EIRENE-Archiv:


...was tun und was bewegen!

EIRENE und Bosnien-Hercegovina:

Schüler Helfen Leben

So fing es damals an mit „Schüler Helfen Leben" (SHL). Was tun und was bewegen: Das wollten die Schülerinnen und Schüler, als sie 1992 in Bad Kreuznach anfingen, etwas gegen ihre Apathie und Abscheu zu tun. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hatte sie aufgeschreckt, denn dort geschah, was gerade wir Jugendlichen in unserem Europa für unmöglich gehalten hatten: Krieg, Vertreibung und Haß. Und immer noch ist dies der Ansporn und Motivation der Aktiven und Freiwilligen vor Ort und in Deutschland.

Frederick Lassen, als EIRENE-Freiwilliger von Januar 96 bis Juni 97 in Sarajewo für „Schüler Helfen Leben" tätig, beschreibt im folgenden Artikel, welchen Veränderungen die Arbeit von SHL im ehemaligen Jugoslawien unterworfen war und wo heute die Schwerpunkte gesetzt werden.

Was als kleine, lokale Initiative begonnen hatte, breitete sich schnell über ganz Rheinland-Pfalz und nur wenig später über das gesamte Bundesgebiet aus. Spendenaktionen brachten Millionen. Dies änderte schnell die Richtung von SHL - aus Spenden und Nothilfe wurde Strukturhilfe. Schulen, Kindergärten und Jugendzentren wurden aufgebaut, Schulmaterialien ausgeliefert - zuerst in Kroatien, bald auch in Bosnien-Hercegovina. Hilfe von Jugendlichen für Jugendliche und besonders wichtig: direkt durch Jugendliche vor Ort.

Dieser Wunsch brachte SHL dann in Kontakt mit EIRENE. Mit Sebastian Fischer schickte EIRENE 1994 den ersten Freiwilligen ins SHL-Büro nach Zagreb. Was für einen unorthodoxen Partner sich EIRENE mit SHL ins Boot geholt hatte, merkte EIRENE schnell. Die Wechselhaftigkeit und Unausgeglichenheit, die in der Kooperation oft für Verwirrung sorgte, drückte sich in der Arbeit andererseits in Unkompliziertheit, Flexibilität und Anpassungsvermögen aus. Dieses war und ist aufgrund der sich oft ändernden Situation in Bosnien-Hercegovina auch unbedingt nötig.

Der Dienst in Mostar, den ich im Februar 1996 antrat, begann noch mit alten Projekten, jedoch deuteten sich bereits erhebliche Veränderungen an. Der Dayton-Vertrag und das Ende der bewaffneten Auseinandersetzung veränderten den gesamten Kontext der Arbeit. Die politische und soziale Situation in Bosnien-Hercegovina begann sich zu ändern - internationale Hilfe begann in ganz anderer Form und Größe nach Bosnien-Hercegovina fließen.

Im März schloß SHL sein größtes Wiederaufbauprojekt ab: Die Schule 7 in Ost-Mostar - ein 800.000,-DM-Projekt in Kooperation mit dem THW und der Europäischen Administration (Koschnick) in Mostar. Auch danach lagen noch Verteilungsaktionen in Deutschland gesammelter Päckchen und kleinere Aufbaumaßnahmen im Umland von Mostar an. Dies waren klassische SHL Aktionen. Doch schnell wurde klar, daß SHL's Zukunft nicht im Wiederaufbau und im Verteilen von Hilfsgütern liegen würde. Große internationale Hilfsorganisationen nahmen sich in ganz anderem Maßstab des Wiederaufbaus an. Der früher vernachläßigte oder übersehene Sektor der Schulen wurde durch diese abgedeckt.

Zwar dringt mit Dayton mehr Hilfe nach Bosnien-Hercegovina, doch verhindern die Machthabenden einen Beginn des Versöhnungsprozesses. Anstatt auf einander zuzugehen, werden neue Barrieren geschaffen. Reisen in Gebiete, in der eine andere Volksgruppe in der Mehrheit ist, sind nicht gefahrlos. Das sogenannte "Freedom of movement" (Bewegungsfreiheit), im Dayton Vertrag als Grundrecht festgeschrieben, existiert de facto nicht. Kommunikation zwischen dem serbischen und dem muslimisch-kroatischen Teil Bosnien-Hercegovinas ist nahezu unmöglich - die Telefonleitungen sind gekappt, die Post funktioniert nicht. Der Abgrenzungsprozeß ist jedoch gefährlich, Bosnien läßt sich nicht teilen - zumindest nicht ohne noch viel größere Opfer als bisher. Deshalb ist Begegnungs- und Versöhnungsarbeit gerade bei der Jugend wichtig.

Ein erster Versuch in diese neue Richtung waren die SHL-Sommercamps. In einem kleinen Fischerort an der kroatischen Küste organisierte SHL multiethnische Camps, wo sich deutsche und bosnische Jugendliche, die aus Mostar-Ost und West und Sarajevo stammten, begegneten. Die Camps zu den Themen Theater und Musik waren trotz einigem Chaos sehr erfolgreich. Mit diesen Sommercamps schlug SHL eine neue Richtung ein - weg vom materiellen Wiederaufbau, hin zum persönlichen, sozialen Wiederaufbau, hin zu Begegnung und Versöhnung.


Der nächste Schritt war, eine Zielgruppe zu finden, die vielleicht an Begegnung und Austausch interessiert sein könnte. Unter anderen bot sich der Jugendpressebereich an. Aus der anfänglichen Unterstützung lokaler Schülerzeitungen oder Jugendmagazine entwickelte sich langsam über vier Monate und viele Probleme hinweg "Nepitani"-die Ungefragten, das erste ethnien-übergreifende, bosnienweite Jugendmagazin. Geschrieben von Jugendlichen für Jugendliche.

Von den Jugendlichen selbst konzipiert und geleitet, sollte es zu einem Forum werden, in dem sich Jugendliche - egal woher sie kommen - austauschen können. Nepitani steht vor seiner vierten Ausgabe und ist auf dem besten Wege, eine feste Größe in der Medienlandschaft zu werden.

Nepitani zeigte uns, daß der Wille und Wunsch für gemeinsame Aktivitäten bei den Jugendlichen durchaus existiert und daß sie bereit sind, dafür einzutreten.

Ein anderer Ansatz von SHL ist das Jugendzentrum "Underground" in Foca. Foca ist ein für Massenvertreibungen und Greueltaten berüchtigter Ort in der östlichen Republika Srpska, dem serbischen Teil Bosnien-Hercegovinas. In der vormals mehrheitlich muslimischen Stadt leben nun nur Serben, von denen zu einem großen Teil Flüchtlinge sind. Foca ist fast völlig isoliert und von der SDS, der Partei Karadzics, vollkomen kontrolliert. Mit dem kleinen Jugendzentrum Underground möchten wir dem Vorbild von MladiMost in Mostar folgend einen Ort schaffen, an dem Jugendliche ihre Vorurteile abbauen und den Druck der Außenwelt ablegen können.

Das Jugendzentrum ist deshalb ein bewußt auf längere Zeit angelegter Versuch, die Jugendlichen zu beeinflussen, sie zu öffnen für Toleranz und Verständnis füreinander, wichtigste Voraussetzung für wirkliche Begegnung. Die Widerstände, auf die wir auf lokaler Ebene gerade bei den Obrigkeiten stoßen, sind immens. Umso schöner ist dafür die Reaktion bei den Jugendlichen, die schon nach relativ kurzer Zeit zu uns Vertrauen gefunden haben.

Die Sommercamps, Nepitani und das Jugendzentrum stellen verschiedene Ansätze dar, die aber alle auf Versöhnung und Begegnung zielen. So haben wir in diesem Jahr zwei Sommercamps in Rumänien und ein Journalistik- und Theaterseminar in Ungarn mit jeweils serbischen, kroatischen und bosnischen Jugendlichen organisiert. Das Prinzip von Nepitani ist auf Theater übertragen worden - gemeinsam spielen die Jugendlichen Theater. In Zukunft wird dies auch in den Bereichen Musik und Kunst passieren.

Für alle diese Aktivitäten wird das in Sarajevo, dem Zentrum Bosnien-Hercegovinas, gelegene Internationale Jugendbegegnungshaus (IJBH) den notwendigen Rahmen bieten. In seinen Unterkunfts- und Seminarräumlichkeiten werden eine Vielzahl von Seminaren abgehalten. Die Räumlichkeiten stehen auch anderen lokalen und internationalen Organisationen offen, die in dem Kontext von Begegnung und Versöhnung arbeiten.

Ein Schwerpunkt bei der Arbeit im IJBH wird auch die Einbindung deutscher und anderer europäischer Jugendlicher sein. Mit der Teilnahme europäischer Jugendlicher an Seminaren wollen wir bewußtseinsbildend wirken, um Verständnis für den Konflikt in Bosnien-Hercegovina, im ehemaligen Jugoslawien, und für andere Konflikte in Ost-Europa zu schaffen.

Um die Kontinuität des Projektes zu gewährleisten, hat SHL zum ersten Mal europäische Fördergelder beantragt und erhalten, die die Aktivitäten des YouthNets und des IJBH für die nächsten zweieinhalb Jahre absichert.

SHL im Wandel ...

Während meiner Dienstzeit hat sich das Arbeitsfeld von SHL vom Wiederaufbau im Bereich der humanitären Hilfe hin auf eine Begegnungsarbeit gewandelt. Der Wandel war beileibe nicht so gradlinig und einfach, wie er vielleicht auf den ersten Blick scheint. Und er war sicherlich auch nur möglich, weil Ältere die Schüler auf diesem Weg unterstützt haben. Insbesondere EIRENE sei hier gedankt.

Auch die Rolle des Freiwilligen im Projekt blieb vom Wandel nicht unberührt: Von der Koordination von Wiederaufbau- oder Verteilungsprojekten zur Unterstützung lokaler Initiativen, zur Organisation ethnienübergreifender Seminare, Workshops oder Camps. Alle diese Veränderungen haben mich während meines Dienstes natürlich ziemlich durcheinander gebracht. Trotzdem bin ich glücklich, so verschiedene Einblicke gehabt zu haben. Natürlich neben allen kleinen und großen (persönlichen) Erfahrungen, die Bosnien für mich einfach unvergeßlich machen.

Aber besonders zufrieden bin ich damit, daß jetzt - mehr vielleicht als je zuvor - Schüler Helfen Leben Jugendlichen in Deutschland und vor Ort die Möglichkeit gibt, was zu tun und zu bewegen.

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