akzents, Udo wurde von Vornherein mit Misstrauen betrachtet.
Sein Essen wurde regelmaessig abends als „nicht essbar“ und „deutsche Kueche“ in der Muelleimer entsorgt und Udo mit seiner Kueche zum Suendenbock der allgemein unzufriedenen Gemeinschaft erklaert.
Von seinem Kochjob kurze Zeit spaeter entbunden, wurde sein Status nicht besser, weshalb er zum Ende November mit der Begruendung, er erfuelle seine Arbeit nicht pflichtgemaess, gekuendigt wurde. Nebenbei kursiert unter den Compagnons das Geruecht, ihm wurde gekuendigt, weil er bei Emmaüs geklaut habe.
Diese Geschichte laesst mich schon mit etwas Skepsis auf die Compagnons und die Responsable blicken, weil ich aus meiner Perspektive miterlebt habe, wie einfach ein Compagnon, und ganz speziell der Mensch, zu dem ich bisher das staerkste Vertrauensverhaeltnis aufgebaut hatte, vor die Tuer gesetzt worden ist.
Kleines Resumée
Die zweieinhalb Monate, die ich jetzt hier bin, kommen mir auf Grund der Erfahrungen, die ich bereits gemacht habe und der Entwicklung, die ich an mir selber sehe, als ungeheuer lange Zeit vor.
Obwohl das Sprachproblem fuer mich immer noch das anhaltend groesste ist, sehe ich inzwischen sogar dort Verbesserungen, die den Alltag etwas erleichtern.
Doch noch immer komm ich mir haeufig wie behindert vor, weil ich nicht in der Lage bin, das, was ich sagen will, adaequat, also in kurzer Zeit und verstaendlicher Weise auszudruecken.
Emmaüs ist zudem nicht das richtige Pflaster, franzoesisch zu lernen, weil die meisten ueberhaupt nicht ueber ihr Sprechen reflektieren, d. h. entweder als Auslaender falsch sprechen oder sich einfach nicht auf mich einstellen koennen.
Diese verbale Kommunikationsunfaehigkeit meinerseits hat allerdings auch sein Gutes: Erstens bin ich viel lockerer geworden im Bezug auf die Art und Weise, in der ich mich sprachlich ausdruecke, zweitens kann ich viele unnuetze Unterhaltungen umgehen, die ohnehin ohne Inhalt waeren und drittens lege ich viel mehr Wert auf non-verbale Kommunikation, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass verbale Kommunikation auch beim Beherrschen der Sprache hier haeufig fehlschlaegt.
Auch mein Bezug zum Thema Obdachlosigkeit hat sich sehr veraendert, da es hier voelig selbstverstaendlich ist, zum Alltag gehoert,und in keiner Weise tabuisiert wird, dass es Menschen gibt (noch dazu ungeheuer viele in Paris), die auf der Strasse leben.
Immer wieder beeindruckend finde ich die Besuche bei K. unter der Bruecke, der mir jedes Mal stolz zeigt, wie er die Huette, in der er lebt, sich selbst aufgebaut und eingerchtet hat, dass er elektrischen Strom hat, mir ein gut gekuehltes Dosenbier anbieten kann und dass man bei ihm sogar Keyboard spielen kann.
Was mich hier aber am meisten erschreckt und zum Nachdenken bringt ist, mit eigenen Augen zu sehen, dass z. T. sogar junge Menschen einfach durch das Schicksal, dass ihnen im Leben widerfahren ist, so gepraegt sind, dass sie ihr Leben nicht mehr alleine in den Griff bekommen und es ihnen kaum mehr lebenswert erscheint.
Mir wird immer wieder bewusst, wie viel Glueck ich bisher gehabt habe, dass ich mit meinem Leben zufrieden sein kann. Und eine Grundlage an Erziehung, Selbstvertrauen und Bildung habe, auf die ich aufbauen kann.
Denn wenn das Leben von Kindheit an schief laeuft, dann praegt es den Menschen fuer das gesamte Leben und draengt ihn quasi in einen Teufelskreis von Misserfolgen, aus dem nur sehr schwer auszubrechen ist. Schliesslich ist das Leben alles und das einzige, was wir haben; es ist absolut allumfassend und vor allem nie gegen ein anderes einzutauschen.
Mein Leben ausserhalb von Emmaüs
Neben Emmaüs habe ich hier zum einen die grosse, vielseitige, faszinierende Stadt Paris, die mich in ihren Bann gezogen hat und so schnell wohl nicht mehr loslassen will und zum anderen die Eirene Freiwilligen in und um Paris, die einem, obwohl man sie erst knapp drei Monate kennt, bereits wie alte Freunde vorkommen.
Die Grundlage fuer diese aussergewoehnlichen Freundschaften bildet zum groessten Teil das zweiwoechige Ausreiseseminar Anfang September, dass fuer mich eine einizigartige Erfahrung war, die ich jedem wuensche auch einmal in seinem Leben zu machen.
Diese zwei Wochen waren zwar derartig angefuellt mit Programm und Gemeinschaftsaktivitaeten, dass sich eigentlich alle permanent ueberlastet fuehlten, doch dafuer hat mir dieses erste Seminar von dreien in vielen Bereichen ganz neue Erkenntnisse ueber mich selbst gebracht und die Erfahrung machen lassen, wie viel Produktives entstehen kann, wenn 23 aufgeschlossene, hochmotivierte und an Aehnlichem interessierte junge Menschen fuer eine Zeit auf engstem Raum zusammen leben.
Ausserdem war es faszinierend mitzuerleben, wie gut und intensiv man sich in kuerzester Zeit kennenlernen kann, wenn man aus seinem gewohnten Umfeld voellig herausgeloest ist und dabei alles Erdenkliche zum Erreichen dieses Hauptziels getan wird.
Fuer die Anfangszeit hier waren die vier Pariser Eirene Freiwilligen, die ich ueber das Seminar kennengelernt hab, wirklich wichtig, denn ich hatte Leute, mit denen ich deutsch sprechen konnte, die mir zuhoerten, auch wenn ich meistens eher mit mir selbst sprach, die mich ablenkten und die inzwischen richtig gute Freunde geworden sind.
Zudem haben wir auf dem Seminar die Entwicklungshilfeorganisaton Eirene kennengelernt und viel ueber Wege nachgedacht, mit denen wir in den Industrielaendern unser Leben etwas weniger auf Kosten der aermsten Laender der Welt gestalten koennen. Ueber die wirklich globalen Probleme, die das Alltagsleben bei uns verursacht, denken wir alle zu wenig nach, weil wir ja verstaendlicherweise immer die dringendsten Probleme zuerst bearbeiten.
Doch wenn man etwas ueber den Alltagshorizont hinaus schaut, relativieren sich viele naheliegende Probleme und eine Loesung faellt viel leichter.
An dieser Stelle ganz direkt einen grossen Dank an alle finanziellen Unterstuetzer, die mir vor allem die essentielle paedagogische Begleitung durch Eirene finanzieren, ohne die ich keine Mitfreiwilligen haette und es mir wesentlich schlechter ginge.
So ermoeglicht ihr mir, aussergewoehnliche Erfahrungen zu machen, Menschen, denen es schlecht geht vielleicht im Kleinen etwas zu helfen und mich dabei nicht ueberfordert, sondern sehr wohl zu fuehlen.
Danke.
Denn auch, wenn man auf Grund einiger Stellen dieses Briefes einen gegenteiligen Eindruck bekommen koennte, ich stehe, wie im Endeffekt alle Compagnons voll und ganz hinter Emmaüs, bin sehr froh, dass Emmaüs vielen Menschen aus der groessten Misere hilft und bin schwer beeindruckt, wie viel hier bewegt wird.
Eure Marie







