„Es ist schoen zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“ Cesare Pavese
Hannah Schilling berichtet über ihren Anfang in dem Projekt Plaine de Vie in Frankreich und über die Vielfältigkeit der Arbeit. (Dezember 2006)
„Es ist schoen zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“
Ich beginne meinen Brief mit diesem Spruch, da er soviel ausdrueckt von dem, was ich in den letzten Monaten erlebt und gefuehlt habe. Er haengt ueber meinem provisorischem Bett und erinnert mich in verzweifelten Momenten an den Zauber des Lebens, an die Hoffnung jederzeit neu anfangen und seine alte Haut ablegen zu koennen.
ANFANGEN …
… und plötzlich soll alles vorbei sein?
Vier Wochen vor meinem Dienstbeginn ruft mich meine Vorgängerin A. an und teilt mir mit, dass die Subvention für meinen Freiwilligendienst bei Plaine de Vie abgelehnt wurde, Plaine de Vie somit kein Geld hat, um mir eine Wohnung, Verpflegung, Taschengeld zu garantieren. Das war`s dann, denke ich, mit dem Friedensdienst. Denn obwohl ihr mich alle unterstützt, fordert EIRENE dennoch von jedem Projekt eine finanzielle Beteiligung für den Freiwilligen. Und da Plaine de Vie über nicht viele Mittel verfügt und vor allem alle fest mit dem Geld der EU gerechnet hatten, sah es im ersten Augenblick sehr schlecht aus und ich machte mir tausend Gedanken, wie es wohl jetzt weitergeht. Ich hatte schon meine Zugfahrt nach Paris gebucht, all meine Freunde zu einer Abschiedsfeier eingeladen und natürlich keine einzige Unibewerbung abgeschickt. Ein Traum geplatzt???
Nein, denn ich habe nicht mit den Mitgliedern von Plaine de Vie gerechnet! A. mobilisierte den gesamten Verein, mein Volontariat doch mit ein paar Euro pro Monat zu ermöglichen und viele viele Hände taten sich auf und zeigten einmal mehr, dass Solidarität nicht nur eine leere Worthülse sein muss…
Diese Erfahrung zeigte mir: Ich bin herzlich willkommen bei Plaine de Vie!!!
ANFANGEN…
… sich auf meinen Friedensdienst mit EIRENE vorzubereiten
Vom 1. bis 15. September, also kurz vor meinem wirklichen Aufbruch nach Frankreich, reiste ich nach Neuwied bei Koblenz und verbrachte dort zwei intensive Wochen in der Geschaeftsstelle meiner Entsendeorganisation EIRENE.
Mit all den anderen Freiwilligen, die fuer ein Jahr wie ich in Frankreich, Belgien, Irland oder in den Niederlande und den USA in einem sozialen Projekt arbeiten wollten, lernte ich EIRENE besser kennen, konnte all meine Fragen und Sorgen loswerden und ein Netz von Kontakten knuepfen, das mich auffangen wuerde, wenn es mir nicht gut geht. Die Tage mit EIRENE waren voll von interessanten und wichtigen Einheiten:
Wir reflektierten unseren bisherigen Lebensweg, sprachen ueber unsere Vorstellungen zum Freiwilligendienst, spielten moegliche Konfliktsituationen durch und wurden sachte auf einen moeglichen Kulturschock vorbereitet. Es waren fuer mich zwei Wochen voller interessanter Begegnungen, zwei Wochen voller Spaetsommersonnenschein und Zeit zum sich sortieren, zum Luftholen vor dem Sprung ins kalte Wasser!
ANFANGEN…
… bei Plaine de Vie zu arbeiten
Vom ersten Tag an war ich voll dabei, bei Plaine de Vie. Nach meiner Nachtzugreise wurde ich frueh vom Bahnhof abgeholt und von meinem Chef empfangen, der mich bei einem schnellen Kaffee ueber den Ablauf der ersten Zeit informierte. „Als Freiwillige hast du wenige feste Aufgaben…du bist ein bisschen ueberall und sollst fuer eine gute Stimmung sorgen; ich lasse dir viel Freiheit und Verantwortung, aber du wirst deinen Platz finden!“
Die erste Zeit bestand also darin, Plaine de Vie kennen zu lernen.
Ich fange mal mit dem Dach an…
Der Conseil Administratif ist praktisch so etwas wie der Vorstand des Vereins, hier werden die Entscheidungen getroffen und ueber den Haushalt entschieden. Im Vorstand ist aber niemand von uns Angestellten,die wirklich bei Plaine de Vie tagtaeglich arbeiten.
“Wir“, das sind:
die „encadrants techniques“. Sie kuemmern sich um die Bewirtschaftung der Felder, lernen den maraichers (Gemuesegaertnern) alles rund um die Gartenarbeit bzw. Agrikultur und sind mit ihnen auf den Feldern, wo sie deswegen auch ganz viel mit ihnen reden und sie im Gewissen Sinne auch psychologisch begeleiten. Das geschieht in enger Absprache mit C., unserer Sozialpaedagogin, die mit den maraichers gemeinsam schaut, wie sich ihr Leben nach plaine de Vie gestalten koennte. Sie regelt auch allen Verwaltungskram, macht die Arbeitsvertraege, Vorstellungsgespraeche und Zwischenbilanzen, Praktikumsrecherchen etc. Am Ende bleiben noch wir jungen Hupfer uebrig. S. ist Animateur und kuemmert sich um die Vereinsmitglieder, hilft viel im Garten mit und leitet zusammen mit G. den Club CPN. C. ist eigentlich Soziologiestudent (oder sowas aehnliches...) und arbeitet fast nur im Buero, wo er C. bei dem Verwaltungskram hilft und den Vereinsmitglieder per Brief, Mail, Telefon all ihre Fragen beantwortet. Ausserdem schreibt er Berichte und Antraege fuer neue Projekte, denn Plaine de Vie finanziert sich vor allem ueber Zuschuesse von Firmen, Vereinen, der Kommune und dem Staat. Zu diesen Geldern kommen dann noch die Mitgliedsbeitraege und der Erloes des Gemueseverkaufs.
Im Grund hilft jeder da wo es brennt und meistens gibt es so viele Baustellen auf einmal, dass man nie alles schaffen kann. Da muss man kuehlen Kopf bewahren und sich gut organisieren...Es ist auf jeden Fall immer etwas los bei Plaine de Vie!
Im kommenden Jahr wird J. und L. nicht mehr fuer Plaine de Vie arbeiten, deshalb ist es gerade sehr spannend, was Aufgabenverteilung anbelangt...
J. war bis jetzt unser „Responsable“, also er hatte das letzte Wort wenn um Anschaffungen oder kleine Entscheidungen ging und er war auch ein bisschen derjenige, der unser Team coachte, bei Problemen vermittelte und immer neu motivierte. So ist er auch jetzt sehr optimistisch und voller Zuversicht, dass wir das auch super ohne ihn hinkriegen...es wird ein bedeutender Einschnitt fuer Plaine de Vie sein, denn er hat mit ein paar anderen das Projekt 1998 aufgebaut!
Oekologischer Gemueseanbau:
Plaine de Vie bewirtschaftet zur Zeit vier Gaerten, insgesamt ungefaehr eine Flaeche von vier Hektar. Zwei der Gaerten aehneln einem Feld, auf einem anderen Terrain stehen mehrere grosse Gewaechshaeuser und der vierte Arbeitsplatz ist ein alter Schlossgarten, in dem sehr genau darauf geachtet wird, dass die Pflanzen auch aesthetisch und ordentlich gepflanzt und gepflegt werden. Er ist echt eine Augenweide und jedesmal hat man das Gefuehl, in eine andere Welt einzutauchen. Er ist naemlich mitten in einem kleinen Nachbarort und von hohen Mauern umgeben.
Ich genieße es sehr, mit den maraichers in der Natur zu arbeiten, den Himmel ueber mich zu sehen, das Gemuese zu riechen und zwischen meinen Haenden Erde zu spueren. Es ist entspannend, seine Gedanken kreisen zu lassen und einfach seinen Koerper arbeiten zu spüren. Und nach vier Stunden sieht man, was man geschafft hat! Die maraichers und auch die encadrants techniques zeigen mir viel und es ist unheimlich spannend, die ganzen Kleinigkeiten rund ums Gemueseanbauen zu lernen. Manchmal arbeiten wir schweigend, manchmal entstehen spannende Diskussionen und ich erfahre viel ueber andere Laender, Kulturen und Lebensweisen...genau das was ich mir gewuenscht habe!
Der woechentliche Gemueseverkauf
Immer donnerstags ist ein besonderer Tag bei Plaine de Vie. Morgens wird das in den vergangenen Tagen geerntete Gemuese gewaschen und ungefaehr 230 kleine und grosse Gemuesekoerbe vorbereitet. Hierbei helfen immer eine Handvoll ehrenamtliche Vereinsmitglieder mit, was auch echt noetig ist. Es funktioniert wie in einer kleinen Fabrik:
Alle Selleries sind vorher gezaehlt und nach „gross“ und „klein“ sortiert worden, wir bereiten einen langen Tisch mit leeren Koerben vor und los geht’s - jeder legt „sein“Gemuese an „seinen“ Platz und nach diesem geschaeftigen Gewusel wird kurz abgecheckt, ob alles im Korb ist und die naechsten „paniers“ angefangen werden koennen. Ein Teil der fertigen Gemuesekoerbe wird dann zu verschiedenen Depots in Nachbarorte geliefert, wo sie die Mitglieder dann abholen.
Auch bei Plaine de Vie ist ein solches Depot, weshalb am Nachmittag das uebrige Gemuese zum Verkauf schoen auf einen Tisch drapiert wird und ich mit C. und S. (oder auch manchmal alleine) zwischen 16h00 und 19h00 die Gemuesekoerbe ueberreiche und uebriges Gemuese verkaufe. Noch dazu kooperiert Plaine de Vie mit einem „Eine Welt Laden“, dessen Produkte wir auch jede Woche mit verkaufen. Und nicht zu vergessen sind unsere Konserven, die wir aus unserem ueberschuessigen Gemuese herstellen lassen, damit die Gemuesekoerbe auch im Winter gefuellt werden koennen. So stehen auch immer Tomatensuppe, Apfelsaft und Birnenmarmelade mit auf dem „Ladentisch“. Der Donnerstag ist immer ein bisschen anstrengend, auch weil er so lang ist, aber es macht mir sehr viel Spass, zu verkaufen und mit den Mitgliedern zu plaudern... Es ist eine der wenigen Moeglichkeiten, mit den insgesamt an die 230 Mitglieder in Kontakt zu kommen. Sonst schreibe ich fuer sie nur das woechentlich erscheinende Infoblatt „Feuille de Chou“, eine DIN A4 Seite voller Rezepte und Neuigkeiten aus dem Vereinsleben. Das Layouten und Texte verfassen gefaellt mir sehr, da ich zum einen meine franzoesische Sprache verbessere und zum anderen kreativ sein kann, was Inhalt des „Feuille de Chous“ ist. Seit einer Weile stelle ich fast jede Woche unser jeweiliges Geburtstagskind vor, indem ich es ueber seine Herkunft und seine Arbeit bei Plaine de Vie interviewe.
Soziale Wiedereingliederung
Eines der Hauptziele von Plaine de Vie ist die soziale und vor allem berufliche Wiedereingliederung der ungefaehr 20 angestellten „maraîchers“ (Gemuesegaertner). Im Allgemeinen sind das Menschen, die schon mindestens zwei Jahre keine Arbeit mehr hatten, somit Sozialhilfeempfänger sind oder auch junge Erwachsene, die keine Ausbildung haben. Bei Plaine de Vie koennen sie zwischen 6 Monaten und 1-2 Jahren arbeiten, meistens nur halbtags zwischen 8h00 und 12h00 oder nachmittags von 13h30 bis 17h00. Fuer viele bedeutet Plaine de Vie seit langem erstmals wieder einen geregelten Tagesablauf, Regeln und soziale Kontakte zu haben. Es ist beeindruckend, wie viel ein Arbeitsplatz dem Menschen geben kann, so sagte mir neulich ein junger maraîcher:
„Ich bin gerne unterwegs mit Freunden…aber als ich keine Arbeit hatte, da war ich immer muede und blieb meistens allein zuhause, obwohl ich soviel Zeit hatte. Jetzt treffe ich nach der Arbeit immer noch meine Kumpels, gehe nach Paris oder so. Es ist schoen, auf der Arbeit Leute zu treffen, gemeinsam zu arbeiten und zu reden. Und der geregelte Tagesablauf hilft mir sehr, ich fange viel mehr mit dem Tag an!“
Weiterbildung
Neben der Gartenarbeit, die fuer die meisten ein neues Metier ist, bietet Plaine de Vie den maraîchers auch noch in anderen Bereichen die Chance, sich weiter zu qualifizieren. Jeden Montag morgen begleite ich die gesamte Mannschaft bei dem so genannten CAP Santé, einer Fortbildung, die von der Krankenkasse organisiert wird. Im Grossen und Ganzen lernen wir in dieser Zeit, wie unsere Krankenversicherung funktioniert und wie wir fuer uns im Arbeitsalltag sorgen koennen. Da geht es um Kritikfaehigkeit, Selbstbehauptung, Gesundheitspflege und auch Drogen- und Suchtprävention. Geleitet werden die Sitzungen von einer Psychologin, die auch vierzehntäglich ein Gruppengespraech anbietet, in dem die maraîchers ohne Beisein eines Vorgesetzten (und auch ohne mich) ueber Probleme am Arbeitsplatz reden koennen. Eine gute Sache, finde ich!
Ausserdem werden die maraichers auch in die Gestaltung unseres Schlossgartens mit einbezogen, dafuer hat sich eine Landschaftsarchitektin bereit erklaert, die Strukturen eines Gartens naeher zu bringen. Um das anschaulicher zu machen, haben wir verschiedene Gaerten besichtigt und anschliessend unseren Garten betrachtet, welchen Bereich man auf welche Weise noch mehr zur Geltung bringen koennte. Gemeinsam haben wir einen Plan entworfen und bald schon werden wir unsere Entscheidungen in die Tat umsetzen. Es ist Wahnsinn, welch gute und kreative Ideen viele haben! …und was fuer eine Kunst hinter einem schoenen Garten steckt…
Club CPN
Einmal im Monat trifft man in einer kleinen aber fein hergerichteten Ecke (dem „jardin paedagogique“) unserer Gaerten eine Handvoll wilder Kinder, die gemeinsam mit S. und G. die Natur erforschen. Nennen tun sie sich „die verrueckten Seerosen“ und organisiert werden die Animationen des Club CPN von Invent’erre, einem Geschwisterverein von Plaine de Vie. Ich war bis jetzt auch immer dabei, wenn es um Schwalbennesterbauen, Bohneneintopfen oder Baeumepflanzen ging und die erfrischende, herzliche Art der Kinder tut mir jedes Mal sehr gut. Wir versuchen seit diesem Jahr, auch die Kinder der maraîchers mit in den Club CPN zu integrieren, was aber schwierig ist, weil die Transportwege oft lang und kompliziert sind und es an Motivation von Seiten der Eltern mangelt. Der Fernseher ist dann doch oftmals eine bequemere Kinderbeschaeftigung…
Europaeischer Freiwilligendienst
Ich sehe mich als Freiwillige vor allem auch als diejenige, die den Alltagstrott ein bisschen durchbricht und lebendige Momente des Zusammenseins schafft… Das ist manchmal gar nicht so leicht, weil es so schnell passiert, dass man sich von den vielen Aufgaben erschlagen laesst, aber einige Kleinigkeiten habe ich dennoch auf die Beine gestellt! Ich bin so begeistert von der Kulturenvielfalt bei Plaine de Vie, dass ich diesen Reichtum auf einer Weltkarte festhalten wollte. Ich fuellte fuer jeden einen Steckbrief aus, fuegte ein Photo hinzu und machte mit Pfeilen sichtbar, aus welchem Land der jeweilige maraîcher stammt. Ob Kasachstan, Laos, Haiti oder Cap Verde, die Pfeile zeigen in alle Teile der Erde! Und einer auch nach Deutschland…
Nach einer Diskussion mit einer maraîchère, in der sie mir sagte, dass sie noch nie ihren Geburtstag gefeiert hat, dachte ich mir, das liesse sich aendern und bastelte einen Geburtstagskalender. Fast jede Woche jetzt backe ich einen Kuchen, lasse eine kleine Karte zum Unterschreiben herumgeben und wir singen gemeinsam mit Kerzenschein ein „Joyeux Anniversaire“ fuer das Geburtstagskind.
Ausserdem wollte ich ein schoenes Jahresende fuer alle gestalten und nahm die Gelegenheit der deutschen, in Frankreich eher unbekannten Tradition des Nikolaustages, um eine kleine Weihnachtsfeier fuer Maraichers, Vereinsmitglieder und unserem Team zu organisieren. Nach ziemlich viel Bauchschmerzen und Stress versammelten sich am 6.Dezember an die vierzig Menschen in jedem Alter zu leckerem Essen, einer Nikolausgeschichte, zu einer Photopresentation ueber Plaine de Vie, Weihnachtslieder und natuerlich auch zum Geschenke austauschen. Als Ueberrraschung kam dann noch der Nikolaus live vorbei, den spielte einer der maraichers…es war wirklich eine gelungene Feier!
ANFANGEN …
… Plaine de Vie ein bisschen zu verstehen!
ANFANGEN …
… in einer ganz besonderen WG zu leben
Anfangen, in einer besonderen WG zu leben
Mein zweites grosses Abenteuer ist wohl mein Leben in der vierer (beziehungsweise fuenfer) WG in Ecouen, dem direkt an Ezanville grenzenden Vorort von Paris.
Unser Reihenhaus liegt idyllisch in der Rue Paul Cézanne und es gibt sogar einen kleinen Garten zum Sonnen, Jonglieren, Feuerspucken, Gemueseanbauen und Wäscheaufhaengen. Herz der Fuenimmerwohnung ist ein grosses Wohnzimmer im Erdgeschoss ,dass optimal zum Partyfeiern geeignet ist:-) Hier wird gelesen, gesungen, getanzt und Musik gemacht, die Waende sind mit politischen Postern und Texten à la „Autofahren schadet unserem Planeten“ dekoriert. Schon auf dem ersten Blick wird deutlich, hier wird unsere Gesellschaft hinterfragt, hier ist man fuer Umweltschutz und Solidarität und gegen Kapitalismus und Globalisierung...Dies zeigt sich auch in der Gestaltung des Alltags: wir haben kein auto sondern vier (momentan kaputte *g*)Fahrraeder, wir essen fast nur Bio und kein Fleisch, der Wasserverbrauch wird so gering wie moeglich gehalten und die Haushaltsregel lautet: Mach wozu du Bock hast, alle helfen jedem und es gibt keinen Aufraeumplan oder aehnliches....
Ja wer sind nun diese besonderen Mitbewohner? Also die drei Jungs arbeiten alle direkt und indirekt mit mir zusammen . Die vierte Person ist C., die eher weniger als mehr da ist und sich mit mir ein Zimmer teilt. Das war auch ein ziemlicher Schock fuer mich, als ich am ersten Tag ankam und man mir eroeffnete, dass ich voerst kein eigenes Zimmer haben wuerde. Eigentlich hatte ich es naemlich so verstanden, dass C. ausziehen wollte/sollte, damit ein Zimmer fuer die Freiwillige uebrig bliebe. Da ich naemlich nicht von der EU finanziert werde, bleibt nur sehr wenig (fuer Pariser Verhaeltnisse) Spielraum fuer die Miete.
So betrat ich mit einem Kloss im Hals mein zukuenftiges Zimmer, in dem sich ausser einer alten Matratze,stoffueberhangenen Kisten und einem Fernseher nichts befand. Wie kann man sich hier wohlfuehlen?!
Mittlerweile habe ich mir ein paar Moebel besorgt, Poster aufgehaengt und zumindest fuer mich einen wohnlichen Platz geschaffen. C. ist unter der Woche immer auf Arbeit im Sueden von Paris, weshalb sie wenn nur am Wochenende da ist. Meistens kommt sie sehr sehr unerwartet (zum Beispiel mitten in der Nacht), was meine Flexibilitaet und Nerven jedesmal auf eine harte Probe stellt. Ein Raum fuer mich fehlt mir wirklich sehr!
Ausser diesem Zimmerproblem geniesse ich das WG-Leben aber meistens, denn die Jungs und ihre Lebenseinstellung finde ich ziemlich cool.
Am Anfang habe ich wirklich viel mit den dreien gemacht, was gerade fuer die erste Zeit super war, weil ich auf diese Weise viele Konzerte, Filme,Theaterstuecke und neue Menschen kennengelernt habe. Jetzt merke ich, dass es ganz schoen beengend ist, zusammen zu arbeiten und zu leben. Gerade wenn man sich gerne mag, ist es schwer die Balance zwischen Rueckzug und Gemeinschaft zu finden.
Ach ja, wer mich einmal besuchen moechte: Sehr gerne, in unserer WG ist immer Platz fuer jeden, man darf nur nicht zu pingelig sein, es ist nicht immer alles sehr sauber *g*
ANFANGEN …
… das Grossstadtleben zu „geniessen“
Seit ich hier in Ecouen lebe, weiss ich die Kleinstadt Coburg erst richtig zu schaetzen.
Sicher, es ist ein wunderbares Gefuehl, in der Herbstsonne am Seineufer entlang zu schlendern, unter dem Eiffelturm zu stehen, ein orginial Rauschenberg Combine Painting vor seiner Nase zu haben oder vor dem Sacre Coeur stehend ueber ein Meer von Haeusern, Schloeten und Prachtbauten zu blicken!
Und im ersten Moment scheinst du in Paris alles zu haben:du kannst alles kaufen, jeden Tag gibt es unzaehlige Theaterauffuehrungen, Konzerte und Aktionen, die du sehen koenntest.
Aber dieser Ueberfluss an Angeboten ueberfordert mich auch ziemlich. Wo zuerst hingehen???
Ich habe das Gefuehl, Paris gar nicht greifen zu koennen und nach drei Monaten die Grossstadt noch nicht im Geringsten zu kennen.
Das ist ganz neu fuer mich und im Geheimen sehne ich mich manchmal nach der Kleinstadtidylle, wo ich in wenigen Minuten am Kino, Theater oder Cafe angelangt bin und spontan bei einer Freundin vorbeischauen kann, ohne drei Stunden Zug/Metrofahrt fuer Hin-und Rueckfahrt einplanen zu muessen. Auch das einkaufen ist nicht so wunderbar, wie man sich das vorstellt...Sicher, es gibt wirklich alles hier-bloss wo???
Und es macht auch wenig Spass, in einem Meer von Menschen durch den CD-Laden zu schwimmen, da die Lust auf Musik vor lauter Platzangst im Nu verschwindet. Da wuensche ich mich dann doch in unseren kleinen „Muellerstore“, wo fast immer ein Kopfhoerer zum Probehoeren frei ist :-)
Auch auf der Strasse und in der Metro bist du immer unter Menschen, stehst ihnen dicht an dicht gedraengt gegenueber. Und dennoch bist du so einsam und eigentlich niemand, den man kann gar nicht mehr jeden Einzelnen wahrnehmen.
Und zwischen all den Menschenmassen immer wieder am Strassenrand kauernde Gestalten, die in der Stadt der Liebe ein Dach ueber dem Kopf suchen...
ANFANGEN …
… die Franzosen zu verstehen …
oder es zumindest zu versuchen! Ich habe mal ein bisschen gesammelt,
ANFANGEN …
… sich neu kennenzulernen
Ich haette nie gedacht, dass Sprache eine so grosse Rolle in unserem Leben spielt, dass es einen so isoliert wenn man eine andere Sprache spricht als seine Mitmenschen. In den ersten Monaten habe ich dies sehr deutlich gespuert und es war eine krasse Erfahrung fuer mich, nicht alles sofort zu verstehen und auch selber meine Gedanken nicht einfach mitteilen konnte.
Wie ein Kind musste man mir alles zweimal erklaeren, das Autofahren mit franzoesischer Begleitung war wie die zweite Fahrstunde in Deutschland und aus der eher sprachgewandten Hannah wurde ein schuechterndes Maedchen, dass nicht mitlachen konnte oder mal eben im Vorbeigehen aufmunternde Worte zurufen konnte, weil jeder Satz holprig über die Lippen sprang. Und tiefere, angeregte Diskussionen wurden immer wieder durch „Comment?J´ai pas compris...“ zum Erliegen gebracht. Ich fuehlte mich wie behindert und auch ausgegrenzt von den anderen, nur allein weil ich nicht ihre Muttersprache spreche. Ich fuehlte mich auf einmal so unselbststaendig und dumm, weil jede Kleinigkeit wie Handykarte kaufen oder Photos entwickeln lassen auf einmal ohne fremde Hilfe sich als sehr schwierig erwiesen. Das ist ein komisches Gefuehl, weil man ja doch eigentlich in die grosse weite Welt hinausgezogen ist, um endlich zu beweisen, wie unabhaengig und erwachsen man schon ist ! :-)
Das Gefuehl von Einsamkeit und Verlorenheit wird auch dadurch verstaerkt, dass man auf einmal ein voellig neues Leben fuehrt. All die Aktivitaeten, Hobbys und Freunde, durch die man sich definierte sind weit weg und uebrig bleibt die Frage, wer man denn jetzt eigentlich ohne all das ist oder sein moechte.
Es stoert mich oft, dass ich im ersten Moment „nur“ als deutsche Freiwillige gesehen werde und mein vergangenes Leben so unbedeutend scheint, obwohl es fuer mich so viel ausmacht. Die ersten und oft auch letzten Fragen sind haeufig: „Woher kommst du,was machst du hier, wie lange bleibst du in Frankreich?“ - Hallo, ich bin auch noch mehr, naemlich ein Mensch mit Interessen, Traeumen und Aengsten und Erlebnissen wie ihr Franzosen auch!
Auf jeden Fall bringt mich diese Erfahrung zum Nachdenken darueber, wie man sich selber eigentlich definiert. Momentan habe ich ein bisschen meine Konturen verloren.
Aber obwohl man scheinbar alles zuruecklaesst und in ein komplett neues Leben taucht, nimmt man doch immer die kleinen Macken und Verhaltensmuster mit (so auch ich beispielsweise meinen Perfektionismus).
Es ist wirklich ein Trugschluss zu glauben, woanders waere alles besser...
Meine neue Rolle ist also noch am wachsen, am sich gestalten und die Konturen sind noch unscharf. Deshalb fuehre ich ein sehr intensives Leben hier und werde mir immer mehr bewusst, dass man fuer sich und sein Leben verantwortlich ist. Diese Freiheit ist anstrengend aber eine wunderbare Herausforderung!
ANFANGEN …
… zu leben.
Danke!







